Konstruktive Distanz
Verfasst: Fr 6. Jan 2017, 00:52
Dieser Beitrag richtet sich eher an transsexuelle Menschen mit ihren Partner*n — solche Menschen, die durch eine Transition hin zu einer vollzeitlichen Umstellung der Geschlechtsdarstellung betroffen sind oder sein werden. Natürlich bin ich aber auch für Rückmeldungen von "Teilzeittransen" offen 
Auch hier im Forum wird ja gerne der Erhalt der Partnerschaft als höchstwertiges Ziel angesehen. Jene Sekundärbetroffenen (hier meist Partnerinnen), die sich mit ihren Trans-Partnern auseinandersetzen und die Transition mit durchleben, werden gerne als "Sechser im Lotto" betrachtet. Doch wer etwas genauer auf die vielen Berichte von und über diese Partnerinnen achtet, stellt schnell fest, dass jede dieser Partner(innen) selbst bei positivster Grundeinstellung Phasen von Angst, Selbstzweifeln und sonstigen Problemen durchlaufen, häufig bis hin zur völligen Verzweiflung. Beim Großteil der Berichte geht es denn auch eher um die schwerwiegenden Probleme, die die Partnerinnen mit der Transition erleben und die den meisten von uns trotzdem fremd erscheinen. Selbst in den, oberflächlich betrachtet, positiven Berichten kann man relativ einfach herauslesen, mit welchen Problemen die jeweilige Partnerin zu kämpfen hat.
Bei uns (Angel und mir) ist dies auch zu beobachten und es ist bei uns vielleicht sogar stärker als das, was sonst so in den meisten Berichten der anderen zu lesen ist. Dennoch wollen wir versuchen, dass "unsere Transition" mindestens in einem positiven Zusammenleben mündet und nicht zu einem völligen Scheitern führt. Wir sind jetzt ziemlich genau ein Jahr auf dem "TS-Weg" (die vielen Diffizilitäten haben augenscheinlich durchaus einige von euch in meinem Tagebuch verfolgt) und fast unabhängig voneinander sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass wir es zusammen nicht schaffen werden. Jedenfalls nicht, wenn wir die gesamte Transition in unserer bisherigen intensiven Nähe durchlaufen werden.
Bei allen Höhen und Tiefen unseres bisherigen Prä-TS-Zusammenlebens fühlten wir uns immer sehr eng verbunden. Unsere Liebe war (und ist) sehr stark und auch wenn ich berufsbedingt häufig und weit von zuhause weg war: Es gab zu jeder Zeit eine emotionale Nähe, die uns jede Trennungsphase überstehen ließ. Bedrohungen von außen konnten wir auf diese Weise vergleichsweise gut meistern, an uns biss sich jedes Drama bislang die Zähne aus. Wir waren stets ein gutes Team, wenn es darauf ankam. Natürlich gab es in dem mehr als einem Vierteljahrhundert unserer Ehe auch immer wieder Zeiten, in denen der eine oder die andere mal nicht voll leistungsfähig war, doch dies fing die bzw. der andere dann irgendwie automatisch auf, übernahm für eine Zeit das Ruder und sorgte so dafür, dass wieder alles ins Lot kam.
Doch TS ist anders, im Sinne der Beziehung viel destruktiver: Wir arbeiten das erste Mal gegeneinander. Was für mich gut ist, ist Gift für meine Frau. Dinge, die meiner Frau gut tun, bringen mich aus dem Gleichgewicht. TS ist kein Thema, an dem eine typische Partnerschaft wächst — sie geht daran zugrunde. Sie ist, anders als beispielsweise eine ernsthafte Erkrankung oder eine dritte Person, keine Bedrohung von außen, sondern arbeitet von innen heraus.
Das Resultat dieses Kampfes ist in der Regel das Ende der Liebesbeziehung zwischen der heterosexuellen Partnerin und der Transsexuellen. Das muss nicht bedeuten, dass die Beziehung formell auseinanderbricht, doch wie häufig habe ich schon gehört, dass man nach der Transition "wie Schwestern zusammenlebt". Selbst hier im Forum ist von (zurecht) hoch geschätzten Partnerinnen zu lesen, dass mit der HET oder der GaOP "die Liebe stirbt", "keine Berührungen mehr möglich sind" oder dass "CD ja noch ging — bis dann der Partner erkannte, TS zu sein". Die Verhältnisse nach der Transition sind bestimmt so vielfältig wie die Betroffenen, doch scheint mir bei den weiterhin zusammenlebenden Partnern eine Umstellung auf eine WG mit (mehr oder eher weniger intensiver) emotionaler Bindung die Regel zu sein.
Angel meinte vor Kurzem zu mir: "Bislang hielt ich diejenigen Partnerinnen, die bei ihren Trans-Partnern bleiben, für die starken Frauen. Aber ich bin mir da nicht mehr so sicher: Es könnte durchaus sein, dass die wirklich starken Partnerinnen ihren eigenen Weg gehen und sie sich trennen. Vielleicht sind es gerade die nicht so starken Partner, die diese Trennung nicht schaffen und sich daran zerreiben, ihr bisheriges Bild zumindest teilweise noch aufrecht zu erhalten und sich dazu über ihr Zusammenleben [für sich selbst] aufopfern?" Dieser Gedanke besitzt durchaus Logik, auch wenn er dem gängigen Bild in den Foren widerspricht. Doch wie hinter vielem stark emotionalisierten Widerspruch könnte auch hinter der im Forum heftigen Reaktion auf Trennungsforderungen (bis hin zu einem "shit storm") nicht nur die Angst vor dem gleichen Ergebnis in der eigenen Situation liegen, sondern auch das verdrängte Wissen darum, dass eine solche Trennung durchaus eine (mindestens mental) positive Entwicklung für die eigene Partnerin bedeuten könnte.
(Nicht unerwähnt möchte ich meine Vermutung lassen, dass gerade in meiner Altersklasse hinter so mancher bleibenden Partnerin die durch eine traditionelle Partnerschaft entstandene wirtschaftliche Situation und vor allem die Angst vor massiven wirtschaftlichen Problemen steckt.)
Aber eigentlich ist es völlig egal, ob man den Grund für das Zusammenbleiben nun bei Stärke, Liebe oder Schwäche ansiedelt: Für die sekundärbetroffenen Frauen, so ist zumindest der entstehende Eindruck bei der Lektüre des Forums, stellt die Transition ihres "Mannes" eine extrem belastende Zeit dar. Häufig wird von eigenem physischen Schmerz berichtet, wenn die körperlichen Veränderungen miterlebt werden muss und die GaOP mit ihrer finalen Wirkung stellt meist noch einmal eine besondere Herausforderung dar. Und so versuchen Angel und ich uns auf das Unmögliche vorzubereiten: Dass meine weitere Entwicklung, die ja für das laufende Jahr quasi direkt vor der Tür steht, Angels Belastbarkeit über die Maßen des Möglichen strapaziert. Wie sollten wir darauf reagieren, zumal wir beide bislang fest an der Vorstellung hängen, dass wir auch zukünftig zusammen leben und gemeinsam alt werden wollen?
Neben in Verbalisierungen wie "wir werden das Badezimmer getrennt nutzen müssen, weil ich den Anblick der körperlichen Veränderung nicht mehr ertragen kann" resultierenden Emotionen, versuchen wir auch rational mit dieser Möglichkeit umzugehen. Ich halte es mittlerweile für sehr wahrscheinlich, dass wir auch mental getrennte Wege gehen müssen, zumindest eine gewisse Zeit und in begrenztem Umfang. Angel wird die Gelegenheit schaffen müssen, Teile meiner Transition nicht miterleben zu müssen und sich auf diese Weise ihre "trans-freien Räume" zu schaffen. Die ultima ratio wäre eine auch physische Trennung auf Zeit, doch weder wollen wir es riskieren, mit getrennten Wohnungen den Vorläufer einer dauerhaften Trennung zu schaffen, noch "haben wir mal eben so das dafür nötige Kleingeld". Selbst ohne die räumliche Trennung ist schon genug Risiko dafür vorhanden, dass diese "Flucht in die eigene Welt" zu einer permanenten Entfremdung führt, wir also dort landen, worauf die oben erwähnten Beschreibungen hindeuten: "schwesterliche Liebe" oder gar "Frauen-WG". Andererseits bietet sie auch die Chance zu erkennen, dass aus der Ferne betrachtet "die neue Frau" auch wesentliche Teile des alten Partners besitzt und dass dieser Mensch nicht nur fehlt, sondern auch in greifbarer Nähe ist. Falls dem dann überhaupt so ist und nicht "der Schmetterling" vor allem eines ist: niederschmetternd anders im Wesen als der Mann, der früher an der Seite seiner Partnerin stand.
Ich bin Freund beschreibender Begriffe und so nenne ich diese Notfall-Lösung die "konstruktive Distanz". "Distanz", das ist ein für mich besonders schreckliches Wort, da ich auf der Welt niemand anderes habe als meine Frau und ich mich ihr noch nie auch nur eine Armeslänge entfernt gefühlt hatte. Andererseits bietet es in diesem Fall die Hoffnung auf Hilfe, indem Angel nicht laufend mit der Nase auf alle Details gestoßen wird, sondern ihr eigenes Tempo findet, sich mit den neuen Gegebenheiten auseinanderzusetzen. "Konstruktiv" ist meine Hoffnung darauf, dass auf diese Weise eine neue Beziehung geschaffen werden kann, auf dem Fundament der alten Liebe gebaut und dennoch ein wahrscheinlich neues, ganz anderes Gebäude. Wir werden uns erst an die neuen Räumlichkeiten gewöhnen müssen — doch hoffentlich schaffen wir es, dort zusammen einzuziehen und uns dort nicht nur aus dem Weg zu gehen. Das wäre für mich dann der Beweis, dass eine Transition auch positiv enden kann.
Insgesamt bin ich aber auch zu dem Schluss gekommen, dass wir in all unserer Glorie auch anerkennen müssen, dass nicht nur die weiterhin in der Beziehung lebenden Partnerinnen Gehör und Anerkennung in unserer Runde finden dürfen. Ich bin der Überzeugung, dass Partnerinnen, die vor allem (oder sogar ausschließlich) Probleme mit ihren Trans*-Partnern haben, genauso auf das Elementare ihrer Gefühle pochen dürfen wie wir Primärbetroffenen, die wir doch gerne für uns reklamieren "nicht anders zu können". Ich finde es wichtig und fände es richtig, wenn auch solche Partnerinnen bei uns Hilfe und Beistand bekämen, und sei es in einem eigenen Bereich, in dem sie vor Verunglimpfungen und unfeiner Anmache geschützt wären. So böte sich für diese Partnerinnen nicht nur ein ihrem berechtigten Interesse entsprechender Raum für Unterstützung, sondern vielleicht ja auch die Möglichkeit, ein wenig "über den Zaun zu schauen" oder sogar einen Weg zu finden, doch noch mit dem Schmerz fertig zu werden. So wie Partnerinnen, die den Weg selbst nach geraumer gemeinsam erlebter Transition nicht mehr mitgehen können, dort dann Unterstützung fänden. Dass dem einen oder anderen Trans-Menschen dann ein "nur lesend"-Zugriff auf solche Bereiche (bzw. auf einen entsprechenden, abgestuft nutzbaren Bereich) beim Verstehen der eigenen Partnerin helfen könnte, würde ich geradezu erwarten. Und wer sich dadurch zu sehr angegriffen fühlt, muss dort ja nicht die Nase hineinstecken.
Wer sich bis hierher tapfer durchgekämpft hat fragt sich nun bestimmt, was ich mit diesem langen Text bezwecken wollte. Mir hat das Schreiben, gegenlesen, neu formulieren dabei geholfen, meine eigenen Gedanken zu sortieren. Gespannt bin ich auf Reaktionen derjenigen, die diese Probleme der Transition mittels einer "teilweisen gedanklichen Trennung" bereits in den Griff bekommen haben, zumal mich die daraus nach der Transition resultierende Beziehung interessieren würde. Auch falls ihr ein solches Vorgehen schon mal selbst diskutiert (aber noch nicht oder bewusst nicht umgesetzt) habt, bin ich sehr an euren Kommentaren interessiert. Die Diskussion darüber, ob und wie man intoleranten Partnerinnen in diesem Forum Platz bieten kann, ist hoffentlich nicht nur kontrovers, sondern im wesentlichen spannend und konstruktiv — aber dennoch eventuell in einem separaten thread besser aufgehoben.
Liebe Grüße
Jackie
(Edit: Zitate deutlicher hervorgehoben)
Auch hier im Forum wird ja gerne der Erhalt der Partnerschaft als höchstwertiges Ziel angesehen. Jene Sekundärbetroffenen (hier meist Partnerinnen), die sich mit ihren Trans-Partnern auseinandersetzen und die Transition mit durchleben, werden gerne als "Sechser im Lotto" betrachtet. Doch wer etwas genauer auf die vielen Berichte von und über diese Partnerinnen achtet, stellt schnell fest, dass jede dieser Partner(innen) selbst bei positivster Grundeinstellung Phasen von Angst, Selbstzweifeln und sonstigen Problemen durchlaufen, häufig bis hin zur völligen Verzweiflung. Beim Großteil der Berichte geht es denn auch eher um die schwerwiegenden Probleme, die die Partnerinnen mit der Transition erleben und die den meisten von uns trotzdem fremd erscheinen. Selbst in den, oberflächlich betrachtet, positiven Berichten kann man relativ einfach herauslesen, mit welchen Problemen die jeweilige Partnerin zu kämpfen hat.
Bei uns (Angel und mir) ist dies auch zu beobachten und es ist bei uns vielleicht sogar stärker als das, was sonst so in den meisten Berichten der anderen zu lesen ist. Dennoch wollen wir versuchen, dass "unsere Transition" mindestens in einem positiven Zusammenleben mündet und nicht zu einem völligen Scheitern führt. Wir sind jetzt ziemlich genau ein Jahr auf dem "TS-Weg" (die vielen Diffizilitäten haben augenscheinlich durchaus einige von euch in meinem Tagebuch verfolgt) und fast unabhängig voneinander sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass wir es zusammen nicht schaffen werden. Jedenfalls nicht, wenn wir die gesamte Transition in unserer bisherigen intensiven Nähe durchlaufen werden.
Bei allen Höhen und Tiefen unseres bisherigen Prä-TS-Zusammenlebens fühlten wir uns immer sehr eng verbunden. Unsere Liebe war (und ist) sehr stark und auch wenn ich berufsbedingt häufig und weit von zuhause weg war: Es gab zu jeder Zeit eine emotionale Nähe, die uns jede Trennungsphase überstehen ließ. Bedrohungen von außen konnten wir auf diese Weise vergleichsweise gut meistern, an uns biss sich jedes Drama bislang die Zähne aus. Wir waren stets ein gutes Team, wenn es darauf ankam. Natürlich gab es in dem mehr als einem Vierteljahrhundert unserer Ehe auch immer wieder Zeiten, in denen der eine oder die andere mal nicht voll leistungsfähig war, doch dies fing die bzw. der andere dann irgendwie automatisch auf, übernahm für eine Zeit das Ruder und sorgte so dafür, dass wieder alles ins Lot kam.
Doch TS ist anders, im Sinne der Beziehung viel destruktiver: Wir arbeiten das erste Mal gegeneinander. Was für mich gut ist, ist Gift für meine Frau. Dinge, die meiner Frau gut tun, bringen mich aus dem Gleichgewicht. TS ist kein Thema, an dem eine typische Partnerschaft wächst — sie geht daran zugrunde. Sie ist, anders als beispielsweise eine ernsthafte Erkrankung oder eine dritte Person, keine Bedrohung von außen, sondern arbeitet von innen heraus.
Das Resultat dieses Kampfes ist in der Regel das Ende der Liebesbeziehung zwischen der heterosexuellen Partnerin und der Transsexuellen. Das muss nicht bedeuten, dass die Beziehung formell auseinanderbricht, doch wie häufig habe ich schon gehört, dass man nach der Transition "wie Schwestern zusammenlebt". Selbst hier im Forum ist von (zurecht) hoch geschätzten Partnerinnen zu lesen, dass mit der HET oder der GaOP "die Liebe stirbt", "keine Berührungen mehr möglich sind" oder dass "CD ja noch ging — bis dann der Partner erkannte, TS zu sein". Die Verhältnisse nach der Transition sind bestimmt so vielfältig wie die Betroffenen, doch scheint mir bei den weiterhin zusammenlebenden Partnern eine Umstellung auf eine WG mit (mehr oder eher weniger intensiver) emotionaler Bindung die Regel zu sein.
Angel meinte vor Kurzem zu mir: "Bislang hielt ich diejenigen Partnerinnen, die bei ihren Trans-Partnern bleiben, für die starken Frauen. Aber ich bin mir da nicht mehr so sicher: Es könnte durchaus sein, dass die wirklich starken Partnerinnen ihren eigenen Weg gehen und sie sich trennen. Vielleicht sind es gerade die nicht so starken Partner, die diese Trennung nicht schaffen und sich daran zerreiben, ihr bisheriges Bild zumindest teilweise noch aufrecht zu erhalten und sich dazu über ihr Zusammenleben [für sich selbst] aufopfern?" Dieser Gedanke besitzt durchaus Logik, auch wenn er dem gängigen Bild in den Foren widerspricht. Doch wie hinter vielem stark emotionalisierten Widerspruch könnte auch hinter der im Forum heftigen Reaktion auf Trennungsforderungen (bis hin zu einem "shit storm") nicht nur die Angst vor dem gleichen Ergebnis in der eigenen Situation liegen, sondern auch das verdrängte Wissen darum, dass eine solche Trennung durchaus eine (mindestens mental) positive Entwicklung für die eigene Partnerin bedeuten könnte.
(Nicht unerwähnt möchte ich meine Vermutung lassen, dass gerade in meiner Altersklasse hinter so mancher bleibenden Partnerin die durch eine traditionelle Partnerschaft entstandene wirtschaftliche Situation und vor allem die Angst vor massiven wirtschaftlichen Problemen steckt.)
Aber eigentlich ist es völlig egal, ob man den Grund für das Zusammenbleiben nun bei Stärke, Liebe oder Schwäche ansiedelt: Für die sekundärbetroffenen Frauen, so ist zumindest der entstehende Eindruck bei der Lektüre des Forums, stellt die Transition ihres "Mannes" eine extrem belastende Zeit dar. Häufig wird von eigenem physischen Schmerz berichtet, wenn die körperlichen Veränderungen miterlebt werden muss und die GaOP mit ihrer finalen Wirkung stellt meist noch einmal eine besondere Herausforderung dar. Und so versuchen Angel und ich uns auf das Unmögliche vorzubereiten: Dass meine weitere Entwicklung, die ja für das laufende Jahr quasi direkt vor der Tür steht, Angels Belastbarkeit über die Maßen des Möglichen strapaziert. Wie sollten wir darauf reagieren, zumal wir beide bislang fest an der Vorstellung hängen, dass wir auch zukünftig zusammen leben und gemeinsam alt werden wollen?
Neben in Verbalisierungen wie "wir werden das Badezimmer getrennt nutzen müssen, weil ich den Anblick der körperlichen Veränderung nicht mehr ertragen kann" resultierenden Emotionen, versuchen wir auch rational mit dieser Möglichkeit umzugehen. Ich halte es mittlerweile für sehr wahrscheinlich, dass wir auch mental getrennte Wege gehen müssen, zumindest eine gewisse Zeit und in begrenztem Umfang. Angel wird die Gelegenheit schaffen müssen, Teile meiner Transition nicht miterleben zu müssen und sich auf diese Weise ihre "trans-freien Räume" zu schaffen. Die ultima ratio wäre eine auch physische Trennung auf Zeit, doch weder wollen wir es riskieren, mit getrennten Wohnungen den Vorläufer einer dauerhaften Trennung zu schaffen, noch "haben wir mal eben so das dafür nötige Kleingeld". Selbst ohne die räumliche Trennung ist schon genug Risiko dafür vorhanden, dass diese "Flucht in die eigene Welt" zu einer permanenten Entfremdung führt, wir also dort landen, worauf die oben erwähnten Beschreibungen hindeuten: "schwesterliche Liebe" oder gar "Frauen-WG". Andererseits bietet sie auch die Chance zu erkennen, dass aus der Ferne betrachtet "die neue Frau" auch wesentliche Teile des alten Partners besitzt und dass dieser Mensch nicht nur fehlt, sondern auch in greifbarer Nähe ist. Falls dem dann überhaupt so ist und nicht "der Schmetterling" vor allem eines ist: niederschmetternd anders im Wesen als der Mann, der früher an der Seite seiner Partnerin stand.
Ich bin Freund beschreibender Begriffe und so nenne ich diese Notfall-Lösung die "konstruktive Distanz". "Distanz", das ist ein für mich besonders schreckliches Wort, da ich auf der Welt niemand anderes habe als meine Frau und ich mich ihr noch nie auch nur eine Armeslänge entfernt gefühlt hatte. Andererseits bietet es in diesem Fall die Hoffnung auf Hilfe, indem Angel nicht laufend mit der Nase auf alle Details gestoßen wird, sondern ihr eigenes Tempo findet, sich mit den neuen Gegebenheiten auseinanderzusetzen. "Konstruktiv" ist meine Hoffnung darauf, dass auf diese Weise eine neue Beziehung geschaffen werden kann, auf dem Fundament der alten Liebe gebaut und dennoch ein wahrscheinlich neues, ganz anderes Gebäude. Wir werden uns erst an die neuen Räumlichkeiten gewöhnen müssen — doch hoffentlich schaffen wir es, dort zusammen einzuziehen und uns dort nicht nur aus dem Weg zu gehen. Das wäre für mich dann der Beweis, dass eine Transition auch positiv enden kann.
Insgesamt bin ich aber auch zu dem Schluss gekommen, dass wir in all unserer Glorie auch anerkennen müssen, dass nicht nur die weiterhin in der Beziehung lebenden Partnerinnen Gehör und Anerkennung in unserer Runde finden dürfen. Ich bin der Überzeugung, dass Partnerinnen, die vor allem (oder sogar ausschließlich) Probleme mit ihren Trans*-Partnern haben, genauso auf das Elementare ihrer Gefühle pochen dürfen wie wir Primärbetroffenen, die wir doch gerne für uns reklamieren "nicht anders zu können". Ich finde es wichtig und fände es richtig, wenn auch solche Partnerinnen bei uns Hilfe und Beistand bekämen, und sei es in einem eigenen Bereich, in dem sie vor Verunglimpfungen und unfeiner Anmache geschützt wären. So böte sich für diese Partnerinnen nicht nur ein ihrem berechtigten Interesse entsprechender Raum für Unterstützung, sondern vielleicht ja auch die Möglichkeit, ein wenig "über den Zaun zu schauen" oder sogar einen Weg zu finden, doch noch mit dem Schmerz fertig zu werden. So wie Partnerinnen, die den Weg selbst nach geraumer gemeinsam erlebter Transition nicht mehr mitgehen können, dort dann Unterstützung fänden. Dass dem einen oder anderen Trans-Menschen dann ein "nur lesend"-Zugriff auf solche Bereiche (bzw. auf einen entsprechenden, abgestuft nutzbaren Bereich) beim Verstehen der eigenen Partnerin helfen könnte, würde ich geradezu erwarten. Und wer sich dadurch zu sehr angegriffen fühlt, muss dort ja nicht die Nase hineinstecken.
Wer sich bis hierher tapfer durchgekämpft hat fragt sich nun bestimmt, was ich mit diesem langen Text bezwecken wollte. Mir hat das Schreiben, gegenlesen, neu formulieren dabei geholfen, meine eigenen Gedanken zu sortieren. Gespannt bin ich auf Reaktionen derjenigen, die diese Probleme der Transition mittels einer "teilweisen gedanklichen Trennung" bereits in den Griff bekommen haben, zumal mich die daraus nach der Transition resultierende Beziehung interessieren würde. Auch falls ihr ein solches Vorgehen schon mal selbst diskutiert (aber noch nicht oder bewusst nicht umgesetzt) habt, bin ich sehr an euren Kommentaren interessiert. Die Diskussion darüber, ob und wie man intoleranten Partnerinnen in diesem Forum Platz bieten kann, ist hoffentlich nicht nur kontrovers, sondern im wesentlichen spannend und konstruktiv — aber dennoch eventuell in einem separaten thread besser aufgehoben.
Liebe Grüße
Jackie
(Edit: Zitate deutlicher hervorgehoben)