Kapitel 34: Alice
Szenenwechsel, ein paar Wochen später. Erica war nach ihrer Beförderung aus dem Sekretariat der Marketingdirektion ausgezogen und besaß nun ihr eigenes Abteilungsleiterzimmer, das man nur über ein Vorzimmer erreichen konnte, das heißt, jeder der zu ihr wollte, musste erst mal an einem Vorzimmerdrachen vorbei. Jedoch war Erica für Valerie nicht aus der Welt, ihre Büros lagen noch auf demselben Flur nur ein paar Meter auseinander, das heißt man sah und besuchte einander praktisch täglich, lief sich ständig über den Weg, war oft zusammen in der Kantine und auch in ihrer Freizeit unternahmen die beiden nach wie vor vieles gemeinsam.
Und auch der Michael hatte sich wieder gemeldet, das heißt eigentlich hatte Valerie ihn nur kurz mal gesehen, als sie letzthin abends bei der Freundin zu Besuch war, ein wenig auschillen, und plötzlich stand da dieser attraktive Michael unangemeldet in Ericas Wohnung, er hatte wohl inzwischen auch einen Schlüssel. Er und Erica umarmten sich wie ein altes Ehepaar, mit Valerie tauschte er dann zwei routiniert-freundliche und eigentlich mehr angedeutete als ausgeführte Wangenküsschen aus und schien dabei doch ganz cool zu bleiben. Jedenfalls spürte sie die Berührung seiner Lippen nicht. Auf Valeries Seite hat sich der Pulsschlag allerdings mächtig erhöht, als sie Michael wiedersah und er ihr plötzlich wieder so nahekam, körperlich. Was war bloß los mit ihr?
Waren das schon "weibliche Gefühle?" Sie nahm doch keine Hormone, nichts, nada, null. Und trotzdem solche Stimmungen- Aber vergessen wir nicht, was vor damals Wochen geschah, genau in dieser Wohnung, in der Nacht nach dem Opernbesuch, das erklärt vielleicht ihren Zustand oder besser gesagt, ihre momentanen Gefühle dem großen und attraktiven Mann gegenüber.
Valerie, das sollte man vielleicht zur Erklärung kurz mal sagen, war ja nach ihrem Frankfurter Outing und der Ermutigung, die sie von Dr. Schmidt dazu erhalten hatte, in der neuen Woche kleidungsmäßig völlig in den Mädelsmodus übergegangen, was bedeutet, sie war am Montagfrüh nach der Rückkehr von Frankfurt in Frauenkleidung, Nylons und in ihren Spangenpumps mit dem kleinen 5cm Absatz durchs Werkstor der Zentrale marschiert, hatte so den Aufzug des Verwaltungshochhauses betreten und war so in ihrem Frauenmodus in ihrer alten Abteilung erschienen, leicht geschminkt, mit einem ganz leichten Lippenstift, das mußte schon sein.
Dazu aber später mehr. Heute hat die neue Kollegin mit Namen Alice die "Prio eins", wie Dr. Schmidt immer zu sagen pflegte, und auch Valerie ist scheinbar auf dem besten Wege, diesen seltsamen Ausdruck in den eigenen Sprachschatz zu übernehmen, so etwas geht ja schnell. Nochmals zur Erklärung : Prio steht für Priorität. Einer der Lieblingsausdrücke des Chefs, wenn was GANZ wichtig rüberkommen soll.
Nun kam also die Alice. Gleich am Tag nach Ericas Beförderung und Wegzug hatte sich Alice am Morgen als die Neue im Direktionssekretariat vorgestellt, und zwar nur mit ihrem Vornamen. Valerie blieb nichts anderes übrig als sich darauf einzulassen und der Kollegin den eigenen Vornamen preiszugeben, was ihr immer noch nicht allzu leicht über die Lippen ging, sie war halt wirklich noch sehr an ihren alten männlichen Vornamen gewöhnt und an alles was damit zusammenhängt mit ihrer alten Männerrolle in dieser Abteilung.
Alice stellte sich als eine geprüfte Sekretärin mit BWL-Abschluss vor, und war etwas über 25, fast 26, also musste sie cirka knapp sieben bis acht Jahre jünger sein als Valerie, errechnete diese schnell. Kann man als Jüngere der etablierten Kollegin gleich am ersten Morgen das Du anbieten? Dazu muß man schon sehr selbstbewußt oder eigenwillig sein, und ja selbstbewußt, das war die Neue bestimmt, Valerie spürte das sofort. Als Verantwortliche kümmerte sie sich dann den ganzen Morgen um die neue Kollegin, wies sie im Groben in das Arbeitsgebiet ein und stellte sie danach einzelnen Kollegen vor, man ging durch verschiedene Zimmer, dabei bemerkte sie, wie besonders die männlichen Kollegen auf Alice reagierten, in irgendeiner Weise schien sie aufzufallen, jedenfalls reckten sich die Hälse. Valerie selbst war das sehr Recht, das lenkte die Aufmerksamkeit etwas von ihrer eigenen Person ab. Denn klar, ihr Outing (sofort nachdem die Abteilung aus Frankfurt zurückgekommen war) hatte in der Abteilung und nicht nur dort große Wellen geschlagen und die letzten Tage waren wirklich so viele Leute in Ihr Büro reingeschneit, auch solche die sie vorher kaum jemals gekannt hatte, nur um mal kurz guten Tag zu sagen oder unter sonst irgendeinem blöden Vorwand, natürlich wollten alle mal einen Blick auf diese neue "Transe" im Marketing werfen, und einige nahmen sie auch ganz genau in Augenschein, was ihr unangenehm war, und auch der pejorative Name schien sich in den Bürofluren fix eingebürgert zu haben, daran schien nichts zu ändern, schlechte Beispiele scheinen ansteckend zu sein, und so ein Virus breitet sich blitzschnell aus unter den Kollegen.
Nun gut, Valerie nahm das alles erstmal hin und hoffte, dass sich die größte Aufregung im Laufe der Woche schon wieder legen würde. Insofern war der doch recht spektakuläre Auftritt von Alice, der neuen Chefsekretärin, eine gewisse Hilfe für sie, das ist klar. Die neue Kollegin gab aber auch wirklich eine sehr eindrucksvolle Erscheinung ab, sie war groß, schlank aber nicht dünn sondern hatte eine sportliche Figur, das lange glatte Blondhaar war mit einem Kamm hochgesteckt, große blaue Augen, das Gesicht schmal, ernst, konzentriert, eine große Brille mit breitem Rand, der Blick offen und freundlich-reserviert. Eine Intellektuelle eben, aber klar, sicher, keine Frage, für ein Direktionssekretariat im Marketing eines Weltkonzerns wie XXXXler, der weltbekannten Autofabrik und Erfinderin des Automobils, kann man eben keine Durchschnittsfrauen und auch keine Lieschen Müllers einstellen, dafür braucht es schon besondere Leute.
Auf das Outfit der Kollegin wurde Valerie übrigens sofort neidisch, so schick kam die Neue daher: Grauer, gut geschnittener körpernaher Hosenanzug, darunter Seidenbluse und kleiner Schal, unten schwarze Cowboy-Stiefel mit kleinen Absätzen, die beim Gehen einen deutlich Ton von sich gaben, man kann auch sagen: Sie knallten, und mit jedem Knall war ihre Botschaft: Achtung und hallo: Hier kommt Alice".
Soviel für diesmal. Demnächst wird Valerie mal in Stuttgarter Boutiquen ein paar richtige Business Klamotten einkaufen und man kann davon ausgehen dass ein Großteil Ihres Monats-Gehalts dann dafür draufgehen wird. Denn sie ist bestimmt lernfähig und erkennt schon wie professionell Jüngere wie Erica mit 29 oder Alice mit gerade mal vielleicht 26 schon daherkommen, aber das sind ja auch Biofrauen. Nur möchte ich mal wissen: Warum sollte sich eine Person in Transition etwa nicht so gut und sexy anziehen dürfen wie eine Biofrau?
Ihr könnt das ja mal hier diskutieren, wenn ihr was dazu sagen wollt. Das neue Kapitel erscheint auf jeden Fall spätestens in zwei oder drei Tagen hier in diesem Theater.
Liebe Grüße, Eure Valerie
