Ostwind
Verfasst: Do 9. Jun 2016, 10:19
Moin,
Ostwind - das ist ein "Arbeitstitel" für eine längere Geschichte.
Erst einmal ein langsamer Aufbau.
"Du musst aufstehen!"
So spät ist es doch noch gar nicht?
Der Ostwind ist zu hören — und das Geräusch der unermüdlichen Wellen dringt bis an den Schlafplatz. Es ist noch lange nicht Ebbe — Zeit genug, sich ein wenig auszuruhen. Hedwig fühlt sich müde und schwer. Es ist so heiß, dass sie unbekleidet schläft. Sie hat geschwitzt in der Nacht, hat schlecht geschlafen. Obwohl sie in der letzten Zeit ganz wenig gegessen hat, sieht sie einen Bauch, wenn sie an sich herunterschaut.
Ihr Blick fällt auch auf ihre Brüste. Sie war froh, dass sie immer sehr klein waren. Nun sind sie ordentlich gewachsen. Das gefällt mir nicht.
"Ich fühle mich wie eine Kuh sich wohl fühlen wird", denkt sie und vor ihr tauchen Bilder auf von schwankenden Eutern. Nein, sie möchte so sein, wie sie vor einiger Zeit gewesen ist: knabenhaft — und immer auf dem Wasser oder im Watt unterwegs.
"Heute musst Du Frühstück für die Sommergäste richten", ruft ihr die Mutter zu, ich muss noch ins Dorf und schauen, ob es heute Kaffee gibt.
"Sommergäste", Hedwig schnauft verächtlich, aber sie und ihre Mutter können jeden Groschen gebrauchen.
Sie kommt nicht so recht aus dem Bett. Im Unterleib spürt sie ein Ziehen.
Dabei: schon länger hat sie "die Tage über die Frauen nicht sprechen" nicht gehabt; aber die kamen eh recht unregelmäßig.
Endlich hat sie es geschafft. Sie schlüpft in ihre Latzhose, die nicht nur praktisch ist, weil sie große Taschen für alle möglichen Utensilien und Werkzeuge hat, sondern weil sie den Bauch so schön hält.
Erst am Scheuern der Naht bemerkt sie, dass sie keine Unterhose angezogen hat.
Mist — die hat sie ausgewaschen und abends auf die Leine gehängt. Ob sie schon trocken ist?
Sie geht hinunter und holt sich die Unterhose, die einsam auf der Leine hängt. "Trocken ist anders", denkt sie, "aber der Rest trocknet am Körper".
Sie geht wieder in die Schlafkammer, die sie mit ihrer Mutter teilt; denn auf dem Hofplatz kann sie sich nicht anziehen. Die Sommergäste könnten jeden Moment kommen.
Raus aus der Hose.
Die Tür geht auf; die Sommergäste werden doch wohl nicht"¦
"Kind, bist Du guter Hoffnung?"
Ihre Mutter ist noch einmal zurückgekommen und guckt sie mit weit aufgerissenen Augen von unten bis oben an.
"Guter Hoffnung? Was soll das sein?"
"Du kriegst ein Kind, jedenfalls siehst Du so aus!"
Hedwig schluchzt, "ein Kind? Wieso?"
"Das möchte ich auch gerne wissen", antwortet ihre Mutter, "ein Kind hat uns gerade noch gefehlt".
Es ist nicht nötig, aber sie zählt noch einmal auf, wie schwierig die Zeiten sind. Der Krieg liegt erst wenige Jahre zurück. Ihr Mann ist "für den Führer und für das Vaterland gefallen", es gibt zwar viel Arbeit auf der Insel, aber kaum Bezahlung. Hedwig kennt die Klagelieder ihrer Mutter.
Unten ruft jemand. Die Mutter geht nachschauen. Sie vermutet, dass es die Gäste sind, die etwas wollen oder brauchen.
Immer freundlich sein!
Sie kommt zurück.
"Sieh zu", sagt sie zu Hedwig, "es ist Willi, der will raus zum Makrelenangeln und nimmt Dich mit. Das Wasser läuft ab, ihr müsst euch beeilen, wenn ihr noch los wollt!"
"Aber das Frühstück für die Sommergäste"¦".
"Das mache ich. Wenn Du eine große Ladung Makrelen heimbringst, das würde uns noch mehr helfen!"
Hedwig will eigentlich lieber ins Watt und nach den Reusen und Ofenrohren schauen oder zum Totten hinausrudern.
Mutter meint es ernst: "Kind, nun lauf!"
Hedwig rennt die kurze Strecke bis zum Hafen hinunter.
""¦ und über die andere Sache reden wir noch!"
Hedwig hat die letzten Worte ihrer Mutter noch im Ohr, als sie bei Willi und seiner "Miesmuschel II" an Bord klettert".
Willi ist dabei, mit einem Gasbrenner den Motor vorzuwärmen. "Das ist ein Glühkopfmotor", hat er ihr mal erklärt. Ihr glüht auch der Kopf — vom Laufen und von den Worten ihrer Mutter.
"Guter Hoffnung — so ein Quatsch, was kann gut daran sein, ein Kind zu bekommen?"
Willi schraubt am Gasbrenner und bringt die Flamme zum Erlöschen.
Er stellt sich an das große Schwungrad und pendelt. Er scheint einen richtigen und wichtigen Punkt zu suchen. Er sieht ganz andächtig aus.
Schließlich gibt er dem Rad, was dem Namen Ehre macht: SCHWUNG.
PÖTT PÖTT PÖTT — wie von Zauberhand nimmt der Motor seine Arbeit auf. Willis Augen leuchten.
"Leinen los", ruft er.
Schnaufend kommt sein Sohn angelaufen und springt gerade noch rechtzeitig an Bord. Hedwig bewundert den kühnen Sprung. Nun sind sie zu dritt. Wenn sie tatsächlich einen Makrelenschwarm entdecken sollten, würden sie bestimmt einen guten Fang machen.
Sie tuckern die schmale Fahrrinne entlang. Sie halten sich dich an die Pricken. Willi steht konzentriert an der Pinne. Jetzt nur nicht auflaufen; dann müssten sie bis zur nächsten Flut warten.
Sie haben Glück. Die flachen Priele haben sie bald überwunden; nun wird das Wasser tiefer.
Die erste Tonne ist in Sicht. Nun haben sie es geschafft. Der Strom zieht sie hinaus. Der Wind steht gegenan und wirft eine unangenehme, kabbelige See auf.
Sie werden nass. Bei dieser Hitze können sie keine Teerjacken anziehen. Die mag Hedwig sowieso nicht. Nach manchen Wellen schüttelt sich das Boot, aber der Motor tuckert zuverlässig.
"Wenn der erst einmal läuft"¦", hat Willi mal gesagt, aber den Rest des Satzes in Tabaksqualm dahinfliegen lassen. Hedwig glaubt ihm trotzdem.
Ja, so lange der Motor läuft, fühlt auch sie sich sicher, erstmal. Mit jedem kräftigen PÖTT des Motors entfernt sie sich wieder ein Stück von ihrer Mutter, erstmal.
"Das Leben geht weiter", denkt sie, "so lange der Motor läuft!" Sie muss schmunzeln über diese Gedanken und verzieht ihr Gesicht zu einem Lächeln, aus dem sogar ein Lachen wird.
"Lach"™s mi an oder ut?" fragt Willi.
"Na — an, natürlich!"
Sie lenkt sich ab und guckt durch das große Fernglas.
Sie umrunden die nördlichste Spitze und nehmen Kurs West.
Der kräftige Strom zieht sie hinaus.
Sie sind auf der Nordsee und nicht mehr im Wattenmeer.
"Nordsee ist Mordsee", hat sie mal gehört, aber heute zeigt sich das Meer gemütlich wie ein Ententeich.
Immer wieder freut sie sich, den Leuchtturm zu sehen.
Sie sieht auch die Bunker und denkt an die Nächte mit Alarm, denkt an gefallene Bomben, an Tiefflieger, die Jagt auf Menschen im Watt gemacht haben — und an ihren Vater, der wäre bestimmt gerne dabei heute!
"Da ist was!"
Hedwig ist immer wieder aufgeregt, ein Jagdfieber befällt sie regelrecht, wenn sie spürt, dass ein Fang möglich ist. Durch das Fernglas hat sie Möwen gesehen, die immer wieder auf das Wasser stoßen.
"Wir haben Glück", meint Willi, "wir müssen uns an das geräumte Fahrwasser halten — eine bessere Stelle hätten sich die Fische nicht aussuchen können!"
"Erst mal sehen, ob da tatsächlich Makrelen sind". Willis Sohn heißt nicht nur Ernst, sondern er antwortet auch ernst und wohl überlegt: "kann auch sein, dass kein Makrelenschwarm den Heringen gefolgt ist".
"Das habe ich in den vielen Jahren fast noch nie erlebt", gibt Willi zur Antwort, schaut aber etwwas nachdenklicher. Seine Begeisterung scheint verflogen.
"Erst mol hebben", murmelt er in seinen Bart.
Ernst holt die Handangeln und spült die Fischkisten noch einmal durch.
Willi drosselt den Motor und kuppelt aus. Sie lassen sich treiben und werden vom Strom weiter auf die Nordsee hinausgezogen. Immer wieder achtet er darauf, dass sie das Fahrwasser nicht verlassen.
Auf Salzsand tobt die Brandung.
"Da möchte ich jetzt nicht sein", denkt Hedwig.
Sie werfen die Angeln aus.
Es sind einfache Handangeln mit fünf Haken. Die Angelschnüre sind auf einem Holzstück aufgewickelt.
Fünf Haken = fünf Makrelen; so ist die Gleichung, die sie in der nächsten Stunde immer wieder aufstellen. Selten, dass nicht alle Haken besetzt sind.
Die Fischkisten füllen sich.
Hedwig rechnet.
Sie rechnet, dass Willi ihr sicherlich einen Anteil geben wird.
Vielleicht wird der Anteil so groß, dass sie sich etwas kaufen kann — oder für ihre Mutter.
Als die Fischkisten voll sind, brechen sie ab.
Dabei hätten sie weitermachen können, um die Fangmenge zu verdoppeln.
"Nun kommt erst die richtige Arbeit!"
Willi gibt jedem ein Messer und sie machen sich an das Ausnehmen der Fische.
Nebenher steuert er. Sie haben gewendet und tuckern langsam mit dem auflaufenden Wasser zurück.
Nachmittags erreichen sie den Hafen.
Sie werden schon erwartet.
Viele Dorfbewohner sind erschienen; die meisten können nichts bezahlen.
Emma bringt immerhin etwas aus ihrem Gemüsegarten mit.
"Ich mach das mal wieder gut!" ist oft zu hören an dem Tag.
Es hat sich wohl rumgesprochen, dass sie einen guten Fang gemacht haben; es kommt sogar einer aus Westerland und holt für sein Lokal 600 Stück ab. Vorher prüft er die Ware, drückt ins Fleisch, besieht sich die Kiemen.
Ein paar Scheine wechseln den Besitzer. Hedwig kann nicht sehen, ob es viel Geld ist.
Sie darf sich zwei Eimer voller Makrelen mitnehmen. Sie ist fast ein wenig enttäuscht.
Sie klettert an Land.
Willi ruft sie noch einmal zurück: "hier, mien Deern, soveel gift datt aber nich immer!"
Er drückt ihr zehn Mark in die Hand. Fast hätte sie einen Luftsprung gemacht.
Fast tänzelnd tritt sie den Heimweg an, aber je näher sie dem Haus kommt, desto schwerer werden ihre Schritte. Sie muss an das bevorstehende Gespräch mit ihrer Mutter denken.
Ostwind - das ist ein "Arbeitstitel" für eine längere Geschichte.
Erst einmal ein langsamer Aufbau.
"Du musst aufstehen!"
So spät ist es doch noch gar nicht?
Der Ostwind ist zu hören — und das Geräusch der unermüdlichen Wellen dringt bis an den Schlafplatz. Es ist noch lange nicht Ebbe — Zeit genug, sich ein wenig auszuruhen. Hedwig fühlt sich müde und schwer. Es ist so heiß, dass sie unbekleidet schläft. Sie hat geschwitzt in der Nacht, hat schlecht geschlafen. Obwohl sie in der letzten Zeit ganz wenig gegessen hat, sieht sie einen Bauch, wenn sie an sich herunterschaut.
Ihr Blick fällt auch auf ihre Brüste. Sie war froh, dass sie immer sehr klein waren. Nun sind sie ordentlich gewachsen. Das gefällt mir nicht.
"Ich fühle mich wie eine Kuh sich wohl fühlen wird", denkt sie und vor ihr tauchen Bilder auf von schwankenden Eutern. Nein, sie möchte so sein, wie sie vor einiger Zeit gewesen ist: knabenhaft — und immer auf dem Wasser oder im Watt unterwegs.
"Heute musst Du Frühstück für die Sommergäste richten", ruft ihr die Mutter zu, ich muss noch ins Dorf und schauen, ob es heute Kaffee gibt.
"Sommergäste", Hedwig schnauft verächtlich, aber sie und ihre Mutter können jeden Groschen gebrauchen.
Sie kommt nicht so recht aus dem Bett. Im Unterleib spürt sie ein Ziehen.
Dabei: schon länger hat sie "die Tage über die Frauen nicht sprechen" nicht gehabt; aber die kamen eh recht unregelmäßig.
Endlich hat sie es geschafft. Sie schlüpft in ihre Latzhose, die nicht nur praktisch ist, weil sie große Taschen für alle möglichen Utensilien und Werkzeuge hat, sondern weil sie den Bauch so schön hält.
Erst am Scheuern der Naht bemerkt sie, dass sie keine Unterhose angezogen hat.
Mist — die hat sie ausgewaschen und abends auf die Leine gehängt. Ob sie schon trocken ist?
Sie geht hinunter und holt sich die Unterhose, die einsam auf der Leine hängt. "Trocken ist anders", denkt sie, "aber der Rest trocknet am Körper".
Sie geht wieder in die Schlafkammer, die sie mit ihrer Mutter teilt; denn auf dem Hofplatz kann sie sich nicht anziehen. Die Sommergäste könnten jeden Moment kommen.
Raus aus der Hose.
Die Tür geht auf; die Sommergäste werden doch wohl nicht"¦
"Kind, bist Du guter Hoffnung?"
Ihre Mutter ist noch einmal zurückgekommen und guckt sie mit weit aufgerissenen Augen von unten bis oben an.
"Guter Hoffnung? Was soll das sein?"
"Du kriegst ein Kind, jedenfalls siehst Du so aus!"
Hedwig schluchzt, "ein Kind? Wieso?"
"Das möchte ich auch gerne wissen", antwortet ihre Mutter, "ein Kind hat uns gerade noch gefehlt".
Es ist nicht nötig, aber sie zählt noch einmal auf, wie schwierig die Zeiten sind. Der Krieg liegt erst wenige Jahre zurück. Ihr Mann ist "für den Führer und für das Vaterland gefallen", es gibt zwar viel Arbeit auf der Insel, aber kaum Bezahlung. Hedwig kennt die Klagelieder ihrer Mutter.
Unten ruft jemand. Die Mutter geht nachschauen. Sie vermutet, dass es die Gäste sind, die etwas wollen oder brauchen.
Immer freundlich sein!
Sie kommt zurück.
"Sieh zu", sagt sie zu Hedwig, "es ist Willi, der will raus zum Makrelenangeln und nimmt Dich mit. Das Wasser läuft ab, ihr müsst euch beeilen, wenn ihr noch los wollt!"
"Aber das Frühstück für die Sommergäste"¦".
"Das mache ich. Wenn Du eine große Ladung Makrelen heimbringst, das würde uns noch mehr helfen!"
Hedwig will eigentlich lieber ins Watt und nach den Reusen und Ofenrohren schauen oder zum Totten hinausrudern.
Mutter meint es ernst: "Kind, nun lauf!"
Hedwig rennt die kurze Strecke bis zum Hafen hinunter.
""¦ und über die andere Sache reden wir noch!"
Hedwig hat die letzten Worte ihrer Mutter noch im Ohr, als sie bei Willi und seiner "Miesmuschel II" an Bord klettert".
Willi ist dabei, mit einem Gasbrenner den Motor vorzuwärmen. "Das ist ein Glühkopfmotor", hat er ihr mal erklärt. Ihr glüht auch der Kopf — vom Laufen und von den Worten ihrer Mutter.
"Guter Hoffnung — so ein Quatsch, was kann gut daran sein, ein Kind zu bekommen?"
Willi schraubt am Gasbrenner und bringt die Flamme zum Erlöschen.
Er stellt sich an das große Schwungrad und pendelt. Er scheint einen richtigen und wichtigen Punkt zu suchen. Er sieht ganz andächtig aus.
Schließlich gibt er dem Rad, was dem Namen Ehre macht: SCHWUNG.
PÖTT PÖTT PÖTT — wie von Zauberhand nimmt der Motor seine Arbeit auf. Willis Augen leuchten.
"Leinen los", ruft er.
Schnaufend kommt sein Sohn angelaufen und springt gerade noch rechtzeitig an Bord. Hedwig bewundert den kühnen Sprung. Nun sind sie zu dritt. Wenn sie tatsächlich einen Makrelenschwarm entdecken sollten, würden sie bestimmt einen guten Fang machen.
Sie tuckern die schmale Fahrrinne entlang. Sie halten sich dich an die Pricken. Willi steht konzentriert an der Pinne. Jetzt nur nicht auflaufen; dann müssten sie bis zur nächsten Flut warten.
Sie haben Glück. Die flachen Priele haben sie bald überwunden; nun wird das Wasser tiefer.
Die erste Tonne ist in Sicht. Nun haben sie es geschafft. Der Strom zieht sie hinaus. Der Wind steht gegenan und wirft eine unangenehme, kabbelige See auf.
Sie werden nass. Bei dieser Hitze können sie keine Teerjacken anziehen. Die mag Hedwig sowieso nicht. Nach manchen Wellen schüttelt sich das Boot, aber der Motor tuckert zuverlässig.
"Wenn der erst einmal läuft"¦", hat Willi mal gesagt, aber den Rest des Satzes in Tabaksqualm dahinfliegen lassen. Hedwig glaubt ihm trotzdem.
Ja, so lange der Motor läuft, fühlt auch sie sich sicher, erstmal. Mit jedem kräftigen PÖTT des Motors entfernt sie sich wieder ein Stück von ihrer Mutter, erstmal.
"Das Leben geht weiter", denkt sie, "so lange der Motor läuft!" Sie muss schmunzeln über diese Gedanken und verzieht ihr Gesicht zu einem Lächeln, aus dem sogar ein Lachen wird.
"Lach"™s mi an oder ut?" fragt Willi.
"Na — an, natürlich!"
Sie lenkt sich ab und guckt durch das große Fernglas.
Sie umrunden die nördlichste Spitze und nehmen Kurs West.
Der kräftige Strom zieht sie hinaus.
Sie sind auf der Nordsee und nicht mehr im Wattenmeer.
"Nordsee ist Mordsee", hat sie mal gehört, aber heute zeigt sich das Meer gemütlich wie ein Ententeich.
Immer wieder freut sie sich, den Leuchtturm zu sehen.
Sie sieht auch die Bunker und denkt an die Nächte mit Alarm, denkt an gefallene Bomben, an Tiefflieger, die Jagt auf Menschen im Watt gemacht haben — und an ihren Vater, der wäre bestimmt gerne dabei heute!
"Da ist was!"
Hedwig ist immer wieder aufgeregt, ein Jagdfieber befällt sie regelrecht, wenn sie spürt, dass ein Fang möglich ist. Durch das Fernglas hat sie Möwen gesehen, die immer wieder auf das Wasser stoßen.
"Wir haben Glück", meint Willi, "wir müssen uns an das geräumte Fahrwasser halten — eine bessere Stelle hätten sich die Fische nicht aussuchen können!"
"Erst mal sehen, ob da tatsächlich Makrelen sind". Willis Sohn heißt nicht nur Ernst, sondern er antwortet auch ernst und wohl überlegt: "kann auch sein, dass kein Makrelenschwarm den Heringen gefolgt ist".
"Das habe ich in den vielen Jahren fast noch nie erlebt", gibt Willi zur Antwort, schaut aber etwwas nachdenklicher. Seine Begeisterung scheint verflogen.
"Erst mol hebben", murmelt er in seinen Bart.
Ernst holt die Handangeln und spült die Fischkisten noch einmal durch.
Willi drosselt den Motor und kuppelt aus. Sie lassen sich treiben und werden vom Strom weiter auf die Nordsee hinausgezogen. Immer wieder achtet er darauf, dass sie das Fahrwasser nicht verlassen.
Auf Salzsand tobt die Brandung.
"Da möchte ich jetzt nicht sein", denkt Hedwig.
Sie werfen die Angeln aus.
Es sind einfache Handangeln mit fünf Haken. Die Angelschnüre sind auf einem Holzstück aufgewickelt.
Fünf Haken = fünf Makrelen; so ist die Gleichung, die sie in der nächsten Stunde immer wieder aufstellen. Selten, dass nicht alle Haken besetzt sind.
Die Fischkisten füllen sich.
Hedwig rechnet.
Sie rechnet, dass Willi ihr sicherlich einen Anteil geben wird.
Vielleicht wird der Anteil so groß, dass sie sich etwas kaufen kann — oder für ihre Mutter.
Als die Fischkisten voll sind, brechen sie ab.
Dabei hätten sie weitermachen können, um die Fangmenge zu verdoppeln.
"Nun kommt erst die richtige Arbeit!"
Willi gibt jedem ein Messer und sie machen sich an das Ausnehmen der Fische.
Nebenher steuert er. Sie haben gewendet und tuckern langsam mit dem auflaufenden Wasser zurück.
Nachmittags erreichen sie den Hafen.
Sie werden schon erwartet.
Viele Dorfbewohner sind erschienen; die meisten können nichts bezahlen.
Emma bringt immerhin etwas aus ihrem Gemüsegarten mit.
"Ich mach das mal wieder gut!" ist oft zu hören an dem Tag.
Es hat sich wohl rumgesprochen, dass sie einen guten Fang gemacht haben; es kommt sogar einer aus Westerland und holt für sein Lokal 600 Stück ab. Vorher prüft er die Ware, drückt ins Fleisch, besieht sich die Kiemen.
Ein paar Scheine wechseln den Besitzer. Hedwig kann nicht sehen, ob es viel Geld ist.
Sie darf sich zwei Eimer voller Makrelen mitnehmen. Sie ist fast ein wenig enttäuscht.
Sie klettert an Land.
Willi ruft sie noch einmal zurück: "hier, mien Deern, soveel gift datt aber nich immer!"
Er drückt ihr zehn Mark in die Hand. Fast hätte sie einen Luftsprung gemacht.
Fast tänzelnd tritt sie den Heimweg an, aber je näher sie dem Haus kommt, desto schwerer werden ihre Schritte. Sie muss an das bevorstehende Gespräch mit ihrer Mutter denken.