Tara ... vier Wochen alt
Verfasst: Fr 27. Jan 2017, 14:00
Hallo,
ich stelle mich mit meinem weiblichen Selbst vor, weil das äußere Männliche täglich mehr zur Hülle wird, sinnentleert, belastend, überholt. Ich kann keine Vorgeschichte als CD verzeichnen, dafür mehr als vierzig Jahre verkorkstes, überwiegend vergeudetes Leben. Seit 10 Jahren ver-heiratet und mit achtjährigem Sohn habe ich meine Rolle gespielt, mehr schlecht als recht, habe funktioniert, wie es Familie, Job, Gesellschaft verlangten. Dass ich dabei unter ständigen Depressionen litt, von einem tiefen Loch ins nächste fiel, spielte für niemanden eine Rolle. Noch nicht einmal für mich selbst, denn ich war ein Meister darin zu verdrängen, mich zu verleugnen.
Seit der Pubertät litt ich unter stetig zunehmendem Selbsthass, ich ritzte mich, unternahm mehrere Suizidversuche. Mit meinen Problemen blieb ich stets allein. Klassenkameraden und Sportsfreunde distanzierten sich, meine Eltern verschlossen vor allem die Augen, was unbequem war. Meine späteren Beziehungen zu Frauen wirkten zerstörerisch, waren nach 6-12 Monaten vorbei. Bevor ich auch die Beziehung zu meiner jetzigen Ehefrau kaputtmachte, überfiel mich die Angst, danach alleine von den eigenen inneren Dämonen aufgefressen zu werden - und ich blieb. Doch alles wurde nur noch schlimmer.
In der letzten Silvesternacht blieb ich wie so oft allein. Ich war schwach, am Ende, und wehrte mich nicht, als ich an den Kleiderschrank ging, mir die Sachen meiner Frau anzog, die ich ihr im Laufe der Jahre geschenkt hatte, die sie aber niemals trug. Seitdem weiß ich, was mein ganzes Leben lang mit mir los war. Meine innere Weiblichkeit überschwemmte mein gesamtes Wesen, alle Dämme brachen.
So Vieles kann ich mir jetzt erklären: Ich lebte ohne Identität, versuchte verzweifelt, mir Ersatz-Identitäten aufzubauen. War das gelungen, gab es keinen Stolz, sondern neue Krisen, die keiner verstand. Denn mein unbewusstes Ziel, eine Identität zu schaffen, konnte ich nach dem Erlangen des äußeren Ziels, z.B. Haus, Familie, Beruf, nicht erreichen.
Der Selbsthass, der mich derart fest im Griff hatte, ist verschwunden. Dieser Hass resultierte daraus, dass mein Körper allen Versuchen widerstand, der männlichen Rolle bestmöglichst zu entsprechen: viel zu feine Augenbrauen, viel zu lange Wimpern, unmännlich zarte Haut, ein ovales, nicht markantes, beinahe faltenfreies Gesicht mit weichen Zügen, lange, fast haarlose Beine, insgesamt eine Körperbehaarung von 10-20 Stück, geringer Bartwuchs, der weder zum Kinn- noch Vollbart taugte, kein sichtbares Muskelwachstum ungeachtet 20 Jahren härtesten Trainings ... Die Liste ist lang.
Wenn ich als Kind Frauen bewunderte, ihre Gesten, Blicke, Sprechweise zu imitieren versuchte, wurde ich von meinen Eltern für verrückt erklärt. Ich durfte mich von ihnen nicht erwischen lassen, ständig die weiblichen Rollen in den Kinderspielen zu mimen. Ans Verkleiden wagte ich mich aus Angst niemals heran. Ich dachte, sie könnten mich ins Heim stecken, wenn sie davon erfahren würden.
Seit ein paar Wochen beginne ich, meinen Körper zu akzeptieren - als äußeres Abbild von dem, was ich viel zu lange in meinem Inneren weggesperrt hatte. Ich wünsche mir nicht mehr vor dem Zubettgehen, dass dieser Tag der letzte sein möge. Plötzlich will ich lieber leben als sterben. Es ist Tag geworden um mich herum - und das habe ich nur Tara zu verdanken. Sie überflutet mich mit Wärme, Ausgeglichenheit, beginnender Selbstachtung. Mitmenschen sehen mich zum ersten Mal lächeln. In meiner Euphorie, endlich hoffen zu dürfen, zu werden wer ich bin, rasierte ich mein Gesicht, ließ mir die Brauen zupfen, begann meine Körperkosmetik zu intensivieren, bestellte meine ersten Pumps, Damenhosen, Blusen, Unterwäsche, habe schon einen Termin fürs Probeschminken.
Aber ich bezahle die neuen Glücksgefühle mit ebenso neuen Ängsten. Noch agiere ich im Verborgenen, doch der Drang, endlich nach außen hin 'Frau' sein zu dürfen, ist unwiderstehlich. Das 'Outen' wirft die üblichen Fragestellungen auf. Ich will nicht zurück in die alten Depressionen, mich erneut verleugnen und verachten. Deshalb habe ich wohl keine andere Wahl, den begonnenen Weg bis zum Ende zu gehen, auch wenn mich bestimmte Fragen an die Grenze der Belastbarkeit bringen. Als Mann habe ich niemals geheult. Das konnte ich in den letzten Wochen ausgiebig nachholen, zwischen Bangen und Hoffen, Schmerz und aufglimmender Freude.
Puh, nun habe ich euch zugetextet und gegen die Regel, sich kurz zu fassen, wohl gründlich verstoßen. Meine speziellen Fragen werde ich knapp und bündig demnächst in den gesonderten Rubriken des Forums unterbringen.
Liebe Grüße
Tara
ich stelle mich mit meinem weiblichen Selbst vor, weil das äußere Männliche täglich mehr zur Hülle wird, sinnentleert, belastend, überholt. Ich kann keine Vorgeschichte als CD verzeichnen, dafür mehr als vierzig Jahre verkorkstes, überwiegend vergeudetes Leben. Seit 10 Jahren ver-heiratet und mit achtjährigem Sohn habe ich meine Rolle gespielt, mehr schlecht als recht, habe funktioniert, wie es Familie, Job, Gesellschaft verlangten. Dass ich dabei unter ständigen Depressionen litt, von einem tiefen Loch ins nächste fiel, spielte für niemanden eine Rolle. Noch nicht einmal für mich selbst, denn ich war ein Meister darin zu verdrängen, mich zu verleugnen.
Seit der Pubertät litt ich unter stetig zunehmendem Selbsthass, ich ritzte mich, unternahm mehrere Suizidversuche. Mit meinen Problemen blieb ich stets allein. Klassenkameraden und Sportsfreunde distanzierten sich, meine Eltern verschlossen vor allem die Augen, was unbequem war. Meine späteren Beziehungen zu Frauen wirkten zerstörerisch, waren nach 6-12 Monaten vorbei. Bevor ich auch die Beziehung zu meiner jetzigen Ehefrau kaputtmachte, überfiel mich die Angst, danach alleine von den eigenen inneren Dämonen aufgefressen zu werden - und ich blieb. Doch alles wurde nur noch schlimmer.
In der letzten Silvesternacht blieb ich wie so oft allein. Ich war schwach, am Ende, und wehrte mich nicht, als ich an den Kleiderschrank ging, mir die Sachen meiner Frau anzog, die ich ihr im Laufe der Jahre geschenkt hatte, die sie aber niemals trug. Seitdem weiß ich, was mein ganzes Leben lang mit mir los war. Meine innere Weiblichkeit überschwemmte mein gesamtes Wesen, alle Dämme brachen.
So Vieles kann ich mir jetzt erklären: Ich lebte ohne Identität, versuchte verzweifelt, mir Ersatz-Identitäten aufzubauen. War das gelungen, gab es keinen Stolz, sondern neue Krisen, die keiner verstand. Denn mein unbewusstes Ziel, eine Identität zu schaffen, konnte ich nach dem Erlangen des äußeren Ziels, z.B. Haus, Familie, Beruf, nicht erreichen.
Der Selbsthass, der mich derart fest im Griff hatte, ist verschwunden. Dieser Hass resultierte daraus, dass mein Körper allen Versuchen widerstand, der männlichen Rolle bestmöglichst zu entsprechen: viel zu feine Augenbrauen, viel zu lange Wimpern, unmännlich zarte Haut, ein ovales, nicht markantes, beinahe faltenfreies Gesicht mit weichen Zügen, lange, fast haarlose Beine, insgesamt eine Körperbehaarung von 10-20 Stück, geringer Bartwuchs, der weder zum Kinn- noch Vollbart taugte, kein sichtbares Muskelwachstum ungeachtet 20 Jahren härtesten Trainings ... Die Liste ist lang.
Wenn ich als Kind Frauen bewunderte, ihre Gesten, Blicke, Sprechweise zu imitieren versuchte, wurde ich von meinen Eltern für verrückt erklärt. Ich durfte mich von ihnen nicht erwischen lassen, ständig die weiblichen Rollen in den Kinderspielen zu mimen. Ans Verkleiden wagte ich mich aus Angst niemals heran. Ich dachte, sie könnten mich ins Heim stecken, wenn sie davon erfahren würden.
Seit ein paar Wochen beginne ich, meinen Körper zu akzeptieren - als äußeres Abbild von dem, was ich viel zu lange in meinem Inneren weggesperrt hatte. Ich wünsche mir nicht mehr vor dem Zubettgehen, dass dieser Tag der letzte sein möge. Plötzlich will ich lieber leben als sterben. Es ist Tag geworden um mich herum - und das habe ich nur Tara zu verdanken. Sie überflutet mich mit Wärme, Ausgeglichenheit, beginnender Selbstachtung. Mitmenschen sehen mich zum ersten Mal lächeln. In meiner Euphorie, endlich hoffen zu dürfen, zu werden wer ich bin, rasierte ich mein Gesicht, ließ mir die Brauen zupfen, begann meine Körperkosmetik zu intensivieren, bestellte meine ersten Pumps, Damenhosen, Blusen, Unterwäsche, habe schon einen Termin fürs Probeschminken.
Aber ich bezahle die neuen Glücksgefühle mit ebenso neuen Ängsten. Noch agiere ich im Verborgenen, doch der Drang, endlich nach außen hin 'Frau' sein zu dürfen, ist unwiderstehlich. Das 'Outen' wirft die üblichen Fragestellungen auf. Ich will nicht zurück in die alten Depressionen, mich erneut verleugnen und verachten. Deshalb habe ich wohl keine andere Wahl, den begonnenen Weg bis zum Ende zu gehen, auch wenn mich bestimmte Fragen an die Grenze der Belastbarkeit bringen. Als Mann habe ich niemals geheult. Das konnte ich in den letzten Wochen ausgiebig nachholen, zwischen Bangen und Hoffen, Schmerz und aufglimmender Freude.
Puh, nun habe ich euch zugetextet und gegen die Regel, sich kurz zu fassen, wohl gründlich verstoßen. Meine speziellen Fragen werde ich knapp und bündig demnächst in den gesonderten Rubriken des Forums unterbringen.
Liebe Grüße
Tara