Arjana hat geschrieben: Sa 9. Jun 2018, 13:23
M.E. ist diese Diskussion wieder ein typisch deutsches Phänomen. Sprache wird "von oben" herab verordnet. Es kann dann für Behörden zwar irgendwann Standard sein, aber ob der einfache Michel das überhaupt beachtet, ist ne andere Frage.
Ich bin die Letzte, die kein Verständnis für Gleichberechtigung, Feminismus, Kampf für Gleichheit etc hat. Ich bewundere die Menschen, die sich früher unter widrigeren Bedingungen als heute dafür eingesetzt haben. Aber ich bin der Meinung, irgendwann ist auch mal gut. Nicht hinter jedem Pronomen steckt Rassismus oder Chauvinismus. Sprache ist gewachsen, man sagt "der Arzt" und meint "die Ärzteschaft"; man sagt "Liebe Studenten" und benutzt da nicht den Plural von "der Student", sondern meint die Studierenden in ihrer Gesamtheit.
"Also ich habe ja nichts gegen (A), aber..." eigentlich doch. Das "eigentlich doch" kann man fast immer herausarbeiten, und meist sind die dahinter liegenden Ressentiments den Betreffenden gar nicht bewusst.
Der Sexismus, Rassismus, Chauvinismus ist sicher, hoffentlich häufig nicht beabsichtigt, aber wenn das Verhalten, bzw die Sprache von anderen als ausgrenzend, abwertend empfunden wird, ist das erstmal mindestens so valide, wie die Unschuldsbeteuerung der Sprechenden.
Die Frage ist also: Warum handelt oder spricht jemand weiterhin so, wenn ey bereits weiss, wie negativ das bei anderen ankommt?
Dann die "Politik der kleinen Schritte". Hm ja, generell schon, aber. In der Praxis mutiert das zu häufig zur Hinhaltetaktik, zum Vertrösten auf die nächste oder übernchste Generation. Und das bei Themen, wo die Betroffenen bald wirklich keine plausiblen Gründe für ihre Benachteiligung erkennen können.
Ich nehme mir mal Deinen Satz als Lückentext: "Also ich hab ja nix gegen (A), aber irgendwann muss auch mal gut sein. Die sollten sich mehr mit kleinen Erfolgen zufrieden geben. Zum Beispiel dürfen sie doch schon (B1). Aber wenn jetzt auch noch (B2) wollen, dann besteht die Gefahr, dass die generelle Akzeptanz für sie abnimmt."
Allein die implizite Drohung ist schon, höflich gesagt, eine ziemliche Zumutung: Seid friedlich und bescheiden, sonst benachteiligen wir euch wieder stärker.
Jetzt setze zum Beispiel mal ein (A) und zwei beliebige (B) aus folgenden Listen ein:
(A) "Frauen"; (B) "allein auf die Strasse gehen", "arbeiten gehen", "Minirock anziehen", "autofahren", ...
(A) "Arbeiter"; (B) "studieren", "mitbestimmen", "wählen"
(A) "Schwule", "Lesben"; (B) "zusammensein", "Sex haben", "öffentlich sichtbar sein", "heiraten", "Kinder haben", "adoptieren"
(A) "Ausländer", "Moslems", "Juden", "Atheisten"; (B) "arbeiten", "beten", "Geschäfte gründen", "Deutsche beschäftigen", "Gebetshäuser bauen", "im Rundfunkrat mitreden"
(A) "Gendernonkonforme"; (B) "anziehen was sie wollen", "öffentlich rumlaufen", "richtig angesprochen werden", "gleiche Berufschancen haben"
Merkst Du was? Egal was Du einsetzt, die Folgeforderung B2 ist für die meisten anderen Menschen vollkommen normal. Wenn Dir jemand B2 verweigern würde, wärest Du vermutlich empört.
Du hast Gleichberechtigung, Gleichstellung, etc. angesprochen, aber es klingt so, als ob Minderheiten spezielle Privilegien haben wollten, also Privilegien laut Definition als bevorzugte Behandlungen bestimmter Gruppen.
Es geht nicht um mehr Privilegien für Minderheiten, sondern dass bestimmte Privilegien nicht mehr der angeblichen Mehrheit vorbehalten sind. Kein weniger für irgendwen, sondern ein mehr des gleichen für alle.
Viele alltägliche Bereiche sind eben nicht für alle gleichermassen erreichbar, bzw. werden ohne Rücksicht auf Gleichstellung entworfen und betrieben. Man(n!) spürt es umso weniger, je mehr Atribute aus dem Set {Mann, weiss, cis, hetero, standardgroß, frei von körperliche oder geistigen Einschränkungen, deutsch, ausreichend Einkommen, christlich} auf einen zutrifft. Und umso weniger kann man dann nachvollziehen, wie sich das Leben für andere anfühlt.
Aber sobald man nicht ins Schema passt, bemerkt man überall die für andere unsichtbaren Schilder "Wir müssen leider draussen bleiben".
Und dazu gehört auch sprachliche Sichtbarkeit. Als Beispiel, dem Satz von gestern entlehnt: "Hallo Kollegen, wir treffen uns morgen zum Teambuilding. Bringt also Sportzeug für den Waldlauf, Handschuhe zum Tauziehen und 100€ Beitrag mit. Wir sind den ganzen tag unterwegs. In Gruppenarbeit wird die neue Rechtschreibung anhand deutscher Literatur entwickelt. Abends gibt es gegrilltes Spanferkel und Freibier."
Klingt normal? (Naja, bis auf die Literatur vielleicht. Ersetze es durch gemeinsames Singen, dann passt es wieder)
Schau mal, wer da alles Probleme bekommt: Menschen mit körperlichen Einschränkungen, Gehörlose, Blinde, etliche mit chronischen Leiden, mit nicht ausreichendem Einkommen (Familie? Kinder?), unsportliche, vielleicht ältere, solche mit sprachlichen Schwächen, vielleicht Legastheniker, Deutsch als Fremdsprache, nicht-deutsche Familienkultur, gläubige Moslems (Gebetszeiten, Schweinefleisch, Alkohol), gläubige Juden (Schweinefleisch, kosheres Essen), vegetarisch oder vegan essende, neuroatypische sowieso.
Wie fühlt sich jemand von denen? Aus eigener Erfahrung würde ich sagen: Nicht angesprochen, nicht berücksichtigt, als unwichtig und nicht dabei gewollt. Wie diejenigen, die wenn in der Schule Teams gebildet wurden, immer als letzte auf der Bank sassen und von der Lehrkraft zugeordnet wurden.
Und wenn das ständig passiert? Wenn man Dir ständig B2 verweigert, weil Du (A) bist. Wenn aber ständig Menschen aus der (angeblichen) Mehrheitsgesellschaft ganz selbstverständlich B2 machen? Dann reicht es Dir irgendwann und Du willst verdammt noch mal mitgemeint und berücksichtigt werden, wie alle anderen auch.
Wie alle anderen auch. Weil es bisher nicht so ist. Das ist der Punkt. Und gegen offensichtliche, fühlbare, tägliche Ausgrenzung ist, mit Verlaub, "Überforderung" der Ausgrenzenden ein äusserst schwaches Argument.