Ich habe den kalten Krieg noch sehr genau miterlebt, den eisernen Vorhang, das Wettrüsten, die atomare Nachrüstung, Nato Doppelbeschlouss, die Reagan Ära, das Säbelrasseln.
Es war erdrückend und deprimierend. Da gab es den Westen und den Osten - dort vor allem Sowjet-Union und China.
Mega-Mächte.
Ohnmacht.
Es wurde mit realen Leben um politische Ideologien gestritten, von verbitterten alten Männern, die nur an Macht und Vormacht zu denken schienen - und vermutlich auch haben. Als Mensch und Bürger eine schreckliche Situation. Die Friedensbewegung der 80er Jahre war deutlicher Ausdruck dieser Frustration, die sich mit Demonstrationen Luft machte. Die größten Demonstrationen des Nachkriegsdeutschlands. Wir lebten damals mit der ständigen Angst, dass es wieder Krieg geben könne, nur dieses mal würde es vielleicht der letzte sein. Ein friedliches Miteinander schien völlig unmöglich. Angst essen Seele auf[1]. Die ersten Reaktionen der Herrschenden im Osten auf die frühen Bürgerbewegungen wie Solidarność [2] geführt von Lech Wałęsa [3] in Polen waren erschreckend und zerstörten jeden Hoffnungskeim.
Zu Schulzeiten machten wir eine Studienreise in die DDR. Es war deprimierend.
Im Rückspiegel der Geschichte glaube ich, haben gerade wir hier in Europa unseren heutigen Frieden vor allem einem Mann zu verdanken, Michail Sergejewitsch Gorbatschow [4]. Er brach das Sowjet Russische System, er ließ Veränderung zu und setzte mehr als einmal sein Leben dafür aufs Spiel. Heute wissen wir, dass es Tage gab, an denen er genau wusste, entweder er stirbt heute bei einem Attentat oder er kommt mit einer Entscheidung durch. Er ließ es darauf ankommen, hielt den Druck aus. Seine Politik von Glasnost [6] und Perestroika [5] hat den Weg geebnet. Brand, Schmidt und Genscher waren die Staatsmänner auf deutscher Seite, die als Architekten diese Entwicklungen mit in die Wege leiteten.
Der 9. November 1989 war für mich weit mehr, als "nur" der Mauerfall [7] und Startschuss zur Wiedervereinigung Deutschlands [8]. Es war das Ende des kalten Krieges, das Ende einer erdrückenden Ausweglosigkeit, mit der ich bis dahin mein ganzes Leben lang gelebt hatte und deren Ende so völlig unerreichbar erschien. Das dies so friedlich ablief, war für mich, die ich den kalten Krieg eben von Kindheit an erlebt hatte, fast wie ein Wunder. Bis zum 9. November bangte ich noch, ob nicht doch noch jemand "den Knopf" drückte. Doch nachdem die Grenzen geöffnet waren, war alles anders. Nach 19 Jahren meines Lebens veränderte sich diese Welt auf einmal radikal. Es gab Hoffnung! Auch große Veränderungen können wirklich stattfinden!
Wenn ich heute die Bilder vom Mauerfall sehe, steigen mir die Tränen in die Augen. Denn ich weiß noch sehr gut, wie knapp wir durch die Borniertheit einiger weniger bei Nahe alles verloren hätten. Ich bin, trotz aller großen Herausforderungen die es mit sich gebracht hat, unendlich dankbar dafür, dass es kam, wie es kam. Eine Welt ohne diese Öffnung hätte vermutlich nicht bis heute gehalten. Ich bin außerordentlich froh, dass Menschen, die in dieser Entwicklung wirklich unerlässliche Arbeit geleistet haben, ohne die dies vermutlich nicht möglich wäre und ohne die unser heutiges Leben in dieser Form vermutlich nicht möglich wäre, diese Entwicklung noch miterleben durften. Ihnen bin ich persönlich unendlich dankbar, denn sie taten dies unter größten persönlichen Opfern. Der gestern leider verstorbene Helmut Schmidt gehörte ganz sicher dazu.
Licht und Schatten liegen immer dicht beieinander und sind untrennbar miteinander verbunden. So ist auch der 9. November nicht nur ein Tag der Freude. Er sollte uns gleichermaßen daran erinnern, dass politische Entwicklungen auch in die andere Richtung schlagen können. Die Reichspogromnacht [9] 1938 war der Auftakt zu offener und aktiver Ausgrenzung, Anstachelung zum Hass und zur aktiven Verfolgung von "anderen", von Minderheiten und Randgruppen und dies nur, zur Erreichung politischer Ziele und Stabilisierung der Macht. Dies sollte auch für uns Trans*menschen eine Mahnung sein, die Mahnung zur Wachsamkeit. Auch unseresgleichen wurde damals systematisch ausgegrenzt, verfolgt und aus der Gesellschaft "entfernt".
So finde ich den 9. November eigentlich einen wunderbaren Feiertag. Einen Gedenktag für beides, für das Versagen und den Sieg von Moral, Ethik und Menschenwürde - und es lagen gerade einmal 51 Jahre dazwischen, 25 Jahre seit dem Mauerfall.
Liebe Grüße
nicole
[1]
https://de.wikipedia.org/wiki/Angst_essen_Seele_auf
[2]
https://de.wikipedia.org/wiki/Solidarno%C5%9B%C4%87
[3]
https://de.wikipedia.org/wiki/Lech_Wa%C5%82%C4%99sa
[4]
https://de.wikipedia.org/wiki/Gorbatschow
[5]
https://de.wikipedia.org/wiki/Perestroika
[6]
https://de.wikipedia.org/wiki/Glasnost
[7]
https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Mauer#Mauerfall
[8]
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_ ... ereinigung
[9]
https://de.wikipedia.org/wiki/Novemberpogrome_1938