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Re: Söder will Gendern in Schulen und Behörden verbieten

Verfasst: Di 12. Dez 2023, 11:38
von Jaddy
Irgendwie hängt sich das ganze ausschliesslich an Sternchen auf, oder?

Ich frage mich, wie Umfragen ausgehen würden, wenn die Frage lautete "Wie finden Sie es, dass es fast überall jetzt Bürgerinnen und Bürger heisst?"

Meine Vermutung: Die meisten wären überrascht, weil es ihnen gar nicht (mehr) auffällt. Auffallen würde vermutlich eher, wenn die Bürgerinnen nicht genannt werden.

Die Doppelnennung ist "das Gendern" der -geschätzt- späten Neunziger bis heute.

Gleiches bei "Feuerwehrleute" statt "Feuerwehrmänner", "Lehrkräfte" statt "Lehrer", usw. Das ist alles "gendern", weil ziemlich absichtlich inklusiv formuliert. Es macht zwar die am meisten vernachlässigte Gruppe unsichtbar, aber nun ja.

Und es wirkt! Das ist schon bis zum Exzess getestet und zwar in ganz einfachen Settings: Normale Umfrage-Situation auf der Strasse. Gefragt wird entweder nach "ihren drei Lieblingsschauspielern" oder "ihren drei Lieblingsschauspielerinnen und Schauspielern". Im ersten Fall kommen fast nur männliche, im zweiten deutlich gemischt. Sprich: Sprache ruft die Bilder im Kopf hervor und entsprechend fällt die Antwort aus. Was also passiert - tendenziell - wenn nach geeigneten "Kandidaten" für einen Posten im Betrieb gefragt wird? Genau das gleiche. Deshalb wirkt "gendern" - "Kandidatinnen und Kandidaten" -, wobei die nichtbinären wieder aussen vor bleiben.

Ein Grossteil der Aufregung entsteht vermutlich nur dadurch, dass die einen zu viel wissen (und voraussetzen) und die anderen zu wenig. Naja und dritte, die das trefflich für billige Stimmung und Stimmen nutzen wollen. Wir könnten uns ansonsten ja noch konstruktiv über die eigentlichen Themen unterhalten; vielen Dank Zoey für deinen Post. Zum Beispiel wie fühlen wir uns alle ausreichend wahrgenommen und dennoch mit der Sprache wohl. Lässt sich Asteriaphobie durch Konfrontationstherapie auflösen? (Scherz! ;) )

Fröhliches gendern noch. Es ist ja Adventszeit.

Re: Söder will Gendern in Schulen und Behörden verbieten

Verfasst: Di 12. Dez 2023, 13:16
von Maya
Ist für mich eigentlich ganz einfach.
"Liebe Bürger und Bürgerinnen", oder "Liebe Kollegen und Kolleginnen" ist für mich eine flüssig gesprochene, oder geschriebene Anrede.
"Liebe Kolleg*Pause*innen", oder "Liebe Bürger*Pause*innen" klingt einfach nur schrecklich. Wer will sowas wirklich hören?
Ich jedenfalls nicht.
Da gibt es doch jetzt tatsächlich im TV schon Beiträge , die so abgestottert werden.
Ich wills einfach nicht hören und auch nicht so lesen.
Ist einfach so.
Und das hat nix mit Geringschätzung, oder Diskriminierung zu tun. Jedenfalls für mich.
Das fällt eher in den Bereich Ästhetik.

Re: Söder will Gendern in Schulen und Behörden verbieten

Verfasst: Di 12. Dez 2023, 14:06
von Jaddy
Maya hat geschrieben: Di 12. Dez 2023, 13:16 Ist für mich eigentlich ganz einfach.
"Liebe Bürger und Bürgerinnen", oder "Liebe Kollegen und Kolleginnen" ist für mich eine flüssig gesprochene, oder geschriebene Anrede.
"Liebe Kolleg*Pause*innen", oder "Liebe Bürger*Pause*innen" klingt einfach nur schrecklich. Wer will sowas wirklich hören?
Ich jedenfalls nicht.
Da gibt es doch jetzt tatsächlich im TV schon Beiträge , die so abgestottert werden.
Ich wills einfach nicht hören und auch nicht so lesen.
Ist einfach so.
Und das hat nix mit Geringschätzung, oder Diskriminierung zu tun. Jedenfalls für mich.
Das fällt eher in den Bereich Ästhetik.
Dann lass doch zum Geier mal darüber reden. Und nicht über "Gendern". Gendern ist was völlig anderes als Sternchen. Gendern heisst alle gleichermassen ansprechen. Mit einem Grundkonsens, dass geschlechtergerechte Sprache irgendwie, verträglich für alle, grundsätzlich gewollt ist.

Deshalb bedeutet "das Gendern verbieten" für mich: "ich will höchstens das Maskulin hören, vielleicht noch Frauen aber alles andere will ich nicht". Klar reagiere ich da drauf. Weil ich auch in der Praxis dauern auf diese Probleme stosse. Wenn dir da wer faktisch erzählt, dich ignorieren zu wollen, wärst du auch erbost. Deshalb höre ich die Sternchen gerne, weil ich da absichtlich dabei bin.

Also, wenn's nicht ums Gendern geht und Respekt grundsätzlich gegeben ist, sondern um die Sternchen und Glottisschläge, dann könnten wir ja über das "dies will ich nicht" und "das ist falsch" konstruktiv hinausgehen. Wie können wir denn deiner Ansicht nach ästhetisch inklusiv schreiben und sprechen? Ohne Sternchen, obowhl die kurz und praktisch wären, aber mit allen dabei, also nicht nur Männchen und Weibchen?

"Damen und Herren" reicht nicht, "Bürgerinnen und Bürger" auch nicht. Also wie?

Re: Söder will Gendern in Schulen und Behörden verbieten

Verfasst: Di 12. Dez 2023, 14:07
von Svetlana L
Maya hat geschrieben: Di 12. Dez 2023, 13:16 Und das hat nix mit Geringschätzung, oder Diskriminierung zu tun. Jedenfalls für mich.
Das fällt eher in den Bereich Ästhetik.
Du schließt also eine Gruppe von Menschen aus ästhetischen Gründen aus? Macht mich ehrlich gesagt sprachlos, denn so eine Begründung für Diskriminierung kannte ich bislang noch nicht.

Re: Söder will Gendern in Schulen und Behörden verbieten

Verfasst: Di 12. Dez 2023, 15:18
von Mirjam
Eigentlich wollte ich hier ja nichts schreiben, weil mir für gewisse Diskussionen im Moment einfach die Kraft fehlt. Aber eine Frage habe ich jetzt doch: Jaddy, du schreibst hier
Jaddy hat geschrieben: Di 12. Dez 2023, 11:38 Gleiches bei "Feuerwehrleute" statt "Feuerwehrmänner", "Lehrkräfte" statt "Lehrer", usw. Das ist alles "gendern", weil ziemlich absichtlich inklusiv formuliert. Es macht zwar die am meisten vernachlässigte Gruppe unsichtbar, aber nun ja.
Wo wird dabei denn irgendeine Gruppe unsichtbar? "Leute" oder "-kräfte" ist doch so inklusiv wie es nur irgendwie geht. Und es kommt ganz ohne Sternchen, Doppelpunkt (der ist wohl für "Vorlesemaschinen" besser geeignet ;) ), Unterstrich oder was auch immer aus. Oder übersehe ich da was?

LG
Mirjam )))(:

Re: Söder will Gendern in Schulen und Behörden verbieten

Verfasst: Di 12. Dez 2023, 15:47
von Svetlana L
Lana hat geschrieben: Mo 11. Dez 2023, 10:11
Svetlana L hat geschrieben: Mo 11. Dez 2023, 08:42Noch einmal nur für dich: Ich habe dir nichts untergeschoben, sondern dir lediglich eine Frage gestellt. Ich hätte auch schreiben können, du willst mir doch nicht erzählen, dass an der Aussage von xyz .... was dran ist.
Es ist doch seltsam, dass du nicht auf das eingehst, was ich kritisiere und stattdessen wiederholt rhetorische Fragen in einer Art und Weise stellst, dass sie wie eine Unterstellung klingen.

Siehst du nicht, dass die aktuelle Strategie das Genderns, gegen enorme Widerstände bei der Mehrheit der Bevölkerung, sich nachteilig für queere Personen auswirken kann, weil dadurch unnötigerweise die allgemeine Toleranz für unsere Belange überstrapaziert wird?
Was ist denn damit gewonnen, wenn sich daraus ergebende neue Ressentiments medial oder im Alltag undifferenziert gegen uns richten?
Ach so, ich dachte du reitest auf Formulierungen rum ...

Natürlich sehe ich, dass "gendern" (noch?) nicht gesellschaftsfähig ist. Aber soll man als Alternative dann einfach aufhören damit und eine ganze Gruppe Menschen wieder in die Unsichtbarkeit zwingen? Das kommt für mich nicht in Betracht, weil ich, wie ich hier im Forum schon öfter geschrieben habe, der Auffassung bin, dass es im Jahr x (bin jetzt zu faul zum Nachsehen/Nachrechnen) des Urteils zur "Dritten Option" selbstverständlich sein sollte, dass nichtbinäre Menschen in der Sprache sichtbar sind. Da der Rat für deutsche Rechtschreibung sich ja standhaft weigert, irgendwas greifbares zur Diskussion beizutragen (die beobachten schon wie lange?), muss es eben mit Sternchen, Unterstrich, Doppelpunkt oder entsprechenden Umschreibungen (Lernende, Mitarbeitende usw.) gehen. Ich bin sogar der Meinung, dass das nur ein Anfang sein kann, denn damit gibt es ja beipsielsweise noch lange keine Pronomen für nichtbinäre Menschen. Weiterhin bin ich der Auffassung, dass es vielen der selbsternannten Sprachbewahrer vermutlich weniger um die Sprache selbst geht als um die Tatsache, dass es zwischen männlich und weiblich und außerhalb dieses Spektrums noch mehr gibt als nur Mann und Frau. Wenn ich mir die Diskussionen hier oder in anderen Medien ansehe, dann lese ich nirgends was davon, dass geschlechterinklusive Sprache irgendjemanden aufgezwungen werden soll (auch hier: berufliche Kontexte außen vor) aber ich lese immer ganz viel von Verbotsphantasien, eben nicht nur von irgendwelchen Stammtischparolen, sondern auch zunehmend aus dem politischen Raum und das finde ich gefährlich. "Genderaktivisten" werden ja oft auch als Sprachpolizei bezeichnet, ich denke aber, dass es gerade unter den Gegnern einer geschlechterinklusiven Sprache viele gibt, auf die diese Bezeichnung zutreffender wäre. Ich habe auch noch keine Befürworter erlebt, die sich auf so ein niedriges Niveau wie beispielsweise in der Diskussion auf dehscheibe-online herablassen. Ins Lächerliche ziehen, Beleidigungen und Diffamierungen sind in der Hauptsache Werkzeuge der Gegner einer geschlechterinklusiven Sprache. Und mit dem Totschlagargument "Haben wir keine wichtigeren Probleme" gibt man doch zu verstehen, dass man gar kein Interesse hat, sich damit zu beschäftigen. Und dann kommen halt so Aussagen wie "Frauen sind doch schon sichtbar genug" usw.

So, ich hoffe, ich bin jetzt ausreichend auf deinen Beitrag eingegangen und wende mich jetzt anderen Dingen zu.

Re: Söder will Gendern in Schulen und Behörden verbieten

Verfasst: Di 12. Dez 2023, 15:53
von Jaddy
Mirjam hat geschrieben: Di 12. Dez 2023, 15:18Wo wird dabei denn irgendeine Gruppe unsichtbar? "Leute" oder "-kräfte" ist doch so inklusiv wie es nur irgendwie geht. Und es kommt ganz ohne Sternchen, Doppelpunkt (der ist wohl für "Vorlesemaschinen" besser geeignet ;) ), Unterstrich oder was auch immer aus. Oder übersehe ich da was?
Technisch hast du recht. Real bleiben nichtbinäre Menschen unsichtbar, wo sie nicht explizit angesprochen werden, weil 95% der Leute draussen uns nicht auf dem Schirm haben. Der Sinn der Sternchen, ausdrücklich aufmerksam zu machen, geht damit etwas verloren.

(Zu den Vorlesemaschinen: Der DBSV hat da ein Statement zu, das etwas anders klingt. tl;dr möglichst weglassen, aber wenn, dann Sternchen, weil a) inzwischen die häufigste Form und b) bei Seheinschränkungen immer nioch besser visuell zu erkennen. Die Software wird langsam aber sicher angepasst. Dauert wohl...

Re: Söder will Gendern in Schulen und Behörden verbieten

Verfasst: Di 12. Dez 2023, 18:17
von Maya
Svetlana L hat geschrieben: Di 12. Dez 2023, 14:07 Du schließt also eine Gruppe von Menschen aus ästhetischen Gründen aus? Macht mich ehrlich gesagt sprachlos, denn so eine Begründung für Diskriminierung kannte ich bislang noch nicht.
Ich glaube, Du hast mich nicht richtig verstanden.
Das mit den ästhetischen Gründen bezieht sich natürlich ausschliesslich auf den Sprach-Hör und Lesefluss.
Oder findest Du es toll, wenn man mit Dir spricht und ständig diese abgehackten Pausen spricht nur um Genderkonform zu sein?

Meine Kolleg*Pause*innen haben gesagt dass die Lehrer*Pause*innen meinen.....blablabla

Uahhhhhh, bleib von mir. So redet doch keiner.

Zum besseren Verständnis extra für Dich:
Wenn ich mich mit jemandem unterhalten will, den ich nicht kenne, spreche ich den erst mal genau so an, wie ich ihn lese.
Also erst mal als Mann oder Frau, Z.B.: Guten Tag Herr Maier.
Wenn dieser Mensch nonbinär sein sollte, liegt es an ihm, mich darauf hinzuweisen, wie er angesprochen werden möchte.
Und das werde ich dann natürlich auch berücksichtigen.
Wäre ich nonbinär würde ich das, als Angehöriger einer extrem kleinen Minderheit, auch so machen, ohne mich drüber aufzuregen.
Einem Nonbinären im Alltag zu begegnen tendiert nach meiner Meinung gegen fast Null.
Da kann ich erwarten drauf hingewiesen zu werden.
Solange ich das nicht weiss und ich auch seinen Vornamen nicht kenne, werde ich mich hüten jemandem mit : "Guten Tag Maier" anzusprechen.
Sowas unhöfliches wird mir nicht passieren und so will auch ich nicht angesprochen werden.
Passiert auch draussen nicht in den Chefetagen der grössten Unternehmen, mit denen ich zu tun habe.
Habe ich jedenfalls noch nicht erlebt bisher.
Da wird nur offiziell schriftlich gegendert, damit keine "unnötigen bösen" Mails kommen.
Und jemanden im Geschäftsleben z.B. NICHT mit seinem Namen anzusprechen, gilt ebenfalls als unhöflich.

Re: Söder will Gendern in Schulen und Behörden verbieten

Verfasst: Di 12. Dez 2023, 19:16
von Svetlana L
Maya hat geschrieben: Di 12. Dez 2023, 18:17 Uahhhhhh, bleib von mir. So redet doch keiner.
So schreibe/spreche ich (zumindest überwiegend)
Schade, dann ist unsere Unterhaltung hier beendet. Viel Spaß beim nächsten Spiegelei ... oder vielleicht doch eher Spiegel*Pause*Ei. Upps, du sprichst ja (vermutlich) selber so.

Re: Söder will Gendern in Schulen und Behörden verbieten

Verfasst: Di 12. Dez 2023, 19:24
von Lana
Jaddy hat geschrieben: Di 12. Dez 2023, 15:53 Real bleiben nichtbinäre Menschen unsichtbar, wo sie nicht explizit angesprochen werden, weil 95% der Leute draussen uns nicht auf dem Schirm haben. Der Sinn der Sternchen, ausdrücklich aufmerksam zu machen, geht damit etwas verloren.
Das ist doch ein wichtiger Teil des Problems:
Die Dinger sind erklärungsbedürftig.

Nichtbinäre, Intersexuelle und sonstwie seltene queere Menschen wirst du nicht zufriedenstellend ansprechen können, wenn die Aufzählung bei expliziter Ansprache nicht uferlos lang werden soll. Es wird über kurz oder lang darauf hinauslaufen, dass diese kleinen Minderheiten mitgemeint sind.

Wenn ich zu einem Vortrag gehe, und der Abend wird mit "Liebes Publikum" eröffnet, dann ist doch alles gut, auch wenn ich als nichtbinäre Person dabei nicht explizit sichtbar bin. Aber das sind Cis-Frauen und Cis-Männer in diesem Fall auch nicht.

LGL

Re: Söder will Gendern in Schulen und Behörden verbieten

Verfasst: Di 12. Dez 2023, 19:33
von Susi T
Das mit Wörtern die mehrere Silben enthalten hab ich mir auch die ganze Zeit gedacht. Beim Sprechen legt niemand eine lange Pause ein und trotzdem werden sie beim Sprechen deutlich bzw. sind wichtig.
Oberter*Pause*See hört sich nunmal anders an als Obertasse.
Das sprechen mag ja schwierig sein, da ungewohnt. Aber wenn es gut gesprochen wird, sollte es beim hören kaum stören.
Da niemand gezwungen wird so zu sprechen und somit nur mit dem hören "belästigt" wird, ist es eine Frage der Einstellung.
Aber wie meine Mutter schon sagte:" Wat der Buah net kennt dat fretta net"

Re: Söder will Gendern in Schulen und Behörden verbieten

Verfasst: Di 12. Dez 2023, 20:32
von Jaddy
Maya hat geschrieben: Di 12. Dez 2023, 18:17 Uahhhhhh, bleib von mir. So redet doch keiner.
...
Zum besseren Verständnis extra für Dich:
Wenn ich mich mit jemandem unterhalten will, den ich nicht kenne, spreche ich den erst mal genau so an, wie ich ihn lese.
Also erst mal als Mann oder Frau, Z.B.: Guten Tag Herr Maier.
Wenn dieser Mensch nonbinär sein sollte, liegt es an ihm, mich darauf hinzuweisen, wie er angesprochen werden möchte.
Und das werde ich dann natürlich auch berücksichtigen.
Wäre ich nonbinär würde ich das, als Angehöriger einer extrem kleinen Minderheit, auch so machen, ohne mich drüber aufzuregen.
Einem Nonbinären im Alltag zu begegnen tendiert nach meiner Meinung gegen fast Null.
Da haben wir doch was jenseits der Sternchen.

Ich kann dir nur bei einem recht geben: Du hast es noch nicht erlebt. Das heisst nicht, dass es keine nichtbinären Menschen in deinem Umfeld gibt. Bei mindestens einem Prozent Bevölkerungsanteil wäre es schon verwunderlich. Nur: Du kennst sie nicht. Warum nicht, darüber wäre zu spekulieren.

Zwei Gründe sehe ich auf Anhieb: Es ist anstrengend und risikoreich. Besser gesagt: Menschen mit deiner Haltung sind potenziell anstrengend und risikoreich für mich. Für dich ist es eine einzelne exotische Begegnung. Vielleicht eine für Wochen oder Monate. Für mich ist das täglich. Bei jedem neuen Kontakt, spätestens wenn Anrede mit Name vorkommt. Jeder Telefonkontakt, jeder Mailkonktakt, jeder Brief. Und die physischen Begegenungen, in denen ich ge-Herrt, ge-Fraut, ge-Sohnt und ge-Tochtert werde. Überall Menschen wie du, die nicht einladen, nachfragen, sondern erst mal von sich ausgehen, bzw mich deuten wegen Vorname, Stimme, Erscheinung.

Für mich ist jedes einzelne Mal die Frage: Leiste ich mir jetzt die zusätzliche Energie, obwohl ich nur was mit der Versicherung telefonisch klären will oder meine Mutter in eine Praxis begleite? Was kommt als Antwort? Muss ich viel erklären? Wird es beachtet oder kriege ich stattdessen eine anstrengende Diskussion ob und wie und warum und dass das alles so neu ist und so ungewohnt und wie (Person) das denn wissen soll, rhabarber rhabarber rhababer. Geht mein eigentliches Thema unter und vor allem: Wie abhängig bin ich ggf von dem Wohlwollen der Person, mein Anliegen zu behandeln?

Deshalb ist es für mich erstens anstrengend und zweitens risikoreich, das anzusprechen. Auch wenn ich ziemlich selbstsicher, redegewandt und ziemlich unabhängig bin. Für drei bis vier Begegnungen an einem Tag habe ich vielleicht Energie, dann lässt es nach. Mit mehr Stress eher. Und ich brauche Auszeiten, in denen soetwas nicht vorkommen kann. Privat, ohne neue, anstrengende Menschen.

Ich bin daher nicht sicher, dass du an meiner Stelle so handeln würdest, wie du beschrieben hast, also wenn du selbst wirklich betroffen wärest. So, total unberührt, stellt sich das völlig anders dar.

Es ist leichter, wenn es einladende Signale gibt. Wenn sich die Institution sichtbar genderinklusiv darstellt. Am meisten, wenn Personen zum Beispiel ihre Pronomen signalisieren. Auch binäre, auch wenn sie cis sind.

Genau das gleiche wie beschrieben gilt übrigens für neurodiverse Menschen, Menschen mit chronischen Krankheiten, usw. Allen erzeugt diese "ich mach so, als ob alle wie ich sind, sollen sie sich halt melden"-Attitüde bei jedem einzelnen Mal das Quentchten zusätzlichen Energiebedarf, Stress, etc, auf ihre sonstigen Schwierigkeiten obendrauf.

So, mal praktisch. So redet doch keiner? Oh doch. Ich zum Beispiel. Mein Umfeld auch. Auch die cis Leute, die binären. Sogar im Job. International tätiger Industrie-Konzern, wo ich als externes Sternchen im IT-Bereich beitrage. Machen die. Auf deutsch und die englischen Äquivalente, weil ihre Kontakte in USA sie sonst sehr schräg angucken. Bei meinem Ehewesen genauso. Hauptkunde ein deutschstämmiger Elektro-Weltkonzern; IT-Bereich: Alles mit Pronomen im Mailfooter, im Adressbuch, überall Sternchen und_oder inklusive Formulierungen.

Es sind sicherlich einige Firmen voraus, andere hinterher, aber der generelle Trend geht klar in Richtung Diversity und neuen, einladenden Umgangsformen. Übrigens in Deutschland tatsächlich langsamer als zB in UK, USA und anderen.

Noch mal praktisch: Wenn ich bei einer Person nicht sicher bin, kann ich fragen oder mich möglichst geschickt drum herum mogeln. Haben wir alle schon gemacht, wenn wir den Namen nicht (mehr) wissen. Das ist meist besser, als mit falschem Namen oder Anrede aufzufallen. Natürlich geht das am besten, wenn das ganze Umfeld entsprechend sensibilisiert wurde, also generell einladend für solche Rücksichtnahme. Damit wären wir wieder zurück auf Feld 1.

Zusammengefasst: "Dann sollen die das eben sagen" ist nicht wirklich einladend. Ich empfinde das auch nicht als wirklich respektvoll, sondern absolute Basis. Es kostet mich extra Nerven und Aufwand. Es gibt ein paar kleine Tricks, mit denen uns allen das Leben leichter sein könnte, aber die müssen auch mal gelernt und eingeübt werden. Insgesamt ist eine Umgebung nur angenehm, wenn auch genderdiverse Menschen, genauso wie neurodiverse, etc von vorneherein sehen, dass hier Menschen auf sie eingerichtet sind.

Re: Söder will Gendern in Schulen und Behörden verbieten

Verfasst: Di 12. Dez 2023, 20:53
von conny
Jaddy hat geschrieben: Di 12. Dez 2023, 15:53
Mirjam hat geschrieben: Di 12. Dez 2023, 15:18Wo wird dabei denn irgendeine Gruppe unsichtbar? "Leute" oder "-kräfte" ist doch so inklusiv wie es nur irgendwie geht.
Technisch hast du recht. Real bleiben nichtbinäre Menschen unsichtbar, wo sie nicht explizit angesprochen werden, weil 95% der Leute draussen uns nicht auf dem Schirm haben.
Was heiss "technisch recht"? Warum sollten bei nicht binär gewählten Bezeichnungen nicht binäre Menschen speziell angesprochen werden? Es fällt wirklich schwer, Dein Ansinnen noch nachzuvollziehen.

Re: Söder will Gendern in Schulen und Behörden verbieten

Verfasst: Di 12. Dez 2023, 20:54
von Patricia
Ja, es kann Kraft kosten, wenn dich Personen misgendern, aber es ist an dieser Stelle auch wichtig zu unterscheiden, wer das macht und warum das gemacht wird. Und es ist auch extrem wichtig, das in manchen Situationen nicht auf die Goldwaage zu legen.
Ich arbeite seit dem 1.10 bei einem großen Kölner IT Dienstleister und habe täglich mit vielen Kunden zu tun. Mit den meisten schriftlich. Und weil ich nunmal in einem Job arbeite, der von Männern dominiert wird, wird von einigen Kunden automatisch angenommen, dass ich ein Mann bin, obwohl mein kompletter Name unter jeder Email steht, die ich versende. Wie oft lese ich Sehr geehrter Herr... obwohl jede meiner Emails mit Patricia abgeschickt wird.
Ganz ehrlich? Es macht mir wenig nicht aus. Wenn meiner Hausärztin ein Herr ausrutscht, das tut hingegen weh, denn die kennt mich.

Es ist wichtig korrekt gegendert zu werden, aber man selbst sollte da auch ein wenig Verständnis und "dicke" Haut mitbringen und nicht jedes versehentlich Misgendern direkt zu verteufeln.
Wir wollen Verständnis von den Leuten für unsere Themen und dies bekommen wir, meiner Meinung nach, am ehesten dann, wenn wir auch mit Verständnis (re)agieren.

Liebe Grüße
Patricia

Re: Söder will Gendern in Schulen und Behörden verbieten

Verfasst: Di 12. Dez 2023, 20:55
von Jaddy
Lana hat geschrieben: Di 12. Dez 2023, 19:24Das ist doch ein wichtiger Teil des Problems:
Die Dinger sind erklärungsbedürftig.

Nichtbinäre, Intersexuelle und sonstwie seltene queere Menschen wirst du nicht zufriedenstellend ansprechen können, wenn die Aufzählung bei expliziter Ansprache nicht uferlos lang werden soll. Es wird über kurz oder lang darauf hinauslaufen, dass diese kleinen Minderheiten mitgemeint sind.

Wenn ich zu einem Vortrag gehe, und der Abend wird mit "Liebes Publikum" eröffnet, dann ist doch alles gut, auch wenn ich als nichtbinäre Person dabei nicht explizit sichtbar bin. Aber das sind Cis-Frauen und Cis-Männer in diesem Fall auch nicht.
Wie heisst es so schön: Da war jetzt schon viel schönes dabei... ;)

Ja, Sternchen sind erklärungsbedürftig. So wie "nichtbinär" und alles was damit zusammenhängt. Auch wenn es schon hunderte Sendungen, Artikel usw gab. Oh, und Schulungen in Betrieben. Diversity-Weiterbildungen, usw. Also eigentlich sind wir längst nicht mehr am Anfang. Aber vielleicht, hoffentlich langsam am Ende der Ignoranz.

Endlose Aufzählungen sind auch nirgends gewollt. Von mir auch nicht. Unter anderem, weil sich das haarscharf an der Grenze zwischen Inklusion und Othering bewegt.

Das "mitgemeint" ist allerdings genau die Frage. Ohne die 95% erst mal darauf hinzuweisen, wer alles mitgemeint sein soll, wissen sie das eben nicht. Siehe oben: Erklärungsbedürftig. Insofern bietet eine Erklärung der Sternchen genau dafür Gelegenheit, die simple Verwendung neutraler/inklusiver Begriff idR nicht.

Nur darauf wollte ich aufmerksam machen.