Sexualisierte Gewalt, #metoo und "Herrenwitze" im Chat
Verfasst: Sa 29. Sep 2018, 23:30
Gestern, Freitag, gab es eine etwas heftigere Diskussion im Chat, weil ich einen "Witz" nicht lustig fand, dessen "Pointe" auf wiederholter Gruppenvergewaltigung einer hilflosen Person beruhte.
Dabei hatte ich erwähnt, dass (aus der Erinnerung) ca. 25% aller Frauen von Übergriffen berichten können und deshalb die Wahrscheinlichkeit recht groß ist, dass eine von ihnen in Hörweite ist, wenn man solch einen "Witz" erzählt. Mein Originalsatz: "Auch ohne #metoo können 25% aller Frauen von Übergriffen berichten. Vom grapschen bis zum festhalten". Da ich nach der Quelle gefragt wurde, habe ich kurz geforscht.
Seriös scheint eine Studie von 2004 des BMFSFJ. >10.000 befragte Frauen(1), also mehr als repräsentativ. Die Auswahl der Befragten habe ich noch nicht gecheckt.
(Zusammenfassung, S.38)
Also: Nicht 25%, sondern 40%, wenn es um Übergriffe jeglicher Art geht, 13% definitiv sexueller Art. Wenn hier keine Dunkelziffer im Spiel ist, also keine der Befragten ihre Erlebnisse verschwiegen hat(2), sind bei 100 Personen in einem Raum mit typischer Bevölkerungsverteilung also 52 Frauen und davon mindestens 6 Opfer sexueller Gewalt, bzw. 20 Opfer von Übergriffen jeglicher Art. Blöde Sprüche sind da nicht enthalten. Das kann man jetzt mal selbst auf die eigene Bekanntschaft umrechnen.
Dass Gewalterfahrungen insbesondere sexueller Art langfristige psychische Probleme und anhaltende Traumata bewirken ist bekannt. Siehe jene Studie, Teil 1, Link weiter unten.
Solche "Witze" würden höchstwahrscheinlich bei Betroffenen retraumatisierend wirken, abgesehen davon, dass erzählen und teilen auch leicht als Tolerierung bzw. Zustimmung rüber kommen kann. Die Perspektive aus der Sicht potenzieller Opfer ist den potenziellen Tätern(3) wohl nicht ganz klar.
Aber auch falls nicht, und damit komme ich auf mein Problem damit zurück, was mir im Chat die Bezeichnung "Spassbremse" eingebracht hat: Warum sollte man einen "Witz" erzählen, der auf Gewalt gegenüber Schwächeren beruht? Selbst wenn bestimmt keine Person der betreffenden Gruppe im Raum ist, vergiften solche Dinge Sprache und Denken (kann ich auch raussuchen).
Zur ebenfalls in der Diskussion angeführten Meinung, die unter #metoo berichtenden Frauen "wollten was und haben sich drauf eingelassen [...] 20 jahre später, nachdem sie karriere gemacht haben, wegen der karrierespritze, stehen si da und heulen einem was vor" (cf. Fall Weinstein) verweise ich noch mal auf (2) unten und ebenfalls die Studie des BMFSFJ, Langfassung, Teil 1. Nur um 13-15% (je nach Art) nimmt Hilfen irgendwelcher Art in Anspruch. Warum das so ist steht dort ab Seite 189. Angst, Scham, etc.
Und um den Punkt Falschbehauptung auch abzuhandeln, siehe (2). 3% Falschbehauptungen.
Fazit: Gewalt, insbesondere sexualisierte Gewalt ist real. Die Quote erschreckend hoch. Statistisch hat jeder Menschn im Freundes- und Bekanntenkreis Opfer und Täter, ohne es zu wissen. Viele Frauen haben mehr als eine Situation erlebt, in denen sie sich bedroht fühlten und sich eingeschränkt haben, Umwege gelaufen sind, etc. um nicht Opfer zu werden. Solche "Witze" machen einen als Erzählenden und Mitlachenden in der Wahrnehmng potenzieller Opfer - Frauen - zum potenziellen Täter, zum potenziellen Komplizen, zu einem gefährlichen Menschen. Das allein ist schon ein Grund, solche "Witze" nicht zu verbreiten.
Der andere ist, dass Witze auf Kosten von potenziell Unterlegenen billig und hämisch sind. Such Dir nen Stärkeren, Bully.
Anyway. Ich mag den Chat. Und ich mag ihn flauschig, respektvoll und hilfreich. "Herrenwitze" halte ich persönlich für vollkommen daneben, genau so wie alles andere, was sich gegen Schwächere richtet, Schwächen ausbeutet, Menschen ausgrenzt, runtermacht, etc.
Kai / Jaddy
-----
(1) lt. anderen Studien sind >90% aller Opfer von sexualisierter Gewalt Frauen, >95% der Täter Männer. Es ergibt also Sinn, hauptsächlich Frauen zu befragen.
(2) Dunkelziffern sind immer problematisch, klar. Die Leiterin der oben erwähnten Studie fand auch heraus, dass nur 5% der Opfer (laut der für die Studie befragten Gruppe) Anzeige erstattet haben. Der Druck auf Frauen, die Scham, der Wunsch es zu vergessen, statt sich vor Behörden mehrfach seelsich entblössen zu müssen ist sehr hoch. Laut Kriminalstatistik waren nur 3% der Anzeigen Falschbehauptungen.
(3) Das heisst nicht, dass jede_r_, der hier mitlacht ein Täter ist oder wird. Das Problem der allgegenwärtigen Gewalt gegen Frauen und das Bewusstsein der meisten Frauen, im Zweifel Opfer zu sein, ist, dass viele von ihnen in der Gegenwart von Männern äusserst sensibel sind - um nicht Opfer zu werden. Ein Mann, der "Witze" mit Gewalt gegen Frauen macht, erzeugt da logischerweise Stress.
Dabei hatte ich erwähnt, dass (aus der Erinnerung) ca. 25% aller Frauen von Übergriffen berichten können und deshalb die Wahrscheinlichkeit recht groß ist, dass eine von ihnen in Hörweite ist, wenn man solch einen "Witz" erzählt. Mein Originalsatz: "Auch ohne #metoo können 25% aller Frauen von Übergriffen berichten. Vom grapschen bis zum festhalten". Da ich nach der Quelle gefragt wurde, habe ich kurz geforscht.
Seriös scheint eine Studie von 2004 des BMFSFJ. >10.000 befragte Frauen(1), also mehr als repräsentativ. Die Auswahl der Befragten habe ich noch nicht gecheckt.
(Zusammenfassung, S.38)
Also: Nicht 25%, sondern 40%, wenn es um Übergriffe jeglicher Art geht, 13% definitiv sexueller Art. Wenn hier keine Dunkelziffer im Spiel ist, also keine der Befragten ihre Erlebnisse verschwiegen hat(2), sind bei 100 Personen in einem Raum mit typischer Bevölkerungsverteilung also 52 Frauen und davon mindestens 6 Opfer sexueller Gewalt, bzw. 20 Opfer von Übergriffen jeglicher Art. Blöde Sprüche sind da nicht enthalten. Das kann man jetzt mal selbst auf die eigene Bekanntschaft umrechnen.
Dass Gewalterfahrungen insbesondere sexueller Art langfristige psychische Probleme und anhaltende Traumata bewirken ist bekannt. Siehe jene Studie, Teil 1, Link weiter unten.
Solche "Witze" würden höchstwahrscheinlich bei Betroffenen retraumatisierend wirken, abgesehen davon, dass erzählen und teilen auch leicht als Tolerierung bzw. Zustimmung rüber kommen kann. Die Perspektive aus der Sicht potenzieller Opfer ist den potenziellen Tätern(3) wohl nicht ganz klar.
Aber auch falls nicht, und damit komme ich auf mein Problem damit zurück, was mir im Chat die Bezeichnung "Spassbremse" eingebracht hat: Warum sollte man einen "Witz" erzählen, der auf Gewalt gegenüber Schwächeren beruht? Selbst wenn bestimmt keine Person der betreffenden Gruppe im Raum ist, vergiften solche Dinge Sprache und Denken (kann ich auch raussuchen).
Zur ebenfalls in der Diskussion angeführten Meinung, die unter #metoo berichtenden Frauen "wollten was und haben sich drauf eingelassen [...] 20 jahre später, nachdem sie karriere gemacht haben, wegen der karrierespritze, stehen si da und heulen einem was vor" (cf. Fall Weinstein) verweise ich noch mal auf (2) unten und ebenfalls die Studie des BMFSFJ, Langfassung, Teil 1. Nur um 13-15% (je nach Art) nimmt Hilfen irgendwelcher Art in Anspruch. Warum das so ist steht dort ab Seite 189. Angst, Scham, etc.
Und um den Punkt Falschbehauptung auch abzuhandeln, siehe (2). 3% Falschbehauptungen.
Fazit: Gewalt, insbesondere sexualisierte Gewalt ist real. Die Quote erschreckend hoch. Statistisch hat jeder Menschn im Freundes- und Bekanntenkreis Opfer und Täter, ohne es zu wissen. Viele Frauen haben mehr als eine Situation erlebt, in denen sie sich bedroht fühlten und sich eingeschränkt haben, Umwege gelaufen sind, etc. um nicht Opfer zu werden. Solche "Witze" machen einen als Erzählenden und Mitlachenden in der Wahrnehmng potenzieller Opfer - Frauen - zum potenziellen Täter, zum potenziellen Komplizen, zu einem gefährlichen Menschen. Das allein ist schon ein Grund, solche "Witze" nicht zu verbreiten.
Der andere ist, dass Witze auf Kosten von potenziell Unterlegenen billig und hämisch sind. Such Dir nen Stärkeren, Bully.
Anyway. Ich mag den Chat. Und ich mag ihn flauschig, respektvoll und hilfreich. "Herrenwitze" halte ich persönlich für vollkommen daneben, genau so wie alles andere, was sich gegen Schwächere richtet, Schwächen ausbeutet, Menschen ausgrenzt, runtermacht, etc.
Kai / Jaddy
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(1) lt. anderen Studien sind >90% aller Opfer von sexualisierter Gewalt Frauen, >95% der Täter Männer. Es ergibt also Sinn, hauptsächlich Frauen zu befragen.
(2) Dunkelziffern sind immer problematisch, klar. Die Leiterin der oben erwähnten Studie fand auch heraus, dass nur 5% der Opfer (laut der für die Studie befragten Gruppe) Anzeige erstattet haben. Der Druck auf Frauen, die Scham, der Wunsch es zu vergessen, statt sich vor Behörden mehrfach seelsich entblössen zu müssen ist sehr hoch. Laut Kriminalstatistik waren nur 3% der Anzeigen Falschbehauptungen.
(3) Das heisst nicht, dass jede_r_, der hier mitlacht ein Täter ist oder wird. Das Problem der allgegenwärtigen Gewalt gegen Frauen und das Bewusstsein der meisten Frauen, im Zweifel Opfer zu sein, ist, dass viele von ihnen in der Gegenwart von Männern äusserst sensibel sind - um nicht Opfer zu werden. Ein Mann, der "Witze" mit Gewalt gegen Frauen macht, erzeugt da logischerweise Stress.