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"Coming-Out-Kultur"

Verfasst: Fr 30. Jun 2017, 12:44
von ExuserIn-2019-12-18
Hallo Ihr Lieben

ich komme just diesen Moment aus einer Mitarbeiterschulung mit dem Thema Gender Mainstreaming / Diversity.
Am Ende sollten wir uns ein eigenes Ziel zu diesem Thema setzen. Ich war sehr nah daran diese Veranstaltung zum Outing meiner eigenen Trans* Person zu nutzen, habe mich aber zurückgehalten, da zuvor Familie und Freunde dran sein müssen (aus meiner Sicht).

Als Thema habe ich mir aber vorgenommen, das Trans"¢Thema in unsere Verwaltung zu bringen und denke momentan daran, dies über die Implementierung einer "Coming-Out-Kultur" zu versuchen - als Ansatz.
Vielleicht haben einige von Euch dazu Erfahrungen bzw. Literaturempfehlungen. Über Hinweise würde ich mich sehr freuen ...

Liebe Grüße
VanessaL

Re: "Coming-Out-Kultur"

Verfasst: Sa 1. Jul 2017, 14:02
von JaquelineL
Liebe Vanessa,

ein hehres Ziel - und ich kann verstehen, dass Du dem Wunsch der Offenbarung nicht nachgegeben hast :)

Ich habe mich eine ganze Weile mit dem Aspekt des Coming-out am Arbeitspatz auseinandergesetzt, sowohl in eigener Sache, als auch aus Sicht des Kollegiums und der Führungskräfte.

Meinem Gefühl nach dürfte die offizielle Unterstützung beim Coming-out zwar sehr "medienwirksam" sein, doch ist dieser Schritt für die Betroffenen ein sehr großer. ("Betroffene" übrigens aus beider Sicht gemeint, also sowohl der sich öffnenden Person, als auch der Kollegen.) Wesentlich weniger ausschlachtbar, aber nach meinem persönlichen Empfinden viel länger und intensiver wirksam wäre die Schaffung einer Kultur der "Alltagstoleranz" im Unternehmen und vor allem eine Stärkung des Bewusstseins der Teamleiter und Führungskräfte. Das muss dann nicht einmal spezifisch auf Gender-Themen zugeschnitten sein, sollte diese aber beinhalten.

Was ich damit meine? Man könnte es eine "Anti-Mobbing-Initiative" nennen (womit schon mal klar wäre, dass es definitiv nicht auf T*-Themen begrenzt wäre). Wenn dann erst einmal im Unternehmen klar ist, dass verächtlicher Umgang miteinander nicht gewünscht ist und zur Not auch nicht geduldet wird, können auch Gender-Themen einfacher umgesetzt werden: Wenn ich auch dann noch respektvoll behandelt werde, wenn ich als augenscheinlich männliches Wesen mit femininer Frisur auftrete oder andere weiblich assoziierte Attribute aufweise und mich so schrittweise dem Transitionsziel nähern kann, ist das (aus meiner persönlichen Warte) unterstützender, als wenn ich nach einem Coming-out-mit-Paukenschlag den Chefchef (AKA "2nd liner") einleitende Worte und Warnungen ausprechend neben mir habe.

Man wird die Menschen nicht mit Vorschriften ändern, aber mit (wie von Dir angedachten) Maßnahmen kann man sie vielleicht zumindest im betrieblichen Rahmen dazu bringen, über die Angemessenheit der eigenen Reaktion auf "Anderssein" und über den Wert eines zivilisierten Miteinanders nachzudenken. Das hilft dann auch Menschen bei ihrem Coming-Out, aber eben nicht nur diesen. Was wiederum die Akzeptanz bzw. Annahme der vorgedachten Unternehmenskultur fördert (weil es nicht nur "wieder nur um <hier Randgruppe nach Wahl einfügen> geht").

Liebe Grüße
Jackie

Re: "Coming-Out-Kultur"

Verfasst: Sa 1. Jul 2017, 14:40
von Laura R
Liebe Vanessa, liebe Jackie,
das sind gute Vorsätze was ihr habt, ihr werdet erstaunt sein wie viel positiven Zuspruch ihr bekommen werdet, sicherlich werden nach dem Coming Out einige Mitarbeiter zu euch kommen und Fragen stellen andere wiederum werden gar nichts Fragen. Ich denke aber mit einer Anti Mobbng Initiative könnte der Schuss nach hinten losgehen und es wird ein unnötiger Druck im Betrieb aufgebaut, es gibt doch das AGG wo es doch ansich ziemlich gut erläutert ist.
Ich habe seinerzeit bei meinem Geschäftsführer angefangen bin dann auf meine Abteilungsleiterkollegen zugegangen und es gesagt und zum Schluss mit dem Betriebsrat und einigen Mitarbeitern gesprochen. Habe allen gesagt das ich ab dem Tag X halt als Frau auftreten werde. Gut ich war erstmal im Gespräch aber nach kurzer Zeit war der Spruch " Laura hat gesagt " gang und gebe. Auch bei Monteuren und Handwerkern gab es und gibt es keine Probleme. Das Thema Transsexuallität war sehr schnell kein Thema mehr, ohne grosse Themenvorbereitung in Schulungen. Es kommt natürlich auch immer auf einen selber an wie man ist und auch sich verhält. Nur auf dem Thema Transsexuallität rumreiten kann leicht dazu führen das es nervt. Das der ein oder andere damit überfordert ist, ist leicht möglich aber hier helfen unter Umständen persönliche Gespräche.
Das sind meine persönlichen Erfahrungen, ich war 23 Jahre in der Firma wie ich " die Katze aus dem Sack gelassen habe ", da haben einige doch ganz schön geschaut. Die Akzeptanz ist uneingeschränkt da gewesen.
Vielleicht habe ich das Thema leicht verfehlt aber ich dachte es passt.
Ein schönes Wochenende noch mit viel (so)
Liebe Grüße
Laura

Re: "Coming-Out-Kultur"

Verfasst: Sa 1. Jul 2017, 15:18
von JaquelineL
Liebe Laura,
Laura R hat geschrieben: Sa 1. Jul 2017, 14:40 Liebe Vanessa, liebe Jackie,

[...]

Nur auf dem Thema Transsexuallität rumreiten kann leicht dazu führen das es nervt. Das der ein oder andere damit überfordert ist, ist leicht möglich aber hier helfen unter Umständen persönliche Gespräche.
[...]
Ich denke aber mit einer Anti Mobbng Initiative könnte der Schuss nach hinten losgehen und es wird ein unnötiger Druck im Betrieb aufgebaut, es gibt doch das AGG wo es doch ansich ziemlich gut erläutert ist.
(Entschuldigt bitte die Umkehrung der Reihenfolge der Zitate - ich finde, dass so der Kontext besser passt)

Bei einer Fokussierung auf genau ein Thema sehe ich das gleiche Risiko wie Du - egal, welche "Randgruppe" man dabei in den Blick nimmt. Daher empfinde ich es als nicht nur passender, sondern auch für zielführender, wenn man das Grundproblem (Intoleranz gegenüber anderen, in der betrieblichen Konsequenz Ausgrenzung bzw. neudeutsch "mobbing" genannt) in Angriff nimmt.

Der Verweis auf das AGG geht an meiner Zielsetzung vorbei: Mittels des AGG kann man Druck auf Personen ausüben - aber keine Unternehmenskultur aufbauen. Obwohl, doch, kann man: Die einer rechtskonformen Scheintoleranz :shock:

Ich habe das Thema "TS im Betrieb" praktisch kennengelernt, aus Sicht einer dritten Person (externes Consulting). Was dort hinter dem Rücken der Betroffenen geäußert wurde, von ansonsten normal agierenden Leuten, hatte nichts mit Akzeptanz, wenig mit Toleranz und sehr viel mit erzwungener Scheintoleranz zu tun. Diese Kultur zu ändern sähe ich als wesentliches Ziel einer Initiative, wie Vanessa sie angesprochen hat.
Laura R hat geschrieben: Sa 1. Jul 2017, 14:40 Vielleicht habe ich das Thema leicht verfehlt
Das finde ich überhaupt nicht :)

Liebe Grüße
Jackie

Edit: Hier lagen noch zwei "s" herum, die habe ich an den passenden Stellen in den Text eingebaut :oops:

Re: "Coming-Out-Kultur"

Verfasst: Sa 1. Jul 2017, 15:34
von ExuserIn-2019-12-18
Hallo Ihr beiden :-)

Ich finde e gut, dass Ihr in das Thema auch unter unterschiedlichen Gesichtspunkten eingestiegen seit.

Mein persönliches Couming-Out ist nicht Kern der Überlegung, sondern vielleicht der gedankliche, zusätzliche Anstoß, das Thema aktiv anzugehen.
Das Thema - sehe ich sehr ähnlich übergreifend und als Teil der Unternehmenskultur. Im Öffentlichen Dienst sollte das ja eh zum guten Ton gehören, aber ich habe für mich festgestellt, dass Vieles auf das Thema Mann/Frau reduziert wird. Sexuelle Orientierung, Religion, ethnische Herkunft etc. geraten in diesem Zusammenhang öfter in den Hintergrund! Und seien wir mal ehrlich, es sind immer Kombinationen die wir im echten Leben treffen. Und am Ende ist es tatsächlich der Umgang miteinander der im Vordrgrund steht.
Nichts desto trotz macht es Sinn die Themen (nicht nur Trans) in der Organisation zu thematisieren und ins Bewusstsein zu bringen ...
Hierzu suche ich Konzepte und Ideen ... auf deren Basis wir aufbauen bzw. anfangen können ...

Ganz liebe Grüße
VanessaL

Re: "Coming-Out-Kultur"

Verfasst: Sa 1. Jul 2017, 16:02
von Laura R
nochmals Hallo,
wir haben / hatten nach erscheinen des AGG einen Verhaltenskodex erstellt den jeder Mitarbeiter erhalten hat, zusätzlich wurde dieser auch an für uns tätige Firmen ausgehändigt und bei der jährlichen Schulung der Handwerker als ein Thema für sich behandelt. Er war bezüglich des verhaltens recht allgemeingehalten und es wurde nicht auf das Thema transsexuelle Menschen hingewiesen. Grund für diesen Verhaltenskodex war, dass bei uns sehr viele Fremdmonteure, Handwerker aber auch Leiharbeitnehmer unterschiedlicher Nationen und zum Teil auch verschiedener Religionen bei uns tätig sind. Da ich diese Schulungen durchführe gehe ich auch diese Thematik auch ein, ich sage aber nicht das ich mal ein Mann war. Das geht keinen was an, da sitzt eine Frau und fertig ist.
Liebe Grüße
Laura
Ps. Vielleicht würde sowas mit in dein Konzept passen