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Ein Komantsche als Crossdresser
Verfasst: Di 5. Apr 2016, 00:49
von Lukretia
In dem Western-Klassiker "Der schwarze Falke" von John Ford aus dem Jahr 1956, der als einer der besten Filme aller Zeiten gilt, gibt es ein verstörendes "crossdresserisches Zitat.
Eine Gruppe weißer Siedler verfolgt Komantschen, die eine Farm überfallen und zwei Frauen verschleppt haben, darunter die junge Lucy.
Einer der Verfolger kehrt von einer Erkundungstour zurück und berichtet, er habe seine geliebte Lucy in einem Indianerlager entdeckt. Er beharrt darauf, sie von Ferne in ihrem "blauen Kleid" in einer Runde von Indianern sitzen gesehen zu haben. Darauf entgegnet ihm einer der anderen Männer (Hauptdarsteller John Wayne): "Du hast Lucy nicht gesehen. Das war ein Komantsche, der Lucys Kleid anhatte." Er (John Wayne) habe Lucy unterdessen tot aufgefunden und begraben.
Hier haben wir Crossdressing als Zivilisationsbruch. Wir sollten uns aber meiner Meinung nach hüten, das moralisch zu bewerten.
Es ist in jedem Fall eine der stärksten Filmstellen, die ich kenne.
Lukretia
Re: Ein Komantsche als Crossdresser
Verfasst: Di 5. Apr 2016, 09:18
von triona
Lukretia hat geschrieben:... Hier haben wir Crossdressing als Zivilisationsbruch. ...
Na ja, bei einigen Völkern der nordamerikanischen Ureinwohner gab es ja schon länger die mehr oder weniger verbreitete Erscheinugsform der Two Spirits, Berdaches o.ä. Also war sowas eher in manchen dieser Kulturen verwurzelt. Außerdem sollte man beachten, daß Spielfilme aus Hollywood nicht unbedingt in allem der gesellschaftlichen Wirklichkeit der dargestellten Zeit und Umstände entsprechen. Bei vielem davon - besonders in der Darstellung der Indianer - handelt es sich um Fantasieerzeugnisse der Filmindustrie und somit um Merkmale der kolonialistischen weißen Kultur. Bisweilen war es sogar rassistische Propaganda. Auch in diesem Fall war der "Crossdresser" einer der "Bösen".
Die erwähnte Erscheinung der Two Spirits und Berdaches wurde von christlichen Missionaren sogar aktiv bekämpft und am Ende so gut wie ausgerottet - zusammen mit den Völkern, die dies gepflegt. Selbst die Erinnerung daran wurde fast ausgelöscht. Wenn hier ein "Kulturbruch" erkennbar ist, dann ist es die Tatsache, daß dies bei einigen indianischen Völkern bekannt war und in hohem Ansehen stand, während die Erobererkultur diesem schon seit langen Zeiten stets kritisch gegenüber stand und dies in ihren eigenen Gesellschaften größtenteils aktiv bekämpfte.
Dies nur zum bedenken. Ich will dir deine Begeisterung für den Film nicht nehmen. Ich habe diesen Film selber nocht nicht gesehen * - zahlreiche andere Wildwestfilme hingegen schon. Nur wenige davon - besonders wenn John Wayne zu den Hauptdarstellern zählt - stellen unbedingt gesellschaftliche Wirklichkeit dar. Mindestens große Vorsicht bei der Beurteilung halte ich hier für angebracht.
liebe grüße
triona
*)
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Schwarze_Falke
Re: Ein Komantsche als Crossdresser
Verfasst: Di 5. Apr 2016, 15:59
von Lukretia
Danke für die Erläuterungen, triona.
Das ist sicher richtig, was Du schreibst.
Man muss auf der anderen Seite den Film als eigenständiges Kunstwerk sehen, das seine eigene Wirklichkeit schafft.
Ich denke, in der zitierten Szene kommt die Fremdheit beider Kulturen, der indianischen und der "westlichen", sehr gut zum Ausdruck. In der westlichen Kultur hat es sicher immer auch "Crosdressing" gegeben, wahrscheinlich sogar im Wilden Westen. Ich kann mir vorstellen, dass in einem Saloon unter dem Gejohle der Gäste zum Beispiel ein Mann in einem Rüschenkleid auf der Bühne aufgetreten ist. Der Komantsche in Lucys Kleid ist dagegen etwas völlig anderes.
Liebe Grüße
Lukretia
Re: Ein Komantsche als Crossdresser
Verfasst: Di 5. Apr 2016, 17:01
von Valerie Bellegarde
Interessante Diskussion. Halten wir mal die Fakten fest, von denen man ausgehen kann: Also dieser Komantsche dort am Feuer hatte offenbar Lucys blaues Kleid an. Jetzt stellt sich natürlich wirklich die Frage, warum war das so ?
Hier wurde die Hypothese geäußert, die Verhaltensweise des roten Kriegers sei wahrscheinlich kulturell geprägt, d.h. voll und ganz in Übereinstimmung mit peer group und den sozialen Normen des Stammes. Sozusagen eine weitere und tiefere Erniedrigung des besiegten Feindes, indem der Sieger dessen Kleidung überzieht. Hmmm... schwierig...
Die zweite genannte Hypothese war crossdressing oder "two spirits". Leider können wir das heute nicht mehr empirisch überprüfen, insbesondere deswegen, weil nicht mehr bekannt ist, ob der rote Krieger unter diesem blauen Kleid eventuell auch Lucys Unterwäsche trug, also ihre Strapse, Strümpfe und weitere dieser unaussprechlichen Sächelchen mit Rüschen und so weiter.
Was haltet ihr davon?
Re: Ein Komantsche als Crossdresser
Verfasst: Mi 6. Apr 2016, 13:33
von Lukretia
Das ist ja alles richtig, was Du schreibst. Nur an einer Tatsache führt kein Weg vorbei: Der Komantsche hatte Lucys Kleid an. Wenn Ethan ihre Leiche soeben gefunden und begraben hatte, Brad sie aber am Lagerfeuer erkannt hatte, dann kann Lucy im blauen Kleid am Lagerfeuer nur ein Komantsche gewesen sein.
Warum trug der Komantsche Lucys Kleid?
Wir sollten hier meines Erachtens mit Vermutungen zurückhaltend sein. Sicher scheint zu sein, dass eine magische Dimension vorliegt. Ist das nicht überhaupt beim "Crossdressen" so?
Re: Ein Komantsche als Crossdresser
Verfasst: Mi 6. Apr 2016, 14:27
von Lina
Rassistisch motiviert hoch-drei würde ich auch sagen. Jedoch bezweifle ich die Relevanz des ganzen. Gibt es überhaupt jemanden hier mit Geburtsjahr nach 1980, der den Film überhaupt je gesehen oder von ihm gehört hat?
Ich kann mich selber schwach an die Szene erinnern. Ich bin mit diesen Scheißfilmen aufgewachsen aber ich glaube, dass es 20+ Jahre her, dass ich einen Western aus der Zeit gesehen habe. Die laufen zum Glück nicht mehr jeden Sonntag im ARD-Fernsehen und gerade die genannte Szene finde ich auch nicht prägnant schlimm im Vergleich mit der Gesamtheit der Genre. Es kommt mir ein bisschen vor als würden wir uns darüber aufregen wenn jemand in "Jud Süß" das Wort "Fotze" benutzt hätte.
(... wodurch es wohl auch klar ist, wo ich die traditionellen "John-Wayne-gegen-Indianer-Filme" einstufe ... nur so für die evtl. ganz langsam Auffassenden, die hier mit lesen mögen.)
Re: Ein Komantsche als Crossdresser
Verfasst: Mi 6. Apr 2016, 18:10
von Lukretia
Da bin ich anderer Meinung, Lina.
Wir sind hier ein Crossdresser-Forum und es geht um einen Fall von Crossdressing.
Das Alter des Films spielt keine Rolle. Dann dürfte uns Goethes "Faust" auch nicht mehr interessieren. Der ist noch älter.
Solche Begriffe wie "rassistisch" helfen uns meiner Meinung nach hier auch nicht weiter. Ich möchte den Film inhaltlich nicht verteidigen, sondern eine prägnante Stelle herausnehmen.
Die Frage ist, wie Crossdressing kulturell einzuordnen ist. In diese Richtung geht auch die Tatsache, dass zum Beispiel katholische Priester weite Gewänder tragen, die sehr weiblich wirken. Vor allem früher war das so. Ich erinnere mich noch, dass der Pfarrer ein weißes Übergewand mit Brüsseler Spitzen anhatte, an schreiend bunte Stolen, golddurchwirkte Umhänge. Papst Benedikt trug rote Schuhe, auffallende, breitrandige Hüte...
Re: Ein Komantsche als Crossdresser
Verfasst: Fr 8. Apr 2016, 00:17
von Lina
Wie auch immer man priorisiert. Mir ist auf jeden Fall allemal die ewige Heroisierung von Leuten die Völkermord begangen haben trotz allem ein größeres Problem. Insbesonere weil das ein Problem ist, wozu es von kaum jemandem nachträglich eine Stellungnahme gab. Am allerwenigsten aus der Filmindustrie. Schließlich hat die US-Armee/die US-Regierung reihenweise von Friedens-Verträge mit den Plains-Indianern hinterher schlichthin ignoriere und weiter gemordet oder zugelassen, dass andere ihre Lebensgrundlage zerstörten, sodass die aus not und Hunger ihre "Reservate" verlassen musste - und man hatte dann einen fast "legalen" Grund weiter zu morden. So hat man etwa 90% der nordamerikanischen Urbevölkerung vernichtet. Die Täter wurden in reihenweise von Hollywood-Filmen heroisiert, kaum jemand macht das Maul auf, um sie zu ent-heroisieren. Weiter leben manche nordamerikanische Ur-Einwohner perspektivlos in ihren Reservaten und sind nach wie vor von Lebensmittelieferungen des Department of Indian Affairs, die von einer so schlechten Qualität sind, dass die Fälle von Diabetes proportional doppelt so häufig wie US-Durchschnitt sind. Das Morden geht also unterschwellig weiter.
Und jetzt meinst du im Ernst, ich sollte mich über eine einzige Anspielung auf X-Dressing in einem einzigen von diesen Propagada-Filmen aufregen?