MichiWell hat geschrieben: Mo 7. Mai 2018, 22:09
An lesbische Paaren nehmen die Leute nach meinem (zugegeben sehr persönlichen Erfahrungsschatz) schon seit 30 Jahren nicht mehr sonderlich Anstoss, ...
Kommt drauf an, wer "die Leute" sind. Nimmt man keinen Anstoss daran, weil Lesben in aller Regel unsichtbar sind oder weil Lesbischsein gesellschaftlich akzeptiert ist? Dann ist
dieser Vorfall sicherlich nur ein bedauerlicher Einzelfall?
Auch fallen lesbische Paare mit Kindern im Gegensatz zu schwulen Paaren mit Kindern kein bisschen auf. Mütter mit Kindern, die in Gruppen auftreten sind nun mal ganz selbstverständliche Realität.
Aber werden sie auch als lesbisches Paar gelesen oder hält man sie dann für einen Müttertreff oder - wie im Artikel geschrieben - für einen Kinderladen auf Tour oderoderoder? Wenn aber Mann und Frau mit Kindern unterwegs sind, dann geht man doch fast automatisch davon aus, dass es sich um eine Familie handelt.
Und es geht aus meiner Sicht auch nicht nur darum, ob lesbische Paare als solche erkannt werden, sondern beispielsweise auch um "lesbische Infrastruktur". Am Sonntag war ja der Spaziergang durch den historischen Regenbogenkiez (der mal wieder sehr gelungen war) wo auch gesagt wurde, dass es in Berlin nur noch drei (in Buchstaben d-r-e-i) Kneipen/Szeneclubs für lesbisches Publikum geben soll.
Hier wird sogar geschrieben, dass es seit 2016 gar keine lesbische Bar mehr gibt. Im Gegensatz dazu kann man schwule Clubs wahrscheinlich kaum zählen. Auch wenn in der Werbung Homosexualität auftaucht, dann ist das in aller Regel männliche Homosexualität.
Mir erscheint es eher wie ein Luxusproblem, denn wenn ich mal von uns ausgehe, so wollen die meisten von uns doch genau diese Selbstverständlichkeit leben, und nicht ständig ein: "Oh ... sie sind trans* ..." hören.
Es geht - wie schon geschrieben - überhaupt nicht darum, ständig darauf angesprochen zu werden, ob man lesbisch, trans' oderoderoder ist oder rauszukriegen, ob jetzt die beiden Frauen, die vor mir laufen, lesbisch sind oder nicht. Das halte ich für viel zu kurz gegriffen, ebenso das als Luxusproblem abzutun. Es geht um Wahrnehmung, sicherlich, aber in einem viel weiteren Sinne. Stephanie Kuhnen schreibt in dem von Anne-Mette genannten Buch "Lesben raus" beispielsweise, dass in einer Podiumsdiskussion zum Thema "Homosexualität in der Literatur" ausschließlich männliche Experten zu Wort kommen. Da kann man sich schnell ausrechnen, in welche Richtung die Diskussion gehen wird. Auch das ist Marginalisierung und Unsichtbarkeit lesbischer Lebensrealitäten.
Ich war kürzlich bei einer Podiumsdiskussion, wo es in erster Linie darum ging, wie queere Belange in der Kulturarbeit (hier Museen) angemessen, aber auch nachhaltig berücksichtigt und sichtbar gemacht werden können. Ich habe mich zu Wort gemeldet und gesagt, dass Kultureinrichtungen, z. B. mit der Wahl der Programme, Ausstellungen usw. sicherlich unterstützend für Sichtbarkeit sorgen können, die Sichtbarkeit aber in erster Linie aus den Leuten selbst heraus kommen muss, indem sie immer und überall Präsenz zeigen. Das fängt schon mit Kleinigkeiten an, z. B. gehe ich mit meiner Frau grundsätzlich Händchenhaltend, wenn wir unterwegs sind und wir haben auch keine Scheu, uns in der Öffentlichkeit zu küssen. Das ist das, was ich mit dem Wort "proud" umschreiben würde.
Im Zuge dessen sollte man sogar überlegen, gleich noch einen Schritt weiter zu gehen, und den Gedanken denken, dass nicht nur der Partner bzw. die Partnerin einer Mutter die Elternschaft erklären kann, sondern ob das nicht generell 2 Menschen tun dürfen sollten.
Warum nur 2 Menschen? Wenn lesbische Paare KInder großziehen, dann steht da immer auch ein Erzeuger dahinter. Manche lesbische Paare sprechen befreundete (oftmals schwule) Männer an, ob diese sich als Samenspender zur Verfügung stellen. Warum sollen da nicht alle eine "offizielle" (= rechtlich abgesicherte) Elternrolle übernehmen - natürlich nur, sofern das gewünscht wird? Oder als weiteres Beispiel polyamouröse Konstellationen, auch da ist vorstellbar, dass allen die rechtliche Elternrolle zuteil wird.