Hallo Vanessa,
danke für das interessante Thema! Es trifft sehr gut die Problematik, mit der auch ich mich täglich auseinandersetze.
VanessaL hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 08:35
die Frage ist doch wozu wir ein Geschlecht brauchen. Es ist zum Einordnen und Kategorisieren - zum schnellen Verarbeiten von Informationen. Leider bleibt es nicht dabei und es finden gleichzeitig Bewertungen und Wertungen statt. Z.B. Mann im Frauenkleid - Schublade "Mann" Wertung: lächerlich oder: steht ihm gut.
Leider wird diese Frage vom überwiegenden Teil der Gesellschaft nicht gestellt. Wir existieren nicht im leeren Raum, sind keine isolierten Soziopathen und wollen vermutlich auch nicht so leben. Also hilft alles nichts und wir müssen uns der Gesellschaft mit ihren gewachsenen Ansichten und letztlich ihrem Urteil stellen.
Ich hatte an anderer Stelle schon mal meine Beobachtungen geschildert, mit welchen Methoden und Strategien auf nicht so positive Reaktionen der Umwelt reagiert wird. Aber letztlich ist es egal, wie andere Transmenschen damit umgehen, weil jede_r den eigenen Weg finden muss. Menschen wie Joe kann ich zwar bewundern, aber es wäre keine "Lösung" für mich. Ich habe weder seine Kraft noch kann ich seine Ansichten für mich konsequent umsetzen. Da bin ich anders gestrickt, was mich viel Zeit, Geduld und Nerven kostet.
Vicky-Rose schreibt mir mit vielem aus dem Herzen:
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 07:32
Natürlich definiere ich mich selber und möchte das auch ausstrahlen. Und es macht mich glücklich, wenn das durch andere auch bestätigt wird. Aber wehe, es kommt eine Rückmeldung von anderen, man wäre nur ein verkleideter Mann. Dann fühle ich mich schlecht, weil ich spüre, dass Anspruch und Wirklichkeit auseinander klaffen.
Danke für die Ehrlichkeit! Das erinnert mich an einige - zum Glück wenige - Vorkommnisse aus meinen ersten Monaten, in denen ich begann, ausschließlich als Frau unterwegs zu sein.
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 09:07
Der Unterschied liegt darin, dass im ersten Fall ich mich ständig kontrollieren muss, im zweiten Fall bin ich authentisch. Da macht es auch nichts, wenn ein Bartschatten zu sehen ist.
Dem stimme ich grundsätzlich zu, doch ungeachtet eines m.E. selbstbewussten Auftretens hab ich leider andere Erfahrungen gemacht:
Wenn am Nachmittag über der Oberlippe die nachgewachsenen drei Haare ihre Zehntelmillimeter gegen das Make-up stemmten, bildete sich ein winziger Schatten, der ungeachtet seiner Kleinheit mein Gesamtbild schrottete. Da war es vollkommen egal, wie sehr ich mich selbst weiblich fühlte und entsprechend (dezent) fraulich gekleidet und geschminkt war. Die genaueren Beobachter_innen nahmen mich sehr offensichtlich als Mann wahr und einige konnten sich ihre Häme nicht verkneifen, das auch lauthals kundzutun. Ob das nun die übellaunige Kassiererin im Supermarkt oder der breitgrinsende ausländische Verkäufer in der Boutique war. Die Anrede als "Herr" traf mich jedes Mal wie ein Holzhammer. Ich bin nun wahrlich nicht auf den Mund gefallen, aber in diesen Momenten war ich schwach, verzweifelt, am Ende, wollte nur noch raus, mich in eine Ecke verziehen und heulen.
Es ist für mich das größte Glück, als "Vollzeitfrau" zu leben. Aber nach solchen Situationen wurde mir doch das Ausmaß bewusst, was es bedeutet, keine Alternative, keine Rückzugsmöglichkeit mehr zu haben. Ist der
Kerl erstmal auch äußerlich abgeschafft, dann gibt es keinen "Männermodus" mehr, höchstens noch einen "schlechten" Frauenmodus. Wie eine Besessene hab ich an mir gearbeitet, bis ich diesen bösen Bartschatten auch nach über 12 Stunden nach der Rasur unsichtbar machen konnte. Endlich ist Ruhe eingekehrt. Niemand hat mich seitdem jemals wieder als "Herr" angesprochen. Das war eine der härtesten Proben, die ich durch die enorme Umstellung von der TZF auf 24 Stunden bestehen musste. Aber es war letztlich eine Existenzfrage für mich. Ich bin nicht so stark, solche Vorkommnisse einfach wegzustecken. An einer Episode hatte ich wochenlang zu knabbern - und dann kam die nächste. So hätte es niemals weitergehen können.
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 09:07
Passing bedeutet für mich sich verkleiden, verstecken. Das geht bis zur kompletten Täuschung der Welt über mein biologisches Geschlecht. Aber ich will ja niemanden täuschen, sondern mich so präsentieren, wie ich mich fühle.
Das Wort
Passing finde ich auch schlimm, genau aus den o.g. Gründen. Ich will authentisch sein, was ich als Mann niemals war. Dass mir das gelingt, beweisen mir die Menschen, denen ich begegne, ob nun Kolleg_innen auf Arbeit, Leute in Behörden, Nahverkehrsmitteln, Geschäften oder Ärzte. Ich kann damit leben, dass ich als "besondere Frau" oder "Frau, die mal ein Mann war" erkannt werde, aber keinesfalls als "verkleideter Mann". Und um Letzteres auszuschließen, muss die "Kugel der Wahrnehmung" eben auf die weibliche Seite des Berges rollen (dazu gab es hier einen schönen Beitrag, den ich nicht mehr finde).
Das Selbstbewusstsein liefert das Fundament, um überhaupt erstmal authentisch sein zu können. Die äußere Darstellung rundet dann ab, um ein in sich schlüssiges Gesamtbild der Persönlichkeit rüberzubringen. So grundlegend Ersteres ist, so wichtig ist auch Letzteres. Das Eine geht - für
mich - nicht ohne das Andere.
Der Titel des Threads ist deshalb nach meiner Auffassung
wörtlich genommen falsch, denn das würde die geschlechtliche Fremdbestimmung bedeuten. Niemand soll sich seine Identität vorschreiben lassen!
Soziologisch und philosophisch betrachtet spiegeln die Worte wider, dass im gesellschaftlichen Rahmen jeder Mensch als Summe aller Spiegelungen seiner Umwelt erscheint, die auf ihn zurückwirken. Doch dafür ist es entscheidend, wie sehr es gelingt, die Individualität und vor allem Identität nach außen hin zu übermitteln. Dass es dabei - bei allen Menschen und im Besonderen bei Trans* - zu mehr oder weniger großen Diskrepanzen kommt, ist ganz klar. Wenn man sich anschaut, wie viele Missverständnisse im Forum bei Gebrauch der Schriftform auftreten, liegt es auf der Hand, wie schwer allein optische Erscheinung, Mimik, Gestik (mal abgesehen von Extremen) einzuordnen sind.
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 07:32
Wenn ich eine innere Haltung einnehme, eine Frau zu sein und dann in die Welt gehe, werde ich im allgemeinen besser akzeptiert. Sogar wenn ich mich nicht besonders zu Recht mache (keine Perücke, kaum Make up). Zwanghaftes Passing ist mMn kontraproduktiv. Man wird immer am besten akzeptiert, wenn man das was man darstellt, auch im Inneren spürt.
Unter "zwanghaftem Passing" kann ich mir nichts vorstellen. Was bei mir jedoch zwanghaft ist, steht schon in medizinischen Beschreibungen der Diagnose "Störungen der Geschlechtsidentität": Dass nämlich ein "zwanghafter Narzissmus" damit einhergeht (die Quelle wurde hier irgendwo genannt, aber ich finde den Beitrag nicht mehr). Irgendwo muss er ja auch herkommen, der "Leidensdruck", der - wörtlich diagnostiziert - die Tür zur HET und allem anderen öffnet. Es erscheint mir völlig logisch, dass die Diskrepanz des inneren Empfindens und der äußeren Erscheinung und damit Wahrnehmung umso mehr Leiden erzeugt, je größer diese ist. Am Anfang steht die Selbstakzeptanz. Gelänge kein 100% zufriedener Blick in den Badspiegel, müsste ich mich krank melden - was ja nach medizinischer Diagnose nicht falsch wäre - und im Haus bleiben.
Doch kaum ist der erste Fuß nach draußen gesetzt, wird der Spiegel im Bad durch die Mitmenschen ersetzt, wie Vicky-Rose so treffend schreibt:
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 07:32
Ich glaube, die Rückmeldung der Akzeptanz, Du kannst es auch Spiegelung nennen, ist das, was der Satz aussagt. Es ist ja auch das, was ich suche, wenn ich raus gehe. Ich will eine Frau unter Frauen sein und kein Neutrum oder gar ein verkleideter Mann.
Das ist auch mein tägliches Bestreben! Ich will nicht "als Mann im Rock" entweder als pervers oder extravagant gelten:
Joe95 hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 08:55
Ein Mann in Frauenkleidung ist entweder extravagant oder pervers.
Das würde mich quälen und ich könnte damit nicht umgehen. Wie eingangs geschrieben, bewundere ich alle, denen es ausschließlich wichtig ist, wie sie sich selbst fühlen - unabhängig von der Außenwirkung - aber das ist nicht mein Weg und ich kann ihn nicht kopieren.
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 07:32
Die Rundungen sind echt und nicht aus Silikon und ich habe noch andere Schuhe getragen als meine Pumps.
So sehe ich das auch. Ich wollte nicht von der Männer-Maskerade in die Frauen-"Maskerade" stolpern. So lange mein Haar frisur-untauglich war, bin ich eben nur mit Hütchen rausgegangen. Einigen erschien das damals sogar als eine Art "Modepfiff", weil sie den Hintergrund nicht kannten.
Vor der HET hat es mich schon manchmal verdrossen, obenrum recht flach gewesen zu sein. Doch Ausstopfen und Sillis kamen nie in Frage. Umso glücklicher bin ich jetzt, wenn es auf natürlichem Wege vorangeht. Für mich war die Erkenntnis, dass mein gehasster unmännlicher Körper mit all seinen "Mängeln" lediglich das Resultat meiner inneren Weiblichkeit war, die ich über 40 Jahre lang verdrängte, wie eine Erlösung. Heute genieße ich es, in engen Klamotten zu zeigen, was ich bin - und kann endlich dazu stehen. Das gehört bei mir auch zur "gelebten Authentizität".
LG
Semele
