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mein Geschlecht beginnt in Deinem Kopf

Verfasst: Mi 2. Mai 2018, 23:28
von ExuserIn-2019-12-18
Hallo,

der Titelsatz lässt mich seit dem Wochenende nicht mehr los. Er definiert mein Geschlecht im Kopf .... aber nicht in meknem, sondern in den vielen Köpfen der Menschen, die mich sehen, die mir begenen. Das ist für mich eine neue Perspektive und stellt gleichzeitig die Frage, was macht mich in den Köpfen der anderen zu dem was ich bin?
Ich selber betrachte mich schon einige Zeit nicht mehr als Mann. Neutral wäre eine Bezeichnung die passt, aber auch immer wieder und vermehrt findecich den Begriff Frau passend. Aber was ist denn das überhaupt? Während lange Zeit und vermutlich noch immer Kleidung und Schminke notwendig waren, eine Frau darzustellen, kreisen meine Gedanken jetzt oft auch um das Innere .... meine Gefühle, Gesten, Verhalten ... ist das weiblich? Muss ich mich verändern, um wekblich zu sein oder bin ich das dem Grunde nach schon lange? Ich merke immer öfter, dass ich die Ansprache der Menschen mir gegenüber als "falsch" empfinde .... "der Mann" ist doch eine Frau ... seht Ihr das denn nicht?
Was muss ich tun, dass Ihr mich so seht, wie ich mich fühle? Äußerlich und Innerlich ... und so, dass ich nicht meine Abbild spiele - sondern mein ICH lebe ...
denn mein Geschlecht beginnt in Deinem Kopf ...

Liebe Grüße
VanessaL

Re: mein Geschlecht beginnt in Deinem Kopf

Verfasst: Do 3. Mai 2018, 00:05
von heike65
sei du wie du dich fühlst, wenn du mit dem arsch wackeln willst dann mach es, wenn du ne weibliche stimme haben möchtest dann üb es, ansonsten sei einfach du selbst

Re: mein Geschlecht beginnt in Deinem Kopf

Verfasst: Do 3. Mai 2018, 07:12
von ExuserIn-2019-12-18
Hallo ...

nein, genau das ist nicht die These *.
Das Geschlecht beginnt eben nicht in meinem Kopf ... sondern in den Köpfen der Anderen!
Es gibt Menschen, die können in die Seele des abderen schauen und sehen mehr als Andere ..
Ich bin Ich und sehe mich so, wie ich bin von innen und manchmal im Spiegel von Außen - aber due Definition meines Geschlechts machen die anderen ... siehe Geburtsurkunde ...
Sie sagen ich bin Mann oder Frau oder einfach schräg .... und ich brauche das ganze Weiberding nicht nur für meine Seel sondern auch für die Anerkennung in den Köpfen der anderen .... sie müssen mein Geschlecht erkennen, damit ich gesellschaftlich als Frau leben kann .... ob ich das Geschlecht überhaupt für mich selber brauche ist natürlich auch eine gute Frage. Ich werde darüber nachdenken ...

Liebe Grüße
VanessaL

Liebe

Re: mein Geschlecht beginnt in Deinem Kopf

Verfasst: Do 3. Mai 2018, 07:32
von ExUserIn-2026-04-08
Hallo Vanessa,

über den Satz musste ich etwas nachdenken und -spüren. Danke für die neuen Impulse.

Ich denke schon, dass an ihm etwas dran ist. Natürlich definiere ich mich selber und möchte das auch ausstrahlen. Und es macht mich glücklich, wenn das durch andere auch bestätigt wird. Aber wehe, es kommt eine Rückmeldung von anderen, man wäre nur ein verkleideter Mann. Dann fühle ich mich schlecht, weil ich spüre, dass Anspruch und Wirklichkeit auseinander klaffen.

Aber welchen Anspruch habe ich denn, wenn ich mich als "Neutrum" sehe ? Dann liegt die Vermutung nahe, das ich mich nur als Frau "verkleide" und es auch ausstrahle. Es ist gewollt und nicht authentisch. Ist es nicht seltsam ? Wenn ich eine innere Haltung einnehme, eine Frau zu sein und dann in die Welt gehe, werde ich im allgemeinen besser akzeptiert. Sogar wenn ich mich nicht besonders zu Recht mache (keine Perücke, kaum Make up). Zwanghaftes Passing ist mMn kontraproduktiv. Man wird immer am besten akzeptiert, wenn man das was man darstellt, auch im Inneren spürt.

Ich glaube, die Rückmeldung der Akzeptanz, Du kannst es auch Spiegelung nennen, ist das, was der Satz aussagt. Es ist ja auch das, was ich suche, wenn ich raus gehe. Ich will eine Frau unter Frauen sein und kein Neutrum oder gar ein verkleideter Mann.

Edit: Noch ein Nachtrag: Wenn ich die Frau im Inneren spüre, mache ich mir übrigens auch weniger Gedanken darum, wie ich aussehe. Ich bin einfach Frau. Im besten Fall ist dann nichts besonderes mehr, en femme zu sein. Die Rundungen sind echt und nicht aus Silikon und ich habe noch andere Schuhe getragen als meine Pumps. Und manchmal bin ich am Abend froh, endlich die Strumpfhose ausziehen zu können, weil sie mich nervt ...

Aber zugegeben, so "intensiv normal" ist es nicht immer.

Re: mein Geschlecht beginnt in Deinem Kopf

Verfasst: Do 3. Mai 2018, 08:11
von Joe95
VanessaL hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 07:12...
Das Geschlecht beginnt eben nicht in meinem Kopf ... sondern in den Köpfen der Anderen!...
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 07:32...Danke für die neuen Impulse....
Für mich sind das keine neuen Impulse sondern alte Ängste.
Diese ganzen Sachen wie Passing, Stealth leben und was es da noch geben mag beruhen darauf, das die Leute Angst davor haben, von anderen nicht als ihrem wirklichen Geschlecht zugehörig erkannt zu werden.
Es gab Zeiten in denen ich dachte mit diesem Körper kann ich niemals eine Frau darstellen. Mann bin ich nicht, Frau kann ich nicht sein, also was bin ich?

Erst als ich eingesehen habe dass das ja die Definition der anderen ist und absolut nicht meine sein muss konnte ich meinen Frieden finden und mich "Frau" fühlen.
Es tut mir ein wenig leid das ich nicht hübscher, femininer bin und eben keinen fraulichen Anblick biete.
Tut mir leid für euch da draussen, aber es ist euer Problem, nicht (mehr) meins.

Mein Geschlecht beginnt in meinem Kopf.

Re: mein Geschlecht beginnt in Deinem Kopf

Verfasst: Do 3. Mai 2018, 08:13
von ExuserIn-2019-12-18
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 07:32
über den Satz musste ich etwas nachdenken und -spüren. Danke für die neuen Impulse.
Hallo,

an dieser Stelle muss ich zugeben, dass diese Aussage auch nicht von mir gekommen ist, sondern von einer entfernten Bekannten am Samstag auf den Tisch kam. Und genauso wie es Dir damit geht, Vicky, so neu ist diese Perspektive auch für mich.
Ich sitze grade in der S-Bahn auf dem Weg zum Psychologen .... in männlicher Kleidung, aber nicht als Mann oder doch?. Das Wort Geschlecht ist ein Schubladenbegriff (die Diskussion gibt es ja auch grade hier im Forum) und es ist der Betrachter also der Empfänger und nicht der Sender, der diese Schubladen für sich bereit hält. In wie weit die Geschlechtsdefinition genetisch bedingt ist und/oder gesellschaftliche Prägung durch Erfahrungen und Erziehung, kann ich momentan nicht abschätzen ...
Aber natürlich brauchen wir Äußerlichkeiten, wie Gestik, Kleidung, Schmuck und Kosmetik und zu zeigen hey hier bin ich! Und je weniger ich auffalle, also je besser mein passing, desto besser habe ich in die Schublade meiner Mitmenschen gepasst. Sie haben mir, ohne viel nachzudenken, mein richtigrs Geschlecht zugeordnet .... natürlich müssen wir uns "verkleiden" .... solange bis es und egal ist, oder wir unser Äußeres dauerhaft angepasst haben. Aber vielleicht ist das ja auch gar nicht für jede von uns notwendig ... und wir können so sein, wie wir eben sind. Besondere Menschen, die in keine "normale" Schublade passen.

Liebe Grüße
VanessaL

Re: mein Geschlecht beginnt in Deinem Kopf

Verfasst: Do 3. Mai 2018, 08:35
von ExuserIn-2019-12-18
Joe95 hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 08:11 Es gab Zeiten in denen ich dachte mit diesem Körper kann ich niemals eine Frau darstellen. Mann bin ich nicht, Frau kann ich nicht sein, also was bin ich?
Hallo Joe,

die Frage ist doch wozu wir ein Geschlecht brauchen. Es ist zum Einordnen und Kategorisieren - zum schnellen Verarbeiten von Informationen. Leider bleibt es nicht dabei und es finden gleichzeitig Bewertungen und Wertungen statt. Z.B. Mann im Frauenkleid - Schublade "Mann" Wertung: lächerlich oder: steht ihm gut.
Ich denke schon, dass unsere Kategorisierung von dem Blick der Anderen wesentlich beeinflusst wird. Erst mit der Zeit lernen einige sich davon loszulösen und beginnen sie selbst zu sein. Die innere Akzeptanz mag dann da sein, aber die gesellschaftliche Anerkennung ist da sicher noch lange nicht gegeben .... Freunde und Bekannte können uns vielleicht das richte Geschlecht zuordnen ... aber andere ....?

Liebe Grüße
VanessaL

Liebe Grüße
VanessaL

Re: mein Geschlecht beginnt in Deinem Kopf

Verfasst: Do 3. Mai 2018, 08:55
von Joe95
VanessaL hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 08:35 ... aber andere ....?
Warum muss ich dafür sorgen das mein gegenüber mich irgendwo einsortieren kann?
Falls die Frage beantwortet wird kann ich es demjenigen gerne erkären, an sonsten ist es sein(ihr) Problem wie er(sie) sein(ihr) Weltbild sortiert.

Ein Mann in Frauenkleidung ist entweder extravagant oder pervers.
Das richtet sich nach seiner gesellschaftlichen Stellung, nach seinem Einfluss.
Wie erkenne ich diese Stellung wenn ich garnichts über ihn weiß?
Ein perverser steht schüchtern mit gesenktem Blick am Rand, ein extravaganter im Mittelpunkt und schaut dir mit festem Blick in die Augen.

Eine Erfahrung, die ich vor vielen Jahren als "Mann im Rock" schon gemacht habe, ein wenig selbstbewusst auftreten und du wirst sehr zuvorkommend behandelt, da man dich nicht einschätzen kann.
Funktioniert im Laden genau so gut wie bei Behörden oder auf der Strasse.

Re: mein Geschlecht beginnt in Deinem Kopf

Verfasst: Do 3. Mai 2018, 09:07
von ExUserIn-2026-04-08
Hi VanessaL,
In wie weit die Geschlechtsdefinition genetisch bedingt ist und/oder gesellschaftliche Prägung durch Erfahrungen und Erziehung, kann ich momentan nicht abschätzen ...
Ich habe mich mit der Frage auch lange herum geschlagen und bin zu keinem Ergebnis gekommen. Aber "Definition" beinhaltet auch schon wieder eine von Menschen gemachte Kategorisierung. Auch "Geschlecht" kann man als Kategorisierung, egal ob zwei, drei oder 60 Geschlechter), verstehen. Es sind wir Menschen, die diese Einteilung verwenden. Ich bin mir nicht sicher, ob es in der übrigen Natur ein Selbstverständnis für Geschlecht gibt. Dort geht es nur um die Fragen, wer interessiert sich für mich und wer ist für mich interessant, also die sexuelle Orientierung.
Und je weniger ich auffalle, also je besser mein passing, desto besser habe ich in die Schublade meiner Mitmenschen gepasst. Sie haben mir, ohne viel nachzudenken, mein richtigrs Geschlecht zugeordnet
Genau das war ja für mich der generelle Unterschied. Passing bedeutet für mich sich verkleiden, verstecken. Das geht bis zur kompletten Täuschung der Welt über mein biologisches Geschlecht. Aber ich will ja niemanden täuschen, sondern mich so präsentieren, wie ich mich fühle. Der Unterschied liegt darin, dass im ersten Fall ich mich ständig kontrollieren muss, im zweiten Fall bin ich authentisch. Da macht es auch nichts, wenn ein Bartschatten zu sehen ist.
Besondere Menschen, die in keine "normale" Schublade passen.
Eher normale Menschen, die keine besondere Schublade brauchen ?

Ich möchte nichts besonderes sein, sondern einfach nur mir gemäß leben. Es sind die anderen, die die Schubladen bereit halten. Und ich gehe darauf ein und passe meine Äußerlichkeiten an, um verstanden zu werden. Wie Du schon schreibst, der Empfänger bestimmt die Botschaft. Insofern passe ich mein Geschlechtsverständnis an das an, was in anderen Köpfen steckt.

Wie würde ich über mich denken, wenn ich alleine auf einer Insel leben würde ? Wäre die Kategorie "Geschlecht" noch von Relevanz ?

Gäbe es einen Unterschied, wenn ich dort mit einer Frau oder einem Mann leben würde ?

Welche Rolle spielt Geschlecht tatsächlich in unserer Gesellschaft ? Und warum ?

Re: mein Geschlecht beginnt in Deinem Kopf

Verfasst: Do 3. Mai 2018, 09:53
von Joe95
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 09:07...
Ich möchte nichts besonderes sein, sondern einfach nur mir gemäß leben...
Das wäre das Ergebnis einer Entwicklung, deren Anfänge wir gerade erleben.
Wie würde ich über mich denken, wenn ich alleine auf einer Insel leben würde ? Wäre die Kategorie "Geschlecht" noch von Relevanz ?

Gäbe es einen Unterschied, wenn ich dort mit einer Frau oder einem Mann leben würde ?

Den Unterschied gäbe es dann, wenn du darüber nachdenkst.
Welche Rolle spielt Geschlecht tatsächlich in unserer Gesellschaft ? Und warum ?
Es geht nur um Ängste und Zugehörigkeit.
Die Welt ist um so gefährlicher, je kleiner die Gruppe ist zu der du gehörst.

Bist du ein Mann oder eine Frau und glaubst das es nur zwei Geschlechter gibt gehörst du automatisch einer Gruppe an, die ungefähr aus der halben Weltbevölkerung besteht.
Je ängstlicher und unsicherer du bist um so mehr wirst du nun diese, deine Gruppe verteidigen.
Deshalb siehst du Ts als eine Art Verräter und Enby als geistig verwirrte an.

Ausserdem muss ein Mann tun was ein Mann nun mal tun muss, oder wie Jürgen v.d. Lippe schon sang: "Die Füsse im Feuer, die Haare im Wind, wie wir Männer so sind".

Re: mein Geschlecht beginnt in Deinem Kopf

Verfasst: Do 3. Mai 2018, 10:46
von ExuserIn-2019-12-18
Hallo noch mal ....

im Grunde sind wir uns doch alle einig, dass es DAS Geschlecht nun mal gar nicht gibt .... oder?
Es ist eine Schubladenbeschriftung - eine Art Oberbegriff, der dem Inhalt aber nicht genügen kann!
Und dennoch ist es ein tief verankertes Verhaltensmuster, alles was nicht gleich in eine Schublade passt als "potentiale Gefahr" zu sehen .... dem kann sich keiner wirklich entziehen. Und so ist es nur verständlich, dass man nicht nur den Angleich von seinem Inneren zu seinem Äußeren sucht, sondern auch von Anderen anerkannt werden möchte ... dazu müssen die Ihre Schubladensysteme aufräumen oder wir uns anpassen .... aber ersteres ist der Weg, an dem ich sicher auch als Frau mit männlicher Vergangenheit mich dauerhaft wohlfühlen kann .... alle meine "Markel" zu verbergen wird mit zumindest nicht gelingen ...
Bleibt nur Aufklärung in den Köpfen der Anderen ....

Liebe Grüße und riesigen Dank für die Diskussion
VanessaL

Re: mein Geschlecht beginnt in Deinem Kopf

Verfasst: Do 3. Mai 2018, 11:03
von ExuserIn-2018-07-15
Hallo Vanessa,

danke für das interessante Thema! Es trifft sehr gut die Problematik, mit der auch ich mich täglich auseinandersetze.

VanessaL hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 08:35 die Frage ist doch wozu wir ein Geschlecht brauchen. Es ist zum Einordnen und Kategorisieren - zum schnellen Verarbeiten von Informationen. Leider bleibt es nicht dabei und es finden gleichzeitig Bewertungen und Wertungen statt. Z.B. Mann im Frauenkleid - Schublade "Mann" Wertung: lächerlich oder: steht ihm gut.
Leider wird diese Frage vom überwiegenden Teil der Gesellschaft nicht gestellt. Wir existieren nicht im leeren Raum, sind keine isolierten Soziopathen und wollen vermutlich auch nicht so leben. Also hilft alles nichts und wir müssen uns der Gesellschaft mit ihren gewachsenen Ansichten und letztlich ihrem Urteil stellen.
Ich hatte an anderer Stelle schon mal meine Beobachtungen geschildert, mit welchen Methoden und Strategien auf nicht so positive Reaktionen der Umwelt reagiert wird. Aber letztlich ist es egal, wie andere Transmenschen damit umgehen, weil jede_r den eigenen Weg finden muss. Menschen wie Joe kann ich zwar bewundern, aber es wäre keine "Lösung" für mich. Ich habe weder seine Kraft noch kann ich seine Ansichten für mich konsequent umsetzen. Da bin ich anders gestrickt, was mich viel Zeit, Geduld und Nerven kostet.

Vicky-Rose schreibt mir mit vielem aus dem Herzen:
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 07:32 Natürlich definiere ich mich selber und möchte das auch ausstrahlen. Und es macht mich glücklich, wenn das durch andere auch bestätigt wird. Aber wehe, es kommt eine Rückmeldung von anderen, man wäre nur ein verkleideter Mann. Dann fühle ich mich schlecht, weil ich spüre, dass Anspruch und Wirklichkeit auseinander klaffen.
Danke für die Ehrlichkeit! Das erinnert mich an einige - zum Glück wenige - Vorkommnisse aus meinen ersten Monaten, in denen ich begann, ausschließlich als Frau unterwegs zu sein.
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 09:07 Der Unterschied liegt darin, dass im ersten Fall ich mich ständig kontrollieren muss, im zweiten Fall bin ich authentisch. Da macht es auch nichts, wenn ein Bartschatten zu sehen ist.
Dem stimme ich grundsätzlich zu, doch ungeachtet eines m.E. selbstbewussten Auftretens hab ich leider andere Erfahrungen gemacht:
Wenn am Nachmittag über der Oberlippe die nachgewachsenen drei Haare ihre Zehntelmillimeter gegen das Make-up stemmten, bildete sich ein winziger Schatten, der ungeachtet seiner Kleinheit mein Gesamtbild schrottete. Da war es vollkommen egal, wie sehr ich mich selbst weiblich fühlte und entsprechend (dezent) fraulich gekleidet und geschminkt war. Die genaueren Beobachter_innen nahmen mich sehr offensichtlich als Mann wahr und einige konnten sich ihre Häme nicht verkneifen, das auch lauthals kundzutun. Ob das nun die übellaunige Kassiererin im Supermarkt oder der breitgrinsende ausländische Verkäufer in der Boutique war. Die Anrede als "Herr" traf mich jedes Mal wie ein Holzhammer. Ich bin nun wahrlich nicht auf den Mund gefallen, aber in diesen Momenten war ich schwach, verzweifelt, am Ende, wollte nur noch raus, mich in eine Ecke verziehen und heulen.

Es ist für mich das größte Glück, als "Vollzeitfrau" zu leben. Aber nach solchen Situationen wurde mir doch das Ausmaß bewusst, was es bedeutet, keine Alternative, keine Rückzugsmöglichkeit mehr zu haben. Ist der Kerl erstmal auch äußerlich abgeschafft, dann gibt es keinen "Männermodus" mehr, höchstens noch einen "schlechten" Frauenmodus. Wie eine Besessene hab ich an mir gearbeitet, bis ich diesen bösen Bartschatten auch nach über 12 Stunden nach der Rasur unsichtbar machen konnte. Endlich ist Ruhe eingekehrt. Niemand hat mich seitdem jemals wieder als "Herr" angesprochen. Das war eine der härtesten Proben, die ich durch die enorme Umstellung von der TZF auf 24 Stunden bestehen musste. Aber es war letztlich eine Existenzfrage für mich. Ich bin nicht so stark, solche Vorkommnisse einfach wegzustecken. An einer Episode hatte ich wochenlang zu knabbern - und dann kam die nächste. So hätte es niemals weitergehen können.
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 09:07 Passing bedeutet für mich sich verkleiden, verstecken. Das geht bis zur kompletten Täuschung der Welt über mein biologisches Geschlecht. Aber ich will ja niemanden täuschen, sondern mich so präsentieren, wie ich mich fühle.
Das Wort Passing finde ich auch schlimm, genau aus den o.g. Gründen. Ich will authentisch sein, was ich als Mann niemals war. Dass mir das gelingt, beweisen mir die Menschen, denen ich begegne, ob nun Kolleg_innen auf Arbeit, Leute in Behörden, Nahverkehrsmitteln, Geschäften oder Ärzte. Ich kann damit leben, dass ich als "besondere Frau" oder "Frau, die mal ein Mann war" erkannt werde, aber keinesfalls als "verkleideter Mann". Und um Letzteres auszuschließen, muss die "Kugel der Wahrnehmung" eben auf die weibliche Seite des Berges rollen (dazu gab es hier einen schönen Beitrag, den ich nicht mehr finde).
Das Selbstbewusstsein liefert das Fundament, um überhaupt erstmal authentisch sein zu können. Die äußere Darstellung rundet dann ab, um ein in sich schlüssiges Gesamtbild der Persönlichkeit rüberzubringen. So grundlegend Ersteres ist, so wichtig ist auch Letzteres. Das Eine geht - für mich - nicht ohne das Andere.

Der Titel des Threads ist deshalb nach meiner Auffassung wörtlich genommen falsch, denn das würde die geschlechtliche Fremdbestimmung bedeuten. Niemand soll sich seine Identität vorschreiben lassen!
Soziologisch und philosophisch betrachtet spiegeln die Worte wider, dass im gesellschaftlichen Rahmen jeder Mensch als Summe aller Spiegelungen seiner Umwelt erscheint, die auf ihn zurückwirken. Doch dafür ist es entscheidend, wie sehr es gelingt, die Individualität und vor allem Identität nach außen hin zu übermitteln. Dass es dabei - bei allen Menschen und im Besonderen bei Trans* - zu mehr oder weniger großen Diskrepanzen kommt, ist ganz klar. Wenn man sich anschaut, wie viele Missverständnisse im Forum bei Gebrauch der Schriftform auftreten, liegt es auf der Hand, wie schwer allein optische Erscheinung, Mimik, Gestik (mal abgesehen von Extremen) einzuordnen sind.
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 07:32 Wenn ich eine innere Haltung einnehme, eine Frau zu sein und dann in die Welt gehe, werde ich im allgemeinen besser akzeptiert. Sogar wenn ich mich nicht besonders zu Recht mache (keine Perücke, kaum Make up). Zwanghaftes Passing ist mMn kontraproduktiv. Man wird immer am besten akzeptiert, wenn man das was man darstellt, auch im Inneren spürt.
Unter "zwanghaftem Passing" kann ich mir nichts vorstellen. Was bei mir jedoch zwanghaft ist, steht schon in medizinischen Beschreibungen der Diagnose "Störungen der Geschlechtsidentität": Dass nämlich ein "zwanghafter Narzissmus" damit einhergeht (die Quelle wurde hier irgendwo genannt, aber ich finde den Beitrag nicht mehr). Irgendwo muss er ja auch herkommen, der "Leidensdruck", der - wörtlich diagnostiziert - die Tür zur HET und allem anderen öffnet. Es erscheint mir völlig logisch, dass die Diskrepanz des inneren Empfindens und der äußeren Erscheinung und damit Wahrnehmung umso mehr Leiden erzeugt, je größer diese ist. Am Anfang steht die Selbstakzeptanz. Gelänge kein 100% zufriedener Blick in den Badspiegel, müsste ich mich krank melden - was ja nach medizinischer Diagnose nicht falsch wäre - und im Haus bleiben.
Doch kaum ist der erste Fuß nach draußen gesetzt, wird der Spiegel im Bad durch die Mitmenschen ersetzt, wie Vicky-Rose so treffend schreibt:
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 07:32 Ich glaube, die Rückmeldung der Akzeptanz, Du kannst es auch Spiegelung nennen, ist das, was der Satz aussagt. Es ist ja auch das, was ich suche, wenn ich raus gehe. Ich will eine Frau unter Frauen sein und kein Neutrum oder gar ein verkleideter Mann.
Das ist auch mein tägliches Bestreben! Ich will nicht "als Mann im Rock" entweder als pervers oder extravagant gelten:
Joe95 hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 08:55 Ein Mann in Frauenkleidung ist entweder extravagant oder pervers.
Das würde mich quälen und ich könnte damit nicht umgehen. Wie eingangs geschrieben, bewundere ich alle, denen es ausschließlich wichtig ist, wie sie sich selbst fühlen - unabhängig von der Außenwirkung - aber das ist nicht mein Weg und ich kann ihn nicht kopieren.
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 07:32 Die Rundungen sind echt und nicht aus Silikon und ich habe noch andere Schuhe getragen als meine Pumps.
So sehe ich das auch. Ich wollte nicht von der Männer-Maskerade in die Frauen-"Maskerade" stolpern. So lange mein Haar frisur-untauglich war, bin ich eben nur mit Hütchen rausgegangen. Einigen erschien das damals sogar als eine Art "Modepfiff", weil sie den Hintergrund nicht kannten.
Vor der HET hat es mich schon manchmal verdrossen, obenrum recht flach gewesen zu sein. Doch Ausstopfen und Sillis kamen nie in Frage. Umso glücklicher bin ich jetzt, wenn es auf natürlichem Wege vorangeht. Für mich war die Erkenntnis, dass mein gehasster unmännlicher Körper mit all seinen "Mängeln" lediglich das Resultat meiner inneren Weiblichkeit war, die ich über 40 Jahre lang verdrängte, wie eine Erlösung. Heute genieße ich es, in engen Klamotten zu zeigen, was ich bin - und kann endlich dazu stehen. Das gehört bei mir auch zur "gelebten Authentizität".

LG
Semele (so)

Re: mein Geschlecht beginnt in Deinem Kopf

Verfasst: Do 3. Mai 2018, 11:04
von Drachenfrau
[
Joe95 hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 08:11 Erst als ich eingesehen habe dass das ja die Definition der anderen ist und absolut nicht meine sein muss konnte ich meinen Frieden finden und mich "Frau" fühlen.
"¦"¦"¦"¦"¦"¦"¦"¦..
Tut mir leid für euch da draussen, aber es ist euer Problem, nicht (mehr) meins.
Joe95 hat geschrieben: Do 3. Mai 2018, 08:55 Warum muss ich dafür sorgen das mein gegenüber mich irgendwo einsortieren kann?
Hallo Joe,
genau so sieht es aus!



Hallo zusammen,

die Geschichte über uns beginnt im Kopf der anderen.
Sie sagen:
Was für eine tolle Frau!
Was für eine fette Kuh!

Der eine mag Rubensfrauen — der andere mehr "Hungerhaken" — doch sie sprechen über dieselbe Frau.

Man könnte jetzt lapidar sagen: Geschmackssache — ja auch.

Der Punkt ist, wir betrachten andere Menschen durch unsere jeweils mehr oder weniger individuellen Filter:
gemachte Erfahrungen — je nachdem spielen mal mehr die guten und mal mehr die schlechten in der Wahrnehmung anderer eine Rolle
Vorlieben
Konditionierungen
Wünsche
Erwartungen
Emotionen (Aggression, Wut, Ärger ganz besonders)
Hoffnungen
Enttäuschungen

Wir haben nichts mit dem Wahrnehmungsfilter eines anderen Menschen zu tun, das sind rein die Assoziationen der anderen wie sie über uns denken, was sie uns in ihre vorgefertigten Schubladen einsortieren lässt.
Sie stellen Vermutungen an, bewerten, beurteilen — verurteilen — ohne sich je mit diesem Menschen auseinander gesetzt zu haben, mal gesprochen und hinterfragt zu haben.

Sobald wir anfangen, uns mit diesen Geschichten und Gedanken der anderen über uns identifizieren zu wollen, beginnen wir zu leiden, denn wir begeben uns damit in fremde Hände, hören auf eigenständig/eigen verantwortlich zu existieren und werden abhängig von dem Wohlwollen der anderen — was ein sehr launenhaftes, zickiges, unberechenbares Wesen sein kann.
Danke nein, das Spiel habe ich lange genug mitgespielt, um verstanden zu haben, dass das nicht funktioniert. Was funktioniert ist: sich zu lieben, wie man ist und "einfach" zu leben.
Wir können uns selbst-bewusst sein und dies nach außen strahlen.
Das, was wir von uns im Inneren kennen nach außen von alleine wirken zu lassen.

Lasst es euch gut ergehen und lebt, erlebt euch selbst - frei von Gedanken an die anderen.

Viele liebe Grüße,
Ulla

Re: mein Geschlecht beginnt in Deinem Kopf

Verfasst: Do 3. Mai 2018, 11:15
von Anja
Hallo Vanessa,

so wie ich das sehe, vollzieht sich bei dir gerade ein Blickwandel von außen nach innen.
In meiner CD-Phase war es mir auch unheimlich wichtig, das ich möglichst weiblich aussehe. Aber das gibt einem doch keine Garantie, wie andere einen einordnen. Irgendwann begreift man, das es doch viel wichtiger ist, wie man sich selbst einordnet und der Blick wandert mehr und mehr nach innen.
Ich lebe nun seit zwei Jahren als Frau und mache mir über die Gedanken anderer (Fremder) keine Gedanken mehr. Warum sollte mir auch wichtig sein, was Fremde von mir denken? Die die mich kennen, wissen wo sie mich einordnen müssen. Und bei denen, die mich nicht kennen, ist es mir egal. Aber um an diesen Punkt zu kommen, hat es bei mir auch gedauert.
Alles, was ich tue, tue ich, damit ich mich in meiner Haut wohl fühle, damit mir möglichst gefällt, was ich im Spiegel sehe. Und für niemanden anders.
Wenn ich einen kurzen Rock tragen will, weil es warm ist, dann mache ich das. Da zerbreche ich mir nicht den Kopf, ob jemand Fremdes das für unangemessen hält oder nicht. In die Köpfe kann man eh nicht reingucken. Und selbst wenn man sie fragen würde, wie sie einen sehen, weiß man ja nicht, ob sie einem die Wahrheit sagen...? Vielleicht sagen sie einem dann nur, was man gerne hören möchte?
Es lohnt nicht, darüber nachzudenken.
Irgendwann bist du an dem Punkt, wo die Definition der Umwelt vollkommen unwichtig wird, weil du nur noch auf deinen Bauch hörst und dich selbst definierst. Selbst der Spiegel ist dann chancenlos...

Eine Ausnahme stellen in meinen Augen Kinder dar. Sie äußern sich auch ungefragt, authentisch und nehmen kein Blatt vor den Mund.
Mir sagte mal ein Kind in der Kita (als ich meins abholen wollte): "Du siehst aus wie eine Frau!" Also klar als Mann einsortiert, der aber weiblich aussieht.
Schon ein paar Monate später sagte ein 4 jähriges Mädchen auf einer Hochzeit zu mir: "Du hast eine männliche Stimme!" Also klar als Frau erkannt, die aber eine männliche Stimme hat.
Ich freute mich natürlich über dieses Kompliment, da ich bei einer 4 jährigen davon ausgehen kann, das sie sich vorher keine Gedanken darüber gemacht hat, was ich wohl gerne hören wollte.

Grüße
die Anja

Re: mein Geschlecht beginnt in Deinem Kopf

Verfasst: Do 3. Mai 2018, 11:30
von ExuserIn-2019-12-18
(fwe3) (fwe3) (fwe3)
Tolle Diskussion - vielen Dank an Alle (flow)