Impressionen 5:
Wanderung auf der schwäbischen Alb, damals, 1955.
Die Schwäbische Alb ist, anders als der benachbarte Schwarzwald, eigentlich nie ein besonders gut bekanntes Touristenziel gewesen. Die Alb, wie sie von Einheimischen kurz genannt wird, bietet kaum Rummel oder Touristen-Attraktionen, dafür aber geruhsame Wanderwege, viel Einsamkeit und einen weiten Himmel.
Etwa 80 km südlich von Stuttgart gelegen, erstreckt sich das karstige Mittelgebirge auf etwa 200 Kilometer von Südwesten nach Nordosten und schließt das fruchtbare und freundliche Neckartal nach Süden, zur Donau hin ab, sozusagen einen Riegel aus Kalkstein bildend, und nicht umsonst nannte man die Region früher den schwäbischen Jura, oder eben "das Oberland". Auf der rauen Alb waren die Winter immer ein paar Grad kälter als drunten im lieblichen Neckartal. Die Alb-Region hatte stets schlechte, steinige Böden, die oft nur zur Schafweide taugten, und war deshalb immer das Armenhaus Schwabens.
Die Abgeschlossenheit nach außen, wie auch die Härte des Lebens prägte auch die Mentalität der dort lebenden Menschen. Generationen von Älblern verlernten es nie, beim Sprechen das "rrr" zu rollen, so dass es fast klang als spräche hier ein Italiener. Nein, man hielt sich fern von den Fremden, und blieb lieber unter sich, dort oben auf der kargen Hochfläche in 1000 m über dem Meer. Und wenn denn doch einmal ein paar Wenige herabstiegen von den Bauernhöfen und Schafweiden ihrer Hochebene und die Städte des Unterlands betraten wie Reutlingen, Tübingen oder Stuttgart, fielen sie dort schon wegen ihrer eigentümlichen Sprache auf, oder galten gemeinhin als maulfaul, zurückgeblieben oder gar dumm. So hat dieses schwäbische Hochland auch in erster Linie nur Schafhirten oder fromme pietistische Pfarrer hervorgebracht und nicht diese Menge an Tüftlern, Denkern und Erfindern, als welche die Schwaben gemeinhin gelten.
Ein Volkslied von Gottlieb Weigle aus dem Jahr 1855 beschreibt das Gefühl der Entbehrungen der armen Oberländer gegenüber den reichen Unterländern, indem es neidvoll beide Regionen miteinander vergleicht:: "Drunten im Unterland da ist es fein/ drunten im Unterland möcht"˜ ich halt sein/ Schlehen im Oberland, Trauben im Unterland. / Drunten im Unterland möchte"˜ ich wohl sein".
Rückschau: Wir schreiben jetzt das Jahr 1955, der zweite Weltkrieg ist gerade mal 10 Jahre vorbei. Zwei Rucksackwanderer sind zusammen auf einer einwöchigen Wanderung im Oberland, es sind Vater und Sohn, der Mann ist etwa 35 Jahre alt, groß und kräftig, der Junge etwa 13, schmal und blond, mit dem damals üblichen exakt gezogenen Scheitel links. Die beiden marschieren nach Karte und Kompass von Dorf zu Dorf in Tagesetappen und übernachten in Jugendherbergen oder billigen Wirtshäusern, zu mehr reicht das Geld der Familie nicht.
Der Junge hatte Melodie und die drei Textstrophen des Weigle-Liedes komplett im Kopf und könnte es auch heute noch auswendig singen, so stark und dauerhaft hatte es ihm die damalige Schulpädagogik in seinen kleinen Kopf eingepaukt, genauso wie andere Formalismen wie das kleine und große Einmaleins, die grammatikalischen Strukturen und Regeln der deutschen und lateinischen Sprache und anderer Fremdsprachen samt aller ihrer denkbaren Ausnahmen. Sein Leben war Schule, Natur, seine Tiere, Emotionen, Bücher, Entdeckungen.
Entdeckt hat er in diesem Alter auch seine Sexualität, wenigstens ein paar Aspekte davon. Wer erinnert sich heute noch an das Buch: Der Kampf der Tertia? Er hat es damals regelrecht verschlungen und fand so viel von dem wieder, was ihn damals bewegte. Gefesselt zu werden, ausgeliefert zu sein, er nahm es wörtlich, er probierte es aus, allein in seiner Kammer. Er fand es toll, gefesselt zu sein von Diana, er lieferte sich ihr aus, mit aller Unschuld seiner 13 Jahre.
Dann natürlich das Kontrastprogramm: Die autoritäre Erziehung durch den Vater, der auch die Mutter schlug, nicht nur die Kinder. Der Hass gegen den Vater nahm zu, kaum kompensiert durch die Liebe und Zuneigung der Mutter. So wurde er ein Mutterkind, kein Vaterkind, obwohl ihn der Vater gerne zu einem solchen geformt hätte.
Vielleicht lag es an den familiären Spannungen, vielleicht auch an anderen Dingen, jedenfalls begann der Junge damals, sich die Nylons und die Unterwäsche seiner Mutter anzuziehen, wenn er allein in seiner Kammer war, er versteckte sich dann in seinem Zimmer, das er sein "reduit" nannte, und er fand sich dann schön in "seinen" Nylons, die hinten noch diese Naht hatten.
Trotz allerschönsten Sommerwetters und herrlicher Natur erwies sich die Wanderung von Vater und Sohn über die schwäbische Alb dann leider als Reinfall. Zu hoch und zu illusorisch waren die Erwartungen des Vaters gewesen. Zu hoch seine Erwartungen, zu gering die Empathie, die er gegen andere aufzubringen im Stande war. Er wäre gerne ein Studienrat gewesen, der auf der Alb mit seinem Sohn wandert und ihm die Welt erklärt. Aber er kam aus dem Krieg und für den Studienrat hat es dann doch nicht gereicht.
Zu groß waren die auch Aversionen und der Hass des Sohns gegenüber dem Vater. Er dachte sein Leben lang an die großen Hände des Vaters, er hatte diese ekligen großen Fingernägel des Mannes immer vor Augen.
("Was denkt sich das A******** eigentlich, von wegen Studienrat, der hat doch nicht mal Abitur")
Was damals natürlich unausgesprochen blieb, aber trotzdem der Wahrheit entsprach, denn der Vater war damals gerade ein paar Jahre aus der Kriegsgefangenschaft zurück und hatte nur schwer ins bürgerliche Leben zurückgefunden. Also wurde aus der Wanderung über die schwäbische Alb, die der Vater aus bestem Willen organisiert hatte, ein Schlag ins Wasser, oder wie man es damals etwas drastischer ausdrückte, ein "Schuss in den Ofen". Solche Sprache war damals gebräuchlich in Deutschland.
Schiessen und Schlagen, zwei Wörter, die damals, Mitte der Fünfziger Jahre, in der Alltagssprache ziemlich oft gebraucht wurden und die Unterhaltungen oft prägten. Die Erfahrungen der Kriegsheimkehrer, Gewalt, Autorität, Unterordnung, du bist nichts, dein Volk ist alles, die Familie ist die Keimzelle des Staates. Im Grunde waren das die alten Naziparolen, aber in den Köpfen der Menschen hat das damals noch nachgewirkt. Das Lebensgefühl in den Familien war völlig anders als in der heutigen Zeit. Keimzelle, natürliche Ordnung, Kommandowirtschaft, Pflichten, Regeln, das darfst du, das darfst du nicht. Pflichten, Regeln, Verbote, all dies.
Irgendwann wurde der Junge groß, und die Welt um ihn herum änderte sich auch.
Valerie, so nannte sich der Junge später, als er ein Mann war, behielt seine Vorliebe für Frauenkleidung auch im späteren Leben bei. Er verfeinerte seinen Stil, behielt ihn aber im Wesentlichen unverändert.
Ob sich die Sache anders entwickelt hätte, wenn sich die beiden Sturköpfe damals bei ihrer Wanderung auf der schwäbischen Alb untereinander ausgesprochen hätten?
Wer weiß?
Lieben Gruß, Valerie
