Männerrolle als Sündenbock
Verfasst: So 27. Aug 2017, 12:48
Hallo allerseits,
es hat sich bei mir wieder einiges angestaut, was ich nun los werden möchte. Mein Bemühen aus meinem Depressionsloch heraus zu kommen hat mich nun mehrmals zu meiner SHG geführt - beim CSD und beim 5-jährigen Jubiläum des Vereins Queer-Mittelrhein (Mona, Klaudia und Noemi: das war mir jetzt wichtiger als ein Treffen in Saarbrücken).
Zunächst einmal habe ich erkennen müssen, dass der Eindruck man würde mich in der SHG zu irgend etwas drängen falsch war. Dort sind nur alle so sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, dass sie nicht mehr alles richtig mit bekommen, was um sie herum vor sich geht. Dann habe ich versucht einfach nur zuzuhören - was mir nicht gerade leicht fällt.
Ich habe schon mehrfach erwähnt, dass bei mir die Alarmglocken klingeln, wenn ich bei jungen Trans-Menschen sinngemäß lese: "Ich muss nur möglichst schnell meine Transition hinter mich bringen, dann wird alles gut". Ich habe nun bei der SHG einiges mehr darüber erfahren, welche Hürden uns unsere scheiß-spießige Gesellschaft auf diesem Weg zumutet. Da kann jeder glücklich sein, der dabei um einen Selbstmordversuch herum kommt.
Meine Rolle als Mann ist von negativen traumatisierenden Endrücken geprägt. Deshalb versuche ich als Nicole möglichst nur positive Dinge zu erleben, was mir auch weitgehend gelingt. Hier ein konkretes Beispiel: Letzten Mittwoch wollte ich eine Fahrkarte nach Saarbrücken kaufen und mich bei der Kreisverwaltung zum Thema Gründung einer SHG schlau machen - selbstverständlich en femme. Ergebnis: Fahrkarten-Büro neuerdings mittwochs geschlossen und Sachbearbeiterin krank. Dann bin ich erst einmal durch die Stadt gebummelt und habe einige Kleinigkeiten eingekauft. Am Ende war es für Nicole doch noch ein angenehmer Tag. Am Donnerstag wollte ich das erledigen, was am Mittwoch nicht geklappt hatte. Nach einer weitgehend schlaflosen Nacht kam ich dann wieder einmal "nicht in den Quark". Für eine gründliche Rasur, Schminken und Haare zurecht machen wurde die Zeit zu knapp. Also schnell in die Männerklamotten und raus - wie ich als Mann aussehe, interessiert mich ja schon lange nicht mehr. Im Fahrkarten-Büro habe ich dann erst einmal herum gepöbelt, weil man dort heute nicht mehr wie früher bei der DB einfach einen Bus-und-Bahn-Fahrschein zu einem beliebigen Ziel in Deutschland kaufen kann. So wurde wieder einmal eine unschuldige Person zur Zielscheibe meiner miesen Laune. Bei der Kreisverwaltung hatte ich dann ein informatives Gespräch mit einer netten Dame. Insgesamt lief es also nicht schlecht. Trotzdem fühlte ich mich einfach nur unwohl. Ich hatte ständig das Gefühl meine Handtasche irgendwo liegen gelassen zu haben.
Nach meinem dritten Treffen mit der SHG wurde mir auf meinem langen Weg nach hause folgendes klar: Wenn sich im Leben als Frau immer wieder solche negativen Eindrücke einbrennen, kann das doch wie vorher bei der Rolle als Mann zu Selbsthass und Depression führen. Für mich löst ein Besuch bei einem Psychologen panische Angst aus und ich empfinde nur noch negativ. Also wäre es doch sinnvoll im Mann-Modus dort hin zu gehen. Dann kann der Mann, der ja sowieso schon "tot" ist, diesen ganzen Frust noch auf sich laden. So könnte er zum Sündenbock oder zu einer Art Voodoo-Puppe werden, die man mit all dem negativen Kram spickt und schließlich irgendwann nach einer erfolgreichen Transition verbrennt. Als Heide bin ich von der Wirkung eines solchen Zaubers absolut überzeugt. Was würde mir aber ein Psychologe erzählen, wenn ich bei ihm als Mann auftauche und ein Gutachten für eine Transition zur Frau haben möchte?
Wer einem Psychologen vertrauen kann, hat dieses Problem sicherlich nicht und kann ohne negative Eindrücke als Frau dort hin gehen. Bei der SHG habe ich aber den Eindruck, dass ganz viele so wie ich einem Psychologen nicht vertrauen. Dann wird die Therapie für sie zum Spießrutenlaufen - was das Selbstbewusstsein im anderen Geschlecht schädigt. Mit dem, was ich in meinem Beispiel angesprochen habe, wird auch der Praxistest zu einem Martyrium. So ist es nicht verwunderlich, warum die Selbstmordrate bei Trans-Menschen so hoch ist. Da man die spießige Gesellschaft nur langsam nach und nach beeinflussen kann, ist die Arbeit der SHG sehr wichtig. So können einfühlsame Gespräche den Betroffenen helfen diesen Spießrutenlauf mit möglichst wenig schaden durchzustehen.
Ich habe bei meiner Vorstellung hier im Forum gesagt, dass ich helfen möchte - auch wenn ich keine Ahnung habe, wie ich das anfangen soll. Mit der Zeit bekomme ich nun immer mehr Ahnung, die ich mit der Gründung einer SHG und auch hier im Forum einsetzen möchte. Ganz nebenbei möchte ich mir dabei natürlich auch selbst helfen.
Liebe Grüße
Nicole
es hat sich bei mir wieder einiges angestaut, was ich nun los werden möchte. Mein Bemühen aus meinem Depressionsloch heraus zu kommen hat mich nun mehrmals zu meiner SHG geführt - beim CSD und beim 5-jährigen Jubiläum des Vereins Queer-Mittelrhein (Mona, Klaudia und Noemi: das war mir jetzt wichtiger als ein Treffen in Saarbrücken).
Zunächst einmal habe ich erkennen müssen, dass der Eindruck man würde mich in der SHG zu irgend etwas drängen falsch war. Dort sind nur alle so sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, dass sie nicht mehr alles richtig mit bekommen, was um sie herum vor sich geht. Dann habe ich versucht einfach nur zuzuhören - was mir nicht gerade leicht fällt.
Ich habe schon mehrfach erwähnt, dass bei mir die Alarmglocken klingeln, wenn ich bei jungen Trans-Menschen sinngemäß lese: "Ich muss nur möglichst schnell meine Transition hinter mich bringen, dann wird alles gut". Ich habe nun bei der SHG einiges mehr darüber erfahren, welche Hürden uns unsere scheiß-spießige Gesellschaft auf diesem Weg zumutet. Da kann jeder glücklich sein, der dabei um einen Selbstmordversuch herum kommt.
Meine Rolle als Mann ist von negativen traumatisierenden Endrücken geprägt. Deshalb versuche ich als Nicole möglichst nur positive Dinge zu erleben, was mir auch weitgehend gelingt. Hier ein konkretes Beispiel: Letzten Mittwoch wollte ich eine Fahrkarte nach Saarbrücken kaufen und mich bei der Kreisverwaltung zum Thema Gründung einer SHG schlau machen - selbstverständlich en femme. Ergebnis: Fahrkarten-Büro neuerdings mittwochs geschlossen und Sachbearbeiterin krank. Dann bin ich erst einmal durch die Stadt gebummelt und habe einige Kleinigkeiten eingekauft. Am Ende war es für Nicole doch noch ein angenehmer Tag. Am Donnerstag wollte ich das erledigen, was am Mittwoch nicht geklappt hatte. Nach einer weitgehend schlaflosen Nacht kam ich dann wieder einmal "nicht in den Quark". Für eine gründliche Rasur, Schminken und Haare zurecht machen wurde die Zeit zu knapp. Also schnell in die Männerklamotten und raus - wie ich als Mann aussehe, interessiert mich ja schon lange nicht mehr. Im Fahrkarten-Büro habe ich dann erst einmal herum gepöbelt, weil man dort heute nicht mehr wie früher bei der DB einfach einen Bus-und-Bahn-Fahrschein zu einem beliebigen Ziel in Deutschland kaufen kann. So wurde wieder einmal eine unschuldige Person zur Zielscheibe meiner miesen Laune. Bei der Kreisverwaltung hatte ich dann ein informatives Gespräch mit einer netten Dame. Insgesamt lief es also nicht schlecht. Trotzdem fühlte ich mich einfach nur unwohl. Ich hatte ständig das Gefühl meine Handtasche irgendwo liegen gelassen zu haben.
Nach meinem dritten Treffen mit der SHG wurde mir auf meinem langen Weg nach hause folgendes klar: Wenn sich im Leben als Frau immer wieder solche negativen Eindrücke einbrennen, kann das doch wie vorher bei der Rolle als Mann zu Selbsthass und Depression führen. Für mich löst ein Besuch bei einem Psychologen panische Angst aus und ich empfinde nur noch negativ. Also wäre es doch sinnvoll im Mann-Modus dort hin zu gehen. Dann kann der Mann, der ja sowieso schon "tot" ist, diesen ganzen Frust noch auf sich laden. So könnte er zum Sündenbock oder zu einer Art Voodoo-Puppe werden, die man mit all dem negativen Kram spickt und schließlich irgendwann nach einer erfolgreichen Transition verbrennt. Als Heide bin ich von der Wirkung eines solchen Zaubers absolut überzeugt. Was würde mir aber ein Psychologe erzählen, wenn ich bei ihm als Mann auftauche und ein Gutachten für eine Transition zur Frau haben möchte?
Wer einem Psychologen vertrauen kann, hat dieses Problem sicherlich nicht und kann ohne negative Eindrücke als Frau dort hin gehen. Bei der SHG habe ich aber den Eindruck, dass ganz viele so wie ich einem Psychologen nicht vertrauen. Dann wird die Therapie für sie zum Spießrutenlaufen - was das Selbstbewusstsein im anderen Geschlecht schädigt. Mit dem, was ich in meinem Beispiel angesprochen habe, wird auch der Praxistest zu einem Martyrium. So ist es nicht verwunderlich, warum die Selbstmordrate bei Trans-Menschen so hoch ist. Da man die spießige Gesellschaft nur langsam nach und nach beeinflussen kann, ist die Arbeit der SHG sehr wichtig. So können einfühlsame Gespräche den Betroffenen helfen diesen Spießrutenlauf mit möglichst wenig schaden durchzustehen.
Ich habe bei meiner Vorstellung hier im Forum gesagt, dass ich helfen möchte - auch wenn ich keine Ahnung habe, wie ich das anfangen soll. Mit der Zeit bekomme ich nun immer mehr Ahnung, die ich mit der Gründung einer SHG und auch hier im Forum einsetzen möchte. Ganz nebenbei möchte ich mir dabei natürlich auch selbst helfen.
Liebe Grüße
Nicole