Vicky_Rose hat geschrieben: Di 2. Okt 2018, 09:36
Den biologischen Dimorphismus gibt es so nicht in der Natur. Es ist mindestens eine Dreiteilung: m, f oder inter.
Liebe Vicky,
Oh doch, den Dimorphismus gibt es sehr wohl, er ist sogar das grundlegende Prinzip jeglicher, geschlechtlicher Fortpflanzung: eben nicht drei oder fünf oder beliebig viele Geschlechter, sondern deren genau ZWEI. Ein Dimorphismus, kein Trimorphismus, und erst recht kein Kontinuum.
Ein Kontinuum wurde daraus erst allmählich im Lauf der Evolution, weil der Dimorphismus sich auch weit jenseits der bloßen Fortpflanzungsfunktion auf die Auslesebedingungen auswirkte, weil so auch "sekundäre" Geschlechtsmerkmale entstanden, deren durch Hormone vermittelte Entwicklung nun ein QUANTITATIVER Effekt ist, kein qualitativer mehr - da haben wir also tatsächlich anstatt des Dimorphismus ein Kontinuum mit beliebigen Zwischenstufen. Das gilt aber nur für die sekundären Geschlechtsmerkmale; die reine Fortpflanzungsfunktion ist über alle Evolution hinweg seit der Entstehung primitiver Organismen der alte Dimorphismus geblieben: sie ist männlich ODER weiblich - ein Drittes gibt es da nach wie vor nicht, es sei denn, man zählte die Unfähigkeit zur Fortpflanzung als "drittes Geschlecht".
Vicky_Rose hat geschrieben: Di 2. Okt 2018, 09:36
Die Unabhängigkeit von Biologie und Konstruktion führt letztlich dazu, dass sich Menschen als transsexuell fühlen.
Einspruch, Euer Ehren

Wir können gar nicht unabhängig von der Biologie fühlen, weil die Gefühle selber nichts anderes als biologische Funktionen sind. Zudem ist jedenfalls eine transsexuelle Veranlagung alles andere als unabhängig von der Biologie: hätte ich mir das frei und unabhängig von meiner (Gehirn-)Biologie aussuchen können, dann wäre ich heute ein stinknormaler, hetrosexueller Mann. Ich hab's immerhin 40 Jahre lang mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln versucht...
Ich erkläre mir das Ganze folgendermaßen: Jenseits des (dimorphen) Fortpflanzungsgeschlechts gibt es beim Menschen ein über Hormone vermitteltes, körperliches Geschlecht, das unsere sekundären Geschlechtsmerkmale festlegt: Behaarungstyp, Fettverteilung, Knochenbau, Stimme usw. Das sind zwar durchweg nur quantitative Unterschiede mit weiten Überschneidungen zwischen den Geschlechtern; aber trotzdem bestimmen sie unsere körperliche Erscheinung so weitgehend, dass wir - mit seltenen Ausnahmen - allein (!) daran unsere Mitmenschen im Alltag prompt und eindeutig als Männer ODER Frauen wahrnehmen.
Zu den angeborenen, sekundären Geschlechtsmerkmalen gehören nun aber nicht nur diese äußerlich sichtbaren Merkmale, sondern auch Unterschiede im Gehirn: hier vor allem in den stammesgeschichtlich tiefer liegenden Schichten, die unsere Gefühle und Emotionen steuern. Da "ticken" Männer und Frauen nun mal deutlich unterschiedlich, obwohl das - genauso wie bei den äußerlich sichtbaren Geschlechtsmerkmalen - auch hier nur quantitative Unterschiede mit weiten Überschneidungen zwischen den Geschlechtern sind. Generell sind die sekundären Geschlechtsmerkmale beim Menschen weitaus stärker ausgeprägt als bei den allermeisten anderen Säugetieren; vernünftigerweise sollte man davon ausgehen, dass das auch für unsere emotionale "Grundausstattung" gilt.
An genau diesem Punkt irrt der Feminismus grundlegend: Männer und Frauen haben eben NICHT dasselbe Gehirn. Sie unterscheiden sich sehr spezifisch und vielfältig in ihren Emotionen; die sozial unterschiedlichen Genderrollen sind eben KEINE böswilligen Unterdrückungsinstrumente des "Patriarchats", sondern einfach Ausdruck unterschiedlicher Emotionen, aufgrund derer Männer und Frauen dann auch unterschiedliche Verhaltensweisen präferieren. Für die meisten Menschen passt das ja auch, sie fühlen sich mit nur wenigen Ausnahmen in ihrer jeweiligen Genderrolle wohl. Nur wir Transgender büchsen da aus, weil unser (angeborenes!) psychisches Geschlecht - ganz oder teilweise konträr zu unserem Fortpflanzungsgeschlecht ist.
Vicky_Rose hat geschrieben: Di 2. Okt 2018, 09:36
Horizontal wird das biologische Geschlecht aufgetragen, vertikal die soziale Rolle oder Geschlecht als Konstruktion. Jetzt ergeben sich die Einteilungen nicht nur als polare Zuordnungen, sondern es finden CIS-Männer und -Frauen ebenso wie Transmenschen und Intersexuelle ihren Platz. Wenn man eine solche Beschreibung sowohl einer gesellschaftlichen als auch biologischen Beschreibungsweise zu Grunde legen würde und diese von allen akzeptiert werden könnte, wären viele Probleme in den Diskussionen gelöst. Eine Zuweisung in einer Klinik könnte auf biologischer Basis erfolgen (hier als Dreiteilung (m, f oder inter), später kann dann der Mensch sich selber auf der vertikalen Achse frei im Grad der eigenen Befindlichkeit positionieren.
Wäre das nicht auch eine Möglichkeit, der Öffentlichkeit unsere "Gleichwertigkeit" zu erklären ?
Ich fürchte, das bringt's nicht: weil dieses Diagramm das körperliche und soziale Geschlecht jeweils als einheitlichen Parameter darstellt. Das stimmt auf der körperlichen Seite schon deshalb nicht, weil das Fortpflanzungsgeschlecht tatsächlich ein Dimorphismus ist, während das weite Feld unserer sekundären Geschlechtsmerkmale - genauso wie das soziale Geschlecht - ein Kontinuum darstellt. Man bräuchte also im Diagramm zumindest noch eine dritte Dimension für das Fortpflanzungsgeschlecht. Sooo nebensächlich ist das ja nun nicht, dass man's einfach weglassen könnte
Vor allem aber sind sowohl das sekundär-körperliche als auch das soziale Geschlecht keine unifaktoriellen Parameter, bei denen man einfach eindeutig seinen persönlichen Status eintragen könnte. Beide Ebenen haben eine enorme Vielzahl geschlechtlicher Aspekte, die im selben Individuum höchst unterschiedlich und zum Teil auch konträr ausgeprägt sind. Dein Diagramm könnte man da allenfalls als globale Summenfunktion nehmen; die sagt dann aber über ein geschlechtliches Individuum ähnlich wenig aus wie z.B. das Körpergewicht in kg über die Statur eines Menschen. Das Geschlecht ist beim Menschen ein sehr komplexes Phänomen; zwei oder drei Parameter (oder gar eine einzige, digitale Speicherzelle) reichen zu seiner Beschreibung bei weitem nicht aus.
Ich pflege den "Normalos" in meiner Umgebung das menschliche Geschlecht - und unsere spezielle Stellung darin - als eine Art Mosaik zu erklären: ganz viele, kleine Steinchen in den unterschiedlichsten Farb- und Helligkeitstönen. Ein einzelnes Steinchen sagt nur sehr wenig aus; erst in der Gesamtschau ergibt sich ein Bild, zu dem aber doch wieder jedes einzelne Steinchen seinen Beitrag leistet. Und was unsere Gleichwertigkeit angeht: wir Transgender haben grundsätzlich genau dieselben Eigenschaften wie ganz normale Männer oder Frauen; sie sind bei uns nur etwas exotisch gemischt.
Herzliche Grüße
Wally