Kappeln | Wie schreibt man über ein transsexuelles Paar, das sich entschieden hat, in einer Kleinstadt wie Kappeln an der Schlei wohnen zu bleiben, nachdem es dort dreißig Jahre lang als Mann und Frau gelebt hat? Alle Sorgen und Zweifel über diese Frage zerstreuen sich nach zehn Minuten des Gespräches am Tisch des Restaurants. Die Leichtigkeit und Ruhe, mit der Heike und Matina Sonnenberg über ihre Geschichte sprechen, überträgt sich, schnell wird aus der anfänglichen Unsicherheit Interesse und Sympathie.
Vor 35 Jahren haben sie sich kennen gelernt, seit 25 Jahren sind sie verheiratet. Damals hieß Heike noch Heiko, und schon in dieser Zeit tauchte der Wunsch, Frauenkleider zu tragen, immer wieder in ihm auf. Er öffnete sich seiner Freundin Matina. Gemeinsam beschlossen sie, Heiko solle den Versuch zu wagen, Frauenkleider zu tragen. Das tat er auch — auf Mallorca. "Das ist ein Testlauf gewesen", erzählen die beiden. "Wir wollten sehen, wie wir die Blicke der Menschen aushalten können." Eigentlich habe das ganz gut geklappt, nur mit Frauenkleidern in den kleinen Speisesaal zu gehen, habe Heiko sich noch nicht getraut.
Wieder zu Hause habe er sein Bedürfnis Frauenkleider zu tragen, eine Weile verdrängen können. Inzwischen gab es Familie, Sohn Maximilian und Tochter Jana. Aus Rücksicht auf seine Kinder unterdrückte Heiko seinen Wunsch, als Frau zu leben. Aber sein Bedürfnis holte ihn mit aller Macht wieder ein. Er konnte nicht mehr schlafen, spürte sich nicht mehr, wurde depressiv. Matina und Heiko beschlossen gemeinsam sein Comingout. Die Kinder nahmen es viel besser auf, als erwartet, erzählt Matina lächelnd. Sie baten lediglich um etwas Zeit, damit sie ihre Freunde selbst darauf vorbereiten können, dass ihr Vater zukünftig Frauenkleider tragen würde. Heiko nahm Rücksicht auf den Wunsch der Kinder.
"Heike schminkt sich viel besser als ich. Ich kann das gar nicht."
Matina Sonnenberg
Als sich alles normalisiert hatte, nahm Heiko seine neue Identität an und wurde zu Heike. Sie meldete sich in Hamburg zu einem Schminkkurs an, gemeinsam fuhr das Paar dorthin. "Heike schminkt sich besser als ich, ich kann das gar nicht", stellt Matina lachend fest.
Das Leben mit der neuen Identität wurde für das Paar und ihr Umfeld immer mehr zur Selbstverständlichkeit, als ein schreckliches Unglück geschah: Ihr Sohn Maximilian starb im Alter von 21 Jahren durch einen Verkehrsunfall. Die gewonnene Stärke und Freude über den Mut, sich zu öffnen und die neu gewonnene Identität zu leben, wurde nun von der Trauer überschattet. Maximilian hätte gewollt, dass sie ihr Bedürfnis weiterhin auslebe, erzählt Heike mit leiser Stimme. "Es ist dein Leben Papa", habe er gesagt. Das Ehepaar rückt dichter zusammen, sie weinen beide.
Nie habe Matina darüber nachgedacht, Heike zu verlassen. Sie genieße die Vertrautheit, liebe das gewohnte tägliche Leben mit ihr. Der gegenseitige Halt gebe ihnen die Kraft, die Trauer über den Tod des Sohnes zu bewältigen. Alles werde gemeinsam gemacht, sei es die Selbsthilfegruppe für Transsexuelle, oder alle notwendigen Schritte, die für die offizielle Änderung der neuen Identität von Heike notwendig sind. Ein Antrag auf Namens- und Personenstandsänderung vom Amtsgericht hätten Gespräche mit den Richtern vorausgesetzt. Teure Gutachten, die mit einer einjährigen psychologischen Betreuung einhergehen, sind vorgeschrieben, damit alle Dokumente wie Sozialversicherung, Geburtsurkunde und Pass auf den neuen Namen und das neue Geschlecht umgeschrieben werden können. Im Juli vergangenen Jahres hatte sie es geschafft. Heike lächelt. "Seitdem bin ich offiziell Frau Heike Sonnenberg."
In Kappeln habe man es ihnen leicht gemacht, resümiert Matina. Die Menschen seien ihnen wohlwollend begegnet. Mitgliedsausweise umzuschreiben, sei völlig problemlos gewesen. Niemals sei sie auf der Straße angepöbelt worden, wie es zum Beispiel einer transsexuellen Freundin in Hamburg häufig passiere. Das alles hat das Ehepaar gemeinsam durchgestanden. "Heike ist jetzt viel ausgeglichener und zufriedener als vorher", findet Matina. Das würden auch Freunde und Bekannte immer wieder feststellen. Über eine Operation denkt Heike hin und wieder nach. Matina würde das befürworten, hat aber auch Angst vor den Risiken.
Beim Verlassen des Restaurants gibt es kaum neugierige Blicke, Heike und Matina grüßen in verschiedene Richtungen und werden freundlich zurück gegrüßt. Es hat geschneit und Heike nimmt ihre Matina an die Hand, damit sie nicht ausrutscht. Eben ein ganz normales Ehepaar.
Für Interessierte: Stammtisch geplant
Informationen von Heike Sonnenberg für alle Betroffenen und Interessierten: Für eine Namens-und Personenstandsänderung ist es vorgeschrieben , einen sogenannten Alltagstest zu absolvieren. Das bedeutete für Heike, ein Jahr lang als Frau in der Öffentlichkeit zu leben.Zudem sind zwei kostenintensive psychologische Gutachten sowie eine einjährige Begleitung durch einen Psychologen erforderlich.Geplant ist ein Stammtisch für alle homosexuellen Menschen, Transgender und Intersexuelle. Anmeldungen und Informationen über folgende Mailadresse:
Regenbogentreff@gmail.com
— Quelle:
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