Sind Gewalttätigkeit und Gewaltfähigkeit eine Frage des Geschlechts? Ist "weiblich" das Pendant zu "schwach", "männlich" das Pendant zu "soldatisch"? Oder ist das, was als typisch männliches und weibliches (Gewalt-)Verhalten gilt, die Folge von gesellschaftlichen Regeln und Traditionen, die folglich auch veränderbar sind?
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Ich finde die Frage hoch spannend und die hat mit dem Thema mehr zu tun, als aktuelle Kriege und Krisen. Dafür kann man ja einen eigenen Fred aufmachen.
Ich denke, es ist wie mit anderen Eigenschaften auch. Gewaltfähigkeit gibt als Anlage in jedem Menschen und sie ist unterschiedlich verteilt. Die Frage ist, wie wird Gewalt definiert ? Es gibt nicht nur physische sondern auch psychische Gewalt.
Inwieweit Menschen gewalttätig werden, hängt sicher von vielen Aspekten ab. Hormone spielen sicher eine Rolle, aber auch soziales Umfeld (damit meine ich vor allen ein liebevolles oder kaltes Milieu) oder die persönliche Situation (z.B. ob sich jemand in die Ecke gedrängt fühlt oder persönliche Verletzungen erfahren hat) eine Rolle. Das Thema wird in vielen Abhandlungen und Studien bearbeitet.
Gewalt oder besser gesagt Aggression hat ja nicht nur eine negative Seite. Es hilft uns ja schon bei den einfascten Tätigkeiten, wie z.B. dem Öffnen eines Marmeladenglases.
Womit es mMn gar nichts zu tun hat, ist die Verbindung von Geschlecht zu "schwach" oder " soldatisch". Das alleine zeigt doch schon eine gesellschaftliche Verknüpfung. Das Gefühl von Schwäche kann mMn sogar ein Auslöser von Gewalt sein. Denn in der Gewalt wird scheinbar die Schwäche überwunden. Viele Attentäter dürften genau dieses Schwächegefühl gehabt haben und durch Gewalt bekommen sie die entsprechende Aufmerksamkeit. Das macht schon jedes Kleinkind so, wenn es die Eltern immer wieder so lange reizt, bis sie reagieren. Auch eine Form von Gewalt.
Man kann sicher festhalten, dass i.d.R. die Formen der Gewalt etwas mit Geschlecht zu tun haben. Physische gewalttäter sind meist Männer, während auf der psyschichen Ebene Frauen eher die Nase vorn haben. Gesellschaftliche Prägungen spielen sicher eine Rolle, aber ich würde auch die persönliche Erfahrung von Frauen, die wissen, dass sie körperlich unterlegen sind, nicht unterschätzen. Das könnte eine Prägung sein, die auch über die Generationen weiter gegeben wird. Mädchen und Frauen wird dies bereits sehr früh gelehrt.
Aber wie gesagt, allgemeine Regeln lassen sich nicht auf Einzelpersonen übertragen. Ich komme diesen Sommer leider nicht nach Dresden, um mir die Ausstellung anzuschauen. Mich würde interessieren, welche Schlussfolgerungen man aus der Beantwortung der Fragestellung zieht. Wie kann man die hinter der Gealt stehenden Aggression nutzen, ohne Schaden anzurichten ? Wie kann der Umgang miteinander friedvoller gestaltet werden. MMn hägen die verschiedenen Ebenen, Famile, soziale Gruppen bis hin zu Beziehungen von Staaten und Staatengruppen eng zusammen. Auf allen Ebenen kommen unterschiedliche Charaktere zum Tragen. Es gibt Situationen, da ist autoritäres Verhalten sinnvoll (z.B. Schiff im Sturm), aber im Miteinander sind andere Qualitäten gefragt. Nützlich sind alle. Ich fürchte jedoch, dass wir zu keinem Ergebnis kommen, wenn es darum geht, festzulegen, was gut und sinnvoll ist und was nicht. Da werden wir alleine auf Grund unserer unterschiedlichen Veranlagungen, Prägungen und Erfahrungen immer zu unterschiedlichen Ergebnissen und damit zu unterschiedlichen Verhaltensweisen, auch in Gewaltfragen, kommen.
Einen anderen Aspekt im Kontext mit Gewalt, ist für mich auch die Frage, warum einzelne Personen sogar sich selber Gewalt antun. Borderline oder Selbstmord ist sich nur ein Extrem. Aber bereits im Kleinen kennt das wahrscheinlich jeder. "Ich schaffe das nicht" oder "Ich kann das nicht" sind schon erste Vorboten, wenn das dazu dient, etwas nicht zu probieren. Die daraus resultieren Ohnmachtsgefühle führen zu Frust und die Gefahr, das sich das in einer Art Kreislauf steigert, wächst. "Ich kann mit meiner Stimme nichts ausrichten" hört man häufiger, wenn es um Wahlen geht. "Die da oben machen was sie wollen." ist der nächste Schritt. Das kann sich zur Politikverdrossenheit bis hin zu einer latenten oder akuten Gewaltbereitschaft steigern. Jüngere Menschen scheinen für physische Gewalt anfälliger zu sein, aber die Älteren sind nicht selten die Brandstifter im Hintergrund.
Noch einen Aspekt erscheint im untätigen Wegschauen zu liegen. "Biedermann und die Brandstifter" von Max Frisch ist eine Parabel auf vieles, was in unseren Leben passiert. Dieses "es wird schon nichts passieren" oder "ich halte ich da raus" führt letztlich auch dazu, dass Gewalt ausgeübt wird. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Gewaltfähigkeit und -breitschaft können auch helfen, das weniger Gewalt gegen mich ausgeübt werden. So ist zumindest die These.
Gewalt bedeutet Respektlosigkeit oder anders gesagt, wo Respektlosigkeit herrscht, ist die Gewalt, in welcher Form auch immer, nicht weit. Wer den Anderen respektiert, kann keine Gewalt ausüben. Das hat nichts mit Geschlecht zu tun. Das fängt bei jedem einzelnen an. Respektiere ich nicht mein Trans*-Dasein und kneife, sobald ich mit anderen Menschen zu tun habe, tue ich mir Gewalt an. Wer kennt nicht das Gefühl der Frustration und/oder der Selbstvorwürfe, dass man es wieder nicht geschafft hat ? Ist es nicht zum Aus-der-Haut-fahren ? Ist dieses Gefühl nicht eine Basis von Gewalt ? Wenn ein Staatschef Gegner verschwinden lässt oder einen Krieg anzettelt, ist das nicht Respektlosigkeit ? Dichtes Auffahren, Geschwindigkeitsübertrettungen in Wohngebieten, Herabstufen des Partners, sind das nicht alles Respektlosigkeiten und somit auch Gewalt ?
Ich denke, Gewalt und Respekt sind ein Gegenteilspaar, dass sich gegenseitig ausschließt. Vielleicht kann man es noch radikaler ausdrücken. Es gibt nur Gewalt oder Respekt. Etwas Drittes gibt es nicht, höchstens die Überlebensfrage. Ich töte ein Tier, damit ich nicht verhungere.