Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Verfasst: Do 31. Mär 2016, 15:46
"Nun komm schon!" Fast fielen mir die Kennzeichen aus dem Arm, die ich vorsichtig trug, um die Zulassungs- und TÜV-Siegel nicht zu zerkratzen.
Er "freute" sich wohl schon auf das Gespräch — oder er hatte es eilig.
Ich rechnete damit, er würde "die Karten auf den Tisch legen" und mir noch einmal erklären, wie es mit der Ablage der Magazine laufen sollte. Aber das spielte nur eine Nebenrolle. Er nahm einen Kugelschreiber und malte kurz auf, welche Veränderungen an dem Ford noch vorgenommen werden sollten. So hatte er schon einen Rahmen in Auftrag gegeben, der "das Ei", wie er es nannte, an Ort und Stelle halten sollte.
Außerdem mussten die Fußmatten angepasst werden; denn schließlich sollte alles "wie im Serienmodell" aussehen. Ich fragte ihn, wie sinnvoll solche Aktionen wären, aber er bügelte mich ab: "das lass mal unsere Sorge sein!"
Aha, wieder duzte er mich, sagte aber deutlich "uns". Sicherlich wollte er mich davon überzeugen, dass mehrere, sogar viele (?) hinter dem Projekt standen.
"Die erste Aktion läuft am nächsten Wochenende", sagte er, "nähere Instruktionen bekommst Du hier, wenn Du Freitagabend den Wagen abholst!"
"Ich hole überhaupt nichts ab", antwortete ich frech, "Sie glauben doch nicht, dass ich bei diesem Unsinn, der auch noch gefährlich ist, mitmache(?!)".
Ich lehnte mich zurück und hoffte, ihm würde vor Überraschung — und weil ich ihn überzeugen konnte, die "Kinnlade runterfallen".
Das war leider nicht so.
Er verschwand kurz in einem Nebenraum und kam dann mit einer Fotomappe zurück.
Das erste Bild, das er auf den Tisch legte, zeigte die Demonstration in Brokdorf — eine Übersicht.
Dann kam er mit dem zweiten Foto, das wesentlich größer war als das erste.
Und es zeigte"¦
"¦ mich!
Während der Demo hatte ich zwar gesehen, dass Leute fotografierten und mich noch darüber geärgert, dass ich keine Billigkamera mitgenommen hatte, um das auch zu tun; aber ich hatte fast nur Leute gesehen, die "wie ich" aussahen, also eher so, wie ich mir TeilnehmerInnen an einer Demonstration vorstellte.
"Offizielle Beobachter" hatte ich in dem Getümmel nicht wahrgenommen.
Allerdings war das Foto, das Braun mir zeigte, nachträglich verändert worden; denn zu meinem größten Entsetzen sah ich in meiner Hand einen Ziegelstein - und die Handhaltung sah genau so aus, als würde ich auf einen der helmbewehrten Polizisten am Zaun zielen.
Schon eine grobe und oberflächliche Betrachtung des "Werkes" zeigte mir, mal ganz abgesehen von meinem WISSEN, dass der Stein nachträglich in das Foto hineinkopiert wurde.
Es stammte sicherlich von einem ganz anderen Film; die Körnung unterschied sich deutlich.
Man hatte mit Blutlaugensalz und einem kleinen Pinsel bei den Übergängen etwas nachgeholfen, dachte ich, aber mir fiel gleich ins Auge, dass das Foto eine Fälschung war.
Wie würde es allerdings auf die Menschen wirken, die unbefangen einen Blick darauf werfen würden?
Das versuchte ich mir vorzustellen. Und was sollte das überhaupt?
"Das können wir noch besser", riss Braun mich aus meinen Gedanken, "das wird noch ein paar Mal umkopiert, dann sieht es noch echter aus!"
"Und dann?" endlich musste meine Frage, die in mir brodelte, nach draußen.
"Ja dann — das hängt von Ihnen ab!"
Er machte eine kurze Pause, "Sie wollen doch einmal in einem pädagogischen Bereich arbeiten?"
"Ja natürlich, wozu sollte ich sonst eine so lange Ausbildung machen?"
"Dann sollten Sie mit uns zusammenarbeiten, sonst wird das nichts!"
Er wurde mit seinen Drohungen präziser, sprach von einem "Radikalenerlass", von einer Beteiligung an einer gewalttätigen Demonstration und von "kriminellen Gruppenhandlungen".
"Solche Leute haben im öffentlichen Dienst oder bei der Kirche nichts zu suchen", setzte er fort, ""¦ und wir haben auch im privaten Arbeitsmarkt so unsere Verbindungen.
Mal ganz nebenbei: Sie sehen doch schon aus wie ein Berufsdemonstrant mit ihrem Parka, den langen Haaren, dem Bart und" — er zögerte - "dem Atomkraftzeichen. Was ist das überhaupt für eine Sprache?".
Wut stieg in mir auf, doch er machte weiter:
"Sie haben doch so eine nette Freundin, machen Sie nicht alles kaputt!"
Das versetzte mir einen richtigen Schlag.
"Geben Sie sich einen Ruck! Fünf Fahrten mit unseren Lieferungen für die Menschen in der DDR — und alles ist in bester Ordnung!"
Ich war misstrauisch, "Sie hören doch nie auf, erst sagen sie fünf, dann heißt es zehn — und wer weiß, was dann noch kommt!"
"Doch, versprochen, Ehrenwort. Dabei tun sie ein gutes Werk für uns, für sich selbst — und sogar für die Menschen in der Zone".
Auf sein Ehrenwort wollte ich nicht viel geben. Aber ich hatte ja selbst noch die Negative, die ihn belasteten, beim Notar lagen. Vielleicht wäre es an der Zeit, sie einzusetzen.
Wie sollte ich das machen, um Braun endgültig loszuwerden?
"Ich überleg"™s mir", dann stand ich auf.
"Es gibt es nichts zu überlegen, Sie können nur mitmachen und gewinnen — oder nicht mitmachen und verlieren; es gibt kein vielleicht und kein dazwischen.
Also: bis Freitag, gleiche Welle — gleiche Stelle!"
Er lachte und war wohl davon überzeugt, einen besonders guten Witz gemacht zu haben.
"Die Schilder packen Sie mal hier in die Tasche, sonst fallen Sie noch in der U-Bahn auf und werden verhaftet".
Er lachte wieder und gab mir eine große Einkaufstasche aus Stoff.
"Die Schilder brauche ich nicht — und die Tasche auch nicht!"
Doch er steckte die Schilder selbst in die Tasche und übergab sie mir mit den Worten: "Nimm, es ist zu Deinem Besten und Du hast keine andere Möglichkeit!"
"Da bin ich mir nicht so sicher", wollte ich sagen, behielt es aber doch für mich.
Als ich die Treppe hinabstieg, klapperten die Schilder in der Tasche.
Ich ärgerte mich darüber, dass ich so inkonsequent gewesen war.
Oder war meine Entscheidung sogar klug gewesen? Immerhin hatte ich erst einmal bis Freitag Zeit.
Als ich in die Wohnung kam, war Antje nicht da. Ein kleiner Zettel lag auf dem Küchentisch:
"bin unterwegs, Möbel anzugucken. Bis später — Gruß und Kuss"¦".
Es kam mir sogar entgegen, dass sie nicht in der Wohnung war. So konnte ich mich jedenfalls ganz in Ruhe und ausführlich mit dem Brief der Psychologin beschäftigen. Das sollte mich ablenken vom Besuch in Moabit.
Ein frischer Kaffee sorgte erst einmal dafür, mich von dem vorher Erlebten zu lösen. "Ich sollte die Beine des Tisches dringend nachziehen", dachte ich mir; denn ein leichtes Stoßen mit dem Knie setzte ihn gleich so in Schwingung, dass ich fast den Brief nass gemacht hätte mit dem Kaffee.
Ich stellte die Tasse auf die Anrichte und holte gleich einen passenden Schraubenschlüssel.
In fünf Minuten war alles erledigt — und die Beine saßen wieder richtig fest.
Der Kaffee war noch heiß.
Ich stolperte gleich über die erste Frage: "Wie geht es ihnen heute?"
Es waren verschiedene Antworten zum Ankreuzen vorgesehen, ich fand jedoch keine besonders passend und kreuzte "sonstiger Gemütszustand" an, ohne dass ich sofort eine weitere Erklärung in die drei kleinen Zeilen eintragen konnte, die dafür vorgesehen waren.
Der nächste Punkt war keine Frage: "zeichnen Sie eine Sinuskurve und kennzeichnen sie ihren jetzigen gedachten oder gefühlten Stand mit einem Kreuz!"
Auch dazu konnte ich in dem Moment nicht viel sagen oder zeichnen.
Weiter: "Wie haben Sie in der letzten Zeit geschlafen? Hatten Sie Sex? leben Sie in einer Partnerschaft?"¦".
Die meisten Fragen waren für viele Menschen bestimmt leicht zu beantworten; trotzdem fiel es mir sehr schwer. Wie sollte ich dabei vorgehen?
Ich hatte in der letzten Zeit nicht sehr gut geschlafen, aber das lag nicht an dem Thema, um das es in den Fragen ging. Sex hatte ich auch gehabt, aber"¦
Sollte ich ehrlich sein, oder sollte ich die Antworten so gestalten, als hätte ich die ganzen Probleme und Herausforderungen nicht? Was und wer wäre ich ohne meine Probleme?
Ich konnte mich nicht entscheiden, ging erst einmal weiter in der Befragung und hoffte, dass noch einfachere Fragen kommen würden.
Die kamen: "Wie groß sind Sie? Wie schwer sind Sie? Nehmen Sie Medikamente?"
Der Brief hatte einen großen Umfang; aber ich konnte feststellen, dass auf den letzten Seiten keine Fragen waren, sondern dass die Psychologin ein großes Thema "Planung für die nächsten 6 Monate" angefügt hatte.
Das klang durchaus interessant: "ein Wochenende zur Begegnung mit sich selbst und anderen lieben Menschen" wurde versprochen. ("¦dann gehörte ich wohl auch zu den "lieben Menschen?")
Handschriftlich war, offensichtlich für mich, nachgetragen worden: "Zur BH-Frage habe ich zum Treffen Neuigkeiten; denn ich habe gehört, es beschäftigt sich gerade jemand im Rahmen seiner Diplomarbeit mit der Entwicklung einer Silikonbrustprothese!"
Silikon?
War das nicht dieses Zeug, das wir zum Abdichten auf dem Boot verwendet hatten?
Und daraus wollte jemand Prothesen herstellen?
Na, immerhin — zum Treffen, das in einer Pension an der Nordsee stattfinden sollte, würde es Neues geben.
Ich mühte mich mit den Fragen ab, die ich immer noch nicht beantwortet hatte.
Irgendwie brachte ich es dann doch fertig, zu jedem Punkt mein Kreuzchen zu machen oder etwas zu schreiben.
Als ich den Brief zuklebte für die Rücksendung, kam Antje.
"Ich war in der Wilmersdorfer bei Quelle"; begrüßte sie mich, "ich habe dort ein Bett gekauft; das liefern sie nächste Woche!"
Ich freute mich mit ihr.
Erst wollte ich ihr alles über Braun erzählen — und natürlich auch fragen, ob er in ihrer An- und meiner Abwesenheit in der Wohnung war, aber ich wollte ihre gute Laune nicht verderben und so sagte ich leider nur, dass ich "vielleicht" am Samstag eine Kurierfahrt übernehmen müsste, um ein wenig Geld zu verdienen, sonst nichts.
"Ist gut, dann mache ich in der Wohnung weiter — und vielleicht magst Du nachkommen, wenn es noch nicht so spät ist, Du zurück bist", sagte sie dazu.
Ich hatte wohl keine andere Wahl — jedenfalls vorerst nicht. Deshalb machte ich mich am Freitagnachmittag nach der Schule auf den Weg nach Moabit.
Braun hatte schon gewartet und empfing mich mit breitem Grinsen: "habe ich doch gewusst, dass sie vernünftig sind!"
Er zeigte mir den Ford, den sie inzwischen fertig gestellt hatten. Wir befestigten die Nummernschilder, die ich wieder mitgebracht hatte. Er überzeugte sich davon, dass es vorne und hinten die gleichen Schilder waren.
"Papiere?" fragte er. Ich zeigte ihm den KFZ-Schein, den ich dabei hatte.
Er zog einen Quittungsblock aus seiner Jackentasche und forderte mich auf, zu quittieren: "Ford Taunus (als Leihgabe) und 150 Mark erhalten".
Drei Fünfzigmarkscheine waren hinten im Block eingeklemmt. Ich legte den Block auf das Dach, um eine Schreibunterlage zu haben.
"Hier ist die Roadmap", er reichte mir ein A4-Blatt, auf dem ein Parkplatz auf der Strecke Berlin-Helmstedt näher bezeichnet war. Auf der Rückseite befanden sich weitere Angaben zur Ablagestelle.
Er gab mir einige Anweisungen mit auf den Weg und schärfte mir ein: "nicht auffallen!"
Ich sollte auf dem Parkplatz warten, bis sich dort kein anderes Auto aufhalten würde und dann erst "ablegen".
"Hoffentlich dauert das nicht zu lange", dachte ich mir.
"Das Geld ist für Sprit; es ist nicht mehr viel im Tank — und der Rest ist deins; wenn Du sparsam fährst, dann lohnt es sich richtig. Wenn Du zu schnell fährst und bezahlen musst, ist es Dein Verlust.
Du fährst natürlich nach dem Parkplatz durch bis Helmstedt, kannst Dich ein paar Stunden dort aufhalten — und dann geht es anschließend zurück. Wenn Dich einer fragt, was Du da gemacht hast, erzählst Du von einem Bewerbungsgespräch. Hier ist das Schreiben".
Ein Kinderheim lud mich ein und teilte mir mit: ""¦ legen wir den Zeitpunkt für das Bewerbungsgespräch auf das Wochenende, damit Sie als noch in Ausbildung befindlicher Schüler daran teilnehmen können".
Sie hatten an alles gedacht.
"Montagabend gibst Du den Wagen wieder hier ab und berichtest".
Er verabschiedete sich.
Der Motor sprang gleich an. Er hatte Recht, der Tank war fast leer.
Die Hofeinfahrt war relativ eng, aber ich kam ohne Schramme hindurch. Erst wollte ich nachsehen, was sie mir hinten eingeladen hatten, aber dann fiel mir ein "was Du nicht weißt, das macht Dich nicht heiß"; obwohl der Spruch bisher nur sehr selten Gültigkeit bewiesen hatte.
An einer nahegelegenen Tankstelle tankte ich voll, prüfte den Luftdruck und den Ölstand. Alles OK!
Der KFZ-Schein machte keinen verdächtigen Eindruck. Alle Stempel sahen echt aus. Zugelassen war der Wagen auf einen Ömür K.
Den Abend verbrachten Antje und ich zuhause; wir wollten beide ausgeruht sein für den nächsten Tag.
Ich machte mich früh auf den Weg. Die Scheiben waren noch beschlagen, sodass ich erst einmal wischen musste. Über die Avus erreichte ich schnell Dreilinden — und ein warmes Auto.
Bei der Kontrolle war alles in Ordnung; Papiere und Schilder wurden nicht beanstandet. Das hätte auch die allergrößten Probleme gegeben; denn damit musste immer alles stimmen.
Eine Zeit lang konnte ich Radio hören, wobei ich zwischen RIAS und SFB wechselte und manchmal auf AFN. Überzeugend war das Programm an dem Tag bei keinem der Sender, sodass ich mich ärgerte, kein modernes Cassettenradio zu haben. Bald verloren sich die UKW-Wellen gänzlich im Niemandsland; denn sie erreichten mich nicht mehr.
Der Motor brummte zuverlässig und ich hielt mich im Wesentlichen an die Geschwindigkeit, die vorgeschrieben war. Einige Westfahrzeuge überholten mich; die sah ich meistens später wieder; denn es wurde an etlichen Stellen geblitzt und kurz danach kassiert.
Einige schienen allerdings zu wissen, wo sie mit Kontrollen zu rechnen hatten; denn sie fuhren dermaßen schnell, dass es sehr teuer geworden wäre.
Auch ohne die gesetzlichen Auflagen wäre ich wohl nicht viel schneller gefahren; der schlechte Straßenzustand zeigte mir sehr deutlich die Grenzen des Fahrwerkes auf.
Für den Parkplatz, den ich aufsuchen sollte, war eine Kilometerangabe notiert. So war es recht einfach, ihn zu finden. Als ich auf den dunklen Platz zusteuerte, fädelte ein Wartburg sich gerade wieder in den fließenden Verkehr ein.
So war ich allein dort, als ich "mein Geschäft erledigte und ablegte".
Die Laufschiene für den Hebel hatten sie wohl noch einmal frisch gefettet; das merkte ich an meiner Hand und war froh, dass ich Papiertaschentücher dabeihatte, um sie wieder zu säubern.
Ich verschloss die Klappe wieder, indem ich die Hebel zurück nach links bewegte.
Dann fuhr ich zwei Meter vor und guckte kurz unter das Auto. Die Öffnung war wieder verschlossen.
Hinter dem Wagen lag ein Bündel, ich vermutete Zeitschriften, das in Packpapier eingewickelt und mit einem Faden gesichert war. Ich schaute nicht nach, sondern setzte mich ins Auto und fuhr vom Parkplatz. Gerne hätte ich noch einen Kaffee getrunken, den Antje mir extra in einer Thermoskanne mitgegeben hatte, hielt es aber für wichtiger, den Parkplatz zügig zu verlassen.
Fast wäre ich dabei zu zügig gewesen; ein Lastwagen mit Anhänger rauschte schneller heran als ich gedacht hatte. Ich bremste — und er hupte. Gerade noch einmal gut gegangen, Glück gehabt!
Ich wurde ruhiger, obwohl ich immer noch das Gefühl hatte: "irgendetwas muss doch passieren!"
Es passierte allerdings nichts.
Auch wenn ich das Gefühl hatte, man müsste mir ansehen, in welcher Mission ich unterwegs war, machten die Grenzer eher einen gelangweilten Eindruck. "Machen Sie mal das Ohr frei und gucken Sie nach links!
Danke, gute Weiterreise". Das hatte ich auch schon anders und unfreundlicher erlebt.
Ich trieb mich eine Weile in Helmstedt herum, landete schließlich an einem Imbiss und stärkte mich. Überzeugend war das Angebot nicht, hielt aber lange vor; den ganzen Nachmittag konnte ich aufstoßen und hatte immer wieder den Geschmack vom Schnitzel und Pommes im Mund. Ich wühlte in meinen Taschen und suchte einen Bonbon oder Pfefferminz.
Ich fand nur einen Hustenbonbon, den mir eine nichtrauchende Mitschülerin während einer Pädagogikstunde geschenkt hatte — sicherlich als "Wink mit dem Zaunpfahl", nicht so viel in der Klasse zur rauchen.
Noch zögerte ich, diesen Leckerbissen durch Lutschen zu vernichten.
Auch die Rückfahrt verlief ganz ohne Schwierigkeiten. Als ich an der besagten Stelle war, guckte ich über die Gegenspuren hinweg zum Parkplatz und dachte mir "irgendetwas muss doch zu sehen sein!"
Es war aber nichts zu sehen.
Was auch?
Erst am späten Nachmittag "gönnte" ich mir den Hustenbonbon.
Froh war ich, als ich endlich wieder im Sendebereich der berliner Rundfunkanstalten war, ein gutes Zeichen, bald zuhause zu sein!
Ich fuhr erst einmal nicht in die neue Wohnung, sondern in die Schleiermacher.
Küche und Flur standen ziemlich voll. Antje war schon zurück und hatte beim Trödler an der Ecke ein paar Sachen für wenig Geld kaufen können. "So kannst Du Dein Dienstauto nutzen und mir die Sachen eben in die Wohnung fahren", meinte sie.
Ich ließ mich breitschlagen. "Einen günstigen Kleiderschrank kann ich auch noch bekommen!"
Sie freute sich richtig. "Ein ganzer Schrank passt nicht in den Ford", musste ich ihr leider sagen.
Aber der Händler hatte schon angeboten, "wenn"™s nicht auf einen Tag ankommt", zu liefern.
"Dann bezahle aber erst bei Lieferung", gab ich ihr als gut gemeinten Rat.
Wir konnten alles im Ford verstauen — und sie nahm auch schon etwas Wäsche mit. Ihrem Umzug stand nicht mehr viel im Wege, was mich einerseits freute, aber andererseits mit Wehmut erfüllte.
Sie musste meine Gedanken erraten haben; denn sie sagte: "wir sehen uns bestimmt trotzdem öfter!"
Die Sachen waren schnell in die Wohnung gebracht. Sie hatte dort den ganzen Tag gute Arbeit geleistet "man sieht, was es werden soll", ärgerte ich sie.
Der Ford war sparsam gewesen und Strafe hatte ich nicht bezahlen müssen. Weil meine Kasse noch gut gefüllt war, lud ich Antje zum Essen ein.
So bekam ich mit einer gut schmeckenden Pizza den "helmstedter Geschmack" endlich aus dem Körper, den ich unterstützender Weise bei uns in der Wohnung mit zwei Bier ausschwemmte, um völlig sicher zu sein.
"Morgen haben wir beide frei!"
Antje hatte richtig gute Laune, "vielleicht können wir mit Deinem Dienstwagen ins Grüne fahren, ich will so gerne mal nach Moorlake!" Darüber hatte sie mir gerade etwas im TAGESSPIEGEL vorgelesen und ein Bild gezeigt.
"Wenn Du noch einmal "Dienstwagen" sagst, dann wird daraus nichts", scherzte ich, "aber meinetwegen können wir morgen dorthin fahren".
Braun hatte eigentlich eine "Privatnutzung" des Autos nicht ausdrücklich untersagt.
Antje ging vor mir ins Bett.
Ich folgte nach einigen Minuten nach.
Sie nahm meine Hand und führte sie unter ihre Decke. Ich fühlte ihre nackte Haut. Sonst schlief sie fast immer in Nachthemden.
"Komm", flüsterte sie, "ich habe Lust auf Dich".
Die Lust wirkte nach bis zum nächsten Morgen. Dann schlich sich so etwas wie ein schlechtes Gewissen ein: ihr gegenüber und mir gegenüber. Hatten wir uns ihren Auszug nicht noch schwerer gemacht?
Er "freute" sich wohl schon auf das Gespräch — oder er hatte es eilig.
Ich rechnete damit, er würde "die Karten auf den Tisch legen" und mir noch einmal erklären, wie es mit der Ablage der Magazine laufen sollte. Aber das spielte nur eine Nebenrolle. Er nahm einen Kugelschreiber und malte kurz auf, welche Veränderungen an dem Ford noch vorgenommen werden sollten. So hatte er schon einen Rahmen in Auftrag gegeben, der "das Ei", wie er es nannte, an Ort und Stelle halten sollte.
Außerdem mussten die Fußmatten angepasst werden; denn schließlich sollte alles "wie im Serienmodell" aussehen. Ich fragte ihn, wie sinnvoll solche Aktionen wären, aber er bügelte mich ab: "das lass mal unsere Sorge sein!"
Aha, wieder duzte er mich, sagte aber deutlich "uns". Sicherlich wollte er mich davon überzeugen, dass mehrere, sogar viele (?) hinter dem Projekt standen.
"Die erste Aktion läuft am nächsten Wochenende", sagte er, "nähere Instruktionen bekommst Du hier, wenn Du Freitagabend den Wagen abholst!"
"Ich hole überhaupt nichts ab", antwortete ich frech, "Sie glauben doch nicht, dass ich bei diesem Unsinn, der auch noch gefährlich ist, mitmache(?!)".
Ich lehnte mich zurück und hoffte, ihm würde vor Überraschung — und weil ich ihn überzeugen konnte, die "Kinnlade runterfallen".
Das war leider nicht so.
Er verschwand kurz in einem Nebenraum und kam dann mit einer Fotomappe zurück.
Das erste Bild, das er auf den Tisch legte, zeigte die Demonstration in Brokdorf — eine Übersicht.
Dann kam er mit dem zweiten Foto, das wesentlich größer war als das erste.
Und es zeigte"¦
"¦ mich!
Während der Demo hatte ich zwar gesehen, dass Leute fotografierten und mich noch darüber geärgert, dass ich keine Billigkamera mitgenommen hatte, um das auch zu tun; aber ich hatte fast nur Leute gesehen, die "wie ich" aussahen, also eher so, wie ich mir TeilnehmerInnen an einer Demonstration vorstellte.
"Offizielle Beobachter" hatte ich in dem Getümmel nicht wahrgenommen.
Allerdings war das Foto, das Braun mir zeigte, nachträglich verändert worden; denn zu meinem größten Entsetzen sah ich in meiner Hand einen Ziegelstein - und die Handhaltung sah genau so aus, als würde ich auf einen der helmbewehrten Polizisten am Zaun zielen.
Schon eine grobe und oberflächliche Betrachtung des "Werkes" zeigte mir, mal ganz abgesehen von meinem WISSEN, dass der Stein nachträglich in das Foto hineinkopiert wurde.
Es stammte sicherlich von einem ganz anderen Film; die Körnung unterschied sich deutlich.
Man hatte mit Blutlaugensalz und einem kleinen Pinsel bei den Übergängen etwas nachgeholfen, dachte ich, aber mir fiel gleich ins Auge, dass das Foto eine Fälschung war.
Wie würde es allerdings auf die Menschen wirken, die unbefangen einen Blick darauf werfen würden?
Das versuchte ich mir vorzustellen. Und was sollte das überhaupt?
"Das können wir noch besser", riss Braun mich aus meinen Gedanken, "das wird noch ein paar Mal umkopiert, dann sieht es noch echter aus!"
"Und dann?" endlich musste meine Frage, die in mir brodelte, nach draußen.
"Ja dann — das hängt von Ihnen ab!"
Er machte eine kurze Pause, "Sie wollen doch einmal in einem pädagogischen Bereich arbeiten?"
"Ja natürlich, wozu sollte ich sonst eine so lange Ausbildung machen?"
"Dann sollten Sie mit uns zusammenarbeiten, sonst wird das nichts!"
Er wurde mit seinen Drohungen präziser, sprach von einem "Radikalenerlass", von einer Beteiligung an einer gewalttätigen Demonstration und von "kriminellen Gruppenhandlungen".
"Solche Leute haben im öffentlichen Dienst oder bei der Kirche nichts zu suchen", setzte er fort, ""¦ und wir haben auch im privaten Arbeitsmarkt so unsere Verbindungen.
Mal ganz nebenbei: Sie sehen doch schon aus wie ein Berufsdemonstrant mit ihrem Parka, den langen Haaren, dem Bart und" — er zögerte - "dem Atomkraftzeichen. Was ist das überhaupt für eine Sprache?".
Wut stieg in mir auf, doch er machte weiter:
"Sie haben doch so eine nette Freundin, machen Sie nicht alles kaputt!"
Das versetzte mir einen richtigen Schlag.
"Geben Sie sich einen Ruck! Fünf Fahrten mit unseren Lieferungen für die Menschen in der DDR — und alles ist in bester Ordnung!"
Ich war misstrauisch, "Sie hören doch nie auf, erst sagen sie fünf, dann heißt es zehn — und wer weiß, was dann noch kommt!"
"Doch, versprochen, Ehrenwort. Dabei tun sie ein gutes Werk für uns, für sich selbst — und sogar für die Menschen in der Zone".
Auf sein Ehrenwort wollte ich nicht viel geben. Aber ich hatte ja selbst noch die Negative, die ihn belasteten, beim Notar lagen. Vielleicht wäre es an der Zeit, sie einzusetzen.
Wie sollte ich das machen, um Braun endgültig loszuwerden?
"Ich überleg"™s mir", dann stand ich auf.
"Es gibt es nichts zu überlegen, Sie können nur mitmachen und gewinnen — oder nicht mitmachen und verlieren; es gibt kein vielleicht und kein dazwischen.
Also: bis Freitag, gleiche Welle — gleiche Stelle!"
Er lachte und war wohl davon überzeugt, einen besonders guten Witz gemacht zu haben.
"Die Schilder packen Sie mal hier in die Tasche, sonst fallen Sie noch in der U-Bahn auf und werden verhaftet".
Er lachte wieder und gab mir eine große Einkaufstasche aus Stoff.
"Die Schilder brauche ich nicht — und die Tasche auch nicht!"
Doch er steckte die Schilder selbst in die Tasche und übergab sie mir mit den Worten: "Nimm, es ist zu Deinem Besten und Du hast keine andere Möglichkeit!"
"Da bin ich mir nicht so sicher", wollte ich sagen, behielt es aber doch für mich.
Als ich die Treppe hinabstieg, klapperten die Schilder in der Tasche.
Ich ärgerte mich darüber, dass ich so inkonsequent gewesen war.
Oder war meine Entscheidung sogar klug gewesen? Immerhin hatte ich erst einmal bis Freitag Zeit.
Als ich in die Wohnung kam, war Antje nicht da. Ein kleiner Zettel lag auf dem Küchentisch:
"bin unterwegs, Möbel anzugucken. Bis später — Gruß und Kuss"¦".
Es kam mir sogar entgegen, dass sie nicht in der Wohnung war. So konnte ich mich jedenfalls ganz in Ruhe und ausführlich mit dem Brief der Psychologin beschäftigen. Das sollte mich ablenken vom Besuch in Moabit.
Ein frischer Kaffee sorgte erst einmal dafür, mich von dem vorher Erlebten zu lösen. "Ich sollte die Beine des Tisches dringend nachziehen", dachte ich mir; denn ein leichtes Stoßen mit dem Knie setzte ihn gleich so in Schwingung, dass ich fast den Brief nass gemacht hätte mit dem Kaffee.
Ich stellte die Tasse auf die Anrichte und holte gleich einen passenden Schraubenschlüssel.
In fünf Minuten war alles erledigt — und die Beine saßen wieder richtig fest.
Der Kaffee war noch heiß.
Ich stolperte gleich über die erste Frage: "Wie geht es ihnen heute?"
Es waren verschiedene Antworten zum Ankreuzen vorgesehen, ich fand jedoch keine besonders passend und kreuzte "sonstiger Gemütszustand" an, ohne dass ich sofort eine weitere Erklärung in die drei kleinen Zeilen eintragen konnte, die dafür vorgesehen waren.
Der nächste Punkt war keine Frage: "zeichnen Sie eine Sinuskurve und kennzeichnen sie ihren jetzigen gedachten oder gefühlten Stand mit einem Kreuz!"
Auch dazu konnte ich in dem Moment nicht viel sagen oder zeichnen.
Weiter: "Wie haben Sie in der letzten Zeit geschlafen? Hatten Sie Sex? leben Sie in einer Partnerschaft?"¦".
Die meisten Fragen waren für viele Menschen bestimmt leicht zu beantworten; trotzdem fiel es mir sehr schwer. Wie sollte ich dabei vorgehen?
Ich hatte in der letzten Zeit nicht sehr gut geschlafen, aber das lag nicht an dem Thema, um das es in den Fragen ging. Sex hatte ich auch gehabt, aber"¦
Sollte ich ehrlich sein, oder sollte ich die Antworten so gestalten, als hätte ich die ganzen Probleme und Herausforderungen nicht? Was und wer wäre ich ohne meine Probleme?
Ich konnte mich nicht entscheiden, ging erst einmal weiter in der Befragung und hoffte, dass noch einfachere Fragen kommen würden.
Die kamen: "Wie groß sind Sie? Wie schwer sind Sie? Nehmen Sie Medikamente?"
Der Brief hatte einen großen Umfang; aber ich konnte feststellen, dass auf den letzten Seiten keine Fragen waren, sondern dass die Psychologin ein großes Thema "Planung für die nächsten 6 Monate" angefügt hatte.
Das klang durchaus interessant: "ein Wochenende zur Begegnung mit sich selbst und anderen lieben Menschen" wurde versprochen. ("¦dann gehörte ich wohl auch zu den "lieben Menschen?")
Handschriftlich war, offensichtlich für mich, nachgetragen worden: "Zur BH-Frage habe ich zum Treffen Neuigkeiten; denn ich habe gehört, es beschäftigt sich gerade jemand im Rahmen seiner Diplomarbeit mit der Entwicklung einer Silikonbrustprothese!"
Silikon?
War das nicht dieses Zeug, das wir zum Abdichten auf dem Boot verwendet hatten?
Und daraus wollte jemand Prothesen herstellen?
Na, immerhin — zum Treffen, das in einer Pension an der Nordsee stattfinden sollte, würde es Neues geben.
Ich mühte mich mit den Fragen ab, die ich immer noch nicht beantwortet hatte.
Irgendwie brachte ich es dann doch fertig, zu jedem Punkt mein Kreuzchen zu machen oder etwas zu schreiben.
Als ich den Brief zuklebte für die Rücksendung, kam Antje.
"Ich war in der Wilmersdorfer bei Quelle"; begrüßte sie mich, "ich habe dort ein Bett gekauft; das liefern sie nächste Woche!"
Ich freute mich mit ihr.
Erst wollte ich ihr alles über Braun erzählen — und natürlich auch fragen, ob er in ihrer An- und meiner Abwesenheit in der Wohnung war, aber ich wollte ihre gute Laune nicht verderben und so sagte ich leider nur, dass ich "vielleicht" am Samstag eine Kurierfahrt übernehmen müsste, um ein wenig Geld zu verdienen, sonst nichts.
"Ist gut, dann mache ich in der Wohnung weiter — und vielleicht magst Du nachkommen, wenn es noch nicht so spät ist, Du zurück bist", sagte sie dazu.
Ich hatte wohl keine andere Wahl — jedenfalls vorerst nicht. Deshalb machte ich mich am Freitagnachmittag nach der Schule auf den Weg nach Moabit.
Braun hatte schon gewartet und empfing mich mit breitem Grinsen: "habe ich doch gewusst, dass sie vernünftig sind!"
Er zeigte mir den Ford, den sie inzwischen fertig gestellt hatten. Wir befestigten die Nummernschilder, die ich wieder mitgebracht hatte. Er überzeugte sich davon, dass es vorne und hinten die gleichen Schilder waren.
"Papiere?" fragte er. Ich zeigte ihm den KFZ-Schein, den ich dabei hatte.
Er zog einen Quittungsblock aus seiner Jackentasche und forderte mich auf, zu quittieren: "Ford Taunus (als Leihgabe) und 150 Mark erhalten".
Drei Fünfzigmarkscheine waren hinten im Block eingeklemmt. Ich legte den Block auf das Dach, um eine Schreibunterlage zu haben.
"Hier ist die Roadmap", er reichte mir ein A4-Blatt, auf dem ein Parkplatz auf der Strecke Berlin-Helmstedt näher bezeichnet war. Auf der Rückseite befanden sich weitere Angaben zur Ablagestelle.
Er gab mir einige Anweisungen mit auf den Weg und schärfte mir ein: "nicht auffallen!"
Ich sollte auf dem Parkplatz warten, bis sich dort kein anderes Auto aufhalten würde und dann erst "ablegen".
"Hoffentlich dauert das nicht zu lange", dachte ich mir.
"Das Geld ist für Sprit; es ist nicht mehr viel im Tank — und der Rest ist deins; wenn Du sparsam fährst, dann lohnt es sich richtig. Wenn Du zu schnell fährst und bezahlen musst, ist es Dein Verlust.
Du fährst natürlich nach dem Parkplatz durch bis Helmstedt, kannst Dich ein paar Stunden dort aufhalten — und dann geht es anschließend zurück. Wenn Dich einer fragt, was Du da gemacht hast, erzählst Du von einem Bewerbungsgespräch. Hier ist das Schreiben".
Ein Kinderheim lud mich ein und teilte mir mit: ""¦ legen wir den Zeitpunkt für das Bewerbungsgespräch auf das Wochenende, damit Sie als noch in Ausbildung befindlicher Schüler daran teilnehmen können".
Sie hatten an alles gedacht.
"Montagabend gibst Du den Wagen wieder hier ab und berichtest".
Er verabschiedete sich.
Der Motor sprang gleich an. Er hatte Recht, der Tank war fast leer.
Die Hofeinfahrt war relativ eng, aber ich kam ohne Schramme hindurch. Erst wollte ich nachsehen, was sie mir hinten eingeladen hatten, aber dann fiel mir ein "was Du nicht weißt, das macht Dich nicht heiß"; obwohl der Spruch bisher nur sehr selten Gültigkeit bewiesen hatte.
An einer nahegelegenen Tankstelle tankte ich voll, prüfte den Luftdruck und den Ölstand. Alles OK!
Der KFZ-Schein machte keinen verdächtigen Eindruck. Alle Stempel sahen echt aus. Zugelassen war der Wagen auf einen Ömür K.
Den Abend verbrachten Antje und ich zuhause; wir wollten beide ausgeruht sein für den nächsten Tag.
Ich machte mich früh auf den Weg. Die Scheiben waren noch beschlagen, sodass ich erst einmal wischen musste. Über die Avus erreichte ich schnell Dreilinden — und ein warmes Auto.
Bei der Kontrolle war alles in Ordnung; Papiere und Schilder wurden nicht beanstandet. Das hätte auch die allergrößten Probleme gegeben; denn damit musste immer alles stimmen.
Eine Zeit lang konnte ich Radio hören, wobei ich zwischen RIAS und SFB wechselte und manchmal auf AFN. Überzeugend war das Programm an dem Tag bei keinem der Sender, sodass ich mich ärgerte, kein modernes Cassettenradio zu haben. Bald verloren sich die UKW-Wellen gänzlich im Niemandsland; denn sie erreichten mich nicht mehr.
Der Motor brummte zuverlässig und ich hielt mich im Wesentlichen an die Geschwindigkeit, die vorgeschrieben war. Einige Westfahrzeuge überholten mich; die sah ich meistens später wieder; denn es wurde an etlichen Stellen geblitzt und kurz danach kassiert.
Einige schienen allerdings zu wissen, wo sie mit Kontrollen zu rechnen hatten; denn sie fuhren dermaßen schnell, dass es sehr teuer geworden wäre.
Auch ohne die gesetzlichen Auflagen wäre ich wohl nicht viel schneller gefahren; der schlechte Straßenzustand zeigte mir sehr deutlich die Grenzen des Fahrwerkes auf.
Für den Parkplatz, den ich aufsuchen sollte, war eine Kilometerangabe notiert. So war es recht einfach, ihn zu finden. Als ich auf den dunklen Platz zusteuerte, fädelte ein Wartburg sich gerade wieder in den fließenden Verkehr ein.
So war ich allein dort, als ich "mein Geschäft erledigte und ablegte".
Die Laufschiene für den Hebel hatten sie wohl noch einmal frisch gefettet; das merkte ich an meiner Hand und war froh, dass ich Papiertaschentücher dabeihatte, um sie wieder zu säubern.
Ich verschloss die Klappe wieder, indem ich die Hebel zurück nach links bewegte.
Dann fuhr ich zwei Meter vor und guckte kurz unter das Auto. Die Öffnung war wieder verschlossen.
Hinter dem Wagen lag ein Bündel, ich vermutete Zeitschriften, das in Packpapier eingewickelt und mit einem Faden gesichert war. Ich schaute nicht nach, sondern setzte mich ins Auto und fuhr vom Parkplatz. Gerne hätte ich noch einen Kaffee getrunken, den Antje mir extra in einer Thermoskanne mitgegeben hatte, hielt es aber für wichtiger, den Parkplatz zügig zu verlassen.
Fast wäre ich dabei zu zügig gewesen; ein Lastwagen mit Anhänger rauschte schneller heran als ich gedacht hatte. Ich bremste — und er hupte. Gerade noch einmal gut gegangen, Glück gehabt!
Ich wurde ruhiger, obwohl ich immer noch das Gefühl hatte: "irgendetwas muss doch passieren!"
Es passierte allerdings nichts.
Auch wenn ich das Gefühl hatte, man müsste mir ansehen, in welcher Mission ich unterwegs war, machten die Grenzer eher einen gelangweilten Eindruck. "Machen Sie mal das Ohr frei und gucken Sie nach links!
Danke, gute Weiterreise". Das hatte ich auch schon anders und unfreundlicher erlebt.
Ich trieb mich eine Weile in Helmstedt herum, landete schließlich an einem Imbiss und stärkte mich. Überzeugend war das Angebot nicht, hielt aber lange vor; den ganzen Nachmittag konnte ich aufstoßen und hatte immer wieder den Geschmack vom Schnitzel und Pommes im Mund. Ich wühlte in meinen Taschen und suchte einen Bonbon oder Pfefferminz.
Ich fand nur einen Hustenbonbon, den mir eine nichtrauchende Mitschülerin während einer Pädagogikstunde geschenkt hatte — sicherlich als "Wink mit dem Zaunpfahl", nicht so viel in der Klasse zur rauchen.
Noch zögerte ich, diesen Leckerbissen durch Lutschen zu vernichten.
Auch die Rückfahrt verlief ganz ohne Schwierigkeiten. Als ich an der besagten Stelle war, guckte ich über die Gegenspuren hinweg zum Parkplatz und dachte mir "irgendetwas muss doch zu sehen sein!"
Es war aber nichts zu sehen.
Was auch?
Erst am späten Nachmittag "gönnte" ich mir den Hustenbonbon.
Froh war ich, als ich endlich wieder im Sendebereich der berliner Rundfunkanstalten war, ein gutes Zeichen, bald zuhause zu sein!
Ich fuhr erst einmal nicht in die neue Wohnung, sondern in die Schleiermacher.
Küche und Flur standen ziemlich voll. Antje war schon zurück und hatte beim Trödler an der Ecke ein paar Sachen für wenig Geld kaufen können. "So kannst Du Dein Dienstauto nutzen und mir die Sachen eben in die Wohnung fahren", meinte sie.
Ich ließ mich breitschlagen. "Einen günstigen Kleiderschrank kann ich auch noch bekommen!"
Sie freute sich richtig. "Ein ganzer Schrank passt nicht in den Ford", musste ich ihr leider sagen.
Aber der Händler hatte schon angeboten, "wenn"™s nicht auf einen Tag ankommt", zu liefern.
"Dann bezahle aber erst bei Lieferung", gab ich ihr als gut gemeinten Rat.
Wir konnten alles im Ford verstauen — und sie nahm auch schon etwas Wäsche mit. Ihrem Umzug stand nicht mehr viel im Wege, was mich einerseits freute, aber andererseits mit Wehmut erfüllte.
Sie musste meine Gedanken erraten haben; denn sie sagte: "wir sehen uns bestimmt trotzdem öfter!"
Die Sachen waren schnell in die Wohnung gebracht. Sie hatte dort den ganzen Tag gute Arbeit geleistet "man sieht, was es werden soll", ärgerte ich sie.
Der Ford war sparsam gewesen und Strafe hatte ich nicht bezahlen müssen. Weil meine Kasse noch gut gefüllt war, lud ich Antje zum Essen ein.
So bekam ich mit einer gut schmeckenden Pizza den "helmstedter Geschmack" endlich aus dem Körper, den ich unterstützender Weise bei uns in der Wohnung mit zwei Bier ausschwemmte, um völlig sicher zu sein.
"Morgen haben wir beide frei!"
Antje hatte richtig gute Laune, "vielleicht können wir mit Deinem Dienstwagen ins Grüne fahren, ich will so gerne mal nach Moorlake!" Darüber hatte sie mir gerade etwas im TAGESSPIEGEL vorgelesen und ein Bild gezeigt.
"Wenn Du noch einmal "Dienstwagen" sagst, dann wird daraus nichts", scherzte ich, "aber meinetwegen können wir morgen dorthin fahren".
Braun hatte eigentlich eine "Privatnutzung" des Autos nicht ausdrücklich untersagt.
Antje ging vor mir ins Bett.
Ich folgte nach einigen Minuten nach.
Sie nahm meine Hand und führte sie unter ihre Decke. Ich fühlte ihre nackte Haut. Sonst schlief sie fast immer in Nachthemden.
"Komm", flüsterte sie, "ich habe Lust auf Dich".
Die Lust wirkte nach bis zum nächsten Morgen. Dann schlich sich so etwas wie ein schlechtes Gewissen ein: ihr gegenüber und mir gegenüber. Hatten wir uns ihren Auszug nicht noch schwerer gemacht?