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"Geschlecht" und Ideologie

Verfasst: Mi 20. Feb 2019, 15:33
von Jaddy
Wally hatte etwas geschrieben. viewtopic.php?f=16&t=17748&start=45#p233428

Eine wunderbare Ansammlung an Beispielen für komplette Fehlinterpretationen aller aktuellen Diskurse zum Thema Gechlechtlichkeit. Ich nehme das nur als Anlass, denn eine direkte Diskussion des Beitrags scheint mir zwecklos.

Für alle anderen: Ich unterstelle jetzt mal nach Hanlons Gesetz keine böse Absicht, sondern schlicht, dass viele Begriffe und Konzepte, die in seriösen Diskussionen dazu verwendet werden, von eher unbedarfteren Menschen einfach nach ihrem Alltagsverständnis - Biologie 6. Klasse - gelesen und damit natürlich das ganze Thema nicht verstanden werden kann.

Anders gesagt: Die seriöse Debatte verwendet Begriffe, die auch in der Alltagssprache vorkommen, aber in deutlich differenzierten, mit komplexen Zusammenhängen verknüpften Bedeutungen. Wer sich mit diesen Tiefen nie beschäftigt hat, kann vieles nur unsinnig finden.

Die deutsche Sprache hat leider nur dieses eine Wort "Geschlecht", die Problematik aber mindestens vier Dimensionen, die je nach Konzept in zwei oder mehr Unterdiemensionen aufgespannt werden. Keine Sorge, das ist eigentlich nicht kompliziert, aber schon sehr spannend.

Erstmal ist das "biologische Geschlecht" keineswegs so binär, wie viele glauben. Es wurden vor Jahrhunderten mal zwei Extrempole definiert und alle aufgefundenen körperlichen Features säuberlich in diese Ecken geschoben. Inzwischen differenziert die Biologie und die Medizin nicht nur nach Rezept, Koch und Gericht (Chromosomen, Hormonen, Gonaden). Es gibt so viele Varianten und Abweichungen vom Ideal, dass praktisch kein einzelner Mensch in genau eine Ecke passt. Der Punkt ist bloss: Das wird kaum getestet, wenn man nicht irgendwann drüber stolpert.

Manche versteifen sich auf das Konzept Zeugungs-/Gebährfähigkeit. Eine medizinische Kategorie, die maximal für Menschen zwischen Pubertät und Menopause wirklich Sinn ergibt. Etliche Menschen sind aus gesundheitlichen Problemen nicht oder nicht ohne Behandlung fortpflanzungsfähig. Sind sie also keine Männchen oder Weibchen? Manchen werden bei Erkrankungen Fortpflanzungsorgane entfernt oder beschädigt. Sind sie geschlechtslos? Und dann wieder das wunderbare Beispiel der Familie mit den XY46-Müttern. Männliche Chromosomen und ein Körper, der sich nicht drum schert, sondern einfach auf den Standard weiblich schaltet. Ein chromosomaler männlicher Mensch mit weiblichen Fortpflanzungsorganen gebährt einen ebensolchen Menschen - und es fällt erst 17 Jahre später auf, weil eben dieses Kind sich über seine pubertäre Entwicklung wundert. Und das als offenbar erfolgreich vererbbare Eigenschaft, nicht als Irrläufer oder Mutation. Wie viele ähnliche Fälle mag es geben und gegeben haben, die niemals aufgefallen sind?

Die Biologie ist eben auch bei Menschen nicht immer binär. Es gibt kein eindeutiges phänotypisches Geschlecht, sondern je nach Perspektive verschiedene Aspekte.

So viel mal zum Thema Biologie. Ich sage nichts gegen eine "Grobrasterung" in "überwiegend weibliche" oder "überwiegend männliche" Körper, aber es ist eben auch nicht mehr als das: Eine biologische Minimalkategorie. Jegliche Annahme aufgrund dieser Zweiteilung kann in nicht so wenigen Fällen völlig falsch ausfallen. Bei mindestens 2% aller Menschen immerhin körperlich so deutlich, dass scharfes Hinsehen reicht. Je genauer man in die Details geht, umso vielfältiger wird das Bild und die ehemals sauber getrennten Ecken wachsen zusammen. Letztlich sind wir alle vielleicht mehr inter als dyadisch.

Die Dimension "körperliches Geschlecht" ist also keine einzelne Achse zwischen männlich und weiblich, sondern mindestens eine Ebene mit männlicher (X-) und weiblicher (Y-) Achse, wenn nicht sogar vielen davon, jeweils für Chromosomen, Hormone, epigenetische Faktoren, Fortpflanzungssystem, etc.pp.

Die spannende Frage ist: Wie gehen wir damit um, dass wir inzwischen _wissen_, dass viele Menschen nicht genau in eine der beiden Ecken passen und die Standardrezepte aufgrund der Annahmen eben nicht angemessen sind?

Richtig verwirrend wird es, wenn Menschen aufgrund ihrer äusseren körperlichen Erscheinung auch alles andere zugewiesen bekommen. Kleidung, Haartracht, Interessen, Hobbies, Job, Sport, Gefühlsleben, wen sie lieben und wen sie begehren sollen, wie sie sich gegenüber Menschen in der gleichen Ecke oder in "der anderen" zu verhalten haben. All das wird direkt nach der Geburt durch blosses Hinsehen zwischen die Beine entschieden und soll dann für das ganze Leben gelten.

Ich wundere mich manchmal, wie selten diese Absurdität hier thematisiert wird. Wir alle kollidieren doch damit. Aus irgendeinem Grund kommen wir nicht damit zurecht, zuweisungsgemäss genau so prototypisch zu leben, wie in den Eheratgebern der 1950er beschrieben. Warum können wir diese ganzen Merkmale nicht einfach mischen? Warum kommen wir so schlecht damit klar, wenn Menschen offensichtlich nicht in eine der Ecken passen?

_Das_ ist Genderwahn. Diese Zuschreibungen, die Männer zu Fussball, Autos, Bier und Arschlochverhalten verurteilen und Frauen zu hübschen, gefühlig-kitschigen Haus- und Familienpflegenden machen wollen. Plus den Quatsch mit den Farben und Haaren und Klamotten.

Von dieser Art Geschlecht als täglichen, sozialen Zuweisungen wird im modernen Feminismus und den aktuellen Debatten geredet. Das ist die Unterscheidung Sex vs Gender. Deshalb heisst es Genderdiskurs und sollte nicht mit dem missverständlichen Begriff Geschlecht vermischt werden. Wer sich dabei auf Biologie herausredet aber soziologische-psychologische Wissenschaften verleugnet, ist entweder uninformiert oder bösartig.

Diese Zuschreibungen bewirken immer noch und immer wieder Benachteiligungen für alle. Egal ob als Mann oder Frau eingeteilt leiden viele Menschen unter zu engen Lebensvorschriften, in die sie sich hinein verbiegen sollen.

Moderner, liberaler Feminismus bedeutet nicht Gleichmacherei, sondern gleiche Rechte für alle, sich individuell entfalten zu können, so unabhängig von der Biologie, wie irgend möglich. Es sollen nicht alle in den gleichen Kasten, sondern es soll niemand mehr aufgrund seiner Körperlichkeit zu Interessen oder Verhaltensweisen gezwungen werden. Wer sich als prototypischer Mann versteht, darf auch weiterhin "männliche" Dinge tun und anziehen. Nur sich arschlochmässig gegenüber anderen verhalten - Bullying, Übergriffigkeit, etc. - wird nicht mehr toleriert. Und zwar von keiner Seite.

Der Punkt ist ganz einfach: Auf jede Zuweisung der Form "als {"Mann", "Frau"} musst du Y tun/anziehen/mögen" darf die Antwort lauten "nein danke, das entspricht mir nicht". Kann irgendjemand schlüssig erklären, warum es anders sein sollte?

Denn genau diese Beschneidung der individuellen Freiheiten und die rückwärtsgewandte Wiederverfestigung der binären Zuweisung und Gleichmacherei von Männern auf der einen und Frauen auf der anderen Seite ist das Ziel der Genderideologen aus der rechten Ecke. "Familienwerte", "traditionell" und "konservativ" heisst bei den meisten eben nur, andere in ihrem Leben zu beschränken, bzw. sich das Recht herauszunehmen, sie zu verurteilen.

Der persönliche Mix an traditionell genderspezifischen Features wird als Ausdruck oder Präsentation bezeichnet. Das ist die zweite Dimension neben der Biologie.

Unabhängig von Biologie und Ausdruck ordnen sich die meisten Menschen gerne binär zu. Für mich ziemlich unverständlich, aber ist eben so. Diese Identität ist tatsächlich die dritte Dimension bzw. Ebene. Ein androgyner professionell im Ballett tanzender Mensch kann sich selbst als "Mann" oder "Frau" sehen, unabhängig von sonstigen biologischen Faktoren oder Vorlieben. Irgendwie ist diese Dimension meist damit verknüpft, in welcher der traditionellen Arten jemand von den Mitmenschen gesehen und behandelt werden möchte. Manche verbinden es mit der sexuellen Orientierung oder dem Balzverhalten. Orientierung lasseich hier übrigens mal ganz raus, denn das hat mit dem Rest nur sehr mittelbar zu tun.

Also haben wir mindestens die drei geschlechtlichen Dimensionen Körperlichkeit, Ausdruck und Identität.

Und schliesslich kommt der deutsche Staat und möchte dieses komplexe System wieder auf nur zwei Kästen verteilen. Okay, inzwischen sind es drei und einer ohne Aufschrift. Was genau soll das aussagen? Können wir aus der statistischen Verteilung irgendetwas aussagen? Wie viele Kinder geboren werden? Wie viele Wohnungen wir brauchen? Welche Jobs nachgefragt werden oder wie viel Milch oder Brot oder Smartphones?

Der staatliche Geschlechtseintrag ist die vierte Dimensionsebene und wenn man genauer hinschaut die sinnloseste, weil bei Geburt biologistisch zugewiesen aber später laut gelebter Identität änderbar, trotzdem die Bandbreite an Ausdruck nicht abdeckend.

Deshalb auch die Aktion Standesamt 2018. Es geht um einen selbstbestimmten Geschlechtseintrag in der Folge zur dritten Option, vergleichbar dem Religionseintrag: Freiwillig, selbstbestimmt, frei von Pathologisierung. Wer will kann auch "männlcih" oder "weiblich" rein schreiben.

Vollkommen falsch ist der Begriff "drittes Geschlecht". Wer ihn benutzt hat entweder zu wenig Hintergrundwissen oder ist bösartig. Es heisst "dritte Option", denn es geht nicht um eine geschlossene dritte Ecke, sondern den Raum zwischen und um die bisherigen beiden Extreme herum. Die dritte Option ist für Menschen, die für sich entscheiden, sich aus den binären Zuweisungen komplett auszuklinken.

Die "vielen Geschlechter" sind keine, sondern Selbstbeschreibungen der Vielfalt jenseits der Binarität. Es sind Versuche, die eigene Identität (gender identity) irgendwo zu verorten, wo die Sprache bisher nicht hinreicht. Letztlich ist Trans oder "TS", wenn es als selbstbezogene Identität benutzt wird, genau das gleiche: Eine Einordnung, die über die beiden traditionellen Label hinausgeht, weil die "Herkunft" persönlich wichtig ist.

Meine Identität zum Beispiel ist nicht Mann oder Frau. Ich bin auch nicht wirklich "dazwischen", weil auch das bedeuten würde, ständig auf einer Skala "mehr männlich" oder "mehr weiblich" einsortiert zu werden. Ich verbitte mir die Zuweisung, die Anrede, die Beurteilung, egal ob aufgrund meiner Biologie oder meiner Aufmachung.

Immerhin ein Drittel aller Menschen, die mit ihrem zugewiesenen Geschlecht nicht klar kommen, fühlen sich weder männlich noch weiblich. Etwas präziser: Mehreren Metastudien rund um die Welt kamen zum gleichen Ergebnis, dass ca. 30% aller Personen, die wegen "Geschlechtsinkongruenz" (GI) oder -dysphorien bei Therapeut_innen oder Mediziner_innen aktenkundig wurden, sich als nicht-binär empfinden. Bei weitem nicht alle Menschen mit GI suchen sich Profihilfe, dazu muss man nur mal in diesem Forum lesen. Es könnte sein, dass es bei nicht-binären noch weniger sind, weil den meisten nur binäre Transition bekannt ist.

So selten ist das also nicht. Die Frage ist aber wie bei den vier anderen Bereichen oben: Wie gehen wir mit Menschen um, die nicht in einer wie-auch-immer definierten Mehrheit sind? Welche Mehrheit überhaupt?

Intergeschlechtliche Menschen sind eine Minderheit, Menschen mit "Geschlechtsinkongruenz", CD, TV, TS, Enbys: Alles Minderheiten. So wie rothaarige, kleine, große, querflötenspielende, motorradfahrende, nicht-rot-grün-sehende oder Menschen mit sehr starkem oder sehr schwachem Gedächtnis.

Jede Person in diesem Land gehört zu mindestens einer Minderheit. Wir können nur friedlich zusammenleben, wenn wir keine reine Mehrheitsschiene fahren. Jede unzufriedene Minderheit erfordert Resourcen in Form von Zeit und Geld. Wir können nur wählen, ob wir den friedlich-inklusiven Weg wählen oder den repressiv-ausgrenzenden.

Marginalisierung und Respekt schliessen sich gegenseitig aus. Es geht nur das eine oder das andere. Man kann nicht einerseits etwas totschweigen, nichtbeachten, unsichtbar machen, aber gleichzeitig Respekt, Toleranz, Anerkennung im Umgang für selbstverständlich erklären. Wenn Variationen marginalisiert werden, wird auch nicht selbstverständlich mit ihnen umgegangen, sondern als fremd und bedrohlich eingestuft, ausgegrenzt, angegriffen, etc. Das beginnt bereits im Kindergarten, wo nach Jungs und Mädchen unterschieden wird beim Spielzeug, der Kleidung, nach den Eltern. Weiter in der Schule - "Schwuchtel", "Weichei" - bei den Kursen, die belegt werden, beim Sport, etc. und es hört auch im Erwachsenenalter nicht auf.

Menschen müssen deshalb möglichst frühzeitig lernen, was alles möglich ist. Dass Kinder Eltern in jeder Kombination von Geschlecht und Gender haben können. Dass Menschen andere Hautfarben, Fähigkeiten, Sprachen und unsichtbare Freunde haben können. Dass manche Menschen Frauen, Männer, Enbys sind, egal wie sie sich kleiden oder wie ihr Körper aussieht.

Wenn ich an die vielen Biografien hier denke, bin ich immer wieder erstaunt, dass dieser Transfer bei vielen offenbar nicht stattfindet. Wir haben doch alle die Konflikte erlebt mit Zuweisung, Zwangskonformisierung, Ablehnung und den negativen Gefühlen dadurch. Schuld, Scham, bis zu Depressionen, schiefgelaufene Beziehungen wegen Verheimlichung. Der ganze Mist, das ganze Leid lässt sich zurückführen auf einen willkürlichen Katalog von Zuschreibungen und Erwartungen, basierend auf einem Blick zwischen die Beine kurz nach der Geburt.

Manche reflektieren ihre eigenen Erfahrungen und wünschen sich, dass zukünftige Generationen das nicht mehr erleben müssen, sondern frühzeitig einfach in ihrer Art akzeptiert werden, egal welches Label da Erwachsene später drauf kleben.

Wir müssen aber meines Erachtens von der Betrachtung einzelne Marginalisierungen wegkommen zu einer generell offeneren, variationsfreundlicheren, inkludieren Gesellschaft. Feindlichkeit gegenüber irgendwelchen Minderheiten ist ein systemisches Problem und die populistisch-reaktionären Programme verstärken dieses Problem durch "wir gegen die" Polarisierung.

Es reicht eben nicht hin zu sagen "mir geht's ja gut, ich komm da irgendwie mit klar". Es verleugnet all jene, die aus purem Zufall nicht ins Schema passen und überlässt sie ihrem Schicksal. Im schimmsten Fall wird man selbst zum Täter, weil man sich wie alle anderen benimmt.

Und ich möchte es mal ganz deutlich sagen: Wer zurück zu den biologistischen Zuweisungen möchte, wo äusserliche Körperlichkeit über die mögliche Lebensweise entscheidet, der bedroht alle von uns existenziell. Jede Anfeindung, jede Ausgrenzung, jede Verächtlichmachung, jede eingeredete Scham und Schuld, jede Beleidigung und jeder geworfene Stein sind eine direkte Folge solcher Vorstellungen.

Denkt daran, wenn ihr euch das nächste Mal anders fühlt, anzieht, liebt, verhaltet, als es in der Ära Adenauer noch für "normal" gehalten wurde: Die Rückständigen von Kramp-Karrenbauer bis Gauland und noch weiter rechts, aber auch TERFs und andere wollen alles marginalisieren, was nicht ins ihr Schema passt. Sie wollen eine repressive Gesellschaft, die bestenfalls duldet, aber keineswegs akzeptiert. Und jede Beleidigung, jedes Hassverbrechen geht auf solche Propaganda zurück.

I.D.I.C

Re: "Geschlecht" und Ideologie

Verfasst: Mi 20. Feb 2019, 15:41
von lexes
Du bist so eine Maschine ..

das ist durchdacht, fundiert und eloquent.

Hoffe das die Länge manch eine nicht abschreckt

Re: "Geschlecht" und Ideologie

Verfasst: Mi 20. Feb 2019, 15:56
von Jenina
Jaddy hat geschrieben: Mi 20. Feb 2019, 15:33 ....
Denkt daran, wenn ihr euch das nächste Mal anders fühlt, anzieht, liebt, verhaltet, als es in der Ära Adenauer noch für "normal" gehalten wurde: Die Rückständigen von Kramp-Karrenbauer bis Gauland und noch weiter rechts, aber auch TERFs und andere wollen alles marginalisieren, was nicht ins ihr Schema passt. Sie wollen eine repressive Gesellschaft, die bestenfalls duldet, aber keineswegs akzeptiert. Und jede Beleidigung, jedes Hassverbrechen geht auf solche Propaganda zurück.
....
Jaddy, was für eine Statemant für eine neue libertäre Gesellschaft! Man kann es nicht besser zusammenfassen was die Probleme und die zu erreichenden Ziele einer wahrhaft menschlichen Gesellschaft ausmachen.

Die Welt ist leider komplex und bedarf heftigster Erklärungen. DIe einfachen Antworten verhindern jede Veränderung - wahrscheinlich mit Absicht, oder sehe nur ich da den Aspekt der Machterhaltung? Doch die Macht über jedwede Minderheit -
Jede Person in diesem Land gehört zu mindestens einer Minderheit.
- muss gebrochen werden.

Ich nenne das die Kulturrevolution, der einzige Weg für die Erreichung der Emanzipation aller Menschen. Ob das in der derzeitigen Gesellschaftsordnung möglich ist mag ich nicht entscheiden, hier bin ich eher pessimistisch.

Jenina

Re: "Geschlecht" und Ideologie

Verfasst: Mi 20. Feb 2019, 18:54
von Lorelai74
(ap) (ap) (ap) (ap) (ap) (ap)

Deine Beitrag ist wirklich wunderbar geschrieben und wunderbar durch argumentiert.

Ich finde im Pass braucht es kein Geschlecht mehr. Das muss der Staat nicht wissen, und andere Staaten eigentlich auch nicht.
Es ist eine Kategorisierung die sich im 21. Jahrhundert überlebt hat.

Und ja, dieses rückwärts gewandte in der Politik von CDU/CSU macht Sorgen - denn es zeigt, dass die Argumente derer die noch weiter rechts stehen
die Politik beeinflusst und sie indirekt die politische Agenda verändern.
Schlimm finde ich, dass diese Meinungsbildung inzwischen auch über vermeintlich lustige Bilder (Meme) wie z.B.
diese hier stattfindet:

https://i.pinimg.com/236x/d1/97/54/d197 ... blican.jpg oder
https://srv4.imgcdnhost.com/medium/2018 ... 621722.png
oder
https://www.xdpedia.com/bilders/ehefrau ... e_1126.jpg

Solche Bilder werden oft und gern in Social Messengern (z.B. über Whats App) oder in Netzwerken weiterverbreitet, denn sie sind ja "lustig".
Gerade und gern auch zum Thema Sex, Gender und Identität.

Die ausgewählten Bilder sind Beispiele - man findet sie ähnlich auch auf anderen Seiten und von anderen Anbietern.
Ich behaupte nicht dass diese Seiten oder Anbieter bewusst rechte Propaganda verbreiten, aber solche Meme werden von rechten Seiten besonders gerne verbreitet.
Schlimm ist, dass sie das Bild der Menschen die sie teilen unterbewusst beeinflussen.


Es gibt aus meiner Sicht den von Jaddy angeführten Trend zurück zu einer repressiven Gesellschaft, in der Menschen nur dann Menschen sind, wenn sie
der richtigen Religion, Rasse, dem binären Geschlecht und hetersexuell sind und andere, beliebig herangezogene Normen erfüllen.
Irgendwie werd ich dabei das Gefühl nicht los, dass das was dabei herauskommen soll eine Gesellschaft ist wie eine, die es in Deutschland schon mal für 12 Jahren gab.
Wie das Ausging wissen wir aus dem Geschichtsunterricht.


Viele liebe Grüsse
Lorelai

Re: "Geschlecht" und Ideologie

Verfasst: Mi 20. Feb 2019, 20:46
von Marlene K.
Lorelai74 hat geschrieben: Mi 20. Feb 2019, 18:54 ...
Es gibt aus meiner Sicht den von Jaddy angeführten Trend zurück zu einer repressiven Gesellschaft, in der Menschen nur dann Menschen sind, wenn sie
der richtigen Religion, Rasse, dem binären Geschlecht und hetersexuell sind und andere, beliebig herangezogene Normen erfüllen.
Irgendwie werd ich dabei das Gefühl nicht los, dass das was dabei herauskommen soll eine Gesellschaft ist wie eine, die es in Deutschland schon mal für 12 Jahren gab.
Wie das Ausging wissen wir aus dem Geschichtsunterricht.


Viele liebe Grüsse
Lorelai
Ich kann mich dem ganzen Lob nur anschließen, liebe*r Jaddy

Auch Deine Befürchtungen, liebe Lorelai, teile ich. Noch einmal können wir vor der Menschheit nicht behaupten, wir hätten die Verbrechen nicht gesehen...

Re: "Geschlecht" und Ideologie

Verfasst: Do 21. Feb 2019, 07:25
von ExUserIn-2026-04-08
Ich denke, es geht letztlich nur um ein einziges Wort:

RESPEKT

Respekt ist nicht teilbar.

Danke Jaddy



Lorelai74 hat geschrieben: Mi 20. Feb 2019, 18:54 Es gibt aus meiner Sicht den von Jaddy angeführten Trend zurück zu einer repressiven Gesellschaft,
Wie Du schon schreibst, "aus Deiner Sicht". Wie man Gesellschaft wahr nimmt, ist eine Frage der Sicht. Noch nie gab es so viele Berichte, Artikel und Beiträge in der Öffentlichkeit, die sich mit der Frage der Transidentität beschäftigt haben. Es haben auch noch nie so viele Menschen für Toleranz für Transmenschen ausgesprochen. Das ist ein riesiger Fortschritt.

Auch das ist nur eine Sichtweise.

Wir sehen das, was wir sehen wollen oder können. Aber wir sehen nie die ganze Wahrheit. Davon leben die Demagogen. Je öfter ich sage, die Gesellschaft wird repressiv, um so mehr glaube ich das. Und um so anfälliger bin ich für Bestätigungen. Aspekte, die dagegen sprechen werden verdrängt und übersehen. Wir alle denken ständig in Klischees. Das geht gar nicht anders, denn sonst könnten wir gar nicht leben, vor lauter selber hinterfragen. Aber gelegentlich ist ein Hinterfragen erforderlich.

Stimmt das, was ich denke ? Ich kann jedenfalls von mir sagen: es stimmt nie, was ich denke und glaube. Ich bin zu beschränkt, um das Ganze sehen zu können. Und genau hier setzt der Respekt an. Ich lasse zu, dass andere Menschen die Dinge anders sehen. Respekt endet dort, wo meine Sicht Andere Menschen einengt, gängelt oder vielleicht sogar schadet.

Das hat nichts mit Harmonie zu tun, ganz im Gegenteil. Wir müssen nicht einer Meinung sein, aber wir müssen uns einig sein, dass wir uns uneinig sein dürfen. das macht den/die Andere/n nicht zu einem schlechteren Menschen. Und für eine Gesellschaft gilt das aus meiner Sicht analog.

Re: "Geschlecht" und Ideologie

Verfasst: Do 21. Feb 2019, 07:42
von ExuserIn-2019-12-18
Hallo Jaddy ....

ich liebe Deine "Texte" einfach ... lass Dich mal ganz dicke umarmen ...
ich will zwar kein Kind von Dir, würde mir aber wünschen, dass mein Kinder etwas mehr von Deiner Sichtweise hätte.

Vielen lieben Dank!

Vanessa

Re: "Geschlecht" und Ideologie

Verfasst: Do 21. Feb 2019, 07:47
von Jenina
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 21. Feb 2019, 07:25 ...
Wie Du schon schreibst, "aus Deiner Sicht". Wie man Gesellschaft wahr nimmt, ist eine Frage der Sicht. Noch nie gab es so viele Berichte, Artikel und Beiträge in der Öffentlichkeit, die sich mit der Frage der Transidentität beschäftigt haben. Es haben auch noch nie so viele Menschen für Toleranz für Transmenschen ausgesprochen. Das ist ein riesiger Fortschritt.

Auch das ist nur eine Sichtweise.
....
Eben, Vicky, eine Sichtweise. Es gibt aber auch Tatsachen.

Und eine davon ist, dass eine faschistische Partei im Bundestag sitzt und besonders einige "christliche" Parteien sich befleißigen deren Weltbild zu übernehmen. Es ist tatsächlich so: trotz aller Veröffentlichungen (die allerdings oft sehr einseitig und simplifiziert sind), rechtlicher Anerkennungen und Aktionen der queeren Communities gibt es eine Rückkehr von extrem konservativen Kräften.

Deshalb ist meine Sichtweise eher die von Jaddy und Lorelai. Rosarote Brillen helfen da nicht. Siehe die von Lorelai gezeigten "lustigen" Bilderchen. Es ist die Stimme des "Volkes" wie sie von obengenannten so gerne hochgehalten wird.

Und ja, gerade in unserer Republik gibt es im Vergleich zu anderen Staaten eine große Freiheit. Aber genau diese ist gefährdet. Wie heißt es so schön: "Wehret den Anfängen!"

Jenina

Re: "Geschlecht" und Ideologie

Verfasst: Do 21. Feb 2019, 08:28
von Nicole Fritz
Hallo Jaddy,

danke für den langen, ausführlichen und fundierten Beitrag. Aus dem anderen Thread bin ich jetzt raus. Da gibt es nur noch einen Schlagabtausch bei dem Anne-Mette schon eingegriffen hat. Manche Leute mit vernünftigen Argumenten zu überzeugen ist manchmal schwieriger als einem Hund die Relativitätstheorie oder die Quantenmechanik zu erklären.

LG Nicole

Re: "Geschlecht" und Ideologie

Verfasst: Do 21. Feb 2019, 08:36
von ExUserIn-2026-04-08
Hi Jenina,

ich möchte nicht falsch verstanden werden. Mir geht es nicht um eine rosarote Brille. Mir geht es darum, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Es stimmt einfach nicht, dass unsere Gesellschaft (als Ganzes) repressiver wird. Das ist eine Verkürzung der Tatsachen. Denn auch in der Verkürzung kann Ideologie stecken.

Ich bin auch nicht blind gegenüber den negativen Entwicklungen in einigen Bereichen. Man wird auch solche Bildchen nie verhindern können. Aber ob das "die Stimme des "Volkes" wie sie von obengenannten so gerne hochgehalten wird" ist, bezweifle ich dennoch. Das ist ja gerade das Perfide, viele Menschen wollen eine Veränderung (was legitim ist), aber durch diese Methode wird ihnen dann eine Meinung unter geschoben, die sie, wenn sie nur oft genug wiederholt wird, übernehmen, ja fast schon übernehmen müssen. Deshalb ist ja ein "wehret den Anfängen" auch so wichtig. das Problematische ist für mich dabei, dass diese Polarisierung den Blick, aus welcher Richtung auch immer, dadurch Vortrieb erhält und der ist Gift für den Respekt.

Wir brauchen respektvolle Pluralität, egal ob in Politik, der Geschlechterfrage oder wo auch immer. Es gehört zu den höchsten Gütern, die wir als Gesellschaft erreichen können. Es stellt auch die Basis unseres Grundgesetzes dar. Aber im Einzelnen beginnt die respektvolle Pluralität. Die aktuelle Gefährdung liegt auf der Hand. Tendenzen, die Du, Jenina, beschreibst, sind offensichtlich und extrem ungesund. Aber eine Gegenreaktion wie in der Weimarer Republik führt zu immer stärkerer Polarisation und eben genau dahin, wo wir nicht hin wollen. Das bedeutet Öl ins Feuer zu gießen.

Man löscht kein Feuer, in dem man versucht, es auszublasen. Man muss dem Feuer die Grundlage entziehen. Und die fängt in unserer Frage beim einzelnen Menschen an.

Re: "Geschlecht" und Ideologie

Verfasst: Do 21. Feb 2019, 08:36
von Luna
Hallo Jaddy,

manchmal tut es mir echt leid, dass ich nur ein "Daumen hoch" vergeben kann.
Du sprichst mir mit Deiner gleichermaßen fundierten wie stringenten Argumentation mit nahezu jedem Satz quasi aus der Seele.
Leider Gottes sind Marginalisierung und Ausgrenzung äußerst effektive politische Waffen, derer sich Populisten ebenso gerne wie erfolgreich bedienen. Ein Problem wird als solches von lediglich ein paar Spinnern, Bobos oder Freaks dargestellt, womit es bedenken- und konsequenzenlos von der Agenda gestrichen werden kann.
Im schlimmeren Fall wird eine Gruppe isoliert (divide et impera) - die Eliten, Ausländer, Homosexuellen, Transmenschen, Journalisten, Richter, etc. - ein passendes Bedrohungsnarrativ geschaffen und so die jeweils verbleibende Mehrheit (mit einem starken Wir-Gefühl) emotional aufgeladen und geistig entleert hinter den rechtschaffenen Kämpfern für Gott und Vaterland versammelt. Wer dagegen argumentiert, wird lächerlich gemacht, als Verräter oder Volksfeind gebrandmarkt, als Fake News bezeichnet usw.

Eine derartige Vorgangsweise verlangt aber nach exakten, für jedermann leicht erkennbaren Zuschreibungen um effektiv zu sein. Je genauer die Kriterien, umso klarer ist die Trennlinie, wer dazugehört und wer nicht. Umso leichter ist der Feind auszumachen.

Natürlich braucht man im täglichen Leben Zuschreibungen, Schubladen, Taxierungen usw. um sozial adäquat agieren und auf Situationen reagieren zu können. Problematisch und mitunter gefährlich wird es, wenn Menschen anhand oder mittels solcher Zuschreibungen eingeengt, über bestimmte Eigenschaften definiert, beurteilt oder auf diese reduziert werden. Damit ist die Marginalisierung bereits vollzogen und es bedarf nur mehr eines kleinen Schrittes zu Ausgrenzung und letztlich vielleicht sogar Verfolgung.
Es muss uns bewusst sein, dass jede Qualifizierung als "richtig" auch das Bestehen eines "falsch" impliziert. Jede zunächst harmlos klingende (oder politisch, sozial usw so verkaufte) Wertung oder Definition einer richtigen Familie, eines richtigen Mannes, einer richtigen Frau, einer(s) richtigen Transsexuellen, beinhaltet immer auch den Ausschluss aller, die dem postulierten Bild nicht entsprechen.

Alles Liebe
Luna

p.s.: Sorry, wenn das jetzt vielleicht etwas konfus geworden ist, aber unterwegs mit dem Handy zu schreiben ist etwas mühsam. Ich wollte aber doch was zu Deinem grandiosen Beitrag sagen

Re: "Geschlecht" und Ideologie

Verfasst: Do 21. Feb 2019, 09:14
von Emilia
Hallo,

auch bin ich ein begeisterter Verfolger von Jaddys Berichten, daher sei an dieser Stelle einmal ganz viel Dank, Lob und Respekt ausgesprochen.
Irgendwie rollen Jaddys Texte wie ein Schneeball durch das Forum, Irre!

Ich teile die Bedenken von Lexi.
lexes hat geschrieben: Mi 20. Feb 2019, 15:41 Du bist so eine Maschine ..

das ist durchdacht, fundiert und eloquent.

Hoffe das die Länge manch eine nicht abschreckt
Es kann ja bei eigenen Berichten am Ende kurz auf die Wichtigkeit eines bestimmten Berichts hingewiesen werden. Ich kann ja mal den Anfang machen.

Liebe Grüße, Emi.

Es lohnt sich das zu lesen, es ist viel, aber berechtigt und sehr gut.
viewtopic.php?f=69&p=233523#p233523

Re: "Geschlecht" und Ideologie

Verfasst: Do 21. Feb 2019, 12:23
von Jenina
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 21. Feb 2019, 08:36 ...
Man löscht kein Feuer, in dem man versucht, es auszublasen. Man muss dem Feuer die Grundlage entziehen. Und die fängt in unserer Frage beim einzelnen Menschen an.
Vicky, wie soll es dann gehen? Mit bunten Fahnen und Blümchen herumlaufen? Und alle anderen bessern sich nur davon?

Wenn selbst in diesem aufgeklärten Forum eine lupenreine F******* wie Alice Weidel als "links" bezeichnet wird werden schöne Worte alleine nicht helfen. Sie sind nötig, und auch die bunten Fahnen. Aber man braucht auch manchmal härtere Maßnahmen.

Die Weimarer Republik ist mit dem Geburtsfehler gestartet, dass sie sich von protofaschistischen Freikorps die "Ruhe und Ordnung" herstellen ließ. Davon ist unsere Demokratie zum Glück weit entfernt und deshalb kann diese unsere Demokratie auch etwas gegen ihre gut getarnten Feinde tun, wenn sie es will. Man bedenke immer, dass die Freiheit immer dort aufhört wo sie die Freiheit anderer zu beschneiden sucht. Und das versuchen diese Rektionäre gerade.

Jenina

Re: "Geschlecht" und Ideologie

Verfasst: Do 21. Feb 2019, 12:39
von YvonneTV
Hallo Jaddy (moin)

Meine Zeit ist grad extrem knapp (Umzug), doch Deinen Beitrag musste ich direkt am Stück lesen (ap)
Die Länge konnte NICHT abschrecken :mrgreen:

Da steckt so viel Wahrheit drin, zugleich sind das Zeilen, die zum Nachdenken anregen ....

Ich sehe mich als offenen Menschen, doch bevor ich hier im Forum war, kannte ich zum Beispiel non-binär und androgyn nicht wirklich ! :?

Es ist gut den eigenen Horizont deutlich
zu erweitern (smili)
So zu leben, wie es jedem Menschen wirklich entspricht !!!

Re: "Geschlecht" und Ideologie

Verfasst: Do 21. Feb 2019, 12:55
von Violetta Arden
Schöner Artikel von Jaddy,
aber leider wird vieles Wunschdenken bleiben. Wir können nur das unsere beitragen indem wir keine vorgefassten Meinungen kundtun und alle mit dem Respekt behandeln wie wir es uns auch wünschen.
Alles Liebe Gerda Joanna