Kapitel 1; Nicole Rubberdoll und die Elfe Miria
Für mich ist es nun vollkommen neu, mich selbst als die Person zu zeigen, die ich wirklich bin oder als die ich mich fühle. Da ist zunächst einmal ein Bild im Kopf, ein Ideal, das ich irgendwie in die Realität umsetzten möchte. Dann ist da aber dieser ziemlich kaputte Körper, der von dem Mann übrig geblieben ist, der ich einmal sein sollte. Aus dieser Situation entstand sicherlich zunächst der Wunsch meinen Frauenkleider-Fetisch in eine lebende Gummipuppe verwandeln zu wollen, die wie eine schöne junge Frau aussieht. Wie so etwas aussehen kann, ist
hier zu sehen. Ganz so schräg wie auf einigen der Fotos sollte es bei mir zwar nicht werden, aber die Bilder vermitteln einen Eindruck davon.
Dass ein solches "Ganzkörper-Kondom" ziemlich viel Geld kostet, brauche ich sicher nicht besonders zu erwähnen. Also experimentierte ich erst einmal ohne Latexanzug herum. Dann schaffte ich eine preiswerte Maske aus Latex an. Die war aber bei weitem nicht so schön, wie sie auf dem Foto bei Ebay aussah. Unter der Maske war es feucht, heiß und stickig. Überall drückte es. Vor allem an den Augen war das unangenehm. Also müsste man sich doch mit so einem Latexanzug wie in der Sauna fühlen - und dazu vielleicht noch eingeengt oder eingeklemmt. Und wie wäre es draußen auf der Straße? Da würden doch alle nur gaffen, wie hier in diesem
Video. Wollte ich so etwas? Mit einer Maske würde mich aber keiner erkennen. Das Bedürfnis mich zu verstecken war sehr groß. Ich müsste mich nur irgendwo weit weg von meinem Dorf draußen zeigen. Wo sollte ich mich aber dann umziehen? Irgendwie gefiel mir die ganze Sache immer weniger. Als Fetisch reizte es mich zwar sehr, aber die hohen Kosten für den Latexanzug und eine gut aussehende Maske aus Silikon ließen mich lange zögern. Zudem kam der Gedanke mich in Frauenkleidern draußen zu zeigen wohl immer mehr auf. Ich konnte mich auch nicht entscheiden, ob ich als "nackte" (Sex-)Gummipuppe einen preiswerteren roten oder schwarzen Latexanzug tragen soll oder einen teuren Hautfarbenen und normale Frauenkleidung darüber. Dabei muss der Anzug eine Maßanfertigung sein. Normale Größen passen mir nicht.
Was bei diesen Experimenten schließlich heraus kam, sieht in etwa so aus:
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Hier noch eine Anmerkung zu Latex und Masken: Der Übergang zu BDSM ist fließend. Eine Maske schränkt Gesichtsfeld und Atmung ein. Das steigert - wie auch die glatte Oberfläche eines Latexanzugs - die sexuelle Erregung. Der nächste Schritt wäre eine Maske mit Nasenschläuchen oder Knebeln. Wenn man beispielsweise bei Ebay oder Aliexpress nach solchen Sachen stöbert, stößt man auf ein riesiges Angebot. - Bei einigen der "Rubberdolls" habe ich jedoch den Eindruck, dass sie sich einfach nur nicht outen und hinter der Maske verstecken wollen. So richtig als Frau fühle ich mich mit einer Maske jedenfalls eher nicht. Es ist mehr das männliche (hetero-)sexuelle verlangen nach der schönen Frau, die ich im Spiegel sehe, und dieses zeitweilige aufregende Gefühl eine vollkommen andere Person zu sein. Wenn ich dann Maske und verhüllende Kleidung ablege, ist alles vorbei. Dann bin ich wieder diese Witzfigur, die ich nicht leiden kann.
Während ich so experimentierte und dabei immer öfter den ganzen Tag ganz oder auch nur teilweise in Frauenkleidern verbrachte, stellte sich ein vorher nie gekanntes Wohlgefühl ein. Gleichzeitig stöberte ich als Gast immer wieder hier im Forum herum. Das war der Anfang meiner Selbstfindung. Vorher wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass ich irgendwie trans* sein könnte. Das Bild von der Frau, die ich gerne sein wollte, änderte sich. An die Stelle der lebenden Gummipuppe trat immer mehr das Bild der schönen Elfe in meinem Roman, Miria, der Tochter des Drachenreiters. Und dieses sieht so aus:
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Also veränderte ich mein Aussehen als Frau immer wieder, damit es dem Bild der Elfe Miria näher kam. Inzwischen hatte ich mich im Forum angemeldet und mit dem zweiten Teil meiner Vorstellung so etwas wie einen Hilferuf abgesetzt - auf den ich viele hilfreiche Antworten bekam - danke. Nun konnte ich auch die Fotos im Forum betrachten und ich begriff so langsam, dass meine Erscheinung als Frau mehr alltagstauglich werden sollte. Bis zu meinem Coming Out dauerte es dann nicht mehr lange. Die ersten Versuche, bei denen ich mich in Behindertentoiletten in eine Frau verwandelte, waren im Simmerner
Globus-Markt und in unserem
Naturfreibad. Als Nicole bin ich allerdings erst viel später ins Wasser gegangen, da ich im Geiste meine Perücke davon schwimmen sah. Dann lief ich zunächst en femme in unserer Siedlung und im Wald herum, und schließlich fuhr ich auch so in die Stadt. So wurde aus dem Fetisch nach und nach eine Teilzeitfrau. Während dieser Phase wollte ich als Frau in etwa so aussehen:
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[Bild: DCFC0154_1.jpg]
Inzwischen wurde es Hochsommer. Ich war das erste mal bei der Selbsthilfegruppe in Koblenz. Unter meiner Perücke fühlte ich mich schon den ganzen Tag wie in einem Schnellkochtopf, während ich die Stadt erkundete. Und was ist völlig selbstverständlich das erste Thema bei einer Selbsthilfegruppe sofort nach dem Kennenlernen? - Bartepilation!? Nun hieß es: bei dunklen Haaren kann man lasern, wenn sie aber weiß sind, geht nur Nadelepilation. Also wollte ich zeigen, wie weiß meine Haare bereits sind, und nahm die Perücke ab. Die Haare kämmte ich in etwa so zurecht, wie ich sie jetzt trage. Nur waren sie da noch viel kürzer. Darauf meinten alle: Das sieht doch viel besser und natürlicher aus als mit dieser blöden Perücke. Also stopfte ich die Perücke in meine Tasche und setzte sie für die Rückfahrt nicht mehr auf.
Zu hause schaute ich in den Spiegel und dachte:
Mit den weißen Haaren sehe ich doch aus wie meine Oma! Ich möchte zwar eine Frau sein, aber doch nicht meine eigene Großmutter. Was also tun? Wieder eine Perücke aufsetzen oder Haare wachsen lassen und färben? Letzteres wird sowieso langfristig die einzig vernünftige Lösung sein. Und auch als Mann kann ich ja lange gefärbte Haare haben. Aber wie lang wachsen meine Haare noch? Wie ist es da mit dem Bild der schönen Elfe? Eine meiner billigen Langhaar-Perücken hatte ich schon komplett verschlissen. Sie war so verfilzt und verheddert, dass ich sie wegwerfen konnte. Wenn Perücke, musste also langfristig etwas hochwertiges und teures - am besten wohl mit Echthaar - angeschafft werden. Also was wollte ich? Einfach mit meinen eigenen Haaren Nicole sein oder dem Bild der schönen Elfe so weit wie möglich entsprechen? Einige heiße Tage gaben schließlich den eigenen Haaren den Vorzug. Als neue Farbe wählte ich dunkelbraun.
Am Tag nach dem ersten Färben schaute ich morgens in den Spiegel. Wie? Hatte ich jetzt die ganze Nacht meine kurze dunkelhaarige Perücke auf gelassen? Dass ich das Abschminken vergesse, passiert ja manchmal, aber jetzt so etwas? Lässt da vielleicht Alzheimer grüßen? Ich zerrte daran. Die "Perücke" war fest gewachsen. Das war für die Nachteule Nicole irgendwie zu viel im frühen Morgen vor dem ersten Kaffee. Inzwischen genieße ich es, wenn ich morgens im Spiegel die noch vom Schlaf zerknitterte Nicole sehe und nicht diesen weißhaarigen blöden Hampelmann. Dann möchte ich auch den ganzen Tag als Nicole verbringen - also wenigstens ein Kleid anziehen, auch wenn ich zu hause bleibe. Silikonbrüste brauche ich dann nicht unbedingt, und ein Stoppelbart stört auch nicht weiter, wenn ich mich einfach nur als Nicole fühlen möchte.
Nun fragte ich mich:
Wenn ich jetzt schon immer den ganzen Tag als Frau zu hause herum laufe, für wen soll ich dann eigentlich noch im Mann-Modus raus gehen? Ich steckte plötzlich in einem völligen Gefühlschaos - meine
zweite Pubertät. An den heißen Tagen zog es mich und meinen Cousin ins Freibad. Anfangs sagte er immer: Wenn Nicole ins Freibad will, dann soll sie alleine gehen. Also ging ich noch zwei mal mit ihm im Mann-Modus schwimmen. Da hatte ich noch einen alten Badeanzug, der im Schrank meiner Mutter hing, obwohl er ihr viel zu groß war.
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Der passte mir knapp, aber mein Cousin meinte, dass ich darin schrecklich aussehe. Als ich schließlich einen neuen Badeanzug gekauft hatte, ging ich endlich mit ihm zusammen als Nicole
schwimmen. Das letzte mal war ich bei der Bundestagswahl 2017 im Mann-Modus draußen, da ich befürchtete, dass man mich als Frau mit meinem alten Ausweis möglicherweise nicht wählen lassen würde - war wohl alles wieder nur Kopfkino. Jetzt habe ich jedenfalls einen neuen Ausweis mit aktuellem Foto.
So langsam sollte ich vielleicht mein Profil ändern. Teilzeitfrau stimmt nicht mehr so richtig. Aber was bin ich jetzt? Androgyn? Transvestit? Transfrau? Crossdresser? So genau weiß ich das immer noch nicht. Jedenfalls ziehe ich Männersachen nur noch für schmutzige Arbeiten an - ganz einfach weil ich keine alten abgetragenen Frauensachen habe. Und für ein kleines Nicole-Gefühl sind dann immer wieder BH und Silikonbrüste darunter. Also ist der Mann bei mir abgemeldet. Falls ich eine vollständige Transition machen will - wofür ich in meiner derzeitigen Situation keinen Grund sehe - kann ich also sagen, dass der Praxistest bereits angefangen hat. Sonst versuche ich jetzt wie Michaela einfach nur als Nicole das Leben zu genießen.
Damit endet das erste Kapitel zu Nicoles Galaxie.
Eure Nicole