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Tara ... vier Wochen alt

Verfasst: Fr 27. Jan 2017, 14:00
von Exuser-2018-07-15
Hallo,

ich stelle mich mit meinem weiblichen Selbst vor, weil das äußere Männliche täglich mehr zur Hülle wird, sinnentleert, belastend, überholt. Ich kann keine Vorgeschichte als CD verzeichnen, dafür mehr als vierzig Jahre verkorkstes, überwiegend vergeudetes Leben. Seit 10 Jahren ver-heiratet und mit achtjährigem Sohn habe ich meine Rolle gespielt, mehr schlecht als recht, habe funktioniert, wie es Familie, Job, Gesellschaft verlangten. Dass ich dabei unter ständigen Depressionen litt, von einem tiefen Loch ins nächste fiel, spielte für niemanden eine Rolle. Noch nicht einmal für mich selbst, denn ich war ein Meister darin zu verdrängen, mich zu verleugnen.

Seit der Pubertät litt ich unter stetig zunehmendem Selbsthass, ich ritzte mich, unternahm mehrere Suizidversuche. Mit meinen Problemen blieb ich stets allein. Klassenkameraden und Sportsfreunde distanzierten sich, meine Eltern verschlossen vor allem die Augen, was unbequem war. Meine späteren Beziehungen zu Frauen wirkten zerstörerisch, waren nach 6-12 Monaten vorbei. Bevor ich auch die Beziehung zu meiner jetzigen Ehefrau kaputtmachte, überfiel mich die Angst, danach alleine von den eigenen inneren Dämonen aufgefressen zu werden - und ich blieb. Doch alles wurde nur noch schlimmer.

In der letzten Silvesternacht blieb ich wie so oft allein. Ich war schwach, am Ende, und wehrte mich nicht, als ich an den Kleiderschrank ging, mir die Sachen meiner Frau anzog, die ich ihr im Laufe der Jahre geschenkt hatte, die sie aber niemals trug. Seitdem weiß ich, was mein ganzes Leben lang mit mir los war. Meine innere Weiblichkeit überschwemmte mein gesamtes Wesen, alle Dämme brachen.

So Vieles kann ich mir jetzt erklären: Ich lebte ohne Identität, versuchte verzweifelt, mir Ersatz-Identitäten aufzubauen. War das gelungen, gab es keinen Stolz, sondern neue Krisen, die keiner verstand. Denn mein unbewusstes Ziel, eine Identität zu schaffen, konnte ich nach dem Erlangen des äußeren Ziels, z.B. Haus, Familie, Beruf, nicht erreichen.
Der Selbsthass, der mich derart fest im Griff hatte, ist verschwunden. Dieser Hass resultierte daraus, dass mein Körper allen Versuchen widerstand, der männlichen Rolle bestmöglichst zu entsprechen: viel zu feine Augenbrauen, viel zu lange Wimpern, unmännlich zarte Haut, ein ovales, nicht markantes, beinahe faltenfreies Gesicht mit weichen Zügen, lange, fast haarlose Beine, insgesamt eine Körperbehaarung von 10-20 Stück, geringer Bartwuchs, der weder zum Kinn- noch Vollbart taugte, kein sichtbares Muskelwachstum ungeachtet 20 Jahren härtesten Trainings ... Die Liste ist lang.

Wenn ich als Kind Frauen bewunderte, ihre Gesten, Blicke, Sprechweise zu imitieren versuchte, wurde ich von meinen Eltern für verrückt erklärt. Ich durfte mich von ihnen nicht erwischen lassen, ständig die weiblichen Rollen in den Kinderspielen zu mimen. Ans Verkleiden wagte ich mich aus Angst niemals heran. Ich dachte, sie könnten mich ins Heim stecken, wenn sie davon erfahren würden.

Seit ein paar Wochen beginne ich, meinen Körper zu akzeptieren - als äußeres Abbild von dem, was ich viel zu lange in meinem Inneren weggesperrt hatte. Ich wünsche mir nicht mehr vor dem Zubettgehen, dass dieser Tag der letzte sein möge. Plötzlich will ich lieber leben als sterben. Es ist Tag geworden um mich herum - und das habe ich nur Tara zu verdanken. Sie überflutet mich mit Wärme, Ausgeglichenheit, beginnender Selbstachtung. Mitmenschen sehen mich zum ersten Mal lächeln. In meiner Euphorie, endlich hoffen zu dürfen, zu werden wer ich bin, rasierte ich mein Gesicht, ließ mir die Brauen zupfen, begann meine Körperkosmetik zu intensivieren, bestellte meine ersten Pumps, Damenhosen, Blusen, Unterwäsche, habe schon einen Termin fürs Probeschminken.

Aber ich bezahle die neuen Glücksgefühle mit ebenso neuen Ängsten. Noch agiere ich im Verborgenen, doch der Drang, endlich nach außen hin 'Frau' sein zu dürfen, ist unwiderstehlich. Das 'Outen' wirft die üblichen Fragestellungen auf. Ich will nicht zurück in die alten Depressionen, mich erneut verleugnen und verachten. Deshalb habe ich wohl keine andere Wahl, den begonnenen Weg bis zum Ende zu gehen, auch wenn mich bestimmte Fragen an die Grenze der Belastbarkeit bringen. Als Mann habe ich niemals geheult. Das konnte ich in den letzten Wochen ausgiebig nachholen, zwischen Bangen und Hoffen, Schmerz und aufglimmender Freude.

Puh, nun habe ich euch zugetextet und gegen die Regel, sich kurz zu fassen, wohl gründlich verstoßen. Meine speziellen Fragen werde ich knapp und bündig demnächst in den gesonderten Rubriken des Forums unterbringen.

Liebe Grüße
Tara

Re: Tara ... vier Wochen alt

Verfasst: Fr 27. Jan 2017, 15:34
von Theresa-Annalena
Hi Tara )))(: ,

herzlich Willkommen hier im Forum.
Ich fühlte mich mit Deiner Vorstellung keineswegs "zugetextet" und finde
einige Parallelen zu meinem eigenen bisherigen Weg.

LG
Tessa.

Re: Tara ... vier Wochen alt

Verfasst: Fr 27. Jan 2017, 19:54
von Michelle_Engelhardt
Hey Tara,

danke für Deine ausführliche Vorstellung und auch von mir herzlich willkommen. Manches, was Du berichtest, kommt mir auch ziemlich bekannt vor.

Liebe Grüße
Michelle

Re: Tara ... vier Wochen alt

Verfasst: Fr 27. Jan 2017, 22:05
von Michi
Hallo Tara,

auch von mir herzlich Willkommen. Ich finde es gut, wie ausführlich du dich bereits mit dir auseinandergesetzt hast.
Du hast keineswegs zu viel geschieben, und alles recht gut und schlüssig formuliert. Kürzer wäre ohne Informationsverlust wohl kaum möglich.

Im Gegensatz zu dir habe ich meine weibliche Seite zwar nicht komplett verdrängt, aber mich auch rund 40 Jahre vor allen versteckt,
mit den entsprechenden Nebenwirkungen, hab mich immer schlecht und falsch gefühlt, und versucht, den Erwartungen der anderen gerecht zu werden.
Ich denke, ich kann dich also schon ganz gut verstehen.

Liebe Grüße
Michi

Re: Tara ... vier Wochen alt

Verfasst: Fr 27. Jan 2017, 23:13
von MEL
Hallo Tara,

auch von mir ein herzliches Willkommen und vielen Dank für die sehr ausführliche, aussagekräftige Vorstellung!
Empfand den Text keineswegs zu lang und es ist ein kleiner Ausdruck dessen, was über Jahrzehnte auf deiner Seele lastet-e.

Ich wünsche Dir, dass Du nun die für dich richtigen Entscheidungen triffst und zu einem erfüllteren,
weniger belastenden Leben findest. Gleichwohl ist dir ja auch bewußt, dass dieser Weg zur Realisierung
des wahr empfundenen Geschlechts so manche Hürde beinhaltet und auch Rückschläge bereit hält!

Wünsche Dir Kraft und Zuversicht,

liebe Grüße

Mel

Re: Tara ... vier Wochen alt

Verfasst: Sa 28. Jan 2017, 19:03
von Bianca D.
Tara hat geschrieben: Fr 27. Jan 2017, 14:00 nun habe ich euch zugetextet und gegen die Regel, sich kurz zu fassen, wohl gründlich verstoßen.
Moin,

steht das irgendwo? Wie auch immer,ich mag es lieber so,als ein "Hi-da bin ich!" Herzlich willkommen also hier in der Gemeinschaft. Nach dem,was du da geschrieben hast,ist deine Geschichte ja recht typisch für Transgender. So oder ähnlich haben es wohl viele erlebt. Bei Fragen: immer raus damit! Alles Gute für deinen neuen Weg!

LG Bianca

Re: Tara ... vier Wochen alt

Verfasst: Sa 28. Jan 2017, 19:18
von Jasmine
Ich habe deine Vorstellung gerne gelesen.

Herzlich willkommen in diesem Forum

Viele Grüße
Jasmine

Re: Tara ... vier Wochen alt

Verfasst: Sa 28. Jan 2017, 21:47
von Exuser-2018-07-15
Ich melde mich zwischendurch zurück und bedanke mich für die freundliche Aufnahme und die guten Wünsche!
Ja, das mit dem Kurzfassen steht in der Forums-Übersicht zur Vorstellung: 'Wer möchte, kann sich vorstellen: bitte kurz fassen' :wink:

Es ist schön, hier auf Menschen zu treffen, die alle mehr oder weniger ähnliche Probleme haben. Leider gibt es für mich bisher keine Vertrauenspersonen außer einer lieben Freundin, die jedoch sehr weit weg wohnt und deshalb überwiegend eine virtuelle Freundschaft darstellt, nichtsdestotrotz sehr herzlich und intensiv.

Liebe Grüße

Tara

Re: Tara ... vier Wochen alt

Verfasst: So 29. Jan 2017, 07:25
von Magdalena
Hallo Tara,

Herzlich willkommen bei uns im Forum. Den Text ist ausführlich aber nicht zu lang. Du hast beschrieben wie es Dir geht, und uns in Dein Innerstes blicken lassen.
Nun nehm Dein Leben in die Hand und gestalte es so wie es Dir gefällt.


Viele Grüße Magdalena

Re: Tara ... vier Wochen alt

Verfasst: So 29. Jan 2017, 07:56
von Ninakadin
Hallo Tara,

Herzlich Willkommen auch von mir. Du lebst in Berlin, da gibt es ziemlich viele Menschen, denen es ähnlich geht wie Dir. Viele nette davon trifft man bei den TransSisters (www.transsisters.de). Schau doch mal vorbei!

LG,
Nina