Wählen gehen hin oder her, was das Trumpeltier in den USA gerade anstellt, ist höchst Besorgnis erregend. Er spaltet die Bevölkerung und damit das Land, noch weiter, als es dies zuvor ohnehin schon war. Ich hatte und habe jüngst das teils große aber teils auch sehr zweifelhafte Vergnügen, länger in den USA unterwegs zu sein, praktisch dort zu leben, zuletzt zweieinhalb Monate und bald wieder einige Wochen. Vielleicht stehe ich bald davor mir sogar eine Wohnung dort nehmen zu müssen. Und dann? Dann sitze ich mitten drin in dem Schlamassel, den das Trumpeltier anrichtet.
Die USA sind ein wunderbares Land und die meisten Amerikaner tolle Menschen - sehr offen, herzlich und allgemein sehr willkommend. Doch aus ihrer Geschichte heraus sind die USA ein höchst ambivalentes Land, ein Land der größten Widersprüche, die teilweise nur eine Straßenbreite auseinander liegen. Was im einen Bundesstaat selbstverständlich ist, kann im nächsten schon mit Gefängnis belegt sein. Auf dieser Seite der Brücke bist Du sicher, auf der anderen Seite kann es sein, dass Du in Minuten erschossen wirst. Dort drüben wohnt die Familie Ford (die von den Ford Werken), hier drüben haben sie nichts zu essen. So schilderte es mir mein Cousin, als wir ihn und seine Familie vor ein paar Jahren in Detroit besuchten. Es ist ein beklemmendes und sehr befremdliches Gefühl, für jemand die aus Deutschland kommt, wo wir uns über ein paar Dinge keine Gedanken machen müssen, wie soziale Absicherung (niemand _muss_ hier auf der Straße leben), gesicherter Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung, Rechtsstaatlichkeit, ein großes Maß an Sicherheit in der Öffentlichkeit.
Je nachdem wo man sich in den USA befindet, kann dies alles in Frage gestellt werden - und dafür kann das Überqueren einer Straße ausreichend sein. Was eben noch als unverrückbar galt, im nächsten Augenblick kann es verloren sein. Die Grenzen und Widerstände für solche Veränderungen sind dort viel dünner als hier, nicht zuletzt hervorgerufen durch den viel stärkeren Föderalismus. Die Bundesstaaten sind dort sehr viel autonomer, als es unsere Bundesländer sind. Bundesgesetze können nur bedingt in die Bundesstaaten greifen. Die USA sind daher ein sehr fragiles Gebilde aus Bundesregierung, der nun Trump vorsteht, und den recht autonomen Bundesstaaten. Nach außen kann Trump viel, denn er ist mit seiner Regierung für die Bundespolitik zuständig, doch nach innen ist seine Macht durch die Bundesstaaten begrenzt. Dorn im Auge sind ihm progressive Bundesstaaten, wie allen voran Kalifornien, Washington oder New York. Machen kann er gegen diese nicht wirklich viel, aber Angst, Hass und Zwiespalt schüren! Und diese Klaviatur beherrscht er leider sehr gut.
Die USA sind ein zutiefst zersplittertes Land. Was das Reisen darin super interessant macht! Wohl in keinem anderen Land findet man sonst derartigen Vielfalt, von Tropen über Wüsten bishin zu Permafrost Steppe, alles vorhanden und damit auch die unterschiedlichen Menschen, die darin leben. Die isolierten Farmer im Corn Belt, die religiösen Fundamentalisten im Bible Belt, die Groß- und Größtstädter in Mega Städten wie New York oder Los Angeles, der überschäumende Tech Kapitalismus des Silicon Valley, die blinde Ressourcen Ausbeutung von Erdöl im Süden und Fracking im Zentrum - geheiligt ist, was den "Way of Life" erhält und womit sich Geld verdienen lässt. Im Gegensatz dazu ist sogar ganz Europa homogen.
In einer Gegend, in der die nächste Stadt mehrere Auto Stunden entfernt ist, die Gesundheitsversorgung unsicher, weil man sich keine Krankenversicherung leisten kann, der Sheriff des nächsten Dorfes das Recht interpretiert wie er es für richtig hält und ein Baptisten Priester die einzige moralische Instanz im Umkreis von 100km ist, in einer solchen Region werden die besten Menschen anfällig. Gute Menschen, die nur ihr Leben leben wollen, so sicher wie sie es können, für sich und ihre Lieben. Heilsversprechungen eines Donald Trump fallen hier auf nahrhaften Boden. Oder dort, wo seit Jahre die Schwerindustrie zugrunde geht - wegen schlechter Wirtschaftspolitik oder schlicht weil ihre Zeit gekommen und die natürlichen Ressourcen erschöpft sind. Die Menschen die es dort erwischt, die ihre Jobs verloren haben und nun buchstäblich von den Banken auf die Straßen gesetzt werden, denen geht es miserabel! Keine soziale Absicherung, keine Gesundheitsversorgung. Diese suchen natürlich nach Schuldigen und sie suchen nach Lösungen. Wer könnte es ihnen verdenken? Ein Trump bietet ihnen beides an, wenngleich er natürlich nicht liefern kann, doch wer sieht schon so weit? Wer möchte so weit sehen?
Ich kann es nachvollziehen, was in den USA passiert, aber es verängstigt mich zutiefst. Ich habe den kalten Krieg noch sehr bewusst erlebt und die Feindbilder die hier aufgebaut werden erinnern mich sehr an früher. Zuerst war es der völlig fanatische Feldzug gegen die Kommunisten von Nixon und McCarthy, dann der blinde Vernichtungsfeldzug gegen die UDSSR und das (angeblich) kommunistische China (beides möchte ich nicht gutheißen, aber der Umgang durch die westlichen Länder mit diesen Staaten, getrieben von den USA, hat die Situation bis zum Glasnost von Gorbatschow nur angeheizt und nicht gelöst). Heute ist es Trumps Feldzug "America First", natürlich das weiße, dominant männliche Amerika. Trump appelliert dabei an den amerikanischen Traum der Nachkriegsjahre, das Wirtschaftswunder, den Traum, das jeder etwas aus sich machen kann, wenn man nur hart genug dafür arbeitet. Das das natürlich eine nicht mehr einzuhaltende Phantasie ist, sollte jeder Vernunft begabte Mensch schnell herausfinden können. Doch mit dem Rücken zur Wand fällt vorausschauendes Denken doch deutlich schwerer.
Lange Zeit empfand ich die USA bzgl trans* und trans* Aktivismus weit voraus. Man schaue sich nur alleine mal die Literatur zu und von trans* an, eine deutliche US Amerikanische Mehrheit. Unter Obama wurden Bundesgesetze und Verordnungen erlassen, die trans* Personen Diskriminierungsschutz zusicherten und zum ersten mal in der Geschichte der USA konnten Bundesdokumente wie Pässe für trans* Personen durch einfachen Antrag geändert werden! Höhepunkt war für mich die Rede der Generalstaatsanwältin Loretta Lynch, als sie das Verfahren gegen South Carolina wegen der Toiletten Gesetze gegen trans* Menschen ankündigte:
https://heavy.com/news/2016/05/loretta- ... ipt-video/
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Let me also speak directly to the transgender community itself. Some of you have lived freely for decades. Others of you are still wondering how you can possibly live the lives you were born to lead. But no matter how isolated or scared you may feel today, the Department of Justice and the entire Obama Administration wants you to know that we see you; we stand with you; and we will do everything we can to protect you going forward.
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Übersetzt:
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Lassen Sie mich nun die Transgender Community direkt ansprechen. Einige von ihnen führen seit Jahren ein freies Leben. Andere fragen sich noch immer, wie sie jemals das Leben führen können, zu dem sie geboren wurden. Aber egal wie isoliert oder verängstigt sie sich heute fühlen mögen, das Justizministerium und die gesamte Obama Regierung versichern ihnen, wir sehen sie, wir stehen ihnen bei und wir werden weiter alles tun, um sie zu beschützen.
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Mir ging es wohl wie vielen trans* Menschen, als wir dies zum ersten mal hörten, sahen oder lasen - Gänsehaut und Tränen. So großartig kann dieses Land und seine Menschen sein.
Seit Trump im Amt ist, werden alle trans* freundlichen Verordnungen Stück für Stück demontiert. Die Gegner von Diskriminierungsschutz versammeln sich unter dem Deckmantel von Freiheit und Föderalismus - das müssen die Bundesstaaten selbst entscheiden, was natürlich dafür Tür und Tor öffnet, dass es kein Bundesstaat tun wird. Warum auch? Warum sollte man eine Minderheit schützen und eine Mehrheit damit ggf. verärgern? Viel zu unbequem. Und so gibt es nun Bathroom Bills (in einigen Bundesstaaten stehen Strafen auf den Besuch der "falschen" öffentlichen Toilette), die Armee darf wieder trans* Menschen den Dienst verweigern (wenn ihr mich fragt kein Verlust, aber es soll ja trans* Menschen geben, die unbedingt zur Armee wollen - und in Anbetracht der Größe des militärisch industriellen Komplexes in den USA bedeutet nicht für die Armee arbeiten zu dürfen eine signifikante Einschränkung der Berufschancen), trans* Menschen können in manchen Staaten fristlos im Job gekündigt werden oder ihre Wohnung verlieren, nur weil sie eben trans* sind. Die Liste ist ausbaufähig.
Die Zivilisationsdecke ist dünn, die uns trägt. Das sage ich schon seit Jahren. Wir sind eine Belastung für die Gesellschaft, so ist es einfach. Die Gesellschaft als solche wird uns nie freiwillig tragen, das sagt schon die Physik, ein System tendiert immer zu einem Zustand der geringsten Energie. Wir stören das System, wir sorgen dafür, dass das System mehr Energie aufwenden muss. Daher brauchen wir die Unterstützung des Staates, durch Gesetze und Verordnungen, um uns das Recht für unseren erhöhten Energiebedarf zuzubilligen und dieses Recht abzusichern. Nimmt man uns die Rechte weg, werden wir zu Freiwild, zu einer zu beseitigenden Störung.
Wo dies in den USA noch hinführen wird, ist mir völlig schleierhaft. Die Menschen mit denen ich zu tun habe sind großartig! Super liebe Menschen, höflich, zurückhaltend, willkommend, freundlich, hilfsbereit. Doch was ist abseits meines Weges? Auf der anderen Seite der Straße? In der nächsten Stadt, dem nächsten Bundesstaat?
Ein weiterer Cousin von mir lebt südlich von Detroit mit seiner Frau, seit fast 30 Jahren. Ihre Familie stammt aus Nigeria, sie ist also schwarz, so auch ihr gemeinsamer Sohn. Jetzt könnte man meinen, in den USA sei die Rassentrennung seit Jahrzehnten überwunden? Weit gefehlt. Sie leben außerhalb des kleinen Städtchens, an einer kleinen Straße an Ortsrand. Keines der umliegenden Häuser ist näher als vielleicht 300m. Auf der kleinen Straße ist praktisch kein Verkehr, von der Straße zu ihrem Haus sind es fast 100m - das Grundstück ist groß, ja. Ich war völlig schockiert als sie mir erzählte, dass sie in den 30 Jahren wohl nur ein Dutzend mal die Auffahrt hinunter gegangen sei; sie hat ein schlechtes Gefühl dabei, weil sie schwarz ist, in einem überwiegend weißen Viertel.
Sprache schafft Wirklichkeit.
Und die Zivilisationsdecke ist dünn.
Es geht nicht darum, einen Begriff zu verändern.
Es geht darum, Diskriminierung zu legalisieren.
Es geht darum, eine (weitere) Minderheit auszugrenzen.
"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."
(Martin Niemöller)
Heute mag es noch fast amüsant erscheinen, dass man sich über einen Begriff wie "gender" in einer UN Deklaration echauffiert. Doch die Folgen können beträchtlich sein. Es ist der Anfang zur Umkehr dessen, was wir in den letzten Jahrzehnten erreicht haben. Wie in so vielen Dingen sind die USA wie eine Petrischale im Brutkasten, dort werden die Dinge von morgen ausgegoren - Kapitalmarkt, Technologie, Soziologie, Menschenrechte.
Die USA sind ein wunderbares Land und die meisten Amerikaner tolle Menschen.
Ich werde wieder dorthin reisen, nächste Woche schon.
Doch ich werde stetig vorsichtiger sein; sein müssen.
Gute Nacht -
liebe Grüße
nicole