sbsr hat geschrieben: Mo 19. Feb 2018, 14:22
Im ganzen war es mir zu langatmig.
Langatmig vielleicht für diejenigen, die sich nicht 100%ig angesprochen fühlen. Für Betroffene würde ich eher das Adjektiv
erschöpfend verwenden.
Der Umfang der Sendung war tatsächlich gigantisch. Insbesondere die GAOP wurde bis ins kleinste unappetitliche Detail erläutert, sodass ich diese Abschnitte überspringen musste, um nicht das Abendessen auf dem Sofa zu verteilen. Momentan bin ich pubertätsbedingt zu emotional für derartige Dinge und muss mich ganz langsam rantasten. Dazu gab die Reportage allerdings keine Gelegenheit, denn kaum hatte man sich versehen, ging es rein in den OP und zu schonungslosen ärztlichen Erläuterungen über die Vorgehensweise, denen wohl an Deutlichkeit nichts mehr hinzuzufügen war.
Wer das als CIS- oder Trans* ohne Magenentleerung in Gänze anschauen konnte, hatte die beste Bestätigung, dass die GAOP kein Spaziergang ist und folglich alle Menschen, die diesen Weg konsequent gehen, das ganz sicher nicht aus einer Laune heraus tun. Das wurde m.E. durch die drastische Darstellung absolut klar gemacht.
sbsr hat geschrieben: Mo 19. Feb 2018, 14:22
Wie schon der Titel sagt, ging es ausschließlich um "richtige" Trans Menschen, ich als Crossdresser fühle mich unter-repräsentiert. Ich würde mir wünschen, dass bei 4 Stunden Sendezeit auch mal eine Abhandlung kommen würde, welche Formen und Ausmaße von Trans es gibt. Man könnte/sollte zeigen, dass nicht für alle ein 100% Leben erstrebenswert ist.
Ich denke, dass es nur eine Frage der Zeit sein dürfte, bis es auch über CD ausführliche Reportagen gibt. Die Gesellschaft öffnet sich doch erst seit ein paar Jahren überhaupt der Thematik, sodass die mediale Aufklärung gerade in Schwung gekommen ist.
Es gab allerdings einige Hinweise auf CD-Tatbestände in der Vergangenheit der begleiteten Menschen. Die Frau mit den drei Kindern und dem Ziegenhof war damals mit ihrer Partnerin im Dunkeln in FSH mit dem Kinderwagen auf dem Acker unterwegs und irgendeine Mutter berichtete, dass damals ständig ihre FSH verschwunden waren. Allerdings ist darauf nicht weiter eingegangen worden, inwieweit sich CD zu Transidentität entwickelt hatte.
sbsr hat geschrieben: Mo 19. Feb 2018, 14:22
Sinngemäß: Es gibt einen Unterschied zwischen Transsexualität, Trans-Identität und sexueller Orientierung. Daneben gibt es Travestie, das hat damit aber nichts zu tun.
Dennoch war nach meinem Empfinden das Wort
Transsexualität fürchterlich überrepräsentiert. Das ist mir als Einziges in der Reportage sehr negativ aufgestoßen. Selbst nachdem der Chirurg über die Falschheit des veralteten Begriffs zugunsten von
Transidentität in sehr präzisen Worten aufgeklärt hatte, sprachen er und auch die Betroffenen ohne Unterlass weiter von
Transsexualität. Das nervte ziemlich.
Auf diese Art wird es kaum gelingen, den Begriff irgendwann mal ausschließlich dafür zu verwenden, wozu er dient: der Benennung von Transsexualität.
sbsr hat geschrieben: Mo 19. Feb 2018, 14:22
Was sehr gut vermittelt wurde, dass Trans Menschen voll gesellschaftsfähig sind, ganz normal im Leben stehen, Arbeiten gehen, Freunde und Hobbys haben. Manchmal kommt es einem ja doch so vor, als hätte der gemeine Bürger Angst, Trans könnte ansteckend sein. Da können solche Dokus definitiv helfen, ein Verständnis in der Gesellschaft zu schaffen.
Dennoch hätten hier auch die negativen Seiten nicht so harmlos dargestellt werden dürfen. Die junge Frau, die von ihren Eltern ins Heim gesteckt werden sollte, hätte sicher die ein oder andere Story liefern können, die betroffen macht und gerade Eltern und Partner_innen vielleicht zum Nachdenken gebracht hätte, was sie mit ihrer totalen Ablehnung dem ehemals geliebten Menschen antun. Es wurde ja mehrfach klargemacht, dass Transidentität keine Laune ist und sich das keiner der Betroffenen ausgesucht hat. Dennoch scheint es etlichen Angehörigen nur recht und billig zu sein, sich wegen geouteter Transidentität gnadenlos zu
rächen und den Menschen unter falschen Anschuldigungen systematisch auszugrenzen, zu beleidigen und den gemeinsamen Kindern zu entfremden. Es hat nicht jede so eine Partnerin wie die Frau mit dem Ziegenhof.
Zu diesem Fall kam es mir auch leider viel zu seicht zur Sprache, dass die Frau aufgrund ihres Coming Outs den Job verlor, weil sie angeblich den Kund_innen nicht mehr zugemutet werden konnte. Nicht jede hat ausreichend Kapital, um dann eben mal schnell auf Milchbauernhof umzusatteln. Andere haben kein Einkommen mehr und landen im Schlimmstfall auf der Straße. Dazu mag man sich die
Expertise zur Benachteiligung von
Trans*Personen, insbesondere im Arbeitsleben
http://www.transinterqueer.org/download ... sleben.pdf
zu Gemüte führen.
Es gab auch eine Menge interessanter Nebeninformationen, z.B. dass der Chirurg wöchentlich zwei neue GAOP durchführt, was über die Jahre hochgerechnet schon eine nicht unwesentliche Anzahl ergibt, dass sich das Bezirksamt Lichtenberg nicht ins Hemd macht, seiner frischgebackenen Leiterin der Naturschutzbehörde einen neuen Dienstausweis entsprechend ihrer Identät auszustellen, mit dem sie hoheitliche Aufgaben wahrnehmen kann, lange bevor der schikanöse Wahnsinn einer VÄ/PÄ überhaupt beantragt worden ist.
Leider wurde auf die gesamte rechtliche Thematik überhaupt nicht eingegangen. Das hätte angesichts des zeitlichen Umfangs noch hineingehört, um einfach mal öffentlich zu machen, mit was für entwürdigenden, aberwitzigen Situationen Menschen mit falschen Papieren und falscher Geburtsurkunde immer wieder konfrontiert werden und welche sinnlosen Kämpfe so ganz
nebenbei der Transition deshalb auszustehen sind, die längst als menschenrechtsverletzend auf staatlicher Ebene benannt wurden, ohne dass Änderungen in Sicht wären.
Aber wenn man sich vor Augen hält, dass 1944 Trans* systematisch vergast, in den 70ern mit brutalen Elektroschocks "behandelt" und in den 80ern unverrückbar und zweifelsfrei als "Krankheit" deklariert wurden, stellt so eine Dokumentation zweifellos einen enormen Fortschritt in die richtige Richtung dar.