MichiWell hat geschrieben: Mi 13. Mär 2019, 23:58
Schade ist es für den europäischen Gedanken, obgleich es den so eigentlich nie gab. Die EU war von Anfang an nur eine Wirtschaftsunion, zu der sich aus praktischen Erwägungen eine Währungsunion gesellte. Um die Bevölkerung gütig zu stimmen, wurde ein von den Abgeordneten selbst so bezeichneter europäischer Wanderzirkus ins Leben gerufen, der vor allen viel Abstellplatz für abgehalfterte Politiker bietet.
Im eigentlichen Sinne sind wir noch immer kein geeintes Europa, weggefallene Grenzkontrollen hin oder her. Die EU, das ist viel mehr die Bande über die gerne gespielt wird, wenn sich Politiker nicht trauen, irgendwelche unpopulären Maßnahmen im eigenen Land durchzusetzen.
Bitte nicht falsch verstehen: Ich bin sehr für ein geeintes Europa. Mich stört nur die Unehrlichkeit und das Demokratiedefizit ... hier als leichte Augen-und-Ohren-Kost serviert, wer in Europa das Sagen hat:
Liebe Michi,
ja, es stimmt viel an dem was Du schreibst. Allerdings sehe ich die Schlüsse, die Du ziehst, deutlich anders.
Die Idee "Europa" ist für viele Menschen sehr lebendig, auch wenn der Verbund von Nationalstaaten, die die heutige Union bestimmen genau das machen, was Du benennst: Problematische Beschlüsse Europa anlasten und populäre Entscheidungen als mühsam durchgesetzte nationale für sich vereinnahmen.
Wie in allen Fragen ist es hier einfach Missstände anzuprangern und schulterzuckend auf "die da Oben" zu verweisen. Selbstverständlich können ich oder Du alleine nichts bewegen.
Aber wir dürfen die Parteien wählen, die für die Aufgabe von Partikularinteressen sind, wenn wir uns auf nationaler Ebene befinden.
Wir können uns Gedanken darüber machen, was für ein Europa wir wollen oder uns gegen Europa stellen.
Wir dürfen und können uns mit anderen verbünden, reden, diskutieren und fordern.
Alles das ist nicht so einfach wie es klingt. Auch die Montagsdemonstrarionen, die zum Ende der DDR führten, erschienen vielen zunächst aussichtslos, der erste demokratische deutsche Staat im November 1918 erschien den Menschen 1917 garntiert noch als unmöglich. Nach dem 09.November musste dann auch in mühevoller Kleinmarbeit eine Verfassung erarbeitet werden.
Zu der Machtfrage kann ich nur sagen, Du und Sarah, Ihr habt beide Recht und Unrecht.
Es wäre dumm, die politische Macht, die durch wirtschaftliche Stärke kommt zu ignorieren.
Du setzt dagegen, dass eine Stimme für einen Bürger auf der Ebene der EU den bevölkerungsreichen Ländern mehr Macht gibt. Damit setzt Du vorraus, dass "Nationen" mit einer Stimme sprechen. Genau dieses Denken und die Parteienbündnisse aus nationalen Parteien auf europäischer Ebene gilt es doch zu überwinden.
Ich für meinen Teil sehe, dass ich mit Köchen und Kellnern und queeren Menschen in Andorra mehr Gemeinsamkeiten habe als mit einem noch so schwulen Aufsichtsratsvorsitzenden mit Villa im Grunewald.
Europa ist durch die Bankenunion, die offenen Grenzen und die Lebensrealität seiner Bürger schon lange eine Realität. Es ist nur die Frage, ob wir es den Machtinteressen Einzelstaatlicher Politiker überlassen oder ob wir als Bürger und damit in der Gesamtheit eigentlicher Souverän diese Macht für uns und alle anderen einfordern.
Es ist immer eine Frage der Perspektive, von wo aus ich auf Europa blicke. Betrachte ich es als zersplitterten Machtraum und Spielball von jetzt herrschenden Politikern oder als Lebensraum seiner Bürger?