Guten Abend Simone,
du schreibst
Aber es gibt hier kein Unterschied zwischen Mann und Frau.
Vom Standpunkt einer Industriearbeiterin, in einer tarifvertraglich geregelten und gewerkschaftlich gut kontrollierten Branche, stimmt das (hoffentlich). In anderen Bereichen ist es leider ganz anders. Dabei macht es auch keinen wesentlichen Unterschied, ob es um eher niedrig oder um eigentlich eher gut bezahlte Jobs geht. Es könnte aber durchaus sein, dass im 'geregelten Mittelbau' wirklich eher weniger Unterschiede bestehen; eben in der Industrie oder bei den Beamt_innen und Angestellten im öffentl. Dienst, weil es dort eine durchgängigere Anwendung der Regularien und bessere Kontrollmechanismen gibt. Im unteren Einkommensbereich und bei AT-Angestellten ist es aber Gang und Gäbe, dass für gleiche Arbeit unterschiedlich bezahlt wird. Von diversen anderen Wirkungen, wie z.B. langsameren Beförderungen, muss man gar nicht reden, obwohl die natürlich auch zu diesem Problemkomplex gehören.
Das Thema 'Geld' betrifft z.B. die Reinigungskolonne, in der die Frauen halt die '
Reinigungskräfte' sind und der Mann den '
Teamleiter' spielen darf. Die Leute machen in der Praxis zwar alle das gleiche, nämlich putzen, aber natürlich verdient ein Teamleiter mehr als eine 'einfache' Reinigungskraft. Und selbstverständlich unterscheidet sich auch der Arbeitsvertrag eines Teamleiters minimal von dem der Reinigungskraft; schliesslich muss alles seine Ordnung haben und niemand soll sagen können, dass nach Geschlecht ungleich bezahlt wird. Das ändert aber auch nichts daran, dass für das gleiche Putzen unterschiedlich viel bezahlt wird; je nach dem, welchen Geschlechts der putzende Mensch ist.
Etwas anders ist es bei AT-Verträgen, die die Angestellten für sich selbst aushandeln. Dort wird für die gleiche Arbeit z.T. sehr deutlich unterschiedlich bezahlt. Und zwar kriegen Frauen dort im Schnitt wesentlich weniger Geld für die gleiche Arbeit als Männer. Das hört man direkt von Personaler_innen (ja, auch Frauen machen das mit Frauen; im Namen der Profitmaximierung), die diesen Mist nach dem dritten Glas Bordeaux an der Hotelbar fast stolz verbreiten. Man könnte zwar sagen, dass in diesem Fall die Frauen selbst schuld sind, weil sie ihre Arbeit zu billig verkaufen. Aber auch das ändert nichts daran, dass in der Praxis geschlechtsbezogen unterschiedlich viel bezahlt wird.
Das mögliche Argument, dass dies ja gar nicht geschlechtsbezogen sei, sondern nur am Verhandlungsgeschick oder Durchsetzungsvermögen der/des jeweiligen Angestellten liegt, zieht nämlich nicht. Solange es zur stereotypischen Erziehung von Mädchen und zu den Erwartungen an Frauen gehört, dass sie zurückhaltend, ausgleichend und nicht fordernd sind, solange ist es eine geschlechtsbezogene Ungleichbehandlung, die sich durch unterschiedliche Bezahlung ausdrückt. Daran hat sich in den letzten Jahrzehnten zwar vieles verbessert, aber so richtig gut ist es noch nicht.
Am Ende läuft es wieder darauf hinaus, dass der stereotypische Rollenquatsch über Bord geworfen gehört und alle jungen Menschen in gleicher Weise mit den Fähigkeiten und Möglichkeiten ausgestattet werden, mit denen sie sich dann so durch's Leben schlagen können, wie es ihren individuellen Eigenschaften entspricht; ganz egal, welches Geschlecht sie haben oder ob sie überhaupt eines haben.
Hab es gut
Marielle