"Geschlecht" und Ideologie
Verfasst: Mi 20. Feb 2019, 15:33
Wally hatte etwas geschrieben. viewtopic.php?f=16&t=17748&start=45#p233428
Eine wunderbare Ansammlung an Beispielen für komplette Fehlinterpretationen aller aktuellen Diskurse zum Thema Gechlechtlichkeit. Ich nehme das nur als Anlass, denn eine direkte Diskussion des Beitrags scheint mir zwecklos.
Für alle anderen: Ich unterstelle jetzt mal nach Hanlons Gesetz keine böse Absicht, sondern schlicht, dass viele Begriffe und Konzepte, die in seriösen Diskussionen dazu verwendet werden, von eher unbedarfteren Menschen einfach nach ihrem Alltagsverständnis - Biologie 6. Klasse - gelesen und damit natürlich das ganze Thema nicht verstanden werden kann.
Anders gesagt: Die seriöse Debatte verwendet Begriffe, die auch in der Alltagssprache vorkommen, aber in deutlich differenzierten, mit komplexen Zusammenhängen verknüpften Bedeutungen. Wer sich mit diesen Tiefen nie beschäftigt hat, kann vieles nur unsinnig finden.
Die deutsche Sprache hat leider nur dieses eine Wort "Geschlecht", die Problematik aber mindestens vier Dimensionen, die je nach Konzept in zwei oder mehr Unterdiemensionen aufgespannt werden. Keine Sorge, das ist eigentlich nicht kompliziert, aber schon sehr spannend.
Erstmal ist das "biologische Geschlecht" keineswegs so binär, wie viele glauben. Es wurden vor Jahrhunderten mal zwei Extrempole definiert und alle aufgefundenen körperlichen Features säuberlich in diese Ecken geschoben. Inzwischen differenziert die Biologie und die Medizin nicht nur nach Rezept, Koch und Gericht (Chromosomen, Hormonen, Gonaden). Es gibt so viele Varianten und Abweichungen vom Ideal, dass praktisch kein einzelner Mensch in genau eine Ecke passt. Der Punkt ist bloss: Das wird kaum getestet, wenn man nicht irgendwann drüber stolpert.
Manche versteifen sich auf das Konzept Zeugungs-/Gebährfähigkeit. Eine medizinische Kategorie, die maximal für Menschen zwischen Pubertät und Menopause wirklich Sinn ergibt. Etliche Menschen sind aus gesundheitlichen Problemen nicht oder nicht ohne Behandlung fortpflanzungsfähig. Sind sie also keine Männchen oder Weibchen? Manchen werden bei Erkrankungen Fortpflanzungsorgane entfernt oder beschädigt. Sind sie geschlechtslos? Und dann wieder das wunderbare Beispiel der Familie mit den XY46-Müttern. Männliche Chromosomen und ein Körper, der sich nicht drum schert, sondern einfach auf den Standard weiblich schaltet. Ein chromosomaler männlicher Mensch mit weiblichen Fortpflanzungsorganen gebährt einen ebensolchen Menschen - und es fällt erst 17 Jahre später auf, weil eben dieses Kind sich über seine pubertäre Entwicklung wundert. Und das als offenbar erfolgreich vererbbare Eigenschaft, nicht als Irrläufer oder Mutation. Wie viele ähnliche Fälle mag es geben und gegeben haben, die niemals aufgefallen sind?
Die Biologie ist eben auch bei Menschen nicht immer binär. Es gibt kein eindeutiges phänotypisches Geschlecht, sondern je nach Perspektive verschiedene Aspekte.
So viel mal zum Thema Biologie. Ich sage nichts gegen eine "Grobrasterung" in "überwiegend weibliche" oder "überwiegend männliche" Körper, aber es ist eben auch nicht mehr als das: Eine biologische Minimalkategorie. Jegliche Annahme aufgrund dieser Zweiteilung kann in nicht so wenigen Fällen völlig falsch ausfallen. Bei mindestens 2% aller Menschen immerhin körperlich so deutlich, dass scharfes Hinsehen reicht. Je genauer man in die Details geht, umso vielfältiger wird das Bild und die ehemals sauber getrennten Ecken wachsen zusammen. Letztlich sind wir alle vielleicht mehr inter als dyadisch.
Die Dimension "körperliches Geschlecht" ist also keine einzelne Achse zwischen männlich und weiblich, sondern mindestens eine Ebene mit männlicher (X-) und weiblicher (Y-) Achse, wenn nicht sogar vielen davon, jeweils für Chromosomen, Hormone, epigenetische Faktoren, Fortpflanzungssystem, etc.pp.
Die spannende Frage ist: Wie gehen wir damit um, dass wir inzwischen _wissen_, dass viele Menschen nicht genau in eine der beiden Ecken passen und die Standardrezepte aufgrund der Annahmen eben nicht angemessen sind?
Richtig verwirrend wird es, wenn Menschen aufgrund ihrer äusseren körperlichen Erscheinung auch alles andere zugewiesen bekommen. Kleidung, Haartracht, Interessen, Hobbies, Job, Sport, Gefühlsleben, wen sie lieben und wen sie begehren sollen, wie sie sich gegenüber Menschen in der gleichen Ecke oder in "der anderen" zu verhalten haben. All das wird direkt nach der Geburt durch blosses Hinsehen zwischen die Beine entschieden und soll dann für das ganze Leben gelten.
Ich wundere mich manchmal, wie selten diese Absurdität hier thematisiert wird. Wir alle kollidieren doch damit. Aus irgendeinem Grund kommen wir nicht damit zurecht, zuweisungsgemäss genau so prototypisch zu leben, wie in den Eheratgebern der 1950er beschrieben. Warum können wir diese ganzen Merkmale nicht einfach mischen? Warum kommen wir so schlecht damit klar, wenn Menschen offensichtlich nicht in eine der Ecken passen?
_Das_ ist Genderwahn. Diese Zuschreibungen, die Männer zu Fussball, Autos, Bier und Arschlochverhalten verurteilen und Frauen zu hübschen, gefühlig-kitschigen Haus- und Familienpflegenden machen wollen. Plus den Quatsch mit den Farben und Haaren und Klamotten.
Von dieser Art Geschlecht als täglichen, sozialen Zuweisungen wird im modernen Feminismus und den aktuellen Debatten geredet. Das ist die Unterscheidung Sex vs Gender. Deshalb heisst es Genderdiskurs und sollte nicht mit dem missverständlichen Begriff Geschlecht vermischt werden. Wer sich dabei auf Biologie herausredet aber soziologische-psychologische Wissenschaften verleugnet, ist entweder uninformiert oder bösartig.
Diese Zuschreibungen bewirken immer noch und immer wieder Benachteiligungen für alle. Egal ob als Mann oder Frau eingeteilt leiden viele Menschen unter zu engen Lebensvorschriften, in die sie sich hinein verbiegen sollen.
Moderner, liberaler Feminismus bedeutet nicht Gleichmacherei, sondern gleiche Rechte für alle, sich individuell entfalten zu können, so unabhängig von der Biologie, wie irgend möglich. Es sollen nicht alle in den gleichen Kasten, sondern es soll niemand mehr aufgrund seiner Körperlichkeit zu Interessen oder Verhaltensweisen gezwungen werden. Wer sich als prototypischer Mann versteht, darf auch weiterhin "männliche" Dinge tun und anziehen. Nur sich arschlochmässig gegenüber anderen verhalten - Bullying, Übergriffigkeit, etc. - wird nicht mehr toleriert. Und zwar von keiner Seite.
Der Punkt ist ganz einfach: Auf jede Zuweisung der Form "als {"Mann", "Frau"} musst du Y tun/anziehen/mögen" darf die Antwort lauten "nein danke, das entspricht mir nicht". Kann irgendjemand schlüssig erklären, warum es anders sein sollte?
Denn genau diese Beschneidung der individuellen Freiheiten und die rückwärtsgewandte Wiederverfestigung der binären Zuweisung und Gleichmacherei von Männern auf der einen und Frauen auf der anderen Seite ist das Ziel der Genderideologen aus der rechten Ecke. "Familienwerte", "traditionell" und "konservativ" heisst bei den meisten eben nur, andere in ihrem Leben zu beschränken, bzw. sich das Recht herauszunehmen, sie zu verurteilen.
Der persönliche Mix an traditionell genderspezifischen Features wird als Ausdruck oder Präsentation bezeichnet. Das ist die zweite Dimension neben der Biologie.
Unabhängig von Biologie und Ausdruck ordnen sich die meisten Menschen gerne binär zu. Für mich ziemlich unverständlich, aber ist eben so. Diese Identität ist tatsächlich die dritte Dimension bzw. Ebene. Ein androgyner professionell im Ballett tanzender Mensch kann sich selbst als "Mann" oder "Frau" sehen, unabhängig von sonstigen biologischen Faktoren oder Vorlieben. Irgendwie ist diese Dimension meist damit verknüpft, in welcher der traditionellen Arten jemand von den Mitmenschen gesehen und behandelt werden möchte. Manche verbinden es mit der sexuellen Orientierung oder dem Balzverhalten. Orientierung lasseich hier übrigens mal ganz raus, denn das hat mit dem Rest nur sehr mittelbar zu tun.
Also haben wir mindestens die drei geschlechtlichen Dimensionen Körperlichkeit, Ausdruck und Identität.
Und schliesslich kommt der deutsche Staat und möchte dieses komplexe System wieder auf nur zwei Kästen verteilen. Okay, inzwischen sind es drei und einer ohne Aufschrift. Was genau soll das aussagen? Können wir aus der statistischen Verteilung irgendetwas aussagen? Wie viele Kinder geboren werden? Wie viele Wohnungen wir brauchen? Welche Jobs nachgefragt werden oder wie viel Milch oder Brot oder Smartphones?
Der staatliche Geschlechtseintrag ist die vierte Dimensionsebene und wenn man genauer hinschaut die sinnloseste, weil bei Geburt biologistisch zugewiesen aber später laut gelebter Identität änderbar, trotzdem die Bandbreite an Ausdruck nicht abdeckend.
Deshalb auch die Aktion Standesamt 2018. Es geht um einen selbstbestimmten Geschlechtseintrag in der Folge zur dritten Option, vergleichbar dem Religionseintrag: Freiwillig, selbstbestimmt, frei von Pathologisierung. Wer will kann auch "männlcih" oder "weiblich" rein schreiben.
Vollkommen falsch ist der Begriff "drittes Geschlecht". Wer ihn benutzt hat entweder zu wenig Hintergrundwissen oder ist bösartig. Es heisst "dritte Option", denn es geht nicht um eine geschlossene dritte Ecke, sondern den Raum zwischen und um die bisherigen beiden Extreme herum. Die dritte Option ist für Menschen, die für sich entscheiden, sich aus den binären Zuweisungen komplett auszuklinken.
Die "vielen Geschlechter" sind keine, sondern Selbstbeschreibungen der Vielfalt jenseits der Binarität. Es sind Versuche, die eigene Identität (gender identity) irgendwo zu verorten, wo die Sprache bisher nicht hinreicht. Letztlich ist Trans oder "TS", wenn es als selbstbezogene Identität benutzt wird, genau das gleiche: Eine Einordnung, die über die beiden traditionellen Label hinausgeht, weil die "Herkunft" persönlich wichtig ist.
Meine Identität zum Beispiel ist nicht Mann oder Frau. Ich bin auch nicht wirklich "dazwischen", weil auch das bedeuten würde, ständig auf einer Skala "mehr männlich" oder "mehr weiblich" einsortiert zu werden. Ich verbitte mir die Zuweisung, die Anrede, die Beurteilung, egal ob aufgrund meiner Biologie oder meiner Aufmachung.
Immerhin ein Drittel aller Menschen, die mit ihrem zugewiesenen Geschlecht nicht klar kommen, fühlen sich weder männlich noch weiblich. Etwas präziser: Mehreren Metastudien rund um die Welt kamen zum gleichen Ergebnis, dass ca. 30% aller Personen, die wegen "Geschlechtsinkongruenz" (GI) oder -dysphorien bei Therapeut_innen oder Mediziner_innen aktenkundig wurden, sich als nicht-binär empfinden. Bei weitem nicht alle Menschen mit GI suchen sich Profihilfe, dazu muss man nur mal in diesem Forum lesen. Es könnte sein, dass es bei nicht-binären noch weniger sind, weil den meisten nur binäre Transition bekannt ist.
So selten ist das also nicht. Die Frage ist aber wie bei den vier anderen Bereichen oben: Wie gehen wir mit Menschen um, die nicht in einer wie-auch-immer definierten Mehrheit sind? Welche Mehrheit überhaupt?
Intergeschlechtliche Menschen sind eine Minderheit, Menschen mit "Geschlechtsinkongruenz", CD, TV, TS, Enbys: Alles Minderheiten. So wie rothaarige, kleine, große, querflötenspielende, motorradfahrende, nicht-rot-grün-sehende oder Menschen mit sehr starkem oder sehr schwachem Gedächtnis.
Jede Person in diesem Land gehört zu mindestens einer Minderheit. Wir können nur friedlich zusammenleben, wenn wir keine reine Mehrheitsschiene fahren. Jede unzufriedene Minderheit erfordert Resourcen in Form von Zeit und Geld. Wir können nur wählen, ob wir den friedlich-inklusiven Weg wählen oder den repressiv-ausgrenzenden.
Marginalisierung und Respekt schliessen sich gegenseitig aus. Es geht nur das eine oder das andere. Man kann nicht einerseits etwas totschweigen, nichtbeachten, unsichtbar machen, aber gleichzeitig Respekt, Toleranz, Anerkennung im Umgang für selbstverständlich erklären. Wenn Variationen marginalisiert werden, wird auch nicht selbstverständlich mit ihnen umgegangen, sondern als fremd und bedrohlich eingestuft, ausgegrenzt, angegriffen, etc. Das beginnt bereits im Kindergarten, wo nach Jungs und Mädchen unterschieden wird beim Spielzeug, der Kleidung, nach den Eltern. Weiter in der Schule - "Schwuchtel", "Weichei" - bei den Kursen, die belegt werden, beim Sport, etc. und es hört auch im Erwachsenenalter nicht auf.
Menschen müssen deshalb möglichst frühzeitig lernen, was alles möglich ist. Dass Kinder Eltern in jeder Kombination von Geschlecht und Gender haben können. Dass Menschen andere Hautfarben, Fähigkeiten, Sprachen und unsichtbare Freunde haben können. Dass manche Menschen Frauen, Männer, Enbys sind, egal wie sie sich kleiden oder wie ihr Körper aussieht.
Wenn ich an die vielen Biografien hier denke, bin ich immer wieder erstaunt, dass dieser Transfer bei vielen offenbar nicht stattfindet. Wir haben doch alle die Konflikte erlebt mit Zuweisung, Zwangskonformisierung, Ablehnung und den negativen Gefühlen dadurch. Schuld, Scham, bis zu Depressionen, schiefgelaufene Beziehungen wegen Verheimlichung. Der ganze Mist, das ganze Leid lässt sich zurückführen auf einen willkürlichen Katalog von Zuschreibungen und Erwartungen, basierend auf einem Blick zwischen die Beine kurz nach der Geburt.
Manche reflektieren ihre eigenen Erfahrungen und wünschen sich, dass zukünftige Generationen das nicht mehr erleben müssen, sondern frühzeitig einfach in ihrer Art akzeptiert werden, egal welches Label da Erwachsene später drauf kleben.
Wir müssen aber meines Erachtens von der Betrachtung einzelne Marginalisierungen wegkommen zu einer generell offeneren, variationsfreundlicheren, inkludieren Gesellschaft. Feindlichkeit gegenüber irgendwelchen Minderheiten ist ein systemisches Problem und die populistisch-reaktionären Programme verstärken dieses Problem durch "wir gegen die" Polarisierung.
Es reicht eben nicht hin zu sagen "mir geht's ja gut, ich komm da irgendwie mit klar". Es verleugnet all jene, die aus purem Zufall nicht ins Schema passen und überlässt sie ihrem Schicksal. Im schimmsten Fall wird man selbst zum Täter, weil man sich wie alle anderen benimmt.
Und ich möchte es mal ganz deutlich sagen: Wer zurück zu den biologistischen Zuweisungen möchte, wo äusserliche Körperlichkeit über die mögliche Lebensweise entscheidet, der bedroht alle von uns existenziell. Jede Anfeindung, jede Ausgrenzung, jede Verächtlichmachung, jede eingeredete Scham und Schuld, jede Beleidigung und jeder geworfene Stein sind eine direkte Folge solcher Vorstellungen.
Denkt daran, wenn ihr euch das nächste Mal anders fühlt, anzieht, liebt, verhaltet, als es in der Ära Adenauer noch für "normal" gehalten wurde: Die Rückständigen von Kramp-Karrenbauer bis Gauland und noch weiter rechts, aber auch TERFs und andere wollen alles marginalisieren, was nicht ins ihr Schema passt. Sie wollen eine repressive Gesellschaft, die bestenfalls duldet, aber keineswegs akzeptiert. Und jede Beleidigung, jedes Hassverbrechen geht auf solche Propaganda zurück.
I.D.I.C
Eine wunderbare Ansammlung an Beispielen für komplette Fehlinterpretationen aller aktuellen Diskurse zum Thema Gechlechtlichkeit. Ich nehme das nur als Anlass, denn eine direkte Diskussion des Beitrags scheint mir zwecklos.
Für alle anderen: Ich unterstelle jetzt mal nach Hanlons Gesetz keine böse Absicht, sondern schlicht, dass viele Begriffe und Konzepte, die in seriösen Diskussionen dazu verwendet werden, von eher unbedarfteren Menschen einfach nach ihrem Alltagsverständnis - Biologie 6. Klasse - gelesen und damit natürlich das ganze Thema nicht verstanden werden kann.
Anders gesagt: Die seriöse Debatte verwendet Begriffe, die auch in der Alltagssprache vorkommen, aber in deutlich differenzierten, mit komplexen Zusammenhängen verknüpften Bedeutungen. Wer sich mit diesen Tiefen nie beschäftigt hat, kann vieles nur unsinnig finden.
Die deutsche Sprache hat leider nur dieses eine Wort "Geschlecht", die Problematik aber mindestens vier Dimensionen, die je nach Konzept in zwei oder mehr Unterdiemensionen aufgespannt werden. Keine Sorge, das ist eigentlich nicht kompliziert, aber schon sehr spannend.
Erstmal ist das "biologische Geschlecht" keineswegs so binär, wie viele glauben. Es wurden vor Jahrhunderten mal zwei Extrempole definiert und alle aufgefundenen körperlichen Features säuberlich in diese Ecken geschoben. Inzwischen differenziert die Biologie und die Medizin nicht nur nach Rezept, Koch und Gericht (Chromosomen, Hormonen, Gonaden). Es gibt so viele Varianten und Abweichungen vom Ideal, dass praktisch kein einzelner Mensch in genau eine Ecke passt. Der Punkt ist bloss: Das wird kaum getestet, wenn man nicht irgendwann drüber stolpert.
Manche versteifen sich auf das Konzept Zeugungs-/Gebährfähigkeit. Eine medizinische Kategorie, die maximal für Menschen zwischen Pubertät und Menopause wirklich Sinn ergibt. Etliche Menschen sind aus gesundheitlichen Problemen nicht oder nicht ohne Behandlung fortpflanzungsfähig. Sind sie also keine Männchen oder Weibchen? Manchen werden bei Erkrankungen Fortpflanzungsorgane entfernt oder beschädigt. Sind sie geschlechtslos? Und dann wieder das wunderbare Beispiel der Familie mit den XY46-Müttern. Männliche Chromosomen und ein Körper, der sich nicht drum schert, sondern einfach auf den Standard weiblich schaltet. Ein chromosomaler männlicher Mensch mit weiblichen Fortpflanzungsorganen gebährt einen ebensolchen Menschen - und es fällt erst 17 Jahre später auf, weil eben dieses Kind sich über seine pubertäre Entwicklung wundert. Und das als offenbar erfolgreich vererbbare Eigenschaft, nicht als Irrläufer oder Mutation. Wie viele ähnliche Fälle mag es geben und gegeben haben, die niemals aufgefallen sind?
Die Biologie ist eben auch bei Menschen nicht immer binär. Es gibt kein eindeutiges phänotypisches Geschlecht, sondern je nach Perspektive verschiedene Aspekte.
So viel mal zum Thema Biologie. Ich sage nichts gegen eine "Grobrasterung" in "überwiegend weibliche" oder "überwiegend männliche" Körper, aber es ist eben auch nicht mehr als das: Eine biologische Minimalkategorie. Jegliche Annahme aufgrund dieser Zweiteilung kann in nicht so wenigen Fällen völlig falsch ausfallen. Bei mindestens 2% aller Menschen immerhin körperlich so deutlich, dass scharfes Hinsehen reicht. Je genauer man in die Details geht, umso vielfältiger wird das Bild und die ehemals sauber getrennten Ecken wachsen zusammen. Letztlich sind wir alle vielleicht mehr inter als dyadisch.
Die Dimension "körperliches Geschlecht" ist also keine einzelne Achse zwischen männlich und weiblich, sondern mindestens eine Ebene mit männlicher (X-) und weiblicher (Y-) Achse, wenn nicht sogar vielen davon, jeweils für Chromosomen, Hormone, epigenetische Faktoren, Fortpflanzungssystem, etc.pp.
Die spannende Frage ist: Wie gehen wir damit um, dass wir inzwischen _wissen_, dass viele Menschen nicht genau in eine der beiden Ecken passen und die Standardrezepte aufgrund der Annahmen eben nicht angemessen sind?
Richtig verwirrend wird es, wenn Menschen aufgrund ihrer äusseren körperlichen Erscheinung auch alles andere zugewiesen bekommen. Kleidung, Haartracht, Interessen, Hobbies, Job, Sport, Gefühlsleben, wen sie lieben und wen sie begehren sollen, wie sie sich gegenüber Menschen in der gleichen Ecke oder in "der anderen" zu verhalten haben. All das wird direkt nach der Geburt durch blosses Hinsehen zwischen die Beine entschieden und soll dann für das ganze Leben gelten.
Ich wundere mich manchmal, wie selten diese Absurdität hier thematisiert wird. Wir alle kollidieren doch damit. Aus irgendeinem Grund kommen wir nicht damit zurecht, zuweisungsgemäss genau so prototypisch zu leben, wie in den Eheratgebern der 1950er beschrieben. Warum können wir diese ganzen Merkmale nicht einfach mischen? Warum kommen wir so schlecht damit klar, wenn Menschen offensichtlich nicht in eine der Ecken passen?
_Das_ ist Genderwahn. Diese Zuschreibungen, die Männer zu Fussball, Autos, Bier und Arschlochverhalten verurteilen und Frauen zu hübschen, gefühlig-kitschigen Haus- und Familienpflegenden machen wollen. Plus den Quatsch mit den Farben und Haaren und Klamotten.
Von dieser Art Geschlecht als täglichen, sozialen Zuweisungen wird im modernen Feminismus und den aktuellen Debatten geredet. Das ist die Unterscheidung Sex vs Gender. Deshalb heisst es Genderdiskurs und sollte nicht mit dem missverständlichen Begriff Geschlecht vermischt werden. Wer sich dabei auf Biologie herausredet aber soziologische-psychologische Wissenschaften verleugnet, ist entweder uninformiert oder bösartig.
Diese Zuschreibungen bewirken immer noch und immer wieder Benachteiligungen für alle. Egal ob als Mann oder Frau eingeteilt leiden viele Menschen unter zu engen Lebensvorschriften, in die sie sich hinein verbiegen sollen.
Moderner, liberaler Feminismus bedeutet nicht Gleichmacherei, sondern gleiche Rechte für alle, sich individuell entfalten zu können, so unabhängig von der Biologie, wie irgend möglich. Es sollen nicht alle in den gleichen Kasten, sondern es soll niemand mehr aufgrund seiner Körperlichkeit zu Interessen oder Verhaltensweisen gezwungen werden. Wer sich als prototypischer Mann versteht, darf auch weiterhin "männliche" Dinge tun und anziehen. Nur sich arschlochmässig gegenüber anderen verhalten - Bullying, Übergriffigkeit, etc. - wird nicht mehr toleriert. Und zwar von keiner Seite.
Der Punkt ist ganz einfach: Auf jede Zuweisung der Form "als {"Mann", "Frau"} musst du Y tun/anziehen/mögen" darf die Antwort lauten "nein danke, das entspricht mir nicht". Kann irgendjemand schlüssig erklären, warum es anders sein sollte?
Denn genau diese Beschneidung der individuellen Freiheiten und die rückwärtsgewandte Wiederverfestigung der binären Zuweisung und Gleichmacherei von Männern auf der einen und Frauen auf der anderen Seite ist das Ziel der Genderideologen aus der rechten Ecke. "Familienwerte", "traditionell" und "konservativ" heisst bei den meisten eben nur, andere in ihrem Leben zu beschränken, bzw. sich das Recht herauszunehmen, sie zu verurteilen.
Der persönliche Mix an traditionell genderspezifischen Features wird als Ausdruck oder Präsentation bezeichnet. Das ist die zweite Dimension neben der Biologie.
Unabhängig von Biologie und Ausdruck ordnen sich die meisten Menschen gerne binär zu. Für mich ziemlich unverständlich, aber ist eben so. Diese Identität ist tatsächlich die dritte Dimension bzw. Ebene. Ein androgyner professionell im Ballett tanzender Mensch kann sich selbst als "Mann" oder "Frau" sehen, unabhängig von sonstigen biologischen Faktoren oder Vorlieben. Irgendwie ist diese Dimension meist damit verknüpft, in welcher der traditionellen Arten jemand von den Mitmenschen gesehen und behandelt werden möchte. Manche verbinden es mit der sexuellen Orientierung oder dem Balzverhalten. Orientierung lasseich hier übrigens mal ganz raus, denn das hat mit dem Rest nur sehr mittelbar zu tun.
Also haben wir mindestens die drei geschlechtlichen Dimensionen Körperlichkeit, Ausdruck und Identität.
Und schliesslich kommt der deutsche Staat und möchte dieses komplexe System wieder auf nur zwei Kästen verteilen. Okay, inzwischen sind es drei und einer ohne Aufschrift. Was genau soll das aussagen? Können wir aus der statistischen Verteilung irgendetwas aussagen? Wie viele Kinder geboren werden? Wie viele Wohnungen wir brauchen? Welche Jobs nachgefragt werden oder wie viel Milch oder Brot oder Smartphones?
Der staatliche Geschlechtseintrag ist die vierte Dimensionsebene und wenn man genauer hinschaut die sinnloseste, weil bei Geburt biologistisch zugewiesen aber später laut gelebter Identität änderbar, trotzdem die Bandbreite an Ausdruck nicht abdeckend.
Deshalb auch die Aktion Standesamt 2018. Es geht um einen selbstbestimmten Geschlechtseintrag in der Folge zur dritten Option, vergleichbar dem Religionseintrag: Freiwillig, selbstbestimmt, frei von Pathologisierung. Wer will kann auch "männlcih" oder "weiblich" rein schreiben.
Vollkommen falsch ist der Begriff "drittes Geschlecht". Wer ihn benutzt hat entweder zu wenig Hintergrundwissen oder ist bösartig. Es heisst "dritte Option", denn es geht nicht um eine geschlossene dritte Ecke, sondern den Raum zwischen und um die bisherigen beiden Extreme herum. Die dritte Option ist für Menschen, die für sich entscheiden, sich aus den binären Zuweisungen komplett auszuklinken.
Die "vielen Geschlechter" sind keine, sondern Selbstbeschreibungen der Vielfalt jenseits der Binarität. Es sind Versuche, die eigene Identität (gender identity) irgendwo zu verorten, wo die Sprache bisher nicht hinreicht. Letztlich ist Trans oder "TS", wenn es als selbstbezogene Identität benutzt wird, genau das gleiche: Eine Einordnung, die über die beiden traditionellen Label hinausgeht, weil die "Herkunft" persönlich wichtig ist.
Meine Identität zum Beispiel ist nicht Mann oder Frau. Ich bin auch nicht wirklich "dazwischen", weil auch das bedeuten würde, ständig auf einer Skala "mehr männlich" oder "mehr weiblich" einsortiert zu werden. Ich verbitte mir die Zuweisung, die Anrede, die Beurteilung, egal ob aufgrund meiner Biologie oder meiner Aufmachung.
Immerhin ein Drittel aller Menschen, die mit ihrem zugewiesenen Geschlecht nicht klar kommen, fühlen sich weder männlich noch weiblich. Etwas präziser: Mehreren Metastudien rund um die Welt kamen zum gleichen Ergebnis, dass ca. 30% aller Personen, die wegen "Geschlechtsinkongruenz" (GI) oder -dysphorien bei Therapeut_innen oder Mediziner_innen aktenkundig wurden, sich als nicht-binär empfinden. Bei weitem nicht alle Menschen mit GI suchen sich Profihilfe, dazu muss man nur mal in diesem Forum lesen. Es könnte sein, dass es bei nicht-binären noch weniger sind, weil den meisten nur binäre Transition bekannt ist.
So selten ist das also nicht. Die Frage ist aber wie bei den vier anderen Bereichen oben: Wie gehen wir mit Menschen um, die nicht in einer wie-auch-immer definierten Mehrheit sind? Welche Mehrheit überhaupt?
Intergeschlechtliche Menschen sind eine Minderheit, Menschen mit "Geschlechtsinkongruenz", CD, TV, TS, Enbys: Alles Minderheiten. So wie rothaarige, kleine, große, querflötenspielende, motorradfahrende, nicht-rot-grün-sehende oder Menschen mit sehr starkem oder sehr schwachem Gedächtnis.
Jede Person in diesem Land gehört zu mindestens einer Minderheit. Wir können nur friedlich zusammenleben, wenn wir keine reine Mehrheitsschiene fahren. Jede unzufriedene Minderheit erfordert Resourcen in Form von Zeit und Geld. Wir können nur wählen, ob wir den friedlich-inklusiven Weg wählen oder den repressiv-ausgrenzenden.
Marginalisierung und Respekt schliessen sich gegenseitig aus. Es geht nur das eine oder das andere. Man kann nicht einerseits etwas totschweigen, nichtbeachten, unsichtbar machen, aber gleichzeitig Respekt, Toleranz, Anerkennung im Umgang für selbstverständlich erklären. Wenn Variationen marginalisiert werden, wird auch nicht selbstverständlich mit ihnen umgegangen, sondern als fremd und bedrohlich eingestuft, ausgegrenzt, angegriffen, etc. Das beginnt bereits im Kindergarten, wo nach Jungs und Mädchen unterschieden wird beim Spielzeug, der Kleidung, nach den Eltern. Weiter in der Schule - "Schwuchtel", "Weichei" - bei den Kursen, die belegt werden, beim Sport, etc. und es hört auch im Erwachsenenalter nicht auf.
Menschen müssen deshalb möglichst frühzeitig lernen, was alles möglich ist. Dass Kinder Eltern in jeder Kombination von Geschlecht und Gender haben können. Dass Menschen andere Hautfarben, Fähigkeiten, Sprachen und unsichtbare Freunde haben können. Dass manche Menschen Frauen, Männer, Enbys sind, egal wie sie sich kleiden oder wie ihr Körper aussieht.
Wenn ich an die vielen Biografien hier denke, bin ich immer wieder erstaunt, dass dieser Transfer bei vielen offenbar nicht stattfindet. Wir haben doch alle die Konflikte erlebt mit Zuweisung, Zwangskonformisierung, Ablehnung und den negativen Gefühlen dadurch. Schuld, Scham, bis zu Depressionen, schiefgelaufene Beziehungen wegen Verheimlichung. Der ganze Mist, das ganze Leid lässt sich zurückführen auf einen willkürlichen Katalog von Zuschreibungen und Erwartungen, basierend auf einem Blick zwischen die Beine kurz nach der Geburt.
Manche reflektieren ihre eigenen Erfahrungen und wünschen sich, dass zukünftige Generationen das nicht mehr erleben müssen, sondern frühzeitig einfach in ihrer Art akzeptiert werden, egal welches Label da Erwachsene später drauf kleben.
Wir müssen aber meines Erachtens von der Betrachtung einzelne Marginalisierungen wegkommen zu einer generell offeneren, variationsfreundlicheren, inkludieren Gesellschaft. Feindlichkeit gegenüber irgendwelchen Minderheiten ist ein systemisches Problem und die populistisch-reaktionären Programme verstärken dieses Problem durch "wir gegen die" Polarisierung.
Es reicht eben nicht hin zu sagen "mir geht's ja gut, ich komm da irgendwie mit klar". Es verleugnet all jene, die aus purem Zufall nicht ins Schema passen und überlässt sie ihrem Schicksal. Im schimmsten Fall wird man selbst zum Täter, weil man sich wie alle anderen benimmt.
Und ich möchte es mal ganz deutlich sagen: Wer zurück zu den biologistischen Zuweisungen möchte, wo äusserliche Körperlichkeit über die mögliche Lebensweise entscheidet, der bedroht alle von uns existenziell. Jede Anfeindung, jede Ausgrenzung, jede Verächtlichmachung, jede eingeredete Scham und Schuld, jede Beleidigung und jeder geworfene Stein sind eine direkte Folge solcher Vorstellungen.
Denkt daran, wenn ihr euch das nächste Mal anders fühlt, anzieht, liebt, verhaltet, als es in der Ära Adenauer noch für "normal" gehalten wurde: Die Rückständigen von Kramp-Karrenbauer bis Gauland und noch weiter rechts, aber auch TERFs und andere wollen alles marginalisieren, was nicht ins ihr Schema passt. Sie wollen eine repressive Gesellschaft, die bestenfalls duldet, aber keineswegs akzeptiert. Und jede Beleidigung, jedes Hassverbrechen geht auf solche Propaganda zurück.
I.D.I.C