Episode 31: Sie denkt zurück an Gunnar.
Gunnars Name fiel am Telefon in einem Gespräch mit ihrer Busenfreundin Erica, und natürlich ging es dabei um die alten Stuttgarter Zeiten.
"Alte Zeiten" ist vielleicht nicht ganz der richtige Begriff, aber aus der subjektiven Sicht von Valerie stellten sich die inzwischen vergangenen zwanzig Jahre genau so dar. Eine kleine Ewigkeit war das schon her, seit sie damals Gunnar "adieu" gesagt hatte und nach Frankreich gezogen war.
Vielleicht ein Jahr lang hatten sie damals zusammengelebt in dieser kleinen Mansardenwohnung in Bad Cannstatt, die sie sich von ihrem kleinen Gehalt als Marketingassistentin leisten konnte, sie war die alleinige Verdienerin im Haushalt, denn er verdiente als Student natürlich noch nichts. Aber Geld und andere materiellen Dinge hatten den beiden damals nicht viel bedeutet, sie waren ineinander verliebt, richtig verknallt waren sie, und das war damals das Wichtigste für sie. Beide waren um die Zwanzig oder etwas älter.
Aber hatten sie damals auch gemeinsame Träume?
Heute, mehr als zwanzig Jahre später, war sich Valerie über die Antwort auf diese Frage nicht mehr sicher. Ja, natürlich, ihr gemeinsames Sexleben war damals sehr aktiv und es verging kein Tag, ohne dass sie seinem Begehren nachgab und er sie nahm. Vulgo, er vögelte sie, täglich und heftig.
Oder, was auch vorkam und zwar nicht selten: Dass das Begehren von ihr ausging, dass sie ihn haben wollte. Sie hatte damals sehr schnell gelernt, die Waffen einer Frau einzusetzen, um ihr Ziel zu erreichen und ihn ins Bett zu kriegen, zu welcher Tageszeit auch immer. Valerie war schon immer konsequent gewesen und nachdem sie sich einmal entschlossen hatte, als Frau weiterzuleben, wollte sie auch guten Sex haben wie eine Frau. Guter Sex, das war für sie damals ein Synonym für "Sex mit Gunnar".
Wie sie das lernte, die Waffen der Frauen einzusetzen? Man darf eines nicht vergessen: Sie war eine gute Beobachterin. Aber kann man eine Frau werden allein durch Beobachtung? Es ist jedenfalls sehr wichtig, und vor der Identifikation kommt das Imitieren der Frauen.
Sie beobachtete also die Frauen im Kolleginnenkreis, die jungen Frauen, mit denen sie damals ihre Bürotage verbrachte. Sie beobachtete und imitierte ihr Styling, die Art wie sie ihre Haare trugen, wie sie sie sich kleideten, wie sie sich schminkten, wie sie redeten und wie sie sich bewegten. Sie hatte schon immer eine immens gute Beobachtungsgabe, und sie imitierte alles, was sie sah bei den jungen Kolleginnen. Außerdem lernte sie, wie man sich 8 Stunden am Tag mit diesen hohen Schuhen im Büro bewegt (bzw. nicht bewegt, denn meistens saß man ja irgendwo am Schreibtisch, hatte die Beine sittsam unter dem Tisch und niemand konnte sehen, dass die Damen ihre High Heels, die so drückten, von den Nylons abgestreift hatten"¦ es sah ja eh"˜ keiner).
Und was geschah zuhause in der kleinen Cannstatter Mansardenwohnung, die sich das junge Paar später teilte?
Natürlich machte man Liebe, morgens, mittags, abends.
Oft hatten sie damals an Wochenenden tagelang zusammen im Bett verbracht, um "Liebe zu machen", auch das eine der gängigen Parolen aus dieser Zeit. Herrlich jung waren sie beide gewesen, so etwas über Zwanzig.
Aber gemeinsame Träume oder gemeinsame Ziele?
Nein, wenn Valerie sich heute diese Frage stellte, dann musste sie sie ehrlicherweise verneinen. Da war einerseits sie, eine, die ihren Beruf in der Autoindustrie total verinnerlicht hatte und die auf dem besten Weg war, eine dieser Karrierefrauen zu werden, die die Wirtschaft heute mit prägen.
Dann auf der anderen Seite er, Gunnar, Student und angehender Deutschlehrer, ein Romantiker, heute würde man ihn einen "Grünen" nennen. Und der Wunsch nach Kindern und einer großen Familie war schon damals in ihm angelegt. Valerie war da anders, sie hatte andere Ziele, wollte Frau werden, und konventionelle Familie oder gar Kinder passten schon gar nicht zu diesem Ziel.
War das der Punkt? Weshalb es damals langfristig nicht klappte mit Gunnar und ihr? Dass sie keine Kinder haben konnten zusammen?
Valerie dachte nach. Nein, die beiden hatten in ihrer gemeinsamen Zeit niemals darüber gesprochen, wie es wohl weitergehen würde mit ihnen. Aber sie war sich heute sicher, wenn sie Gunnar morgen wiedersähe, wäre er bestimmt glücklich verheirateter Familienvater mit mehreren Kindern. Und total bürgerlich wäre er auch, sicher mit einem dicken Mercedes in der Garage seines Einfamilienhaus im Stuttgarter Speckgürtel. Ihre Fantasie schlug mal wieder Purzelbäume.
Sollte Gunnar etwa einer dieser Spießer geworden sein? War das möglich?
Sie schüttelte den Gedanken ab, nein, so etwas würde nicht zu Gunnar passen. Nicht zu dem Mann, mit dem sie damals eine Zeitlang richtig glücklich war.
Richtig glücklich?
Valerie wäre nicht sie selbst, wenn nicht soft ein Widerspruch gekommen wäre. Natürlich, so ist die Valerie, sie kann nichts unwidersprochen hinnehmen, sie entdeckt sofort wieder ein Körnchen Salz in der Suppe. Darüber mehr in der nächsten Episode. Die hat den Titel: "Eine unvollständige Frau".
Fortsetzung am kommenden Wochenende. Und nicht vergessen: Likes werden gerne gesehen, von jedem Leser und jeder Leserin.
Lieben Gruß,
Valerie.
