Ein Jahr Frau
Verfasst: Do 26. Okt 2017, 19:50
Heute habe ich Geburtstag. Nicht wirklich, aber doch ein Grund zum Feiern, oder ? Heute jährt sich zum ersten Male der Tag, an dem ich vor einem Jahr "rückwirkend" offiziell zur Frau erklärt wurde. "Rückwirkend" heißt hier nicht seit meiner Geburt, es ist ein willkürliches Datum, das vom Amtsgericht bestimmt wurde und weder mit meiner Geburt oder meinem Coming-out oder meinem Antrag auf VÄPÄ etwas zu tun hat. Aber welches Datum wäre richtiger?
Manche derjenigen, die erst in jüngerer Zeit auf dieses Forum aufmerksam geworden sind, werden mich gar nicht kennen. Das liegt daran, dass ich mich im Laufe des vergangenen Jahres rar gemacht habe, was wiederum nur daran liegt, dass alles so normal läuft, dass es für mich keinen Anlass gibt, Probleme zu thematisieren, die ich gar nicht habe, und Probleme, die hier angeschnitten werden (ab und zu habe ich schon hereingeschaut), mir inzwischen ziemlich fern sind. Ich erinnere mich, dass vor längerer Zeit schon einmal ein User verwundert gefragt hatte, wieso Leute hier nach einer gewissen Zeit verschwinden. Das ist doch eigentlich gutes Zeichen. Welcher Arzt würde damit werben, dass er nach Jahren immer noch dieselben Klienten hat?.
Ich bin unserer Moderatorin und allen Beiträgern sehr dankbar, dass es dieses Forum gibt. Ich bin hier dazugestoßen, als ich mir über mich und mein Standortbestimmung recht unklar war. Es gab damals jemanden in Düsseldorf, die mir sagte, sie wisse und könne mir sagen, wie es weitergehe. Ich habe nicht einmal nachgefragt, machte mir Angst. Jene Düsseldorferin ist lange nicht mehr hier präsent, ist den ganzen Weg einschließlich GaOp gegangen und hat sichtlich danach kein Verlangen mehr gespürt, sich hier zu artikulieren. Ich bin diesen Weg nicht gegangen. Warum? Das Risiko spielte eine Rolle, es kann ja auch schiefgehen. Das Risiko, dass meine Frau eine solche Entscheidung vielleicht nicht mitgetragen hätte. Mein Alter (69), siehe Risiko, aber auch, dass ich keinerlei Verlangen verspüre, solche Neo-Organe zu nutzen. Ich bin also sozusagen den umgekehrten Weg gegangen: Ich habe einmal den Hausarzt aufgesucht, demgegenüber ich mich offenbart habe, der mir dann eine Überweisung zur "Geschlechtsumwandlung" ausstellte. Die habe ich genutzt, um einen Ergänzungsausweis zu bekommen, den ich aber nie gebraucht habe. Ich wollte dann Psychiater aufsuchen, aber niemand hat auf meine Anfragen überhaupt reagiert außer einer Dame in Köln, die aber keine Termine anzubieten hatte. Inzwischen wusste ich durch eine juristisch bewanderte Freundin, dass man auch einfach einen Antrag auf Vornamensänderung und Personenstandsänderung stellen kann. Dass man dabei über 2000 € loswird, steht auf einem anderen Blatt. Innerhalb eines Jahres hat dann alles geklappt. Ich schaue jetzt nicht mehr in meine Aufzeichnungen, nur nach der Erinnerung: März 2016 Antrag gestellt, Oktober 2016 zwei Termine bei Psychiatern (nette Plauderei, ja ca. 45 Minuten, völlig entspannt), November Termin beim Amtsgericht, dauerte weniger als 5 Minuten, die Richterin ließ sich nur bestätigen, dass sie meinen Namen richtig notiert hatte und wünschte mir viel Glück. Im Januar oder Februar 2017 kamen dann neue Geburtsurkunde Personalausweis und Reisepass.
Hat sich das alles gelohnt? Und soviel Geld? Das viele Geld ist ärgerlich, zumal im Rentnerinnendasein, wenn ich weiß, dass solch große Summen nie wieder zusammenkommen werden. Den Reisepass hätte ich mir sparen können, denn Geld für Urlaub ist nicht mehr drin. Ansonsten aber gilt, dass ich all diese Papiere nicht gebraucht hätte, sie mir aber doch ein Gefühl der Sicherheit geben. Ich bin leider jederzeit als genetischer Mann erkennbar, was aber nie zu Problemen geführt hat. Geändert hat sich meine Einstellung. Vor Jahren, also ganz am Anfang, war ich so unsicher, dass ich die Straßenseite gewechselt habe, um nicht anderen Menschen (vor allem pubertierenden männlichen Jugendlichen) zu nahe zu kommen. Heute kann ich damit umgehen, wenn ich -- selten -- auch einmal genauer angeguckt werde, ist doch menschlich. Ich gehe niemandem aus dem Weg (außer vielleicht Angetrunkenen) und ich habe eine Selbstsicherheit. Sollte mich jemand zweifelnd darauf ansprechen, ob ich wirklich eine Frau bin, könnte ich ja immer auf meinen Ausweis verweisen! In sofern ist der Ausweis eine gute Lebenshilfe. Mir muss niemand bestätigen, was ich bin, aber für andere könnte es eine Rolle spielen.
Die hier zu beantwortende Frage ist: Lohnt sich dieser Weg oder nicht? Für jeden, der nicht gerade an überschäumendem Selbstbewusstsein leidet, lohnt es sich, sonst ist es evtl. Geldverschwendung. Zugleich möchte ich all jenen hier Mut machen, die wie ich keine Chance auf ein gutes Passing haben. In meinem Fall ist mein Kopf größer als die größte auf dem Markt angebotene Perücke. Ich bräuchte eine Spezialanfertigung, nicht unter 1500 € zu haben, und das alle zwei-drei Jahre erneut, weil die Dinger ja nicht ewig halten. Aber selbst dann bleiben meine zu großen Hände, zu großen Füße. Es gibt natürlich sehr teure Firmen, die bei alledem Abhilfe versprechen, aber es soll sich bitte niemand der Illusion hingeben, danach wäre er (bewusst gesetztes Pronomen) eine richtige Frau. Die physische Realität und die psychische sind zweierlei Schuh. Auch wenn ich von jedermann als "Mann" gelesen werde aufgrund der physischen Merkmale, ist das letztlich egal, wenn ich aufgrund meiner natürlichen psychischen Merkmale sichtlich zweifellos als Frau erkannt und -- wichtig -- behandelt werde. Ich genieße es, als Frau behandelt zu werden von Kavalieren der alten Schule.
Für mich ist das alles kein Thema mehr, daher mein Schweigen im Forum, das ich heute brechen wollte, um anderen Mut zu machen. Es ist auch für genetische Männer ganz einfach, Frau zu sein, wenn man so empfindet und es zulässt. Die Umwelt reagiert dann meist entsprechend. Ich wünsche allen, die diesen Weg gehen, alles Gute auf ihrem Weg.
Nicoletta
Manche derjenigen, die erst in jüngerer Zeit auf dieses Forum aufmerksam geworden sind, werden mich gar nicht kennen. Das liegt daran, dass ich mich im Laufe des vergangenen Jahres rar gemacht habe, was wiederum nur daran liegt, dass alles so normal läuft, dass es für mich keinen Anlass gibt, Probleme zu thematisieren, die ich gar nicht habe, und Probleme, die hier angeschnitten werden (ab und zu habe ich schon hereingeschaut), mir inzwischen ziemlich fern sind. Ich erinnere mich, dass vor längerer Zeit schon einmal ein User verwundert gefragt hatte, wieso Leute hier nach einer gewissen Zeit verschwinden. Das ist doch eigentlich gutes Zeichen. Welcher Arzt würde damit werben, dass er nach Jahren immer noch dieselben Klienten hat?.
Ich bin unserer Moderatorin und allen Beiträgern sehr dankbar, dass es dieses Forum gibt. Ich bin hier dazugestoßen, als ich mir über mich und mein Standortbestimmung recht unklar war. Es gab damals jemanden in Düsseldorf, die mir sagte, sie wisse und könne mir sagen, wie es weitergehe. Ich habe nicht einmal nachgefragt, machte mir Angst. Jene Düsseldorferin ist lange nicht mehr hier präsent, ist den ganzen Weg einschließlich GaOp gegangen und hat sichtlich danach kein Verlangen mehr gespürt, sich hier zu artikulieren. Ich bin diesen Weg nicht gegangen. Warum? Das Risiko spielte eine Rolle, es kann ja auch schiefgehen. Das Risiko, dass meine Frau eine solche Entscheidung vielleicht nicht mitgetragen hätte. Mein Alter (69), siehe Risiko, aber auch, dass ich keinerlei Verlangen verspüre, solche Neo-Organe zu nutzen. Ich bin also sozusagen den umgekehrten Weg gegangen: Ich habe einmal den Hausarzt aufgesucht, demgegenüber ich mich offenbart habe, der mir dann eine Überweisung zur "Geschlechtsumwandlung" ausstellte. Die habe ich genutzt, um einen Ergänzungsausweis zu bekommen, den ich aber nie gebraucht habe. Ich wollte dann Psychiater aufsuchen, aber niemand hat auf meine Anfragen überhaupt reagiert außer einer Dame in Köln, die aber keine Termine anzubieten hatte. Inzwischen wusste ich durch eine juristisch bewanderte Freundin, dass man auch einfach einen Antrag auf Vornamensänderung und Personenstandsänderung stellen kann. Dass man dabei über 2000 € loswird, steht auf einem anderen Blatt. Innerhalb eines Jahres hat dann alles geklappt. Ich schaue jetzt nicht mehr in meine Aufzeichnungen, nur nach der Erinnerung: März 2016 Antrag gestellt, Oktober 2016 zwei Termine bei Psychiatern (nette Plauderei, ja ca. 45 Minuten, völlig entspannt), November Termin beim Amtsgericht, dauerte weniger als 5 Minuten, die Richterin ließ sich nur bestätigen, dass sie meinen Namen richtig notiert hatte und wünschte mir viel Glück. Im Januar oder Februar 2017 kamen dann neue Geburtsurkunde Personalausweis und Reisepass.
Hat sich das alles gelohnt? Und soviel Geld? Das viele Geld ist ärgerlich, zumal im Rentnerinnendasein, wenn ich weiß, dass solch große Summen nie wieder zusammenkommen werden. Den Reisepass hätte ich mir sparen können, denn Geld für Urlaub ist nicht mehr drin. Ansonsten aber gilt, dass ich all diese Papiere nicht gebraucht hätte, sie mir aber doch ein Gefühl der Sicherheit geben. Ich bin leider jederzeit als genetischer Mann erkennbar, was aber nie zu Problemen geführt hat. Geändert hat sich meine Einstellung. Vor Jahren, also ganz am Anfang, war ich so unsicher, dass ich die Straßenseite gewechselt habe, um nicht anderen Menschen (vor allem pubertierenden männlichen Jugendlichen) zu nahe zu kommen. Heute kann ich damit umgehen, wenn ich -- selten -- auch einmal genauer angeguckt werde, ist doch menschlich. Ich gehe niemandem aus dem Weg (außer vielleicht Angetrunkenen) und ich habe eine Selbstsicherheit. Sollte mich jemand zweifelnd darauf ansprechen, ob ich wirklich eine Frau bin, könnte ich ja immer auf meinen Ausweis verweisen! In sofern ist der Ausweis eine gute Lebenshilfe. Mir muss niemand bestätigen, was ich bin, aber für andere könnte es eine Rolle spielen.
Die hier zu beantwortende Frage ist: Lohnt sich dieser Weg oder nicht? Für jeden, der nicht gerade an überschäumendem Selbstbewusstsein leidet, lohnt es sich, sonst ist es evtl. Geldverschwendung. Zugleich möchte ich all jenen hier Mut machen, die wie ich keine Chance auf ein gutes Passing haben. In meinem Fall ist mein Kopf größer als die größte auf dem Markt angebotene Perücke. Ich bräuchte eine Spezialanfertigung, nicht unter 1500 € zu haben, und das alle zwei-drei Jahre erneut, weil die Dinger ja nicht ewig halten. Aber selbst dann bleiben meine zu großen Hände, zu großen Füße. Es gibt natürlich sehr teure Firmen, die bei alledem Abhilfe versprechen, aber es soll sich bitte niemand der Illusion hingeben, danach wäre er (bewusst gesetztes Pronomen) eine richtige Frau. Die physische Realität und die psychische sind zweierlei Schuh. Auch wenn ich von jedermann als "Mann" gelesen werde aufgrund der physischen Merkmale, ist das letztlich egal, wenn ich aufgrund meiner natürlichen psychischen Merkmale sichtlich zweifellos als Frau erkannt und -- wichtig -- behandelt werde. Ich genieße es, als Frau behandelt zu werden von Kavalieren der alten Schule.
Für mich ist das alles kein Thema mehr, daher mein Schweigen im Forum, das ich heute brechen wollte, um anderen Mut zu machen. Es ist auch für genetische Männer ganz einfach, Frau zu sein, wenn man so empfindet und es zulässt. Die Umwelt reagiert dann meist entsprechend. Ich wünsche allen, die diesen Weg gehen, alles Gute auf ihrem Weg.
Nicoletta