Seite 1 von 2

Ein Bisschen Anstand tut nicht weh

Verfasst: Sa 8. Dez 2018, 23:55
von lexes
Habe mich heute mal wieder gewundert wie sich jemand anders über mich gewundert hat ( ... ist das noch deutsch ?? )

Das Wetter bei uns ist gerade eine voll-Katastrophe und außer Couch , ein Bisschen Arbeit im Haushalt und viiiel Family-Time gibt"˜s nichts zu tun. Wenn nicht alle ein wenig am kränkeln wären : paradisisch..

Habe im Vorbeigehen in einem meiner Aquarien einen zu geringen CO2-Wert gesehen ( der Indikator hängt zu weit hinten zwischen den Pflanzem ) .. Ein Blick in den Unterschrank : CO2-Flasche leer => Ein kurzer Ausflug zum Händler meines Vertrauens war unumgänglich ... tote Pflanzen im Aq... ne Danke.

Also rein in die Klamotten , und ab ins Auto , => Scheibenwischer ohne Aussicht auf Arbeitslosigkeit.

Unterwegs ist ein längeres Stück Landstraße ... mir egal, ich sitz"˜ im Trockenen und höre Ysif / Hydrograd von Stone Sour ( übrigens jetzt gerade schon wieder ... Corey Taylor , Du brillianter Typ )

Irgendwann kam auf meiner Seite eine Bushaltestelle in Nähe einiger Häuser ... im Vorbeifahren sah ich dort eine Frau stehen ... alleine ... im Regen ... kein Dach ... kein Schirm...

Während ich mich noch gefragt hab"˜ ob Sie wohl direkt in die Lungenfachklinik fährt oder evtl. doch gesund aus dem Abenteuer hervorgeht war ich schon längst vorbei ( 70 km/h erlaubt )

Nach einer Minute kam die nächste Bushaltestelle , diesmal mit Dach und Sitzgelegenheit .. ich hab dann gedreht , bin zurück zu Ariel ( komplett nass ) gefahren und habe sie gefragt ob ich sie mal kurz zur nächsten Haltestelle fahren solle , an der sie dann nicht die Lungenentzündung zum BusTicket bekommt... Sie war so verdutzt davon das jemand extra für eine(n) Fremde(n) dreht und zurückfährt das sie sichtlich verunsichert war. Ich habe dann wiederholt das ich sie nur zum Nächsten Unterstand fahren wolle und sicher nicht gefährlich bin.

So haben wir"˜s dann gemacht, sie hat sich 10 mal bedankt und ungefähr 100 mal für den nassen Sitz entschuldigt.

Ich habe bewusst nicht gefragt wo genau Ihr Ziel liegt ( hätte sie sicher noch weiter gefahren aber die anfängliche Skepsis hat mir diese / meine / soziale Grenze schnell aufgezeigt.... wie blöd , oder ?

Und bevor jemand fragt : sie war weder jung noch besonders hübsch und ich hätte auch einen älteren Mann ( ohne Schirm ) gefragt ob er kurz aus der Krankenscheinzone abtransportiert werden möchte.

Dann lasst doch bitte mal hören ... ist diese Welt so schlecht das man als Frau (alleine im Regen am helllichten Tag an einer ruhigen Straße) eher "mmh ich weiß nicht" als "Gott sei Dank" sagt ??

Je länger ich drüber nachdenke um so mehr frage ich mich ob es überhaupt richtig war zu fragen und dann ärgere ich mich .. da möchte man ohne Hintergedanken was "pfadfinderiges" machen und .... ach ich weiß es auch nicht ....

Vielleicht kam Cybill als Organ der öffentlichen Ordnung mal was zur Statistik sagen ... oder sonst wer...

Ich habe mir auf jeden Fall vorgenommen beim nächsten Mal wieder zu fragen.

Schöne trockene Grüße

Lexi

Re: Ein Bisschen Anstand tut nicht weh

Verfasst: So 9. Dez 2018, 00:19
von Michi
Hallo Lexi,

ich kann dich gut verstehen. Früher habe ich auch ab und zu mal jemand mitgenommen. Aber inzwischen muss ich nicht mehr so viel mit dem Auto unterwegs sein und bin darüber nicht gerade unglücklich. Es stimmt, dass Vorsicht und Misstrauen über die Jahre zugenommen haben, und man sieht heutzutage praktisch auch keine Tramper mehr. In meiner Jugend war das noch eine verbreitete Art der Fortbewegung.

Liebe Grüße
Michi

Re: Ein Bisschen Anstand tut nicht weh

Verfasst: So 9. Dez 2018, 02:46
von Simone 65
Es war vor 20 Jahren. Ich wohnte noch auf einem kleinem Dorf auf dem Schurwald . Nach der Spätschicht, Abends um 23.30 Uhr , ich nehme ein junges Mädchen aus Reichenbach mit . Es geht durch den Schurwald. Sie wohnt in meiner Strasse , wir kennen uns aber nicht . Ich bringe Sie gesund nach Hause .
Aber es ist doch gefährlich für Sie . Ich könnte doch ein Monster sein ?
Ich bin noch nicht Simone. Aber ich bin und war immer Simone .

Re: Ein Bisschen Anstand tut nicht weh

Verfasst: So 9. Dez 2018, 04:52
von Frieda
💖💖💖meine Augen, mein Lächeln und mein Herzl strahlen, liebe liebe Lexi beim lesen deiner Worte💖💖💖


Ich nenne dein tun nicht Anstand, sondern Altruismus!
Und ich danke dir persönlich sehr dafür, weil du uns allen zeigst, wie Unrecht Sigmund Freud hatte, als er behauptet hat, der Mensch seie nur egoistisches Gesindel!
Du beweist gerade liebe Lexi, das Altruismus existiert❗

Du bist ein wundervolles Wesen Lexi und ich bin ehrlich glücklich darüber❗

Ich grüße dich herzlich Namaste🙏

Re: Ein Bisschen Anstand tut nicht weh

Verfasst: So 9. Dez 2018, 05:32
von Svetlana L
Ich denke, dass heutzutage wahrscheinlich nicht mehr viele davon ausgehen, dass andere Menschen selbstlos und ohne Hintergedanken helfen wollen. Andererseits ist natürlich eine gesunde Portion Skepsis auch nicht verkehrt. Ich wäre in dieser Situation vermutlich nicht umgekehrt, helfe aber in den vielen alltäglichen Situationen auch gern mal weiter. Scheinbar haben wir das auch an unsere Kinder weitergegeben, denn unser Jüngster ist vor ein paar Tagen auch auf eine Frau zugegangen, die mit Kinderwagen vor einer S-Bahntreppe stand, und hat gefragt, ob er ihr beim Runtertragen helfen kann. Höflichkeit und Hilfsbereitschaft tun nicht weh.

@Michi
Stimmt, jetzt wo du's sagst: Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich zuletzt eine_n Tramper_in gesehen habe. Das muss schon seeeeehr lange her sein.

Re: Ein Bisschen Anstand tut nicht weh

Verfasst: So 9. Dez 2018, 07:14
von Cybill
Gerne bin ich behilflich!
Es gibt zwar keine offizielle Statistik, aber es gibt die Arbeitsgemeinschaft deutscher Tageszeitungen:

Kavalier der Straße

http://www.kavalier-der-strasse.com

Da versucht man/frau/trans Verkehrsteilnehmer zu ehren, die sich gegenüber anderen vorbildlich verhalten haben.
Leider ist solches Verhalten seit einiger Zeit ziemlich aus der Mode gekommen.

Mögen diese Informationen zur Erleuchtung der Schwestern beitragen.


Cybill

P.S.: Leider ist das schöne Wort "Anstand" nicht mehr so konnotiert, wie es ihm gebührt. Himmler hatte es nach seiner Festnahme als Entschuldigung für sein Handeln mißbraucht.

Re: Ein Bisschen Anstand tut nicht weh

Verfasst: So 9. Dez 2018, 07:53
von Whoopy Highfly
Liebe Leserinnen,
Mit freude habe ich eure Erlebnisse gelesen. Mir ist ähnliches vor Jahren passiert. Später mehr.
Bevor ich einen Anhalter(in) mitnehme, überzeuge ich mich, ob es keine "Falle" ist. Pannen können auch vorgetäuscht sein. Anhalter(innen) nehme ich außerdem nur mit, wenn ich die Personnen kenne, oder sichtbar jugendlich sind, oder kein ÖPNV in der Nähe ist.
Mein Erlebnis:
Vor Jahren hatte ein junges Mädchen ca. 18/20 Jahre, ich so um die 24, eine Panne am Ortsausgang. Alles war beleuchtet. Bin erst an ihr vorbei, weil ich auch müde war. Mich plagte das schlechte Gewissen, kehrte um und fagte, ob ich was tun könnte. Nach kurzem Gespräch, nahm ich ich in Schlepp und brachte sie nach Hause. Es war ein Umweg für mich.
Ein oder paar Tage später brachteir das Mädchen ein "Dankeschön" von Geld, glaube 50 oder 100DM vorbei. Ich war nicht zu Hause und meine Mutter sagte mir, das die Tochter eines Unternehmers mir was gegeben hat. Ich war geplättet und wollte das Geld zurück geben. Sie bestand darauf, das dem "Retter" das zusteht.
Ich fand, es war ein tolles Erlebnis.

Steffi

Re: Ein Bisschen Anstand tut nicht weh

Verfasst: So 9. Dez 2018, 08:18
von Michi
Hallo Steffi,

da fällt mir auch noch ein konkretes Erlebnis ein ... es war Männertag, ich wollte nicht mitfeiern, sah auf dem Heimweg eine hilflose Gestalt am Straßenrand. Ich hielt an, um nachzuschauen ... Er sagte, dass er nach Hause wollte, wusste auch noch wo er wohnt, aber nicht mehr, in welche Richtung er die Straße laufen musste. Ich wollte es ihm erklären, da fragte er, ob ich ihn nicht fahren könne, bot mir einen Fuffi ... naja ... ich geb's zu, ich war jung und Student, und konnte das Geld auch gut gebrauchen. :wink:

Ein paar Jahre später sah ich nachts ein Paar Schuhe am Straßenrand stehen. Da hatte ich auch schon von einschlägigem Trickbetrug und Überfällen gehört, hielt aber dennoch an, um zu schauen. Weil unsicher, stieg ich erst mal nicht aus, machte den Warnblinker an und wartete auf das Auto was mir entgegen kam, und auf mein Winken hin auch anhielt. Wir schauten also gemeinsam nach ... da war ein Typ im Vollrausch im wahrsten Sinne des Wortes aus den Latschen gekippt und lag Kopf über im Straßengraben. Ich bin dann weiter gefahren zur nächsten Telefonzelle ... Ihr wisst schon ... diese kleinen gelben Häuschen mit den vielen Fenstern, die mal überall herum standen ... habe die 112 gerufen, bin wieder zurück, und habe zusammen mit dem anderen Autofahrer gewartet, bis Polizei und Rettungsdienst eintrafen.


Liebe Grüße
Michi

Re: Ein Bisschen Anstand tut nicht weh

Verfasst: So 9. Dez 2018, 10:38
von Ana-Lucia
Liebe Lexi,

ich finde es toll, dass Du extra umgedreht bist, um der Frau zu helfen.
Aber ja, heutzutage begegnen einem Menschen eher mit Skepsis, wenn man Hilfe angeboten bekommt.

Aber woran liegt das?

Du hast das richtig gemacht. Kein Grund sich da irgendwie negative Gedanken zu machen :)

Kuss,

Ana.

Re: Ein Bisschen Anstand tut nicht weh

Verfasst: So 9. Dez 2018, 11:05
von maia
Hallo Miteinander,

also ab und zu trifft man sie doch noch, die Tramper. Im Vergleich zu früher gehören sie aber schon zu den "seltenen Exemplaren".

Es mag schon 2-3 Jahre zurückliegen. Ich kam an einem regnerischen Herbstabend von der Schicht und wollte unterwegs in einem großen Einkaufscenter kurz vor Ladenschluss noch etwas besorgen. Schon bei Einfahrt auf den Parkplatz sah ich zwei jugendliche Tramper mit reichlich Gepäck und traurigen Minen auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit. Nach meinem Einkauf waren sie immer noch da. "Wo wollt ihr hin" fragte ich sie. "Richtung München" war die Antwort. "Dann kommt mit" lud ich sie ein. Schnell waren Rucksäcke und Gitarre verstaut. Wir dann rauf auf die A9 Richtung Süden. Eigentlich wäre ich ja nur bis zur nächsten Abfahrt gefahren, doch dann hätte ich sie auch gar nicht erst einladen brauchen. Also lautete mein Vorschlag sie bis zur nächsten großen Raststätte zu chauffieren. Dort wäre ein Fortkommen doch wesentlich wahrscheinlicher als irgendwo in der Prärie. Der Meinung waren sie auch.

Eine andere Episode aus diesem Sommer. Sonntagnachmittag auf der Heimfahrt, einsame Landstraße, weit und breit kein Ort, steht ein junger Mann mit riesigen Rucksack, die Betonung liegt auf "riesigen" und hebt seinen Daumen. Ich gehe auf die Bremse, es ist ja noch Platz im Auto und löse damit viel Freude aus. Über das Ziel sind wir uns bald einig auch wenn es einige Kilometer Umweg sind. Hinterher hatte ich aber neue Erkenntnisse zum Thema "Gleitschirmfliegen" gewonnen und wie es ist wenn man nicht in der Nähe des Startpunktes landet.

Schönen Sonntag noch
Maia

Re: Ein Bisschen Anstand tut nicht weh

Verfasst: So 9. Dez 2018, 13:20
von lexes
Das schöne an gutem Benehmen : es tut ja keinem weh sondern allen einfach gut

Mein Nachwuchs ist 3 und quaselt seit er 1-1/2 ist.

Bei uns werden Dinge nur mit "Bitteschön" und "Dankeschön" ausgetauscht und die Kindergärtnerinnen sind immer verwundert... und wir haben ihm das nicht aufgezwungen sondern uns irgendwann bewusst drauf geeinigt zu Hause immer Bitte & Danke zu sagen..

Bei dem Thema : weiß einer warum es "Dankeschön" heißt??

Ich hatte mal einer älteren Dame die Einkäufe zum Auto getragen. Dafür bekam ich ein höfliches :

"Junger Mann - ich dank recht schön"

Daraus scheint dann wohl irgendwann

"Dankeschöm" ,

danach "Danke"

und heute teilweise einfach nur "Nix" geworden zu sein. 😃

Re: Ein Bisschen Anstand tut nicht weh

Verfasst: So 9. Dez 2018, 13:34
von Laila-Sarah
Ich habe da auch so eine Anekdote:

Bestimmt 20 Jahre her, ein kalter, nasser Wintertag und am Straßenrand total dreckig, durchnässt und bibbernd saß eine kleine Punkerin mit ihrem Hündchen. Vom Aussehen her so ca. 13-14. Bestimmt eine Ausreißerin. Es sah auch ziemlich nach baldiger Lungenentzündung aus, also konnte ich nicht anders um ihr Hilfe anzubieten. Wir gingen zu mir (10 meter weiter) und sie hat geduscht, die Klamotten haben wir gewaschen und getrocknet. Dann haben wir etwas gegessen. Sie hat sich bei mir umgeschaut und die Paar 70er, 80er Jahre Synthesizer bewundert. Sie hat mir als Gegenleistung Sex angeboten (WTF! anscheinend läuft das so) ich habe abgelehnt und meinte sie sei doch zu jung etc. Ich packte ihr einige Knabbereien als Proviant ein und dann ging sie auch. Es war ein total erhabenes Gefühl etwas gutes getan zu haben.

Eine Sache war da allerdings. Nach ca. einer Woche wurde eingebrochen und die Synthesizer (teure Sammlerstücke) waren weg. Manchmal denke ich, dass beides zusammenhängt aber sicher kann ich mir nie sein :(

Seit dem ist nach Hause tabu. Helfen tue ich aber immer noch gerne wenn ich kann :)

VlG

Re: Ein Bisschen Anstand tut nicht weh

Verfasst: So 9. Dez 2018, 22:11
von lexes
Sehe das wie Du : wäre schon ein dramatischer Zufall.... wie bitter wenn man für"˜s Helfen bestraft wird
Bist"˜n guter Mensch ... das reicht

Re: Ein Bisschen Anstand tut nicht weh

Verfasst: So 9. Dez 2018, 23:52
von Laila-Sarah
Hi Lexy,
lexes hat geschrieben: So 9. Dez 2018, 22:11 Sehe das wie Du : wäre schon ein dramatischer Zufall.... wie bitter wenn man für"˜s Helfen bestraft wird
Ich war damals zu dem Schluss gekommen, dass es unmöglich die Kleine war. Entweder war es dummer Zufall oder (viel wahrscheinlicher) war der Tag wieder einmal lang und sie hat ihren Punk Freunden über das Erlebte erzählt. Und ein Paar von den Jungs haben dann wahrscheinlich die Gelegenheit gesehen und ergriffen (poli)
lexes hat geschrieben: So 9. Dez 2018, 22:11 Bist"˜n guter Mensch ... das reicht
Du ja aber auch und vor allem hast du ein Doktor in Komplimente machen gemacht )..)c

VlG

Re: Ein Bisschen Anstand tut nicht weh

Verfasst: Mo 10. Dez 2018, 00:12
von Inga
Hi,

bei der Arbeit mache ich viele Hausbesuche und ich finde, in den letzten Jahren ist das Misstrauen gegenüber fremden Besuch gewachsen. Eine gesunde Skepsis und Vertrauen auf das Bauchgefühl ist ja ganz recht, aber meistens sind es Geschichten die im Fensehen oder der Nachbarschaft weiter erzählt und aufgebauscht werden. Doch was willste machen, wenn das Misstrauen erst mal gesät ist und vor sich hin wächst? Die Menschen leiden manchmal selber unter ihrem übertriebenen Misstrauen.

Liebe Grüße
Inga