Selbst ist die Frau „ ob am Herd oder am Bau!
Verfasst: Do 5. Jul 2018, 20:27
Was hatte ich nicht geschuftet, Staub geschluckt und im Mörtel gestochert in meiner Männer-Vergangenheit! Besessen vom Wahn, mir unbedingt in Form eines Hauses eine (Ersatz-)Identität schaffen zu müssen, weil ich die richtige erst Anfang letzten Jahres entdeckte, fing ich innerhalb von 20 Jahren 3x von vorne an. Das letzte Sanierungsobjekt - eine schlichte Gründerzeitvilla, die jahrzehntelang als Dreifamilienhaus (ab)genutzt wurde und zehn Jahre lang leer stand - sollte nun endlich Familienstammsitz für Kinder, Gemahlin und mich werden. Nun sind alle weg und ich sitze alleine, dafür fraulich durch und durch, in meiner bescheidenen Behausung. Ist auch nicht schlimm. Hab ich eben ein bissel mehr Platz. Vor einigen Jahren war hier noch alles verschimmelt, es regnete überall durch. Ein typisches Ein-Euro-Haus eben, was wegen der extrem gestiegenen Nachfrage schon lange nicht mehr als Schnäppchen zu bekommen ist. Nach kompletter Entkernung der hinteren Gebäudehälfte vom Boden über drei Etagen bis zur Kellergewölbedecke dauerte es ein paar Jahre, bis ich auch noch die vollständigen Elektro-Sanitär-und Heizungsinstallationen fertig hatte und wir pünktlich zur Einschulung unseres Kindes einziehen konnten - worüber freilich niemand ein Wort verlor. Auch nicht darüber, dass ich durch 99% Eigenleistung enorme Kosten einsparte.
Doch im letzten Jahr änderte sich alles auf einen Schlag: Ich entdeckte meine feminine Identität, hatte deswegen ziemlich viel mit mir selbst und meiner Familie, danach mit der Arbeit zu tun, begann die HET, nahm fast 20 kg ab (auch jede Menge Muskulatur) und führe nun ein neues Leben als Frau. Die ausstehenden Projekte blieben liegen. Mir war klar: Vor allem die Sanierung von über 150 qm Klinkerfassade mit Stuck würde ich ganz feminin in starke Männerhände legen. Doch da hatte ich die Rechnung ohne die verwöhnten Herrschaften Handwerker gemacht. Ein Maurermeister aus dem Nachbarort, der sich anfangs engagierte, zeigte rapide abnehmenden Elan und als die Sprache auf ein Angebot kam, ließ er sich kurzerhand von seiner Frau am Telefon verleugnen und spielte ein gar lustiges Verstecken mit mir. Daraufhin schrieb ich das Projekt deutschlandweit aus. Es meldete sich - niemand. Klar, bei Denkmalschutz, Auflagen und echter Handarbeit schütteln sich die Herren fürchterlich, denn sie können heute durch das Anklatschen von Styroporplatten oder das Zusammenschrauben von vergifteten Holzabfällen sehr leicht das schnelle Geld machen. Auf echte Handwerksarbeit ist kaum noch jemand angewiesen, denn überall wird gespart und gepfuscht.
Nun gab es nur noch zwei Möglichkeiten: entweder die straßenseitige Fassade weiter als ewigen Schandfleck bröckeln zu lassen oder wie immer die Sache selbst in die zarten Hände zu nehmen. Ich entschied mich für Letzteres, rannte monatelang einer Gerüstbaufirma hinterher, denn das konnte ich nun wirklich nicht auch noch alleine machen, und fing einfach an. Das gesamte Unterfangen ist mehrfacher Hinsicht ein Experiment. Wird meine Kondition nach der (unfreiwilligen) Diät, dem Verlust von Muskeln, der Umstellung des Hormonhaushalts überhaupt ausreichen? Kann ich mit meiner 20-jährigen Laienmaurererfahrung letzten Endes auch Stuck sanieren?
Beide Fragen kann ich mit Ja beantworten. Ich hab keine Ahnung, woher der geschundene Körper die Kraft nimmt, seit 4 Wochen beinahe täglich 8-11 Stunden auf dem Gerüst herumzuklettern, auch im Liegen über Kopf den Dachkasten streichen, als wäre ich noch ein 30jähriger Kerl. Schon wieder kann ich mir nicht die Fingernägel lackieren! Als Trostpflaster gönnte ich wenigstens den Zehen einen pinkfarbenen Lack.
Nach Estrichen, Glattputzen innen und außen, Strukturputzen, gefilzten Gipsputzen an Wänden und Decken, Klinker-und KS-Mauern, Fundamenten, Bodenplatten, Kappenbetonen usw. hab ich mir als Frau nun auch ein wenig das laienhafte Stukkateurgewerbe angeeignet. Ohne Vorkenntnisse hätte ich mich an die Sache nicht rangetraut. Es ist tatsächlich eine sehr feminine Arbeit, eine Restaurierung mit kleinen Kellen, Spachteln, Pinseln, Schablonen, Ziehschlitten, Leisten, Brettern ... Hier ist testogesteuertes Haudrauf-Temperament fehl am Platze! Mit viel Liebe und Gefühl hab ich von dem alten Zeug so viel gerettet, wie ich konnte, verfestigt, ergänzt, ausgebessert, meterweise ganz neu gemacht nach altem Muster. Dazu die Bilder.
Es kommt mir fast so vor, als hätte ich erst Frau sein müssen, um mich diesem Wahnsinn zu stellen. Die Dorfbevölkerung und vor allem die Nachbarschaft stelle ich dabei vor Rätsel. Seit dem letzten Jahr ist der mürrische, griesgrämige bärtige Typ verschwunden, der hier zehn Jahre lang mit zusammengebissenen Zähnen geackert hatte. Stattdessen fährt eine - zumindest von weitem - als Frau zu identifizierende Person sein altes Auto und turnt nun obendrein putz-munter für alle sichtbar direkt neben der Straße auf der Rüstung herum.
Unten vorbeilaufende Kinder bringen ihre armen Mütter in Erklärungsnöte:
"Mama, was macht die da oben?"
"Ich glaube,die macht Putz."
"Oh fein, Mama! Warum machst du keinen Putz."
Pause.
"Na, weil ich lieber unterwegs bin, was spiele oder koche."
Aha, so läuft das also in intakten Familien. Männer in ihren rumpelnden Bauautos oder zu Fuß schauen ungläubig nach oben, aufgedonnerte Dorfschönheiten ignorieren mich leicht pikiert. Ich war als Zuzügler immer sehr zurückgezogen, sodass sich meine Kontakte auf nahezu Null beschränken und mich kaum jemand von früher kennt. Und die Wenigen, die das doch tun, erkennen mich noch nicht mal wieder, wenn ich sie direkt anspreche. Sie halten mich für fremd und hauen ab! Gerade letztens hab ich so ein Ereignis über zig Ecken aufgeklärt bekommen.
Lediglich der Mensch von gegenüber mit seiner Frau wagte einen Vorstoß, weil ich direkt vor deren Nase herumklettere. Nach einem vermutlichen Stimmtest, verzweifelten Gegenaktionen (Rasenmähen, bis es staubt) und ein paar Tagen bockiger Ignoranz sprang er über seinen Schatten und zollte mir Anerkennung, mit der ich nicht gerechnet hatte. Seine Frau scheint das aber kritisch zu sehen und grüßt mich nur im absoluten Notfall. Scheinbar wissen die beiden noch immer nicht, wohin sie mich stecken sollen ...
Zuletzt noch ein paar Essentials zum Outfit und Arbeitsschutz, die frau auf dem Bau unbedingt beachten sollte:
ohne Nummer: Das Bau-Kissen schützt den Popo, um weder Form noch Wachstum zu beeinträchtigen. Zusammengerollt ist es ein besserer Knieschoner als der Stoff- oder Gummiunfug aus dem Baumarkt.
Nr. 1: Die rosafarbenen Stoffballerinas sind gut gegen Schweißfüße, denn wer wollte schon an den eigenen Ausdünstungen aus ungeeignetem Schuhwerk, wie z.B. "Arbeitssicherheitshalbschuhe", zugrunde gehen? Wichtig ist auch das Geglitzer an den Spitzen, um Mörtelflecken entgegenzuwirken.
Nr. 2: Die heißen kurzen Destroyed-Jeans, die auch frisch aus dem Laden nicht anders aussehen als nach hundert harten Arbeitsstunden. Maurerhosen wurden immer fleckig oder rissen ein. Das kann hiermit nicht passieren!
Nr. 3: Das weiße Spaghettitop kaschiert Putzspritzer und kann mittels der Spaghettis in den Trägern vielleicht einen Absturz abfangen - wer weiß?
Nr. 4: Der Bau-BH, ein strapazierfähiges, gut sitzendes 10-Euro-Stück, denn auch auf dem Bau will Frau ja ein anständiges Mädchen sein.
Nr. 5: Die Blümchen im Haar fassen das Haar nicht nur in unterschiedlichster Weise praktisch zusammen, sondern locken auch nektarsuchende Insekten, die mir Gesellschaft leisten, bis sie den Betrug erkennen.
Nr. 6: Ungeschminkt auf den Bau - das ginge ja nun gar nicht! Vielleicht kommt zehn Meter tiefer der Mann des Lebens vorbeiflaniert und will ein spontanes Date? Immer auf alles vorbereitet sein, heißt die Devise.
LG
Semele
Doch im letzten Jahr änderte sich alles auf einen Schlag: Ich entdeckte meine feminine Identität, hatte deswegen ziemlich viel mit mir selbst und meiner Familie, danach mit der Arbeit zu tun, begann die HET, nahm fast 20 kg ab (auch jede Menge Muskulatur) und führe nun ein neues Leben als Frau. Die ausstehenden Projekte blieben liegen. Mir war klar: Vor allem die Sanierung von über 150 qm Klinkerfassade mit Stuck würde ich ganz feminin in starke Männerhände legen. Doch da hatte ich die Rechnung ohne die verwöhnten Herrschaften Handwerker gemacht. Ein Maurermeister aus dem Nachbarort, der sich anfangs engagierte, zeigte rapide abnehmenden Elan und als die Sprache auf ein Angebot kam, ließ er sich kurzerhand von seiner Frau am Telefon verleugnen und spielte ein gar lustiges Verstecken mit mir. Daraufhin schrieb ich das Projekt deutschlandweit aus. Es meldete sich - niemand. Klar, bei Denkmalschutz, Auflagen und echter Handarbeit schütteln sich die Herren fürchterlich, denn sie können heute durch das Anklatschen von Styroporplatten oder das Zusammenschrauben von vergifteten Holzabfällen sehr leicht das schnelle Geld machen. Auf echte Handwerksarbeit ist kaum noch jemand angewiesen, denn überall wird gespart und gepfuscht.
Nun gab es nur noch zwei Möglichkeiten: entweder die straßenseitige Fassade weiter als ewigen Schandfleck bröckeln zu lassen oder wie immer die Sache selbst in die zarten Hände zu nehmen. Ich entschied mich für Letzteres, rannte monatelang einer Gerüstbaufirma hinterher, denn das konnte ich nun wirklich nicht auch noch alleine machen, und fing einfach an. Das gesamte Unterfangen ist mehrfacher Hinsicht ein Experiment. Wird meine Kondition nach der (unfreiwilligen) Diät, dem Verlust von Muskeln, der Umstellung des Hormonhaushalts überhaupt ausreichen? Kann ich mit meiner 20-jährigen Laienmaurererfahrung letzten Endes auch Stuck sanieren?
Beide Fragen kann ich mit Ja beantworten. Ich hab keine Ahnung, woher der geschundene Körper die Kraft nimmt, seit 4 Wochen beinahe täglich 8-11 Stunden auf dem Gerüst herumzuklettern, auch im Liegen über Kopf den Dachkasten streichen, als wäre ich noch ein 30jähriger Kerl. Schon wieder kann ich mir nicht die Fingernägel lackieren! Als Trostpflaster gönnte ich wenigstens den Zehen einen pinkfarbenen Lack.
Nach Estrichen, Glattputzen innen und außen, Strukturputzen, gefilzten Gipsputzen an Wänden und Decken, Klinker-und KS-Mauern, Fundamenten, Bodenplatten, Kappenbetonen usw. hab ich mir als Frau nun auch ein wenig das laienhafte Stukkateurgewerbe angeeignet. Ohne Vorkenntnisse hätte ich mich an die Sache nicht rangetraut. Es ist tatsächlich eine sehr feminine Arbeit, eine Restaurierung mit kleinen Kellen, Spachteln, Pinseln, Schablonen, Ziehschlitten, Leisten, Brettern ... Hier ist testogesteuertes Haudrauf-Temperament fehl am Platze! Mit viel Liebe und Gefühl hab ich von dem alten Zeug so viel gerettet, wie ich konnte, verfestigt, ergänzt, ausgebessert, meterweise ganz neu gemacht nach altem Muster. Dazu die Bilder.
Es kommt mir fast so vor, als hätte ich erst Frau sein müssen, um mich diesem Wahnsinn zu stellen. Die Dorfbevölkerung und vor allem die Nachbarschaft stelle ich dabei vor Rätsel. Seit dem letzten Jahr ist der mürrische, griesgrämige bärtige Typ verschwunden, der hier zehn Jahre lang mit zusammengebissenen Zähnen geackert hatte. Stattdessen fährt eine - zumindest von weitem - als Frau zu identifizierende Person sein altes Auto und turnt nun obendrein putz-munter für alle sichtbar direkt neben der Straße auf der Rüstung herum.
Unten vorbeilaufende Kinder bringen ihre armen Mütter in Erklärungsnöte:
"Mama, was macht die da oben?"
"Ich glaube,die macht Putz."
"Oh fein, Mama! Warum machst du keinen Putz."
Pause.
"Na, weil ich lieber unterwegs bin, was spiele oder koche."
Aha, so läuft das also in intakten Familien. Männer in ihren rumpelnden Bauautos oder zu Fuß schauen ungläubig nach oben, aufgedonnerte Dorfschönheiten ignorieren mich leicht pikiert. Ich war als Zuzügler immer sehr zurückgezogen, sodass sich meine Kontakte auf nahezu Null beschränken und mich kaum jemand von früher kennt. Und die Wenigen, die das doch tun, erkennen mich noch nicht mal wieder, wenn ich sie direkt anspreche. Sie halten mich für fremd und hauen ab! Gerade letztens hab ich so ein Ereignis über zig Ecken aufgeklärt bekommen.
Lediglich der Mensch von gegenüber mit seiner Frau wagte einen Vorstoß, weil ich direkt vor deren Nase herumklettere. Nach einem vermutlichen Stimmtest, verzweifelten Gegenaktionen (Rasenmähen, bis es staubt) und ein paar Tagen bockiger Ignoranz sprang er über seinen Schatten und zollte mir Anerkennung, mit der ich nicht gerechnet hatte. Seine Frau scheint das aber kritisch zu sehen und grüßt mich nur im absoluten Notfall. Scheinbar wissen die beiden noch immer nicht, wohin sie mich stecken sollen ...
Zuletzt noch ein paar Essentials zum Outfit und Arbeitsschutz, die frau auf dem Bau unbedingt beachten sollte:
ohne Nummer: Das Bau-Kissen schützt den Popo, um weder Form noch Wachstum zu beeinträchtigen. Zusammengerollt ist es ein besserer Knieschoner als der Stoff- oder Gummiunfug aus dem Baumarkt.
Nr. 1: Die rosafarbenen Stoffballerinas sind gut gegen Schweißfüße, denn wer wollte schon an den eigenen Ausdünstungen aus ungeeignetem Schuhwerk, wie z.B. "Arbeitssicherheitshalbschuhe", zugrunde gehen? Wichtig ist auch das Geglitzer an den Spitzen, um Mörtelflecken entgegenzuwirken.
Nr. 2: Die heißen kurzen Destroyed-Jeans, die auch frisch aus dem Laden nicht anders aussehen als nach hundert harten Arbeitsstunden. Maurerhosen wurden immer fleckig oder rissen ein. Das kann hiermit nicht passieren!
Nr. 3: Das weiße Spaghettitop kaschiert Putzspritzer und kann mittels der Spaghettis in den Trägern vielleicht einen Absturz abfangen - wer weiß?
Nr. 4: Der Bau-BH, ein strapazierfähiges, gut sitzendes 10-Euro-Stück, denn auch auf dem Bau will Frau ja ein anständiges Mädchen sein.
Nr. 5: Die Blümchen im Haar fassen das Haar nicht nur in unterschiedlichster Weise praktisch zusammen, sondern locken auch nektarsuchende Insekten, die mir Gesellschaft leisten, bis sie den Betrug erkennen.
Nr. 6: Ungeschminkt auf den Bau - das ginge ja nun gar nicht! Vielleicht kommt zehn Meter tiefer der Mann des Lebens vorbeiflaniert und will ein spontanes Date? Immer auf alles vorbereitet sein, heißt die Devise.
LG
Semele