Hallo allerseits,
heute mal ein kleiner Bericht von meiner Seite. Ich schreibe normalerweise nicht solche Berichte aber lese sie sehr gerne. Aber diesmal fand ich es wichtig zu berichten, weil ich ein Schlüsselerlebnis hatte.
Normalerweise lebe ich nach dem Motto, bloß nicht da draußen auffallen und verhalte mich extrem defensiv. Deshalb bloß keine selbstbewusste, auffällige Kleidung oder Makeup und kein TamTam. Da ich auch 1.80 bin benutze ich gerne Schuhe und Stiefel, die gar keine oder sehr kleine Absätze haben. Ich habe mir aber letztens ein Paar Stiefel bestellt und eines davon mit 8,2 cm und so wie es sich herausgestellt hat, klackern die Absätze auch ganz schön. Aber komischerweise sind die Stiefel auch sehr angenehm zu tragen und man kann darin sehr lange laufen. Also wollte ich es trotzdem nicht zurückschicken und mein Plan war damit mal einen kleinen Spaziergang im Park zu machen. Da ist der Boden weich (also kein Sound) und es ist auch sonst nicht sehr viel los. Also warum nicht.
Ich parke also mein Auto an der TU-Berlin, weil es da öffentliche, freie Parkplätze gibt und sehr viele Grünanlagen, denn wie gesagt möchte ich ein wenig frische Luft und Natur erleben. Als ich dann aber in den Park lief bemerkte ich zwei Sachen: Der Boden ist zu weich und pfützig und überhaupt läuft es sich dort nicht so besonders mit den Stiefeln.
Jetzt habe ich mich aber hübsch zurecht gemacht und bin ein gutes Stück gefahren. Zudem habe ich in der Gegend en homme eine Verabredung in 3,5 Stunden (die Boysachen sind im Kofferraum). Also was nun?
Also habe ich mir etwas Mut gemacht und meine Prinzipien gebrochen. Mit den Stiefeln, also total auffällig, wollte ich 25 min bis zum Ku"˜damm laufen um dort zu H&M zu gehen. Dort hatte ich nämlich en homme ein tolles Kleid gesehen und ich wollte es unbedingt haben, falls es in meiner Größe eins gibt.
Also lief ich los. Ca. 6 cm größer als sonst (also 1,86) und mit einem deutlichen Klack in jedem Schritt auf dem Pflaster. Und es machte auch genau das was ich befürchtet hatte, denn fast alle schauten mich an. Studenten, Touris, Männer, Frauen. Mit unauffällig war wirklich nicht mehr. Aber es war nichts belustigendes oder negatives in den Blicken. Es war sogar positiver als sonst, denn die Leute gingen nicht einfach vorbei sondern sahen mich an und sie waren sehr freundlich. Sonst laufen die meisten einfach nur vorbei.
Nachdem ich mich vergewissert habe, dass dies kein Tagtraum ist, wurde ich immer selbstbewusster und fing an die ganze Angelegenheit zu genießen. Nach meiner Interpretation der Lage, sahen die Leute eine Transfrau, die ihnen anscheinen optisch auch gefiel (weil ich nicht an Passingmärchen glaube).
Es ging ins H&M, alles weiterhin extrem normal, Kleid in meiner Größe gefunden, anprobiert. Passt super und sieht sehr schön aus. Also habe ich es gleich geschnappt und bezahlt. Mit der Kassiererin ein wenig Smalltalk (sie meinte sie habe auch genau so eins geholt) natürlich mit der tieferen Stimme. Wieder ohne eine gefühlte Anomalie im Verhalten.
Danach ging es noch ins KaDeWe in die oberste Etage um einen Latte zu trinken (denn es war noch Zeit). Danach kurz ins Saturn einen Mauspad kaufen und anschließend gab es eine Minipizza für den kleinen Hunger.
Danach habe ich (im totalen Tussi-Rausch-Modus) Primark überfallen und dort noch eine Bikerjacke und ein Kleid und ein Oberteil gekauft. Insgesamt waren es dann 100 Tacken die von mir ausgewandert sind. Aber ich hatte viel Spaß und mag die Sachen. Also alles gut.
Also zurück zum Wagen "¦ Einkaufe ins Kofferraum ... Tasche mit Boysachen geschnappt und auf dem Weg in die Uni um mich in der Toilette schnell umzuziehen. Es war jetzt ca. 20:30 und die Uni war weitestgehend leer. In dem Lichtsaal im Hauptgebäude gab es aber eine Abschlussfeier. Ich habe da mal kurz halt gemacht um zu schauen was da im Detail los war: "Luft und Raumfahrt" Studiengang. Alles Jungs auf der Bühne mit den klassischen Roben. Genau in dem Moment kam da eine Stimme von hinten und meine "sie müssen wohl mächtig stolz sein", ich glotze wie ein Schwein ins Uhrwerk ohne mich umzudrehen"¦ "... auf ihren Freund oder Mann oder ist es doch der Bruder?". Puuuh, da kam das Gefühl gehabt als Hochstaplerin erwischt worden zu sein (warum eigentlich) und damit auch ein wenig Panik. Ich sage instinktiv und so leise und hoch wie ich es noch natürlich herauskriege "Ich bin jetzt zu gerührt um darüber zu reden" xD. Ich drehe mich um und es ist die Bedienung. Eigentlich wollte er mir einen Glas Sekt und Gebäck anbieten. Also nahm ich beides an und schlich mich davon. Zwei Etagen höher am gleichen Lichthof saß ich dann und verputzte das Zeug. Dann fiel mir ein "¦ du hast keine Fotos gemacht "¦ danach kam der Gedanke "¦ warum muss ich, wie im Tag der Einschulung, immer Fotos machen? Dann dachte ich mir "¦ mach es einfach, weil es ein toller Tag war. Es sind nicht die besten geworden und es sieht auch nur so aus, als ob ich nur ein Bein habe (ganz ehrlich — es sind in Wirklichkeit weit mehr).
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Danach ging es in die Frauen toilette umziehen und dann zur Verabredung. Ich habe mir die Person angeschaut und immer genickt aber konnte nicht zuhören, weil ich im Kopf sehr beschäftigt war. Mir gingen immer wieder diese Sachen durch den Kopf:
Warum nehmen wir immer an, dass alles nur schlimmer wird wenn die Leute uns bemerken? Ich fiel heute auf und nichts war schlimmer sondern alles extrem positiv. Natürlich hätte es auch nach hinten losgehen können, aber genau diese Angst ist allgegenwärtig und lässt uns nie richtig entspannen und frei sein. Ich hatte mal irgendwo einen schlauen Spruch gelesen, die die Leute in der Startupbranche als Mantra benutzen: "Trade failures for success". Auf Deutsch: Tausche deine Fehlschläge gegen Erfolg aus. Die Idee ist, um Erfolg (als Unternehmer) zu haben muss man Risiken eingehen, Verwundbarkeit riskieren. Denn man wird auf dem Weg einige Fehler machen, sich bis ans Mark blamieren aber nur so kommt man da hin wo man auch möchte. Letzten Endes trifft es auf mich in allen Belängen zu: Ich bin nicht auf den Kopf gefallen und kann aus der Deckung heraus und ohne etwas zu riskieren immer genug erreichen aber halt nie alles, denn ich setze mich nie Risiken aus. Dabei führte eine mutige Entscheidung zu mehr Selbstbewusstsein, nette Blicke und Freundlichkeiten. Ein Paar Jungs haben sogar zugezwinkert und geschaut. Nichts für mich aber gut fürs Ego.
Macht es doch genau so. Geht mal etwas aus euch heraus. Schlimmstenfalls wird es ein Satz mit X und bestenfalls "¦
VlG