Svetlana L hat geschrieben: So 27. Jan 2019, 16:33
... Ich befürchte, dass diese ignorante Haltung auch die Meinung der überwiegenden Mehrheit ist. Dies hat sich ja auch hier wieder im Forum gezeigt, wo beispielsweise die ganze Thematik ins Lächerliche gezogen wird.
So kann man das natürlich auch sehen. Ins Lächerliche ziehen... Nun ja, könnte es nicht sein, dass man sich selber lächerlich macht, wenn man sich mit einem heiligen Ernst um die Durchsetzung einer Sache bemüht, die niemals einseitig durchgesetzt werden kann. Sprache kann man nicht "einführen". Das wurde schmerzlich schon bewusst bei der letzten Rechtschreibreform. Die hat sogar einige sinnvolle Regelungen der deutschen Sprache abgeschafft, die dann zu sinnverstellenden Ergebnissen geführt hat (man denke an Getrennt- und Zusammenschreibung). Und immer muss es auch die Menge der Sprechenden (man beachte das genderneutrale Wort!) auch annehmen. Je vehementer man versucht etwas "einzuführen", also zu bestimmen wie es gemacht werden
soll, umso mehr hat man es mit einer ablehnenden Haltung zu tun. Das ist eben kein böser Wille von bösen Traditionalisten und Schlimmeren, es ist eine Haltung, die nicht einsieht, dass es einen Vorteil bringt. Haben wir den Vorteil jemals richtig vermittelt, den Nutzen einer größeren Freiheit für alle Menschen auch in der Sprache deutlich zu machen? Warum setzen sich denn bestimmte neue Worte so schnell durch? Weil sie einfach eine Verbesserung in der Kommunikation bringen.
Und das ist bei gendergerechter Sprache eben noch nicht im Bewusstsein der Sprechenden angekommen. Das ist wie gesagt kein böser Wille. Die Veränderungen sind einfach zu massiv, zu viel, zu kompliziert, wenig logisch teilweise (denken wir mal an das generische Femininum - die Fachkraft winkt mit dem Zaunpfahl). Bedenken wir doch, dass wir eigentlich einen grundlegenden Bestandteil der deutschen Sprache radikal erneuern müssen: das ist der
Artikel. Denn der bestimmt im deutschen das Geschlecht eines Wortes und der ist immer noch streng binär. Daher sind die seltsamen neutralen Wortschöpfungen auch keine richtige Lösung, denn letztlich ändern sie nichts an der Binarität des Genus. Das sächliche ist ja keine Lösung, denn die ist für Sachen - und das will man ja einem Menschen nicht antun, dass man als Sache bezeichnet wird. Es ist ja schon kurios genug dass die Deutschen mit heiligem Ernst selbst unbelebten Dingen ein belebtes Geschlecht zuweisen, was bei Ausländern beim Erlernen der Sprache immer wieder zu Unverständnis und zu Anfällen von Lächerlichkeit führt (da haben wir sie wieder, die Lächerlichkeit...)
In Schweden gibt es nun diesen dritten Genus. Wird er tatsächlich benutzt? Ich weiß es nicht und kenne auch keine Berichte darüber. Vielleicht weiß jemand etwas und lässt es mich wissen, denn es interessiert mich sehr.
Sicherlich sind Probleme nicht allein durch sprachliche Veränderungen zu lösen, aber - wie schon geschrieben - ist Sprache unser wichtigstes Instrument in der Kommunikation und dient u. a. dazu, Probleme überhaupt erst mal sprachlich zu formulieren und somit sichtbar zu machen.
Das sehe ich ganz genauso. Und ich fordere auch die Veränderung ein. Nur habe ich eben meine Probleme mit dem Wie. Ich bin ein großer Freund der Graswurzelbewegung. Da kommen die Veränderungen von unten, aus der Wurzel eben, nach und nach in ganz kleinen Schritten, aber kräftig und mit Nachdruck eines Grashalmes der sich auch durch widrigen Boden kämpft.
Und zur Frage "Warum setzt man nicht darauf abzuwarten, was sich ohnehin durchsetzt?": Wie soll sich denn etwas durchsetzen, wenn es nicht durch den regelmäßigen Sprachgebrauch überhaupt erst mal eingeführt wird? ...
Abwarten darf man hier nicht mit Geduld verwechseln. Mit dem Holzhammer setzt man genau gar nichts durch. Weiches Wasser bricht den Stein, es fließt und verändert ganze Landschaften. Manchmal mit Urgewalt, aber in der Regel geduldig, aber konsequent über viele Jahre hin. Wollen wir uns nicht lieber das weiche Wasser zum Vorbild nehmen und kleine Wurzeln einsetzen die zum großen Teppich auswachsen können wenn man sie etwas gießt.
Auch Halme, die so gar nicht wachsen wollen, müssen wir nicht mit Gewalt aufpäppeln. Es ist da etwa mehr Flexibilität erforderlich. Wenn etwas strikt abgelehnt wird kann es eben auch daran liegen dass es nicht sinnvoll genug war. Da muss man eben auch an sich selber arbeiten und seine Verbissenheit ablegen. Denn die Verbissenen werden niemals geliebt, sondern die Sanften, überzeugen können durch eigenes Tun und Leben.
Deshalb lasst uns die Veränderung der Sprache ruhig angehen mit Nachdruck, aber nicht mit Druck von oben herab. Lasst uns die besseren Sprechenden sein, die etwas versuchen, aber die auch einsehen können wenn sie die Hörenden sind. Wir sollten immer auch zuhören. Das gehört zum Sprechen immer dazu.
Jenina