Hallo Rosi,
das wir damit das 'Ursachen-Unterscheidungs-Problem' fast überwunden haben, finde ich sehr gut. Ich hoffe ehrlich, dass wir darüber auch zu einer Einigung im Hinblick auf die Wirkung kommen.
Obwohl mir Beiträge, die aus langwierigen Beschreibungen der Selbst-Innensicht der Autor_in bestehen, selbst meistens erheblich auf den Senkel gehen, möchte ich dir ein bisschen was über mich erzählen (nur dies eine Mal, versprochen), denn immerhin sind wir uns noch nie begegnet.
Ich kann die allermeisten Lebensgeschichten, die von Menschen mit einer von der Zuweisung abweichenden Geschlechtsidentität beschrieben werden, gut verstehen. Nicht nur verstehen, ich kann sie auch aus der Ich-Perspektive selbst erzählen. Die Kurzform: Im Kindesalter die ersten Nicht-Dazugehörigkeitserfahrungen mit dem 'anderen Geschlecht' und der Wunsch doch zu den 'Richtigen' dazuzugehören, genauso behandelt zu werden, die ersten Erfahrungen mit 'Integrationsmassnahmen' durch scheinbare Geschlechtsgenossen oder Eltern, Familie, Kindergarten und Schule, später ein, damals unerklärliches, irgendwie gespanntes Verhältnis zu Mädchen, dass zu Teilen darauf zurückzuführen ist, dass meine Kommunikationsversuche missverstanden wurden. Wie hätte es auch anders sein sollen, wo ich wahrscheinlich der_die einzige war, die sie nicht 'rumkriegen', sondern auch bei denen dazugehören wollte? Dazu gab's ein bis heute fortdauerndes Differenz-Erleben, dass sich aus der Wechselwirkung der äusseren Anforderungen bzw. Erwartungen mit meiner eigenen Persönlichkeit ergibt und es gibt bis heute die feste Überzeugung, dass ich mich nicht beschweren würde, wenn ich morgen mit einem weiblichen Körper aufwachen würde (Ich beschwere mich allerdings auch nicht über den, den ich habe. Bei wem auch?).
Ich bin absolut sicher, dass ich mit dieser Lebensgeschichte von genügend vielen Gutachtern die Diagnose 'Transsexualität' bekommen würde, wenn ich sie haben wollte. Es gab aber noch ein Erleben, dass ich heute (zusammen mit der damaligen Abwesenheit von wohlmeinenden Ratschlägern im Internet) als wesentlichen Teil dessen ansehe, dass ich diese Diagnose nicht haben will.
Mit etwa 17, ich war Lehrling bei einer damaligen Behörde (heisst heute Deutsche Telekom), habe ich mir einen Bart wachsen lassen; in der festen Überzeugung, damit auf dem geschlechtlich 'richtigen' Dampfer zu sein. Die Reaktionen von Elternhaus und Lehrbetrieb sind mit 'Fassungslosigkeit' und 'Korrekturbestrebungen' nur verharmlosend beschrieben. Das männlichste aller bekleidet sichtbaren Geschlechtsmerkmale wurde mir nicht zugestanden, obwohl man vorher und weiterhin versucht hat, alle entgegengesetzten Wesensäusserungen zu korrigieren. Aber: Es ist bis heute ein Teil von mir und meiner Persönlichkeitswerdung; ein Teil einer daraus entstandenen Persönlichkeit, die heutzutage nichts, aber auch gar nichts, mit der
"sichtbaren Wahrnehmung durch das soziale Umfeld" und dessen Vorstellungen von Geschlecht (FUCK!) zu tun hat, die du mir (und anderen) wieder und wieder zu unterstellen versuchst.
Das soll reichen, damit der Beitrag nicht völlig in meinem Ich-Gesülze absäuft. Aber vielleicht war es notwendig das zu erzählen, um dir ein paar, ehrlich offene, Fragen zu stellen:
Welchen Wert sollte ein, durch das soziale Umfeld äusserlich wahrnehmbares und definiertes, Geschlecht für
mich haben, wenn mein eigenes Empfinden zu Korrekturbestrebungen führt und wenn die äusseren Merkmale des von aussen geforderten Geschlechtsempfindens zur Durchsetzung von Hierarchieansprüchen benutzt (missbraucht) werden? Lässt mein Äusseres damit irgendwelche offensichtlichen Rückschlüsse auf mein eigenes Empfinden zu? Gibt es überhaupt irgendeinen Zusammenhang zwischen dem Äusseren und dem eigenen Empfinden?
Was bringt dich dazu, in Unkenntnis der oben erzählten Lebensgeschichte, eine Differenzierung zwischen dir und mir vorzunehmen?
Wozu brauchen wir überhaupt eine Unterscheidung? Welchen Wert oder Nutzen hat eine Unterscheidung in Männer und Frauen, in Transsexuelle und Andere?
Weisst du: Uns unterscheidet, hinsichtlich der hier in Rede stehenden Fragen, der persönliche Umgang mit einer sehr ähnlichen Geschichte; sonst nichts. Und genau nur das unterscheidet uns, in diesem Kontext, von allen anderen Menschen; nichts weiter als das.
Und damit du nicht sagst, ich würde nur kritisieren, aber nichts Konstruktives beitragen:
Das geschlechtliche Selbstempfinden eines Menschen ist nicht aus seinen körperlichen Eigenschaften abzuleiten. Es ist individuell und auch nicht von der körperlichen Gestaltung oder der äusseren Wahrnehmung derselben abhängig. Es ist, aus sich selbst heraus, wahr.
Subtext: Jede individuelle geschlechtliche Identität ist anzuerkennen und jede Person ist, im Rahmen eines herzustellenden, gesellschaftlichen Konsenses, mit den,
zur Erreichung der Übereinstimmung zwischen der individuellen Identität und den körperlichen Merkmalen, notwendigen Massnahmen zu versorgen*. Aufgrund des faktischen Umstands der, in der deutschen Sprache gegebenen, sprachlichen Nicht-Benennbarkeit von individuellen geschlechtlichen Identitäten wird, wegen der Gemeinsamkeiten der Wirkung äusserer Zuschreibungen auf individuelle Empfindungen, der Begriff "trans*" als nicht-normierende Beschreibung für alle geschlechtlichen Identitäten verwendet, die sich von den ursprünglich vorgenommenen Zuweisungen unterscheiden.
Habt es gut
Marielle
*) edit: Der kursiv geschrieben Textteil lautet vorher: "zur Erreichung der Übereinstimmung der individuellen Identität mit den bestehenden äusseren Erwartungen, notwendigen Massnahmen zu versorgen." Mit "äusseren Erwartungen" war eine mann-frau-geschlechtstypische, körperliche Anpassung gemeint. Da ich befürchte, dass dies aber missverstanden wird, habe ich es geändert.