Seite 64 von 78

Re: Valeries Welt

Verfasst: So 16. Okt 2022, 15:33
von Valerie Bellegarde
Tira hat sich in die alten Geschichten von Valeries Welt vergraben und heute über 50 likes (fünfzig!!! ) gevoted, ich danke dir sehr Tira für dein voting. Tira, diese Geschichten sind über 5 Jahre alt aber sie scheinen es dennoch in sich zu haben. Ich bin wirklich baff , da fällt mir nichts mehr ein. Natürlich freue ich mich sehr, dass es dir gefällt.

Valerie (baff)

Re: Valeries Welt

Verfasst: So 16. Okt 2022, 19:53
von Karla
Hier nicht zu vergessen der Dank an Dich und Anne-Mette, daß Ihr beide über Eure Schatten gesprungen seid:
Sonst gäbe es diesen Faden hier im öffentlichen Teil nicht mehr!

LG Karla

Re: Valeries Welt

Verfasst: Sa 22. Okt 2022, 17:42
von Valerie Bellegarde
Französische Impressionen 2

Bateau peche promenade

Peche promenade ist hier unten in Südfrankreich eine gebräuchliche Wortkombination für die gemütlichen kleinen Motorboote, die zu Hunderten in den Häfen liegen, jedes so um die 22 bis 25 Fuß lang (6-7 m), die meisten davon mit einem kleinen tuckernden Marinediesel versehen, viele davon mit einer separaten Kabine für die Fahrgäste, und rechts etwas abgetrennt und erhöht, der Fahrerstand. Das sind richtig geräumige und stabile Fischerboote, aber zum Fischen nimmt man sie heute nicht mehr.

Peche promeade. Wie der Name sagt, kann so ein Boot zum Angeln, Fischen, aber auch bloß zum Spazierenfahren benutzt werden, eben für die promenade en mer, wie man hier sagt, natürlich immer mit GPS, Kompass und unter Landsicht, ("6 milles", das ist die Vorschrift) und mit der entsprechenden Sicherheitsausrüstung, schließlich will man auch wieder zurückfinden in den Heimathafen.

Frankreich ist von zwei Meeren sowie im Norden vom Ärmelkanal umschlossen, verfügt damit über eine unglaublich lange Küstenlinie und nennt sich zu Recht eine Seefahrernation mit seinen vielen Hafenstädten, jeder hat schon von den Korsaren von Saint Malo gehört. Beim Namen Brest denke ich fast automatisch an diese U-Boothäfen des letzten Weltkriegs, bekannt aus den Filmen von Emmerich und Petersen ("das Boot"), und sofort meldet sich in meinem inneren Ohr das impertinente Geräusch des Sonar-Detektors in meinem Kopf.

Von La Rochelle und Saint Nazaire gingen die ersten Wellen französischer Auswanderer aus, die schon im 16. Jahrhundert Europa den Rücken kehrten und Amerika und Kanada besiedelt haben. In Toulon und Marseille sitzt heute die französische Kriegsmarine ("Force de Frappe").

Von Les Sables d"™Olonne am Atlantik geht neben andren Regatten alle 4 Jahre diese weltberühmte Hochseeregatta ab (das Golden globe race für Einhandsegler), die um den ganzen Globus führt und am Ende dann meistens von einem Franzosen gewonnen wird. Bernard Moitessier, Eric Tabarly, jedes Kind kann dir hier diese Namen buchstabieren, das sind Seeleute und es sind auch HELDEN.

Auch hier unten im Süden brauchst du ein Boot, denk nur mal an die Hitze der Sommermonate. Ich für mich meine mit "Boot" heute nichts großartiges mehr, kein Segler, keine Yacht. Inzwischen bin ich angekommen bei der Klasse der kleinen Motorschiffe um die sechs bis 8 Meter, eben die typischen Fischerboote. Liebte ich früher die schnellen Segler, so sind es heute die beschaulichen alten Fischerboote, die mich faszinieren. Fischerboote siehst du hier an jeder Ecke, an den Küsten, auf den Flüssen und auf den Kanälen.

Schau dir nur mal die Yachthäfen an der Mittelmeerküste an, ich muss da keine Namen nennen, denn Agde, Sete, Gruissan oder Saint Tropez kennt doch wohl jeder, und was hier an Millionenwerten in den Häfen herumsteht an Yachten um die 30 Fuß und mehr, hat wohl noch niemand gezählt außer dem französischen Finanzamt.

Solch ein Schiff brauche ich heute nicht mehr. Auch Valerie war in ihren jüngeren Jahren in der Segler-Szene aktiv, und besitzt von daher eine Lizenz zum Führen von Yachten unter Segel oder Motor bis 15 Meter Länge, sowie den deutschen Motorbootführerschein, erworben am deutschen Bodensee , und auch heute noch gültig an der Küste und auf Binnenwasserstraßen.

Damit wären wir bei peche promenade angelangt. So ein Boot besitze ich heute, und darauf bringe ich heutzutage einen guten Teil meiner hiesigen Freizeit zu. Es ist ein über vierzig Jahre altes Fischerboot der französischen Marke Jeanneau, und es besitzt einen 80 PS starken Dieselmotor, der schon über 3300 Stunden auf dem Buckel hat und entsprechende Pflege verlangt, Es ist ein Marine Diesel der Marke Perkins, Baujahr 1980, er ist alt aber nicht klapperig, ich pflege ihn selbst mit einem Freund zusammen, der Profi ist und den Mechaniker-Beruf richtig erlernt hat. Inzwischen kann man sagen, wir kennen diesen Motor inwendig und auswendig.

Für den Unterhalt dieses Boots und speziell für die Reparaturen dieses Motors gebe ich viel Geld aus, aber ich mache das gerne. Das Boot liegt an seinem eigenen Liegeplatz am hiesigen Kanal-Hafen , der Platz gehört der VNF (voies navigables francaises), das ist die Organisation, die für den Unterhalt der französischen Binnen-Wasserstraßen verantwortlich ist. Der Platz muß von mir unterhalten werden, aber trotzdem bezahle ich Platzmiete an die VNF, es ist eher ein symbolischer Betrag, und ich bezahle das Geld gerne.

So wurde ich hier unten in Südfrankreich zum Binnenschiffer, sozusagen. Wenn es euch interessiert, kann ich demnächst einiges mehr aus diesem Leben erzählen. Eventuell interessiert auch, in wieweit mein Leben als CD zusammenpasst mit meinem Leben auf und mit dem Boot.

Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Sa 22. Okt 2022, 20:12
von Marit
Hallo Valerie,

so ein Boot ist doch eine wunderbare Beschäftigung und ich beneide alle, die die Chance haben, so etwas zu besitzen. Es ist auch fast egal, ob es nun Segel hat oder nicht, wobei ich es schön finde, auch ohne Motorgeräusche Fahrt zu machen. Selbst bin ich auch in der Freizeit unter Segeln unterwegs gewesen, habe es aber vorerst bleiben lassen, bis ich es mal schaffe, in Küstennähe zu leben.
Ich wünsche dir immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel und deiner Maschine noch viele Betriebsstunden.
Mich würde ja mal interessieren, was der Unterhalt deines Schiffchens alles in Allem im Jahr so kostet.

Liebe Grüße von Marit

Re: Valeries Welt

Verfasst: Sa 22. Okt 2022, 23:45
von Valerie Bellegarde
Marit hat geschrieben: Sa 22. Okt 2022, 20:12 Hallo Valerie,

so ein Boot ist doch eine wunderbare Beschäftigung und ich beneide alle, die die Chance haben, so etwas zu besitzen. Es ist auch fast egal, ob es nun Segel hat oder nicht, wobei ich es schön finde, auch ohne Motorgeräusche Fahrt zu machen.

Mich würde ja mal interessieren, was der Unterhalt deines Schiffchens alles in Allem im Jahr so kostet.

Liebe Grüße von Marit
Liebe Marit,
Es ist schon mehr als ein Groschengrab, aber man kann nicht sagen, ein Boot sei wie ein Fass ohne Boden. Diese Boote sind ja heute nicht mehr aus Holz gebaut sondern aus GfK, was praktisch ewiges Leben und einen immer dichten Rumpf bedeutet. Auch Steuern entfallen völlig, anders als in Deutschland bezahlt man hier weder für Boote noch für Autos irgendwelche Steuern. Interessanterweise gibt es hier in F. auch keine Hundesteuer, ist das nicht witzig?
Andererseits brauchst du natürlich einen Liegeplatz, und den bekommst du selten ohne eine richtig gute Versicherung, also die Hafenmeister verlangen den Versicherungsnachweis (Haftpflicht), ist ja auch sinnvoll, oder?

Dann natürlich die laufenden Kosten für Erhalt und Reparaturen, die permanent anfallen. Alles, was an Motor und Getriebestrang kaputt gehen kann, geht irgendwann mal kaputt. Weil ich heute keine Seereisen mehr unternehme sondern meistens nur binnen unterwegs bin, brauche ich aber keine teure Ausrüstung wie Funk oder SAT Navigation an Bord, es gibt auch kein TV und kein Radio, mir genügt der Blick auf die Natur.

Ganz wichtig ist dagegen ein Solarpanel auf dem Dach, damit deine Batterie niemals in die Knie geht, ich verzichte allerdings soweit möglich auch auf unnötige Verbraucher wie einen Kühlschrank.

Einmal im Jahr solltest du eine Motorrevision machen lassen und ab und zu mal neues Antifouling aufs Unterwasserschiff, das wäre das meiste. Und dann natürlich die Kosten fürs Winterlager. Das wär's fürs erste.

Lieben Gruß, Valerie.

Re: Valeries Welt

Verfasst: So 23. Okt 2022, 11:19
von Kerstin
Guten Morgen Valerie

Vielen Dank für die Einblicke in die Seefahrerei und in das französische Leben.

Liebe Grüße Kerstin

Re: Valeries Welt

Verfasst: Mo 24. Okt 2022, 17:19
von Valerie Bellegarde
Frankreich-Impressionen 3

Ein Boot kann auch mal als Umkleidekabine dienen.

Letzte Woche habe ich euch von meinem Boot erzählt, dass ich häufig damit herumfahre auf den Kanälen hier unten, soweit die VNF diese schiffbar gemacht hat. Kanalfahren mit einem Fischerboot ist eine ruhige und angenehme Sache, du bist allein mitten in der Natur, hörst die frühmorgens die Vögel zwitschern, du siehst Wasservögel oder Schwäne und Enten und mit Glück erlebst du auch mal wie Fische auf der Jagd nach Mücken aus dem silbrigen Wasser springen. Die springen 1 Meter hoch und mehr aus dem Wasser. Und im Hochsommer begleitet dich das Grillen der Zikaden bis spät in den Abend hinein. Eine schöne Welt, aber: Eine Männerwelt

Dann erwähnte ich auch noch, dass so ein altes Boot natürlich voller altertümlicher Mechanik steckt, und besonders das Innenleben dieser alten englischen Dieselmotoren verlangt viel Verständnis und Einfühlungsvermögen in Technik und Mechanik, wer das nicht besitzt, wird irgendwann schnell mal mit Überraschungen konfrontiert, sprich mit Fehlfunktion oder zack hast du sogar Motorschaden, wenn es ganz schlimm wird. Und sei sicher, die Panne passiert immer im unpassenden Moment.

Warum ich das erwähne? Warum ich das Bootfahren und das Motorbasteln für reine Männerwelten halte? Klingt das nicht verdammt nach altem Denken? Altertümlich? AFD? Achtzehntes Jahrhundert? Vor der Aufklärung stehengeblieben?

Ich sage ja nicht, dass ich diese Zuordnung gutheiße aber ich muss mich leider damit abfinden, es ist einfach so.

Was war Sache?

Ich habe es wirklich versucht. Aber es hat irgendwie nicht funktioniert, die beiden Welten gehen nicht zusammen, es beißt sich, irgendetwas knirscht da. Der Skipper als Frau, das geht gar nicht, und auch den Mechaniker nimmt man einer Frau nicht ab. Frauen gehören nicht auf Schiffe, eigentlich ist das unter Seeleuten schon lange bekannt, aber ich habe die tiefe Wahrheit dieses Satzes am eigenen Leib erfahren müssen.

Ich habe mein Boot als Umkleidekabine benutzt und mich dort komplett zur Frau umgestylt, ich habe mir Zeit gelassen. Nichts Großartiges, nichts showmäßiges, also ganz natürlich ohne Schminke, Lippenstift oder so, aber doch darunter komplett mit meinen Silis, Perücke, Rock, darüber ein nettes t-shirt und in meinen Nylons, an den Füßen Sneakers. Ich also rein in die Kabine im Mann-Modus und später wieder heraus im Frauenmodus.

So wie ich das eigentlich immer mache, bzw. mache ich das ja erst mal ein paar Jahre so, seit ich crossdresse. Und wenn ich dann so auf der Straße bin unter Leuten, en femme komplett mit Handtasche usw. dann fühle ich mich in der Regel sehr wohl.

Was soll ich sagen? Auf dem Boot war alles anders. Ich habe mich auf der Stelle deutlich unwohl gefühlt als ich draußen war aus der Kabine und mich im Cockpit stehe. Sprich, ich war jetzt sichtbar und in der Öfffentlichkeit. Mein Boot lag am Kai vertäut. Als ich wie beschrieben en femme aus der Kabine komme, verschließe ich die Kabinentüre und schaue übers Wasser, da kommt doch so ein großes Touristenboot direkt auf mich zu, will offenbar direkt neben mir anlegen.

Mädels ihr glaubt es nicht, aber ich habe dann so etwas wie eine leichte Panik bekommen. Eigentlich war mein Plan gewesen, mich im Frauenmodus auf den Steuerstand zu begeben, den Motor anzulassen und gemütlich weiterzufahren. Später wollte ich an einer bekannten Anlegestelle, wo es mehrere Restaurants mit Gartenwirtschaft gibt, mal kurz anhalten und dort en femme einen Kaffee trinken und ein Stück Kuchen essen, wie man das eben so macht.

Ich habe das einfach nicht geschafft, loszufahren. Ich kriegte sofort wieder Kopfkino: Eine Frau als Bootführerin, das geht schon mal gar nicht. Saublödes Vorurteil, aber mein Kopf hat das so produziert und mir vorgehalten. Ich war also blockiert und bis heute ist mir diese Blockade auch geblieben, ich stelle mich nicht mehr ans Steuer meines Boots, wenn ich en femme draußen bin. Und, wie ihr vielleicht wisst, ich bin oft draußen en femme.

Was dann weiter geschah? Nun es war dann nichts anderes mehr als eine kleine Flucht, oder vielleicht habe ich sofort instinktiv eine passive Frauenrolle eingenommen, denn ich habe gar nichts mehr getan, mich nur hingesetzt im Cockpit und die Wartende gespielt, bisschen am Telefon rumgespielt, eben passiv geblieben und so getan als ob ich auf irgendetwas warte, und ich sage euch, wohl war mir überhaupt nicht dabei.

Eine seltsame Geschichte? Bestimmt ist mein Verhalten in der Frauenrolle seltsam gewesen, denn wäre ich im Männermodus geblieben, hätte ich 100% anders reagiert, ich hätte dem fremden Gastlieger Hilfe angeboten, seine Anlegerleine übernommen und ihm beim Festmachen geholfen, so wie man das macht auf dem Wasser.

Wie ihr seht, es ist heute die Geschichte einer kleinen Niederlage, aber das kommt auch vor wenn man en femme ist in Frankreich, und vor allem auf den Kanälen.

Schreibt mir vielleicht, was ihr von der Sache haltet. :()b

Lieben Gruß, Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Mo 24. Okt 2022, 19:44
von Karla
...an Deiner Stelle hätte ich notfalls einen Fingernagel riskiert und den Pott an die Leine gelegt -
...wenn ich in Rock und Pumps sicher genug bin nicht umzukippen, mir die Knöchel zu brechen,...
(5cm Blockabsatz ist in dem Fall besser als 15cm Stiletto)

Den Touris hätt ich gezeigt: "Wenn Du denkst, Du denkst, dann ..... ...,ein Mädchen kann das nicht!
(Juliane Werding)

LG Karla

Re: Valeries Welt

Verfasst: Mo 24. Okt 2022, 19:51
von Marit
Valerie Bellegarde hat geschrieben: Mo 24. Okt 2022, 17:19 Eine Frau als Bootführerin, das geht schon mal gar nicht.
Liebe Valerie,

das hätte ich nun nicht erwartet, dass du das einfach so akzeptierst. Hut ab, dass du so ehrlich bist.
In meinem ehemaligen Segelverein sind Frauen, die haben alle nötigen Scheine und sind auch in der Lage, eine 15-Meter-Yacht auf See und im Hafen zu beherrschen.
Am Steg eine Festmacherleine belegen können im Verein alle Mädels nach einer Saison.
Valerie Bellegarde hat geschrieben: Mo 24. Okt 2022, 17:19 Eine schöne Welt, aber: Eine Männerwelt
Dann wird es doch Zeit, den Männern mal die Welt zurechtzurücken. Die schöne Welt ist für uns genauso da. Was kann schon passieren?
Ich selbst werde das Segeln nicht auf der Stufe beherrschen lernen, weil ich zu viel Respekt vor den Unwägbarkeiten auf See habe. Respekt vor Männern, nur weil sie Männer sind? Never ever! Jamais!

Ein Campingplatz ist kein Hafen, aber die Verhaltensweisen ähneln sich: die alten Zausel sitzen zusammen, trinken ein Bier und schließen Wetten ab, ob 'die Alte' wohl allein den Wohnwagen auf die Parzelle bekommt. Derweil rangiert 'die Alte' das Gespann rückwärt in Position, zieht Handschuhe an, damit die Nägel nicht leiden, hängt ab, zieht eine Fernbedienung und rangiert die letzten zwei Meter elektrisch, zieht eine andere Fernbedienung und lässt die Stützen ausfahren, schließt den Strom an und die Handschuhe aus und wünscht den alten Zausels einen guten Tag. :-) Das alles, ohne sich das Sommerkleidchen schmutzig zu machen, das versteht sich.
In der Zeit kommt die Freundin mit einem frischen Kuchenpaket und nach einer Viertelstunde ist die Kaffeetafel fertig. Das Ganze ist nur Show, macht aber immer wieder Spaß.

Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich es auf dem Wasser genauso tun. Und wenn wirklich mal etwas nicht glatt läuft, weil der Wind ungünstig steht oder die Leine nicht beim ersten Wurf die Klampe oder den Poller trifft, würden doch die Herren sicher gönnerhaft beispringen und helfen - was soll also passieren?

Mag aber sein, dass in den Ländern ums Mittelmeer die Uhren noch anders ticken und du dich wirklich unbeliebt machen würdest. Dann würde ich mir das auch überlegen.

Liebe Grüße von Marit

Re: Valeries Welt

Verfasst: Mo 24. Okt 2022, 20:15
von Dietlind
Valerie Bellegarde hat geschrieben: Mo 24. Okt 2022, 17:19 Frankreich-Impressionen 3
Warum ich das erwähne? Warum ich das Bootfahren und das Motorbasteln für reine Männerwelten halte? Klingt das nicht verdammt nach altem Denken? Altertümlich? AFD? Achtzehntes Jahrhundert? Vor der Aufklärung stehengeblieben?
Lieben Gruß, Valerie :()b
Das hört sich nun wirklich altmodisch an! Ich lebte schon als Frau, da fuhr ich immer noch mit meine 1961 Triumph TR4 Roadster bei Rally Rennen mit. Da es ein Fahrzeug englischer Herkunft ist, und mit Lukas Elektrik ausgerüstet ist, bedeutet das ständiges Herumschrauben an dem Fahrzeug, und ich bin halt die Person die da schraubt.
Meine Nachbarn haben sich daran gewöhnt mich im Haltertop mit shorts am Auto schrauben zu sehen, und auch bei Rennen muss manchmal schnell etwas gerichtet werden. Meine Freundinnen kommen mit kleineren Problemen zu mir. All das tut meiner Weiblichkeit keinen Schaden.

Einer meiner Neffen ist schichtmeister in der Reparaturwerkstatt eines sehr grossen OPV Unternehmens, und seine zwei besten Mechaniker sind zwei hübsche, relativ junge Frauen.
Frauen haben hier die Motoren-Welt schon längst in Angriff genommen, und werden auch dort akzeptiert!


Linde

Re: Valeries Welt

Verfasst: Mo 24. Okt 2022, 20:16
von Violetta Arden
Valerie Bellegarde hat geschrieben: Mo 24. Okt 2022, 17:19 Frankreich-Impressionen 3

Ein Boot kann auch mal als Umkleidekabine dienen.


Schreibt mir vielleicht, was ihr von der Sache haltet. :()b

Lieben Gruß, Valerie :()b
Liebe Valerie - das kann ich gut verstehen - ich hätte wahrscheinlich auch den Kopf etwas eingezogen und mal abgewartet - auch wenn ich sonst enfemme draussen fast keine Hemmungen mehr habe..
Alles Liebe und noch gutes Schippern
Violetta

Re: Valeries Welt

Verfasst: Mo 24. Okt 2022, 22:38
von Valerie Bellegarde
Violetta Arden hat geschrieben: Mo 24. Okt 2022, 20:16[
Liebe Valerie - das kann ich gut verstehen - ich hätte wahrscheinlich auch den Kopf etwas eingezogen und mal abgewartet - auch wenn ich sonst enfemme draussen fast keine Hemmungen mehr habe..
Alles Liebe und noch gutes Schippern
Violetta
Liebe Voiletta.
Du hast mich als einzige richtig verstanden, Ja es gibt Situationen da halte ich mich als Typ in Frauenkleidung eher zurück, das ist dann besser so, und das sind eben diese Männerwelten, wie ich das nenne. Eine Männerwelt wäre zum Beispiel ein Samstagnachmittags im Fußballstadion. Oder wie von mir beschrieben eben in diesem Kanalhafen, in diesem Boot, am Steuerrad. Das sind Umgebungen, die sind so stark "männlich aufgeladen", dass sich mich einfach fehl am Platz fühle, wenn ich als dort ungefragt als Crossdresser und en femme dort auftrete. Ich möchte kein Fremdkörper sein. Ich möchte auch nicht dauernd irgendwelche Männer erziehen müssen, nicht direkt und auch nicht indirekt.

"Hey... hör mal, ... als Frau habe ich dasselbe Recht, hier zu sein wie du als Mann".

Nicht meine Sache, ich bin kein Weltverbesserer. Ich kann die Menschen nicht ändern. Aber ich möchte mich wohlfühlen, wenn ich en femme draußen bin unter Leuten, und meistens gelingt mir das auch sehr gut., Aber, wie gesagt, die Situation oder die Umgebung muss passen, und aus meiner Erfahrung weiß ich inzwischen, dass zum Beispiel ein Einkaufszentrum oder ein innerstädtisches Straßencafè besser passt als die Kaimauer und die Mole am alten Hafen hier. Einfach zu toxisch männlich :mrgreen:

Liebe Grüße,
Valerie

Re: Valeries Welt

Verfasst: Di 25. Okt 2022, 09:46
von Marit
Liebe Valerie,

da hatte ich wieder den kleinen Unterschied zwischen uns vergessen. Das tut mir leid.
Aus deiner Sicht ist es völlig nachvollziehbar, sich so zu verhalten. Selbst bin ich da anders drauf und das hat auch seinen Grund.
Also nichts für ungut.

Liebe Grüße von Marit

Re: Valeries Welt

Verfasst: Di 25. Okt 2022, 19:42
von Valerie Bellegarde
Marit hat geschrieben: Di 25. Okt 2022, 09:46 Liebe Valerie,

da hatte ich wieder den kleinen Unterschied zwischen uns vergessen. Das tut mir leid.
Aus deiner Sicht ist es völlig nachvollziehbar, sich so zu verhalten. Selbst bin ich da anders drauf und das hat auch seinen Grund.
Also nichts für ungut.

Liebe Grüße von Marit
Kein Problem, liebe Marit. alles ist wieder im Lot.
Wie du sicher schon bemerkt hast, ist der alte, über vier Jahre laufende Valerie-Welt-Faden ja inzwischen abgeschnitten, d.h. nur der Titel steht noch (für die Wiedererkennung), aber sonst ist vieles anders geworden. Die einzelnen Geschichten sind mehr im Stil von eigenständigen Essays geschrieben (wenigstens bemühe ich mich darum), und sie hängen auch nicht mehr zusammen, sondern jede sollen unabhängig und für sich stehen. Über jedem einzelnenn Titel steht das Motto Frankreich-Impressionen. Als jemand, der inzwischen fast zwanzig Jahre hier unten lebt, wollte ich euch nicht vorenthalten, wie schön und interessant das Leben hier unten ist. Daß das crossdressen dazugehört, ist selbstverständlich, aber diese Optik bestimmt nicht jede einzelne Episode. In der kommenden 4. Episode möchte ich zum Beispiel über Oradour-sur-Glane schreiben, über die Eindrücke, die ich kürzlich dort gewonnen habe.

Lieben Gruß, Valerie

Re: Valeries Welt

Verfasst: Fr 11. Nov 2022, 15:14
von Valerie Bellegarde
Frankeich-Impressionen 4

Oradour-sur-Glane, Brive, Tulle.

Diese kleinen französischen Städte, besser gesagt Dörfer liegen mitten im Limousin, das ist eine hauptsächlich durch Landwirtschaft und Weinbau geprägte Region im südlichen Zentralfrankreich, westlich begrenzt vom atlantischen Ozean, etwas weiter nord-östlich liegt das etwas bedeutendere Zentrum von Limoges, in Deutschland würde man so etwas vielleicht große Kreisstadt nennen.

Die in der Überschrift genannten Orte sind kleiner und waren eigentlich immer unbedeutend, aber für eine kurze Zeit im Kriegsjahr 1944 erlangten sie traurige Berühmtheit durch ein von der deutschen Wehrmacht an französischen Zivilisten verübtes schlimmes Kriegsverbrechen, dem zahlreiche unschuldige Menschen zum Opfer fielen. Das Massaker von Oradour liegt jetzt fast 80 Jahre zurück, Männer, Frauen, Kinder jeden Alters, wurden dort von deutschen Soldaten kaltblütig umgebracht, erschossen, verbrannt, erhängt, an zwei Nachmittagen dieses 9. und 10. Juni 1944.

Heute sind die Reste des Dorfes als Gedenkstätte erhalten. Wir lernen Oradour auf unserem Weg in den Urlaub kennen wir wollen Badeferien machen in der Normandie an der Kanalküste, später sind dann noch ein paar Tage in der Bretagne vorgesehen. Die Stimmung der Reisenden ist heiter und entspannt, aber am Nachmittag, als wir uns Oradour nähern, ziehen dunkle Gewitterwolken auf, die Hitze wird drückend, am Horizont beginnt es zu rumpeln. Ganz ähnlich muss es sich auch im Juni 1944 abgespielt haben, als aus heiterem Himmel das schreckliche Unheil einfiel ins friedliche Dörfchen Oradour.

Was war damals los?

Schauen wir zurück, es ist Juli 1940. Halb Frankreich, vor allem der Norden, die Region Paris und die Atlantikküste bis hinunter nach Biarritz ist von der deutschen Wehrmacht besetzt, die Grenze zu Restfrankreich (das sgnt. Vichy-Gebiet) zieht sich quer durchs Land. Ein Teil der Franzosen kollaboriert mit den Besatzern, andere hängen der Resistance an, aber insgesamt bleibt es zwei Jahre lang relativ ruhig. Dann, am 11. November 1942 landen die Alliierten in Nordafrika, der Krieg tobt in Russland und der deutsche Vormarsch ist fast überall in Europa zum Stehen gekommen.

Quasi als Vorsichtsmaßnahme besetzt die Wehrmacht das unter französischer Verwaltung (Präsident Pétain) stehende Vichy-Gebiet und verlagert Truppen nach Süden, die deutsche Verwaltung beutet jetzt auch das restliche Frankreich stark aus, weite Gebiete in Südfrankreich dienen der Wehrmacht als Rückzugsraum und zur Erholung ihrer angeschlagenen Verbände, vor allem aus dem verlustreichen Russland-Feldzug. Auf diese Weise wird Südfrankreich, genauer das Limousin, zu einem bevorzugten Erholungsraum für deutsche Soldaten, und bis auf einige Scharmützel mit Kräften der Résistance lebt es sich für die deutschen Besatzer im Folgejahr 1943 und später eigentlich ganz gemütlich dort unten im sonnigen Süden.
Seitens der Führung wird auch versucht, Schäden an Material und Fahrzeugen zu beheben, so gut es eben geht. Die angeschlagenen Divisionen sollen Schritt für Schritt durch Neuzugänge wieder auf die alte Sollstäke von etwa 10.000 Mann gebracht werden. Die neuen, unerfahrenen Soldaten sind oft aus den Jahrgängen 1923 oder 1924, also 19 oder 20 Jahre alt, viele aus Süddeutschland, Schwaben, Franken, Bayern, Allgäuer, richtige Rotzlöffel oder Bauernbuben, würde man heute vielleicht sagen. Viele Elsässer sind auch dabei, klar, man spricht dort französisch, was den Kontakt zur Landbevölkerung einfach macht. Trotzdem, es sind SS-Leute, die dort in der Region Montauban stationiert sind, und "Das Reich" ist eine veritable Panzerdivision der Waffen SS, ausgerüstet mit dem damals neuesten und besten verfügbaren Gerät, dem Panzer 4 oder dem Tiger. Man kann sagen, dass der Einheit ein gewisser Ruf der Überlegenheit anhaftete, und man betrachtet sich als Elite der Wehrmacht. Herausragend vor allem in ihrer Brutalität.

In der Region um Montauban hat sich die 2. Panzerdivision der Waffen-SS, genannt "Das Reich" unter dem General Heinz Lammerding einen Erholungsraum eingerichtet. Rekreation steht auf dem Programm, leichter Dienst, Waffen reinigen, ansonsten ist Erholung angesagt. Die Truppe hatte zuvor im Russlandkrieg starke Verluste erlitten und soll sich hier erst mal erholen. Die Division ist auf mehrere Dörfer rings um Montauban verteilt und eine gewisse Zeitlang ist auch Ruhe. Als dann aber am 6. Juni 1944 die Alliierten in der Normandie landen und die alliierte Invasion auf dem Kontinent beginnt, ist es allerdings vorbei mit der Rekreation und Erholung. Die Truppe wird alarmiert und die Division, tausende von Fahrzeugen und Panzern machen sich am 8. Juni auf den Weg nach Norden, um bei der Verteidigung von Rommels Atlantikwall zu Hilfe zu kommen.

Der Transport erfolgt weitestgehend auf Straßen, weil die Eisenbahnen oft zerstört sind oder durch Attentate der Resistance gefährdet. Tausende von deutschen Panzern, Rad- und Kettenfahrzeugen bewegen sich langsam nach Norden, vor allem auf der Route Nationale N20. Noch am gleichen Tag, dem 8. Juni kommt es zu mehreren Scharmützeln mit Resistance-Gruppen, was die Deutschen zwar nicht aufhält, aber doch zu Vergeltungsmaßnahmen nötigt, die brutal sind und abschreckend wirken sollen. Getötete Resistance-Kämpfer werden, in der Art, wie man das in Bayern wohl mit erlegtem Wild macht, mit Seilen auf die Kühlerhaube von Wehrmachts-Kübelwagen gebunden, so fährt man in mehrere Dörfer ein und präsentiert seine Opfer: Brutalste Abschreckung soll die Bevölkerung im Zaum halten. Trotzdem kommt es überall zu Schiessereien. Im Städtchen Tulle, ein paar Kilometer südlich von Limoges, erhängt die SS am Abend des 9. Juni völlig willkürlich und ohne Grund neunundneunzig Männer, die man auf der Straße findet, man erhängt sie an Laternenpfählen in der Hauptstraße von Tulle, darunter den Bürgermeister. Der Terror ist nicht mehr aufzuhalten.

Als einige Kompanien der Division am Folgetag, dem 10. Juni, das weiter nördlich gelegene Dorf Oradour erreichen, befindet sich die Mehrheit der SS-Soldaten in einer Art Blutrausch, anders ist nicht zu erklären, was in Oradour an diesem Nachmittag geschieht. Man kreist das Dorf mit Fahrzeugen ein, so daß niemand entkommen kann. Dann gehen die Soldaten in kleinen Gruppen von Haus zu Haus und erschiessen systematisch alles, was sich dort bewegt, insgesamt 643 zivile Opfer sind am Ende des Tages zu beklagen, totgeschossen, erschlagen, verbrannt, egal ob Männer, Frauen oder Kinder, ohne Unterschied, ohne Barmherzigkeit, ohne Gnade.

Um Spuren zu verwischen, kommt eine SS-Kompanie am Folgetag zurück und sprengt und verbrennt alles, was brennbar ist, trotzdem verbreitet sich die Kunde des Kriegsverbrechens schnell in ganz Frankreich, was den Widerstandswillen der Franzosen erst richtig anfacht. Die Division zieht weiter und wird später in Abwehrkämpfen in der Normandie fast völlig aufgerieben, ein Teil geht dann in Gefangenschaft. Das Verbrechen von Oradour und Tulle bleibt lange ungesühnt, erst Mitte der 50er Jahre kommt es zu vereinzelten Anklagen, die nicht vollstreckt werden können, weil einige der identifizierbaren Täter dann in der DDR leben. Heute sind die stehengebliebenen Ruinen von Oradour ein Museum und eine Gedenkstätte gegen den Krieg und die Barbarei, die der Krieg aus uns Menschen macht.

Die Ortschaft selbst wurde direkt daneben wieder völlig neu aufgebaut, das alte Oradour steht daneben als ein totes Dorf voller Ruinen. Auch die Kirche, in der die Frauen und Kinder verbrannten, steht noch in den Außenmauern. Ich habe diesen Teil meiner französischen Impressionen über Oradour 1944 geschrieben, um auch diesen komplizierten Aspekt meiner Existenz als Deutscher, der in Frankreich lebt, einmal zu beleuchten. Die vergangene Krieg betrifft uns im Alltag zwar kaum noch, trotzdem muß ich zugeben, es hat mir in Oradour die Sprache verschlagen, und ich habe mich nicht getraut, während meines Besuchs in der Gedenkstätte mit meiner Partnerin laut deutsch zu sprechen, aus Scham oder aus welchem Grund auch immer.

Valerie :()b