Wir sehen dies anhand von Phänomenen wie Pegida, Legida, AfD, allgemein einem wieder erstarkenden Konservativismus und Nationalismus. Alle haben ganz klare Feindbilder und wir, die LSBT* Gemeinschaft, gehören dazu.
Liebe Nicole,
so sehr ich Deinen Beitrag verstehe und in weiten Teilen unterstütze, in einigen Bereichen sehe ich ihn etwas anders. Die beschriebenen Phänomene sind Reaktionen, die sich verselbstständigen, weil sie Unterstützung bekommen. Gesellschaften und viele Menschen vertragen keine schnellen Veränderungen und wenn die Ohnmacht Oberhand bekommt, sind die Reaktionen irrational. Helfen uns da wirklich Verschärfungen im Strafrecht ? Oder fördern solche Forderungen vielleicht sogar die Extrempositionen, da sie zu einer verstärkten Polarisierung führen ?
Solche Rufe nach Verschärfung sind aus meiner Sicht selber Ausdruck von Ohnmacht. Das kann nicht unser Weg sein. Aus meiner Sicht müssen wir uns bemühen, den Extremen das Wasser abzugraben, in dem wir uns stärker in der Mitte der Gesellschaft bewegen und dort Akzeptanz finden. Ich habe immer die Weimarer Republik vor Augen. Dort haben sich die Extreme buchstäblich bis auf das Messer bekämpft. Die Stärke der Extreme war in der Schwäche der Mitte, der Moderaten begründet. Wir wissen alle, dass die Extreme keine Lösung bieten können. Wir haben auch keine Lösung, wenn wir den Extremen den Gefallen tun und genau in dieses Muster fallen, die sie weiter antreibt.
Ich schreibe bewusst von "den Extremen", denn die Mechanismen sind aus meiner Sicht in weiten Bereichen universell. Ob das IS, die Konflikte im nahen Osten, politische Gruppierungen und auch die Art wie ein Trump mit den Anschlägen in den USA umgeht. Sie zielen immer auf eine Verschärfung des Konflikts, da sie daraus ihre Energie ziehen, wie ein Hurrikan seine Energie aus dem warmen Wasser im Golf von Mexiko. Ohne diese Energiequelle des Hasses sind diese Agitatoren machtlos.
Wir haben nur sehr begrenzte Möglichkeiten des Einflusses, aber wir verschwenden sie, wenn sie eine Strategie verfolgt, die den Extremen nützt.
"Keine Toleranz für Gewalt gegen LBST*"
ist richtig, doch wir sollten klug sein und uns nicht verleiten lassen, vorschnell Dinge zu fordern, die letztlich nichts anderes sind, als Methoden der Extremen, auch wenn wir noch so sehr entrüstet sind. Ich denke, wir können viel mehr erreichen, wenn wir die simple Frage immer und immer wieder stellen:
Wollen wir solche Verhältnisse in unseren Dörfern und Städten/Regionen/Deutschland/Europa ? Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen, auch wenn sie nicht für LBST* sind, so etwas nicht wollen. Es geht darum die schweigenden Menschen dazu zu bringen, dass sie sich äußern. Am Arbeitsplatz, in den Kantinen in den Gesprächen mit Freunden und Nachbarn. Es geht nicht nur um ein "paar" Schwule oder Transen. Es geht um viel, viel mehr. Unsere Gesellschaft wird am besten gestärkt, wenn die Mitte gestärkt wird. Es geht darum, die Menschen zurück zu gewinnen, die immer mehr aus der Mitte fallen: gesellschaftlich, politisch, finanziell ...
Das erreichen wir nicht mit Verschärfungen, sondern durch Überzeugung, u.a. der, dass die Mitte viel stärker ist, als es den Anschein hat. Verschärfung ist Machtlosigkeit. Es ist eine Form der Kapitulation.
Die wahre Kraft liegt im Wort und in der Geduld, immer wieder das auszusprechen, für was man steht. Die Überzeugung ist die Kraft, die uns als Gesellschaft fördert. Aber dafür müssen wir uns einsetzen, jeden Tag.