Aber auch in den nächsten Urlauben traute er sich dann doch nicht, Viola untertags auszuführen"¦.
Beim letzten Male hatte Viola aber dann endlich doch einen Lokalbesuch in einer — wie im Internet recherchiert -angeblich transgenderfreundlichen Pizzeria. Der Besuch hatte ohne Hindernisse stattgefunden niemand nahm von ihr gesonderte Notiz und der Kellner bediente sie auch "normal".
Das sollte doch nun endlich der Anstoß sein, mehr zu wagen.
In diesen Jahren wurde der Fundus für Viola merklich ausgeweitet. Besuche in dem Schuhgeschäft, wo auch Größen jenseits der 41 geführt wurden erweiterten den Schuhbestand , auch in den Textilgeschäften ging die Kleidungssuche ungezwungener und zielsicherer von statten. Er hatte sich auch in einem Friseurgeschäft ein paar Perücken zeigen lassen. Da die Verkäuferin ganz vorbehaltlos und äusserst freundlich agiert hatte , waren zwei zwar recht teure, dafür aber echt aussehende Perücken in seinen Besitz übergegangen.
Auch die Make-Up Auswahl hatte sich vergrößert. So ergab sich vor der Abreise dann aber das Problem, dass die Tasche mit Violas Ausstattung um einiges größer als zuletzt sein musste. Wieder ein logistisches Problem. Doch auch da konnte er eine Abwesenheit Julias wieder nutzen. Aber er hatte sowieso in der letzten Zeit den Eindruck bekommen, Julia wüsste viel mehr über seine Neigungen und seine temporären Verwandlungen wenn sie nicht da war. Wahrscheinlich nahm sie auch an , dass seine Reise auf die Hütte nicht nur Wanderzwecken diente. Sohn Peter war auch schon flügge geworden. Wie die Zeit doch vergeht aber die Neigungen und Wünsche dieselben bleiben. Auch war in der Beziehung zu Julia etwas ins Stocken geraten — im Grunde hatten sie eigentlich nicht zueinander gepasst. Seit einigen Jahren war da auch noch eine andere Frau im Spiel. Beide wussten, dass eigentlich sie die gegenseitigen Lebensmenschen sein würden — aber er hatte immer wieder Hemmungen und Ängste, die alte Beziehung hinter sich zu lassen. Aber auch das würde sich ändern.
Diesmal war es ein wenig später im Jahr — es wurde September — das hiess, es wurde wieder etwas kühler am Abend und die Dämmerung trat früher ein. Aber auf diese Dämmerung wollte er sich diesmal nicht mehr einlassen.
Wieder hatte er sich gemütlich eingerichtet und da nach einigen kühleren Tagen das Wetter wieder strahlend wurde, entschied er sich für den lange ersehnten Ausflug.
Violas Schminkutensilien konnten im Freien platziert werden, auch die Rasur war bei Sonnenlicht um einiges leichter zu bewerkstelligen als in der dunklen Hütte. Arme und Beine waren in den letzten Jahren Zug um Zug haarfreier geworden ,sodass der genauen Gesichtsrasur mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden konnte.
Dann die Anprobe. Dunkler Rock, dunkle Bluse, eine blaugraue Jacke darüber und die neuen Stiefel, die gerade letzte Woche gekauft wurden. Sie überlegte , welche Farbe die Strumpfhose haben sollte, entschied sich dann für eine hautfarbene 20den . Das erste Ergebnis im Spiegel war für's erste nicht schlecht. Dann das Make-Up, sie hatte sich extra ein Camouflage Make-up besorgt, um die Bartschatten besser zu kaschieren. Künstliche Nägel brauchte sie nicht mehr. Das Ergebnis stellte sie zwar immer noch nicht restlos zufrieden, aber da es besser als je zuvor ausgefallen war , waren die innerlichen Glücksgefühle schon mal da. Die Vorfreude wuchs und diesmal wusste sie, sie schafft es.
Es war knapp nach Mittag als sie die Türe abschloss, sich nochmals vergewisserte, ob alles dabei war - neben Geldtasche und Ausweisen auch Parfum, Lippenstift und Eyeliner. Sie stieg in den Wagen und fuhr diesmal mit einem größeren Selbstbewusstsein als je zuvor die Hauptstraße entlang , diesmal im Tageslicht und genoss dieses Feeling, die Strümpfe an den Beinen , die Stiefel an den Füßen, die mit ihrem recht niederen Absatz ein sicheres Fahren möglich machten, die lackierten Fingernägel am Lenkrad. Als die Stadt näher kam hatte sie noch keinen Plan, was sie machen sollte. Da kam schon der Großmarkt in Sichtweite. Schnell entschlossen blinkte sie, und fuhr den Wagen aufs obere Parkdeck und hielt in der Nähe des Liftes. Nun begann allerdings doch wieder das Herzklopfen. Denn Viola war untertags noch nie draußen gewesen — was wären die Reaktionen — und was würde sie machen, wenn ein Entrüstungssturm ob ihres Aussehens losbrechen würde? Sie brauchte fünf Minuten um sich zu beruhigen. Dann sagte sie sich- egal — ich gehe los. Sie öffnete die Türe stieg heraus, sperrte den Wagen zu und stöckelte Richtung Lift. Dass zur gleichen Zeit ein Pärchen dem Lift zustrebte, ließ Ihr Herz mal kurz stehenbleiben. Aber die würdigten sie keiner Extrablicke. Der Lift kam , sie stiegen ein und fuhren nach Unten in die Verkaufsräume des Supermarktes. Schon etwas sicherer stieg sie aus, holte sich einen Einkaufswagen und begann im Geschäft herumzuschlendern. Erstaunlicherweise starrte sie niemand an, niemand machte eine abfällige Bemerkung — es war wie ein normaler Einkauf — nun ja ein paar Blicke ruhten auf ihr mehr als die üblichen Zehntelsekunden ,aber das machte ihr auf einmal nichts mehr aus. Eigentlich brauchte sie ja nichts, aber wenn sie schon mal da war, wollte sie auch an die Kasse. Also ein paar Obstsachen, einen Orangensaft und bei der Kurzwarenabteilung zwei Strumpfhosen in schwarz und hautfarben. Dann ab an die Kassa. Vor ihr waren zwei Kunden und gleich nach ihr kam auch noch eine weitere Kundin. Sie legte ihre Sachen auf das Laufband und wartete auf die Reaktion der Kassierin. Die blickte nur mal kurz auf und lächelte unverbindlich, zog die Sachen über den Scanner und nannte den Betrag. So einfach ging das, dachte sich Viola, und ihr Nervosität begann sich in positive Aufgeregtheit zu verwandeln. Sie verstaute die Sachen im Auto und beschloss noch eine weitere Tour zu unternehmen. Sie fuhr Richtung Stattmitte, folgte dem Schild für ein Einkaufszentrum und parkte den Wagen im Hochdeck. Wieder zögerte sie etwas beim Aussteigen, da doch einiger Betrieb herrschte. Aber ihr Hochgefühl überragte den Drang, sich zu verstecken . Sie stieg aus und ging zielstrebig der Treppe zu, die ins Zentrum führte. Einige Leute kamen ihr entgegen aber außer ein paar Blicke wieder keine Reaktionen. In der Verkaufsstrasse angekommen musste sie allerdings wieder gegen ein flaues Magengefühl ankämpfen, denn dort herrschte ein reges Treiben, und sie musste an einigen Leuten vorbeigehen. Natürlich bemerkte sie die ein oder anderen fragenden Blicke denn sie war sich bewusst , dass ihr Aussehen noch nicht perfekt war. Dann wagte sie sich in den Drogeriemarkt und stöberte ein bisschen herum. Einen Nagellack, einen Eyliner, Reinigungspads und Nagellackentferner landeten im Einkaufskorb. An der Kasse wieder ein paar Kunden vor und hinter ihr. Die Kassiererin wieder sehr freundlich , die Kunden ohne Reaktion. Nur war ihr, als hörte sie einen Wortfetzen hinter sich, der irgendwie mit Fasching zu tun hatte. Ja das hatte wohl ihr gegolten — aber das konnte ihr Hochgefühl nur kurz dämpfen.
Auf dem weiteren Weg entdeckte sie ein Cafe'. Da wollte sie nun hin, um einen Cappuccino zu trinken und eine Zigarette zu rauchen, was damals noch erlaubt war. Als die Bedienung kam, musste sie einen Moment überlegen — dann bestellte sie mit leicht erhöhter Stimme. Die Bedienung nahm die Bestellung mit einem Lächeln entgegen und brachte nach kurzer Zeit den Kaffee. Entspannung machte sich bei den ersten Schlucken und Zügen an der Zigarette breit. Dann aber spürte sie ein Drängen im Unterleib und stand vor der nächsten Aufgabe- welche Toilette sollte sie benutzen?.
Na wenn schon — sie entschied sich natürlich für die Damentoilette. Auch dies lief ohne besondere Vorkommnisse ab. Mit etwas verstellter Stimme rief sie die Kellnerin zum Zahlen herbei — ein Lächeln der jungen Damen verleitete zu einem großzügigen Trinkgeld. Einen schönen Tag noch die Dame, wünschte sie.
Da sie nun schon im Bummeln war, entschied sie sich für einen Spaziergang im Freien um das Zentrum herum. Die nächste Begegnung war dann aber wieder mit einem verstärkten Herzklopfen verbunden, denn als sie ins Freie trat stand da eine Gruppe Jugendlicher herum , an denen sie vorbei musste. Sie merkte die Blicke, die auf sie fielen und zwang sich zu einem entschlossenen Schritt an den jungen Leuten vorbei. Aber entgegen ihren Befürchtungen blieben eine Anmache oder sonstige Kommentare aus.
Nach der Runde war sie leicht geschafft, sie merkte, dass ihre Hände feucht waren und ihre Anspannung langsam wieder wuchs. Aber trotzdem- mit einem Hochgefühl ging sie zu ihrem Wagen und stieg ein. Der erste Ausflug am Tage war gelungen. Das erfüllte sie mit einem Glücksgefühl und als sie den Wagen wieder aus der Stadt lenkte fand sie es auch schon schade, dass der Ausflug schon wieder vorbei war.
Als sie wieder auf der sicheren Hütte war ließ sie sich mit dem Abschminken viel Zeit und genoss in Gedanken den gelungenen Ausflug. Viola war erst jetzt richtig geboren"¦"¦.
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..wie ihr vielleicht schon bemerkt haben werdet ist das - in etwas abgewandelter Form - meine Geschichte....