Ich oute mich mal als Fan

Ich habe damals erst nach dem ESC-Finale von Conchita erfahren und war total baff. Nicht nur was sich der ORF da getraut hat - hey, in einem Österreich, in dem letztens fast 50% für einen rechten Populisten als Bundespräsident gestimmt haben! Ich hab den Song gehört, die Darbietung gesehen und die war echt großartig. Klar, mit viel Aufwand genau auf den Punkt designed, aber das haben die anderen eben nicht gebracht. Weil ich meinen Bias kenne, habe ich mir den ganzen ESC angeschaut und fand die Wertung vollkommen gerechtfertigt.
Und eben weil ich einen gewissen Bias habe - ich fand vor Jahrzehnten schon Amanda Lear toll, lange bevor ich wusste warum - habe ich auch Conchitas / Toms Geschichte durchgesehen. Dokus, alte Auftritte bei Castingshows, Ausschnitte aus der ganzen Ochsentour auf dem Weg von dort bis zum ersten ESC (wo es nicht geklappt hatte) bis zu "Rise like a Phoenix".
Ich finde mehrere Aspekte toll. Erstens wie Tom sich mittels dieser Figur aus seiner Schüchternheit und den Problemen seiner Kindheit herausgearbeitet hat. Als schwuler, femininer Junge in einem österreichischen Dorf ist das nicht leicht. Übrigens feminin: Es gibt frühe Kinderbilder mit Kleidern, er hat schon seit jeher genäht, geschneidert, gesungen. Die Ausbildung zum Modedesign, etc. Conchita hat also ihre Hintergründe in Toms Geschichte.
Zweitens das Durchhaltevermögen. Sich im Alter zwischen 19 und 25 durch Castingshow, Auftritte in C-Class TV-Shows zu arbeiten, ist hart. Dann in die Offensive zu gehen, einen ganz eigenen Stil zu kreieren und die Stamina zu haben, das durchzuhalten finde ich wow.
Drittens dass, wie Andre Heller in einer Ösi-Gesprächssendung gleich nach dem ESC-Gewinn sagte, Conchita "nicht ein dummes Wort in ein Mikrofon gesprochen hat". Das ist vielleicht etwas übertrieben, aber soweit ich mitbekommen habe, war seine/ihre Aussage immer ruhig, gelassen und positiv pro Vielfalt, pro Akzeptanz, etc. D.h. die Öffentlichkeit optimal genutzt. Mit den #Unstoppables progressiv, aber nie aggressiv gegen Intoleranz und Bigotterie gearbeitet.
Viertens die zentrale Aussage der Figur gegen binäre Genderklischees. Der Name kommt ja durch die Frage "bist du Mann oder Frau": Ist
Wurscht! Das kommt mir natürlich sehr entgegen und gleichzeitig finde ich es ganz allgemein wichtig. Ich sehe hier die aktuelle "Frontlinie" der Entwicklung, nachdem gleichgeschlechtliche Paare und Trans* immer mehr als okay durchgehen - Hauptsache es ist binär zugeordnet.
Zugegeben bin ich da wohl besonders sensibel. So wie andere hier vielleicht bei ihren Vornamen oder Pronomen. Aber gerade war ich auf den Webseiten eines vewandten Portals, wo der Fragebogen ausschliesslich in Binärdenke verfasst ist. "Wie viel Prozent deiner Zeit bist du Mann, wie viel Frau". Was könnte ich da schreiben? Null? Wo man als Benutzernamen ausschliesslich einen weiblichen Namen nehmen darf. Hab ich nicht. Fühlt sich genauso falsch an wie einen "männlichen".
Okay, anderes Forum, andere Regeln, ist eben nichts für mich. Aber doch mit Bezug zu diesem hier. Hier bin ich auch schon angequakt worden, weil ich micht nicht eindeutig in die Klischees einordne, zwei Persönlichkeiten pflege, etc.
Und weil Conchita eben nicht "Trans*", sondern genderqueer ist, liegt mir ihre Präsentation bzw. Toms Art und Weise näher, als Olivia Jones oder jede Trans*-Ikone.
Schön, dass Tom sie gelebt hat und viel Erfolg bei allem, was da noch kommen wird.
Zum Beispiel
https://www.youtube.com/watch?v=rgzo5TFlBQo 