Integration und Intersektionalität
Verfasst: Mo 22. Okt 2018, 09:59
Bezogen auf Diskussionen in den Threads viewtopic.php?f=75&t=16983 und viewtopic.php?f=75&t=17013 denke ich, dass es wichtig ist uns mit dem Thema eigene sinnvolle oder schädliche Vorurteile und eigenem "Wir"Gefühl auseinander zu setzen.
Als Argumentationshilfe nehme ich Aussagen aus dem TAZ-Artikel von Seyda Kurt "Asal Dardan wohnt nicht mehr hier"
https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5541017/
Mein Blick auf das Gesagte verändert sich hierdurch, Eurer auch?
Als Argumentationshilfe nehme ich Aussagen aus dem TAZ-Artikel von Seyda Kurt "Asal Dardan wohnt nicht mehr hier"
https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5541017/
Wenn ich für mich statt Deutschtürke, Mensch mit Migrationshintergrund oder "nordafrikanisch Aussehender Mensch" oder "Pole/Slawe/Sinti/Romni/Russlanddeutscher" hier Trans*Person einsetze, funktionieren die meisten Sätze noch.Sie fühlen sich nicht verstanden und nicht gewollt. Grassierender Rassismus stößt sie ab. Deutschtürken und andere Menschen mit Migrationsgeschichte verlassen ihre Heimat. Ihre neue Adresse liegt nicht unbedingt in der Türkei
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"Uns Deutsche wird es bald nicht mehr geben. Die Ausländer machen viel mehr Kinder als wir." Polat antwortete: "Aber dann wird es neue Deutsche geben." Nein, habe ihr die Dame entgegnet, das seien keine richtigen Deutschen.
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Die Kulturwissenschaftlerin und Autorin Asal Dardan kennt das: "Man weiß nie, wann es dich anspringt. In jeder Situation kann es passieren, dass du von deinem Gegenüber daran erinnert wirst, nicht als gleich und zugehörig, sprich als deutsch wahrgenommen zu werden."
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Der Bundesinnenminister hatte im September Migration als "Mutter aller Probleme" bezeichnet. Die Mehrheitsgesellschaft wisse, dass Seehofer ihr Innenminister sei, sagt Dardan. Dass er für sie spreche und sie in Schutz nehme. Menschen wie sie, Deutsche, die nicht weiß sind, wissen das nicht.
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Görgen, Polat und Dardan gehören zu einer Generation, die Fragen über Identität und Zugehörigkeit auf Augenhöhe mit der Mehrheitsgesellschaft verhandeln will. Sie wollen die Rolle nicht länger annehmen, die ihnen im sozialen Raum, auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt zugewiesen wird: die Rolle des defizitären Anderen. In einem jüngst erschienenen gleichnamigen Buch beschreibt der Soziologe Aladin El-Mafaalani ein "Integrationsparadox": Je mehr Menschen mit Migrationsgeschichte sichtbar würden, bedingungslose Mitsprache einforderten, also "integriert" seien, desto größer würden die Konflikte. Wer sich streite, müsse sich sehr nahe sein. Integrationsdebatten seien also unumgänglich auf dem Weg in eine pluralistische Gesellschaft, die Raum für Differenzen bietet.
"In den meisten Debatten, in denen der Begriff der Integration fällt, geht es darum, dass Menschen nicht auffallen sollen", beurteilt jedoch die Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan. "Das kann man von ihnen nicht erwarten, weil es gegen die Menschenwürde ist. Jeder hat das Recht, den Platz, den er in der Gesellschaft hat, auszufüllen, politisch teilzuhaben und sich zu äußern." Und: "Wünschenswert wäre, Differenz nicht an Oberflächlichkeiten und Eigenschaften, die nicht veränderbar sind, festzumachen. Sie sollte auf einer politischen Ebene ausgehandelt werden — wenn etwa eine Haltung nicht demokratisch ist. Die Menschen, die in Chemnitz den Hitlergruß zeigten, machen mir Angst. Mit denen habe ich gar nichts gemeinsam." Manche sagen, dass Betroffene aus Diskriminierungserfahrungen gestärkt hervorkommen könnten. Dass sie aufgrund des externen Drucks den Anspruch hätten, mehr zu leisten, erfolgreicher zu werden. Doch es gibt auch Menschen, die das nicht länger wollen, weil sie etwa, wie die Lehrerin Selma Polat, nicht daran glauben, sich eines Tages nicht mehr behaupten zu müssen. "Ich bin keine Gescheiterte", sagt sie, "sondern eine, die aufgegeben hat."
Mein Blick auf das Gesagte verändert sich hierdurch, Eurer auch?