Ich finde es gut, wenn in den unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen das Thema behandelt wird, aber ich habe etwas dagegen, politisch vereinnahmt zu werden. Hier wird wieder einmal eine Frage der Würde, denn nichts anderes ist die Frage der geschlechtlichen Selbstbestimmung mit in diesem Fall einer "Klassenfrage" überschrieben wird. Zumal sich die Autorin mMn selber wiederspricht, wenn er zunächst schreibt:
Das binäre Bild der Geschlechter ignoriert die Existenz der Diversitäten und Individualitäten, es ist im Kern eine bürgerliche Klassenpolitik.
um dann festzustellen:
... denn formal ist die Vielfalt der Geschlechter eine jahrhundertealte Tatsache.
Entweder ist die Ausbildung eines bipolares Geschlechterbilds eine bürgeliche Klassenpolitik oder sie existiert seit Jahrhunderten. Jedenfalls ist die bürgerliche Klassenpolitik noch keine "Jahrhunderte" alt.
Und was sollen solche Sätze ?
Die vormalige Gleichsetzung verkam zur Ausbildung einer Hierarchie, die nie vergangen war.
Neue Hierachie vs. bestehende Hierachie ?
Die sogenannte sexuelle Revolution Westeuropas und Nordamerikas sollte das binäre Bild zum Wanken bringen,
Das wäre mir neu...
Von der Weltgeschichte fast nicht wahrgenommen, wurde in den 1920er Jahren bereits ein Versuch gestartet, das binäre Geschlechtssystem zu überwinden.
Und in der Folge wird die Homosexualität eines sowjetrussischen Außenministers heran gezogen. Seit wann hat Homosexualität mit Geschlechtervielfalt zu tun ? Gerade von Transmenschen wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es unter ihnen nicht mehr Homosexualität gibt, als in der übrigen Bevölkerung.
In dem Artikel werden die verschiedensten Aspekte mit politischen Zielen verbunden, die m.E. nicht zusammen gehören. Das nützt nicht den betroffenen Menschen sondern einer politischen Idee, die per se nichts bis wenig mit dem Mensch als Individuum zu tun hat. Der Nutzen ist, vorsichtig formuliert, aus meiner Sicht begrenzt. Ich fühle mich dadurch wider meinen Willen vereinnahmt...
Edit: Ich habe noch ein wenig beim "Zwitterparagraf" in Wikipedia gegooglet. Dort steht zum preußischen Landrecht:
"-§ 19. Wenn Zwitter geboren werden, so bestimmen die Eltern, zu welchem Geschlecht sie erzogen werden sollen.
-§ 20. Jedoch steht einem solchen Menschen nach zurückgelegtem achtzehnten Jahr die Wahl frei, zu welchem Geschlecht er sich halten wolle.
-§ 21. Nach dieser Wahl werden seine Rechte künftig beurteilt.
-§ 22. Sind aber Rechte eines Dritten von dem Geschlechte eines vermeintlichen Zwitters abhängig, so kann ersterer auf Untersuchung durch Sachverständige antragen.
-§ 23. Der Befund der Sachverständigen entscheidet, auch gegen die Wahl des Zwitters und seiner Eltern."
...
Abzuwägen war zwischen dem Schutz des Rechtsverkehrs und dem Selbstbestimmungsrecht des "Zwitters". Im Zweifel entschied ein medizinischer Sachverständiger.
Gerade der -§ 23 zeigt doch die sehr eingeschränkten Möglichkeiten. Weiterhin heißt es bei Wikipedia:
Nach zeitgenössischer medizinischer Ansicht gab es "nach Theorie und Erfahrung keine wahre Zwitterbildung"
Toleranz sieht mMn anders aus. Es geht im Kern nicht um den Mensch, sondern um den "Rechtsverkehr". Aber es war ja schon ein interessanter Ansatz. Nur schade, dass man dies nicht im Sinne der Menschen weiter entwickelt hat. Wozu braucht man einen heute Personenstandseintrag, wenn doch Gleichberechtigung herrschen soll ? Aus Rechtssicht ist das m.E. unerheblich.