Frankeich-Impressionen 4
Oradour-sur-Glane, Brive, Tulle.
Diese kleinen französischen Städte, besser gesagt Dörfer liegen mitten im Limousin, das ist eine hauptsächlich durch Landwirtschaft und Weinbau geprägte Region im südlichen Zentralfrankreich, westlich begrenzt vom atlantischen Ozean, etwas weiter nord-östlich liegt das etwas bedeutendere Zentrum von Limoges, in Deutschland würde man so etwas vielleicht große Kreisstadt nennen.
Die in der Überschrift genannten Orte sind kleiner und waren eigentlich immer unbedeutend, aber für eine kurze Zeit im Kriegsjahr 1944 erlangten sie traurige Berühmtheit durch ein von der deutschen Wehrmacht an französischen Zivilisten verübtes schlimmes Kriegsverbrechen, dem zahlreiche unschuldige Menschen zum Opfer fielen. Das Massaker von Oradour liegt jetzt fast 80 Jahre zurück, Männer, Frauen, Kinder jeden Alters, wurden dort von deutschen Soldaten kaltblütig umgebracht, erschossen, verbrannt, erhängt, an zwei Nachmittagen dieses 9. und 10. Juni 1944.
Heute sind die Reste des Dorfes als Gedenkstätte erhalten. Wir lernen Oradour auf unserem Weg in den Urlaub kennen wir wollen Badeferien machen in der Normandie an der Kanalküste, später sind dann noch ein paar Tage in der Bretagne vorgesehen. Die Stimmung der Reisenden ist heiter und entspannt, aber am Nachmittag, als wir uns Oradour nähern, ziehen dunkle Gewitterwolken auf, die Hitze wird drückend, am Horizont beginnt es zu rumpeln. Ganz ähnlich muss es sich auch im Juni 1944 abgespielt haben, als aus heiterem Himmel das schreckliche Unheil einfiel ins friedliche Dörfchen Oradour.
Was war damals los?
Schauen wir zurück, es ist Juli 1940. Halb Frankreich, vor allem der Norden, die Region Paris und die Atlantikküste bis hinunter nach Biarritz ist von der deutschen Wehrmacht besetzt, die Grenze zu Restfrankreich (das sgnt. Vichy-Gebiet) zieht sich quer durchs Land. Ein Teil der Franzosen kollaboriert mit den Besatzern, andere hängen der Resistance an, aber insgesamt bleibt es zwei Jahre lang relativ ruhig. Dann, am 11. November 1942 landen die Alliierten in Nordafrika, der Krieg tobt in Russland und der deutsche Vormarsch ist fast überall in Europa zum Stehen gekommen.
Quasi als Vorsichtsmaßnahme besetzt die Wehrmacht das unter französischer Verwaltung (Präsident Pétain) stehende Vichy-Gebiet und verlagert Truppen nach Süden, die deutsche Verwaltung beutet jetzt auch das restliche Frankreich stark aus, weite Gebiete in Südfrankreich dienen der Wehrmacht als Rückzugsraum und zur Erholung ihrer angeschlagenen Verbände, vor allem aus dem verlustreichen Russland-Feldzug. Auf diese Weise wird Südfrankreich, genauer das Limousin, zu einem bevorzugten Erholungsraum für deutsche Soldaten, und bis auf einige Scharmützel mit Kräften der Résistance lebt es sich für die deutschen Besatzer im Folgejahr 1943 und später eigentlich ganz gemütlich dort unten im sonnigen Süden.
Seitens der Führung wird auch versucht, Schäden an Material und Fahrzeugen zu beheben, so gut es eben geht. Die angeschlagenen Divisionen sollen Schritt für Schritt durch Neuzugänge wieder auf die alte Sollstäke von etwa 10.000 Mann gebracht werden. Die neuen, unerfahrenen Soldaten sind oft aus den Jahrgängen 1923 oder 1924, also 19 oder 20 Jahre alt, viele aus Süddeutschland, Schwaben, Franken, Bayern, Allgäuer, richtige Rotzlöffel oder Bauernbuben, würde man heute vielleicht sagen. Viele Elsässer sind auch dabei, klar, man spricht dort französisch, was den Kontakt zur Landbevölkerung einfach macht. Trotzdem, es sind SS-Leute, die dort in der Region Montauban stationiert sind, und "Das Reich" ist eine veritable Panzerdivision der Waffen SS, ausgerüstet mit dem damals neuesten und besten verfügbaren Gerät, dem Panzer 4 oder dem Tiger. Man kann sagen, dass der Einheit ein gewisser Ruf der Überlegenheit anhaftete, und man betrachtet sich als Elite der Wehrmacht. Herausragend vor allem in ihrer Brutalität.
In der Region um Montauban hat sich die 2. Panzerdivision der Waffen-SS, genannt "Das Reich" unter dem General Heinz Lammerding einen Erholungsraum eingerichtet. Rekreation steht auf dem Programm, leichter Dienst, Waffen reinigen, ansonsten ist Erholung angesagt. Die Truppe hatte zuvor im Russlandkrieg starke Verluste erlitten und soll sich hier erst mal erholen. Die Division ist auf mehrere Dörfer rings um Montauban verteilt und eine gewisse Zeitlang ist auch Ruhe. Als dann aber am 6. Juni 1944 die Alliierten in der Normandie landen und die alliierte Invasion auf dem Kontinent beginnt, ist es allerdings vorbei mit der Rekreation und Erholung. Die Truppe wird alarmiert und die Division, tausende von Fahrzeugen und Panzern machen sich am 8. Juni auf den Weg nach Norden, um bei der Verteidigung von Rommels Atlantikwall zu Hilfe zu kommen.
Der Transport erfolgt weitestgehend auf Straßen, weil die Eisenbahnen oft zerstört sind oder durch Attentate der Resistance gefährdet. Tausende von deutschen Panzern, Rad- und Kettenfahrzeugen bewegen sich langsam nach Norden, vor allem auf der Route Nationale N20. Noch am gleichen Tag, dem 8. Juni kommt es zu mehreren Scharmützeln mit Resistance-Gruppen, was die Deutschen zwar nicht aufhält, aber doch zu Vergeltungsmaßnahmen nötigt, die brutal sind und abschreckend wirken sollen. Getötete Resistance-Kämpfer werden, in der Art, wie man das in Bayern wohl mit erlegtem Wild macht, mit Seilen auf die Kühlerhaube von Wehrmachts-Kübelwagen gebunden, so fährt man in mehrere Dörfer ein und präsentiert seine Opfer: Brutalste Abschreckung soll die Bevölkerung im Zaum halten. Trotzdem kommt es überall zu Schiessereien. Im Städtchen Tulle, ein paar Kilometer südlich von Limoges, erhängt die SS am Abend des 9. Juni völlig willkürlich und ohne Grund neunundneunzig Männer, die man auf der Straße findet, man erhängt sie an Laternenpfählen in der Hauptstraße von Tulle, darunter den Bürgermeister. Der Terror ist nicht mehr aufzuhalten.
Als einige Kompanien der Division am Folgetag, dem 10. Juni, das weiter nördlich gelegene Dorf Oradour erreichen, befindet sich die Mehrheit der SS-Soldaten in einer Art Blutrausch, anders ist nicht zu erklären, was in Oradour an diesem Nachmittag geschieht. Man kreist das Dorf mit Fahrzeugen ein, so daß niemand entkommen kann. Dann gehen die Soldaten in kleinen Gruppen von Haus zu Haus und erschiessen systematisch alles, was sich dort bewegt, insgesamt 643 zivile Opfer sind am Ende des Tages zu beklagen, totgeschossen, erschlagen, verbrannt, egal ob Männer, Frauen oder Kinder, ohne Unterschied, ohne Barmherzigkeit, ohne Gnade.
Um Spuren zu verwischen, kommt eine SS-Kompanie am Folgetag zurück und sprengt und verbrennt alles, was brennbar ist, trotzdem verbreitet sich die Kunde des Kriegsverbrechens schnell in ganz Frankreich, was den Widerstandswillen der Franzosen erst richtig anfacht. Die Division zieht weiter und wird später in Abwehrkämpfen in der Normandie fast völlig aufgerieben, ein Teil geht dann in Gefangenschaft. Das Verbrechen von Oradour und Tulle bleibt lange ungesühnt, erst Mitte der 50er Jahre kommt es zu vereinzelten Anklagen, die nicht vollstreckt werden können, weil einige der identifizierbaren Täter dann in der DDR leben. Heute sind die stehengebliebenen Ruinen von Oradour ein Museum und eine Gedenkstätte gegen den Krieg und die Barbarei, die der Krieg aus uns Menschen macht.
Die Ortschaft selbst wurde direkt daneben wieder völlig neu aufgebaut, das alte Oradour steht daneben als ein totes Dorf voller Ruinen. Auch die Kirche, in der die Frauen und Kinder verbrannten, steht noch in den Außenmauern. Ich habe diesen Teil meiner französischen Impressionen über Oradour 1944 geschrieben, um auch diesen komplizierten Aspekt meiner Existenz als Deutscher, der in Frankreich lebt, einmal zu beleuchten. Die vergangene Krieg betrifft uns im Alltag zwar kaum noch, trotzdem muß ich zugeben, es hat mir in Oradour die Sprache verschlagen, und ich habe mich nicht getraut, während meines Besuchs in der Gedenkstätte mit meiner Partnerin laut deutsch zu sprechen, aus Scham oder aus welchem Grund auch immer.
Valerie
