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01.06.18 Info-Workshop "Hormone" in Bremen
Verfasst: Di 22. Mai 2018, 09:54
von Ursa minor
Trans*Recht e.V. hat den hannoveraner Endokrinonologen Oliver Niehoff, der die Hormonersatztherapie zahlreicher nicht-binärer und binärer trans* Personen betreut, zu einem Info-Workshop nach Bremen eingeladen.
Die Veranstaltung findet am Freitag, 01.06.18 am 19.00 Uhr beim Netzwerk Selbsthilfe (Faulenstraße 31, Nähe Am Brill) statt.
Sich in seinem Körper wohl zu fühlen, ist nicht immer eine leichte Aufgabe. Für viele von uns trans* Personen ist die Behandlung mit Hormonen ein wesentlicher Schritt, den Körper (mehr) mit der eigenen Identität in Einklang zu bringen und/oder maskuliner, femininer oder androgyner auszusehen. Über die Wirkungen und mögliche Nebenwirkungen der Hormonbehandlung Bescheid zu wissen, ist hilfreich, um zusammen mit der_m Ärzt_in die Medikation besser einschätzen und selbst bei der Beobachtung von möglicherweise störenden Nebenwirkungen mitarbeiten zu können. Leider gibt es nur wenige spezialisierte Ärzt_innen, die sich intensiver mit der Hormonersatztherapie für trans* Personen beschäftigen.Wir werden an dem Abend konkrete Fragen an Oliver Niehoff sammeln, die er dann beantworten kann.
Der Info-Workshop richtet sich an trans* Personen, die Hormone für sich in Erwägung ziehen oder sich bereits in der Hormonersatztherapie befinden. Die Veranstaltung findet in deutscher Lautsprache statt. Wenn Bedarf an Übersetzung besteht, meldet Euch bitte im Vorfeld bei uns. Der Eintritt ist kostenfrei.
Viele Grüße
Ursa minor
Re: 01.06.18 Info-Workshop "Hormone" in Bremen
Verfasst: Di 22. Mai 2018, 12:08
von Jaddy
Da werd ich aber sowas von anwesend sein
Vielen Dank für den Hinweis.
Re: 01.06.18 Info-Workshop "Hormone" in Bremen
Verfasst: Sa 2. Jun 2018, 13:28
von Jaddy
Vielen Dank an @Ursa minor und Trans*Recht für die Orga. Für mich war der Abend sehr interessant. Der Raum war mit ca. 20-25 Menschen sehr voll, trotzdem haben wir drei Stunden ausgehalten. Zur Statistik: Es waren (subjektiv) mindestens so viele Transmänner wie -frauen dabei und wohl ein halbes Dutzend Enbis. O.Niehoff hat zuerst in einem kleinen Vortrag generell über Hormontherapie und angleichende Maßnahmen referiert, wobei auch schon Fragen aus der Runde beantwortet wurden. Dann gab es zwei Stunden intensive Fragen und Antworten.
Ein paar Highlights aus meiner persönlichen Sicht
- Er hält psychotherapeutische Begleitung für wichtig, um auch die seelischen Folgeerscheinungen abzufangen. Das ist vermutlich in vielen Fällen eine gute Idee. Anererseits sehe ich für Menschen wie mich einfach keinen Bedarf für psychologische Indikation oder Betreuung von Anfang an.
- Bei den Vortests macht er wie üblich großes Blutbild, Leber, Niere, Hormonstatus, und legt Wert auf Schilddrüsenwerte und Chromosomenanalyse auf Thrombophilie und Intersex-Varianten wie CAIS (komplette Androgenresistenz).
- Schilddrüse? Hat nichts mit der HET zu tun, aber "wenn ich eh schon teste kann ich das gleich mitmachen".
- Es gibt kaum medizinische Ausschlusskriterien, sondern höchstens individuelle Lösungen. Zum Beispiel Gel/Pflaster statt Pillen, etc.
- Man kann durchaus mit Dosierungen in allen Varianten "spielen", um gewünschte Ergebnisse irgendwo auf dem Spektrum zwischen körperlich männlich und weiblich zu erreichen. Natürlich nur im Rahmen dessen, was hormonell überhaupt machbar ist. Eigene Befindlichkeit ist wichtiger als Blutwerte.
- "N=1". Allein bei diesem Event kamen viele individuelle Sonderfälle zur Sprache, wo Standarddosierungen nicht funktionierten, das eine Präparat ja, das andere nicht, unterschiedliche Nebenwirkungen je Verabreichung und Präparat, usw.
- Für die künstliche Menopause, also Ö-Reduktion ab 50 oder so, gibt es keinen zwingenden medizinischen Grund.
- Bei älteren Transmännern steigt jedoch bei gleich hohem T-Spiegel das Risiko für Thrombose, Schlaganfall, Herzinfarkt, weil:
- Generell bei Testosteron: Mehr T = mehr rote Blutkörprchen = "dickeres Blut". Daher können auch Kopfschmerzen etc. kommen. Dass hier tatsächlich "Aderlass" zur Symptomlinderung verwendet wird fand ich .. "interessant"
- Osteoporose / Knochendichte: Etwas uneindeutige Antwort. Die HET selbst verursacht eigentlich keine (ausser wenn man die Dosis zu weit ver_mindert_). Andererseits kann Osteoporose viele Ursachen haben und man merkt es erst, wenn es bricht - oder bei einer Knochendichtemessung. Das ist allerdings normales Lebensrisiko, nicht nur für HET-Kunden.
- Wg. Lebensrisko: Viele der Tests und Absicherungen bei einer HET wären für jeden Menschen sinnvoll. Bei einer HET werden die nicht wegen der Hormonwirkungen gemacht, sondern weil dey Endo sich auch bei nicht hormonbedingten Krankeiten rechtfertigen muss. Einfach weil ey als medizinische Betreuungsperson eine allgemeine Gesundheitsverentwortung für die Kunden hat.
- In seiner persönlichen Berufserfahrung (seit 1998) hatte er bei Transpersonen noch keine Fälle von nennenswerten Nebenwirkungen wegen HET-bedingten Risiken. Also keine Leber-, Nierenschäden oder dergleichen _wegen_ der HET. Er hat ca. 130 Transpersonen als Kunden, darunter 7-8 Enbis.
- Langjährige Östrogengabe kann(!) Gallensteine begünstigen... das hab ich zum ersten Mal gehört. Keine Quellenangabe.
- Libido-Verlust bei Transfrauen nach der GaOP kann durchaus an Testomangel liegen. Eine Idee ist DHEA als Gegenmaßnahme (also T-Vorstufe), das als Nahrungsergänzung gekauft werden kann. Testo(gel) direkt funktioniert ziemlich sicher, kann aber bei längerer Einnahme auch wieder vermännlichen.
- Blutwerte schwanken immer und sind auch abhängig vom Labor(gerät) - und Nahrungsergänzungen, insbesondere Biotin. Also wer Biotin für die Nägel nimmt oder in einem Ergänzungsmittel hat: Das sollte angesprochen und berücksichtigt werden.
- Progesteron bei Transfrauen: Hmja, entweder wenn eins unbedingt den weiblichen Zyklus nachempfinden möchte (also eher: alles ohne den unangenehmen Teil...) oder bei Spannungsschmerzen beim Brustwachstum. Für Verweiblichung trägt wohl nichts bei.
Insgesamt fand ich meine bisherigen Erkenntnisse bestätigt. Die ganze Hormongeschichte ist eher -hm- Handwerk mit Biochemie-Hintergrund. Es gibt keine in Stein gemeisselten Regeln oder zwingenden Notwendigkeiten, dafür recht viele persönliche körperliche Besonderheiten, für deren Berücksichtigung es Erfahrung und Bereitschaft dey Endo braucht. Die wissenschaftliche Basis besteht aus einem gewissen Grundverständnis plus diversen Studien, deren Aussagekraft aber immer im Einzelfall auf Anwendbarkeit geprüft werden muss, wegen Art, Auswahl der VP, Dauer, Nebenbedingungen, etc.pp.