In der eigenen Vergangenheit zu forschen, ist ein nicht unwesentlicher Beitrag zur
Selbsterkenntnis. Hier ein interessantes Goethe-Zitat zu diesem Thema aus einem der nicht in Kartons schlummernden Bücher meiner kleinen Bibliothek:
Hierbei bekenne ich, dass mir von jeher die große und so bedeutend klingende Aufgabe: Erkenne dich selbst! immer verdächtig vorkam, als eine List geheim verbündeter Priester, die den Menschen durch unerreichbare Forderungen verwirren und von der Tätigkeit gegen die Außenwelt zu einer innern falschen Beschaulichkeit verleiten wollten. Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt, die er nur in sich und sich nur in ihr gewahr wird. Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf.
Am allerfördersamsten aber sind unsere Nebenmenschen, die zu vergleichen und daher nähere Kenntnis von uns zu erlangen, als wir selbst gewinnen mögen.
Ich habe daher in reiferen Jahren große Aufmerksamkeit gehegt, inwiefern andere mich wohl erkennen möchten, damit ich in und an ihnen, wie an so viel Spiegeln, über mich selbst und über mein Inneres deutlicher werden könnte.
Aus: "Bedeutende Fördernis durch ein einziges geistreiches Wort.", 1822, Naturwissenschaftliche Schriften aus einer Werkausgabe von 1924
In der Kerkerszene in Faust I dann die Aufforderung:
Lass das Vergangene vergangen sein!
Ja, auch mit Zitaten kann sich jeder nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip seine eigene Welt wunschgemäß zusammenbasteln ...
Zu Lebzeiten wusste der Mann genau, wie tief er graben durfte, um nicht Opfer seiner eigenen Komplexe zu werden. Er hatte ein sicheres Gespür für das zugelassene Maß an
Selbsterkenntnis, wodurch er eben
nicht zum zweiten Plessing wurde und im Gegensatz zu diesem Dichter einem tragischen Schicksal entging.
Keiner hat es m.E. besser als Goethe verstanden, noch zu Lebzeiten seine eigene Vergangenheit perfekt aufzubereiten, um gem. der Schlussfolgerung aus dem ersten Zitat der Nachwelt bereits vorzugeben, was sie von ihm zu denken habe - genial.
Vielleicht noch ein interessanter Bezug zum Thema aus der psychoanalytischen Ecke:
Nach der erfolgreichen Amerikareise von Freud und Jung wurden Spucknäpfe und Zigarrenkisten der Wiener Mittwochsgesellschaft (in Freuds Wartezimmer) beiseite geschoben und 1910 die
Internationale Psychoanalytische Vereinigung gegründet, in welche nur aufgenommen wurde, wer bereit war, sich selbst einer Analyse zu unterziehen. Insbesondere der neue, vorrangig sexuelle Bezug versprach mitunter peinliche Resultate der
verordneten Selbsterkenntnis. Neben Hickhack, Kleinkrieg, Abspaltungen und Ausschlussverfahren fanden Jung als erster Vorsitzender und Präsident sowie Freud, eher ehrenhalber als 'wissenschaftlicher Präsident', noch etwas Zeit, um der eigentlichen Arbeit nachzugehen und dabei u.a. herauszufinden, dass Erinnerungen als infragekommende Komplex-Ursachen umso kollektiver wurden, je weiter diese zurückreichten. Das bestätigte die Theorie des phylogenetischen Ursprungs des Unbewussten, d.h. des zutiefst stammes- und abstammungsgeschichtlichen Ursprungs des Einzelnen (bitte nicht mit irgendeiner fehlgeleiteten Rassentheorie verwechseln, die bei Freud und Jung keine Rolle spielte).
Jede Individualität wird demnach mehr von kollektiven, menschheitsumspannenden Mustern bestimmt und beeinflusst, als sie sich eingestehen wollte. Letztlich lässt sich danach jede besondere Ausprägung auf solche
Psychophoren (Freud) oder
Archetypen (Jung) zurückführen. Lediglich die Art und Weise, wie diese subjektiv zur Ausformung gelangen, ist vielfältig. Während die Muster einerseits assimiliert werden, führen sie andererseits ggf. zu Konflikten, deren Verdrängung dann Ursache einer pathologischen Störung wird.
Das Wühlen in der Vergangenheit und die einhergehende Selbsterkenntnis sind Dinge, denen ich so lange gefolgt bin, bis sie mich zu meiner Identität geführt und dadurch zu einer Heilung des Selbst beigetragen haben. Jetzt hänge ich das ganze Thema
Introspektion gerne an den Nagel, um mich dem Leben mit seinen neuen Problemen zu stellen.
LG
Tara