Seite 1 von 2

Ich versuche es mal zu beschreiben...

Verfasst: Sa 28. Apr 2018, 10:07
von ULI67
Ich sitze da, tränen im Gesicht,
Und sehe in ein dunkles Loch.
Als Mann geboren, nur bin ich's nicht,
Lebe ich so weiter oder ändere ich es doch?

Mein Leben lang mich selbst belogen,
Und gespielt was ich nicht bin.
Wurde als Mann erzogen,
Doch ich wusste dass ich anders bin.

Mich zu verraten und zum Gespött zu werden,
Die Angst davor war riesengroß.
Fand kein Sinn für mich auf Erden,
Und fügte mich in mein Los.

Wie ein Clown, geschminktes lachen,
Doch die Tränen nicht gemalt.
Immer verrückte Dinge machen,
Das mit vielen Jahren bezahlt.

Was mit mir ist, ich wusste es ja nicht,
Ich bin nur anders, das war mir klar,
Und mit der Maske über dem Gesicht,
Konnte keiner seh'n wie traurig ich eigentlich war.

Das zu verstehen, ist für mich schon schwer,
Ich habe gelernt ich bin eine Frau,
Der Wunsch dies zu leben wird immer mehr,
Und das bisherige sein ist nur noch grau.

Die Gedanken, sie kreisen in meinem Kopf.
Ich lebe viel in meiner Phantasie,
Werfe ich jetzt alles in einen Topf?
Und lebe endlich als "sie"?

Die Angst dann alles zu verlieren,
Was einem ans Herz gewachsen ist,
Veranlasst mich zu zieren,
Ach das Leben ist doch Mist.

Ich kann nicht glücklich werden,
Ohne andere zu verletzen.
Doch in mir wachsen die Beschwerden,
Halt ich's aus, nicht einzuschätzen.

Ich spüre nur, meine Kraft lässt nach.
Durch den Kampf der in mir wohnt.
Kann kaum schlafen, immer wach
Ob sich das alles lohnt?

Oder soll ich mich endlich fallen lassen,
Und Leben was ich bin?
Viele werden mich verlassen
Macht das trotzdem Sinn?

Als Frau fühle ich mich so wohl,
mein Herz geht auf.
Und als Mann, eine Hülle hohl,
Nehm ich das in Kauf?

Nun sitz ich da, vor zwei Wegen,
Jeder ist voller Schmerzen.
Welchen davon soll ich nur Leben,
Den vom Kopf oder den vom Herzen?

Geh ich den einen, gibt's kein zurück
Muss ihn wohl alleine gehen,
Finde dann da mein Glück?
Soweit kann ich nicht sehen.

Oder gehe ich den anderen weg entlang,
Der einfacher erscheint,
Bleibt mir ewig der Drang,
Und mein Herz das weint.

Kann auch niemand danach fragen
Denn die Schuhe trage ich.
Soll ich es endlich wagen?
Oder verrate ich weiterhin dann mich?

Werde ich sterben ohne gelebt zu haben?
Begrenzt ist meine Zeit auf erden.
Oder zukünftig Kleider tragen
Und nur vielleicht glücklich werden?

Re: Ich versuche es mal zu beschreiben...

Verfasst: Sa 28. Apr 2018, 10:12
von Simone 65
Ulli , danke für das Gedicht und deine Gedanken . Lebe . Liebe Grüße Simone.

🌹🌹🥀🥀🌷🌷⚘⚘ ich schenke Dir ein Strauss .

Re: Ich versuche es mal zu beschreiben...

Verfasst: Sa 28. Apr 2018, 10:17
von Michelle_Engelhardt
Liebe Uli,

ein schönes und zugleich trauriges Gedicht. Die Fragen, vor denen Du stehst kommen mir allesamt sehr bekannt vor. Kopf oder Herz, Verstand oder Gefühl....das ist hier die große Frage. Ich habe mich damals für das Gefühl entschieden und es war (für mich) die richtige Entscheidung.

Ich wünsche Dir von Herzen, das auch Du Deinen Weg findest!

Alles Liebe (ki)
Michelle

Re: Ich versuche es mal zu beschreiben...

Verfasst: Sa 28. Apr 2018, 12:57
von heike65
Ein schönes trauriges Gedicht.
Ich kenn jetzt dein Umfeld nicht, weiss somit nicht wie objektiv deine Verlustängste sind, denn diese sind es ja wohl die dich zurückschrecken.
Ich hatte auch bedenken, allerdings mehr wegen des beruflichen Umfeldes (als selbstständige Kauffrau in einer Kleinstadt).
Ich hab es mir auch lange Zeit überlegt, und den Schritt gewagt, wir haben ein paar Bekannte verloren, dafür andere hinzugewonnen, das wars.
Meine Frau liebt Heike minimum genauso wie sie Heiko geliebt hat, und unsere Tochter sucht mich in Mode und Stylingfragen auf, da ist also alles bestens.
Ich bin jedenfalls froh den Schritt gewagt zu haben, ich hoffe du findest deinen Weg, alles gute

Liebe Grüsse
Heike

Re: Ich versuche es mal zu beschreiben...

Verfasst: Sa 28. Apr 2018, 13:19
von Laila-Sarah
Hallo ULI67,

danke für diese rührenden Zeilen, ich denke du sprichst sehr vielen hier aus dem Herzen.

VlG

Re: Ich versuche es mal zu beschreiben...

Verfasst: Sa 28. Apr 2018, 13:32
von Christiane
Hallo Uli (flow)

Ganz lieben Dank für den Spiegel, in dem ich mich gerade gesehen habe.
Ich stehe gerade am Abgrund und versuche verzweifelt, wieder davon weg zu kommen.
Dank Deinem Gedicht konnte ich jetzt wieder einen großen Schritt zurücktreten - Danke! (ki) (ki)

Liebe Grüße
Christiane

Re: Ich versuche es mal zu beschreiben...

Verfasst: Sa 28. Apr 2018, 13:36
von ExuserIn-2018-05-31
Hallo ULI67
Ich denke das geht hier vielen so auch mir ,oft ist es ein hoch und runder oft nur Trauer über verpasstes Leben.
Sehe nach vorne Süsse und stecke dir Ziele.
Deine .Christiane

Re: Ich versuche es mal zu beschreiben...

Verfasst: Sa 28. Apr 2018, 16:11
von ExuserIn-2019-11-28
Uli67,
Vielen dank fuer deine gedanken. <3

Ich weine jetzt.

Re: Ich versuche es mal zu beschreiben...

Verfasst: Sa 28. Apr 2018, 16:12
von Maria-Berlin
Hallo Uli,

ein sehr schönes, nachdenkliches Gedicht.
Und einen großen Dank, dass Du Deine Gefühle auf diese außergewöhnlichen Art mit uns teilst.

Ich wünsche Dir, dass ganz schnell neue Strophen hinzukommen, die Deinen eingeschlagegen Weg beschreiben, mit dem Du glücklich bist.

Liebe Grüße und Däumchendrücken
Maria

Re: Ich versuche es mal zu beschreiben...

Verfasst: Sa 28. Apr 2018, 16:50
von Theresa
Hallo Uli,

erst einmal Respekt vor dem Gedicht. Vieles kommt mir bekannt vor. Ich hätte es nicht so toll ausdrücken können. Auch ohne Reim nicht.
Vielleicht gibt es gar kein "entweder / oder" für dich sondern eine Teilzeitlösung als Kompromiss?
Ich kenne meinen "Lösungsweg" allerdings auch nicht. Die ohnehin geringen sozialen Bindungen sind schon verloren.

Ich wünsche viel Glück bei der Entscheidungsfindung. Lasse uns daran teilhaben. Es sind offensichtlich noch andere in ähnlicher Situation hier.

Viele Grüße

Theresa

Re: Ich versuche es mal zu beschreiben...

Verfasst: Sa 28. Apr 2018, 17:09
von AnjaT
Das hast du so schön geschrieben
LG Anja

Re: Ich versuche es mal zu beschreiben...

Verfasst: Sa 28. Apr 2018, 17:32
von Lorelai74
Wow
ein Starkes Gedicht..
Sehr nachdenklich.

Ich mag mal mit der deutschen Übertragung des Gedichts von Robert Frost "The Road not taken" Antworten, soweit man Antworten kann.

In einem gelben Wald, da lief die Straße auseinander,
und ich, betrübt, daß ich, ein Wandrer bleibend, nicht
die beiden Wege gehen konnte, stand
und sah dem einen nach so weit es ging:
bis dorthin, wo er sich im Unterholz verlor.

Und schlug den andern ein, nicht minder schön als jener,
und schritt damit auf dem vielleicht, der höher galt,
denn er war grasig und er wollt begangen sein,
obgleich, was dies betraf, die dort zu gehen pflegten,
sie beide, den und jenen, gleich begangen hatten.

Und beide lagen sie an jenem Morgen gleicherweise
voll Laubes, das kein Schritt noch schwarzgetreten hatte.
Oh, für ein andermal hob ich mir jenen ersten auf!
Doch wissend, wie"™s mit Wegen ist, wie Weg zu Weg führt,
erschien mir zweifelhaft, daß ich je wiederkommen würde.

Dies alles sage ich, mit einem Ach darin, dereinst
und irgendwo nach Jahr und Jahr und Jahr:
Im Wald, da war ein Weg, der Weg lief auseinander,
und ich — ich schlug den einen ein, den weniger begangnen,
und dieses war der ganze Unterschied.



Alles Gute auf Deinem Weg.

VLG
Lorelai

Re: Ich versuche es mal zu beschreiben...

Verfasst: Sa 28. Apr 2018, 18:03
von Simone 65
Uli , gestern warst Du noch so fröhlich und heute lese ich Dein Gedicht . Was ist los ?
Liebe Grüße Simone

Re: Ich versuche es mal zu beschreiben...

Verfasst: So 29. Apr 2018, 05:50
von Bea Magdalena
Hallo Uli,

Danke, ein sehr schönes, tiefgreifendes Gedicht! Du hast vielen, auch mir aus der Seele geschrieben.

Liebe Grüsse (he) (moin)
Bea

Re: Ich versuche es mal zu beschreiben...

Verfasst: So 29. Apr 2018, 10:04
von Denies
Hallo Uli,
sehr berührend was du geschrieben hast.

Ich kann dir nur von mir sagen das ich oft über mein nicht gelebtes Leben als Frau trauere,
aber ich wusste es vor 2016 leider nicht anders, auch wenn ich mir meiner Weiblichkeit schon viel länger bewusst war, aber von TS, bzw. das Menschen im falschen Körper leben können, war mir unbekannt.

Mit dem heutigen Bewusstsein, würde ich immer den weg des Herzens gehen, verloren habe ich auch schon vor meiner Transition, wie z.B. den Kontakt zu meinen Kindern, wenn man überhaupt von verloren sprechen kann, denn im Grunde kann man nur sich selber verlieren, in dem man (sein Leben) nicht authentisch lebt.

Und wer sagt uns, das für das "verlorene" (wobei da genau hin zu sehen ist, was ist das für eine Beziehung, ist es vielleicht nur eine schöne Gewohnheit, Anhaftung oder die Angst vor neuem, das ich nicht loslassen will) nicht jemanden begegnen, der uns von Herzen bedingungslos liebt.

Lebe dein wahres Leben, sei wahrhaftig, du hast vielleicht nur das eine!

Lieben Gruß Denies