Ich weiss von einigen hier, dass sie auch mit dem Gedanken beschäftigen oder auch auf eigene Faust Medikamente beschaffen und einnehmen. Und meines Erachtens ist, wie bei allen Dingen, die man am besten mit Wissen, Überlegung und Reflektion machen sollte, Austausch untereinander sinnvoll für alle.
Eine Bitte noch: Kommentare in Richtung "Das ist unverantwortlich", "darf man doch nicht", "ihr werdet alle sterben" sind vollkommen zwecklos. Menschen machen das, ich zum Beispiel, und ich werde das schon rein aus Trotz überleben und Infos für andere eigenverantwortliche Menschen geben, damit die das auch gut (über)leben
So. Genug Vorrede. Mein Background zur Entscheidung:
Im Oktober und November letzten Jahres wurde das Thema nicht-binär und wie drückt sich das aus, etc. bei mir ziemlich prominent. Endlich ein Name meine Ecke im Spektrum. Natürlich haben meine Liebste und ich das auch intensiv besprochen und sie geht da mit meinen Vorstellungen voll d'accord, was ich richtig toll finde.
Als Enbi ("AFAB GQ/NB" im anglo-gender-newspeak) möchte ich keine vollständige Feminisierung, sondern körperlich weniger eindeutig erscheinen. Eher mit zarten Merkmalen aller Geschlechter als ohne jedes Merkmal. Schön wäre, so denk ich mir das aktuell, wenn ich auch ohne genderspezifisch markante Klamotten uneindeutig gelesen würde. Hence auch die Bilder von Hermaphroditos gestern.
Für eine solche körperliche Veränderung gibt es meines Wissens keine Standardprozedur. Weder medizinisch, noch vom bürokratischen "Trans-Prozess" her. Mal drastisch formuliert habe ich nach diversen Anrufen bei Medizinern eher den Eindruck, dass sie entweder ohne viel Tiefgang nach Schema F - bzw. T - ihr Programm abspulen, oder gleich ganz abwinken. Psychotherapie brauch ich auch keine. Auf den Gutachtenkram, Indikation und Kassenleistungen kann ich also eher nicht setzen.
Meine Liebste und ich mögen beide Experimente und Recherche, also haben wir uns schlau gemacht über Wirkungen, Nebenwirkungen, Risiken, Gegenanzeigen, Dosierungen. Und wir haben abgesprochen, dass sie ne rote Karte als Notbremse in der Tasche hat, wenn ich ihr zu komisch werde.
Ich beschränke mich auf reines Estradiol (kein konjugiertes, das bringt wohl nix). Keine Blocker irgendwelcher Art. Das reicht auch, wie Gendertreff: Kleines 1×1 der Hormone und andere Quellen beschreiben, und vermeidet die primär Medis wie Androcur zugeschriebenen negativen Emotionen (Deprischübe) und Libidoverlust.
Die Beschaffung ist seltsamerweise sehr problemlos. Ich bin echt baff, was EU-Recht da möglich macht.
Begonnen habe ich Mitte Dezember mit Östrogel. Täglich ca. 1mg (1 Hub a' 0,75mg plus ein bisschen). Das ist ca. die Hälfte der Standard-Trans-Dosierung zu Beginn, soweit ich weiss. Angewendet jeweils abends. Wenn irgendwelche Dinge kurz nach dem eincremen auftreten, wollte ich das daheim abfeiern.
Beobachtungen: Keine dramatischen in den ersten 2 Monaten... Auf einer Urlaubswoche mit vielen Freunden Anfang Frabruar wurde mir allerdings mehrfach gesagt, ich sei viel besser drauf, mehr mit anderen in Kontakt. Die Umstände waren dieses Mal aber auch aus anderen Gründen anders, inklusive meinem neuen Selbstverständnis als nicht-binär einen eigenen Platz zu besetzen, statt zwischen den einzigen zwei Stühlen im Raum zu hängen. Nicht zu vergessen auch eine erhöhte Sensibilität auf die erwarteten Wirkungen des Östrogens. Wo da reine Psychologie endet und hormonelle Einflüsse beginnen ist wohl kaum festzustellen.
Ich selbst fühlte mich auch "durchlässiger" und das Gefühl nimmt zu. Wo ich vorher meinen "man-shield" aktiv abbauen musste, um Gefühle an mich ran zu lassen, ist er jetzt mehr unten, aber ich kann ihn einfach wieder aufbauen. Disclaimer Psychologie vs. Biochemie wie oben.
Von Februar bis jetzt habe ich dann auf Estradiol Pillen (Hemihydrat) gewechselt. 2mg täglich abends unter der Zunge zergehen lassen sollte über den Daumen die gleiche Effektivdosis sein. Es gibt da eine interessante Tabelle plus Artikel zur Blutkonzentration bei schlucken vs. Aufnahme über die Mundschleimhaut.
Bisher immer noch keine Stimmungsschwankungen, dafür sind meine Nippel noch empfindlicher als eh schon. Ich dachte nicht dass das möglich wäre... Das sie immer schon ziemlich groß waren, kann ich da keine andere Veränderung feststellen. So langsam bauen sich aber zarte Brüstchen auf. In dem Tempo wäre ich in 6 Monaten wohl auf AA bis A-Körbchen. Und die Haut ist sichtbar und fühlbar zarter, nicht nur dank der Laser-Epi, die ich parallel mache.
Libido und körperliche Funktion: Vorhanden und nicht fühlbar weniger als vorher. Dazu muss ich allerdings anmerken, dass aktiv vögeln noch nie mein Ding war. Wir haben da andere Wege und die funktionieren nach wie vor.
Also alles sachte und langsam aber deutlich auf dem Weg, den ich mir ausgesucht habe.
Die nächste Anpassung habe ich vorgestern begonnen. Statt einmal täglich 2mg jetzt morgens und abends je 1mg, um die Spitzen raus zu nehmen. Inzwischen traue ich mich nämlich auch an eventuelle emotionale Änderungen im Alltag heran.
Parallel habe ich einige schöne Resourcen im Netz gefunden. Es gibt ja haufenweise andere auf dem gleichen (Enbi)Trip überall auf der Welt. Mit deren Berichten und Fragen gleiche ich meine Beobachtungen und Verfahren auch ab.
Persönliches Fazit: Östrogenpillen sind keine Smarties, aber so richtig plötzlich dramatisch sind die Wirkungen jedenfalls in meiner Dosierung auch nicht.