Hallo Frieda,
schön, dass wir unterschiedlicher Meinung sind. Liegt nicht genau das Fruchtbare, da es der Anlass ist, über andere Positionen nachzudenken und für sich selber ein Stück weiter zu kommen ?
So sehe ich die Liebe auch, nur noch intensiver. Sie bringt mich an mein Innerstes, wenn ich mich darauf einlasse. Eine Anforderung wie
"Liebe ist der ehrliche Wunsch, dass (der/die) andere (n) glücklich sein mögen."
ist eine Überforderung, wenn ich sie in einem absoluten Kontext stelle. Natürlich möchte ich, dass meine Partnerin (ich gehe hier von der Liebe zu dem Menschen aus, mit dem ich mein Leben verbringe) glücklich ist. Und wenn ich diesen Wunsch ernst nehme, muss ich natürlich auch sehen, dass meine Partnerin das für mich möchte. D.h. nichts anderes ich muss selber wollen, glücklich zu sein, so wie ich mir wünsche, dass sie auch glücklich werden will.
Wenn ich also mich selber glücklich machen will, muss ich auf mich achten und bereit sein, Veränderungen nicht nur zu akzeptieren, sondern aktiv zu suchen. Diese Veränderungen sind mMn absolut erforderlich, da wir keine perfekten Wesen sind, die von klein auf perfekt waren, so erzogen wurden und immer gute Erfahrungen gemacht haben.
Wie können wir also die Notwendigkeiten für Veränderungen erkennen ? Hier hat für mich der Konflikt die zentrale Rolle. Ich verändere nur, was ich als unangenehm empfinde. Das ist der Motor für Veränderung. Wenn es mir rundum gut geht, verändere ich nichts. Der Konflikt ist für mich wie der Schmerz oder die Traurigkeit etwas, was wir begrüßen sollten. Du würdest Deine Hand auf einer heißen Herdplatte zerstören, wenn es nicht den Schmerz gäbe und ich würde die Liebe meiner Partnerin verlieren, wenn ich nicht bereit wäre, mich zu verändern.
Die Liebe ist für mich kein Zustand vollkommener Seligkeit. Er ist der sehr starke Motor, der mein Leben beeinflusst. Die Liebe gibt mir die Chance zu wachsen. Und weil ich in der Liebe mit einem anderen Menschen verbunden bin, gilt das gleiche auch für ihn. Die Liebe scheint mich zu verändern, aber in Wahrheit bin ich es, der mich verändert. Aber ohne die Liebe geht das nicht.
Genau das ist es mMn, was Khalil Gibran ausdrücken möchte. Die Liebe drischt und verletzt uns scheinbar. Aber es geht, einfach gesagt, darum, das Gute in uns hervor zu holen und das Schlechte auszusortieren.
Deshalb habe ich auch keine Angst mehr vor Konflikten, egal wo und mit wem. Denn in jedem Konflikt steckt für mich das Potential für eine positive Veränderung. Insofern trage ich auch Liebe in mir, wenn ich mich mit meinem Abteilungsleiter streite (und wir haben uns heftig gestritten). Die Liebe ist unendlich fruchtbar, auch wenn die Auseinandersetzung manchmal furchtbar ist. Die gute Nachricht: ich hebe dadurch die Beziehung auf eine andere Ebene. Aber die Beziehung wird nicht mehr so romantisch sein wie vorher. Dafür gewinnt sie an Kraft und die Beteiligten an Charakter.
Letztlich könnte man sagen, die Liebe und der Konflikt gehören zusammen, weil wir keine perfekten Menschen sind, die keine Veränderungen mehr benötigen. Ohne Liebe achte ich auf mich selber in egoistischer Weise. Mit Liebe achte ich auf mich selber für (und durch) den Anderen (andere Beschreibung für das Glück des Anderen), Das Ergebnis wird diametral entgegen gesetzt sein.
So fühle ich die Liebe.