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Re: Valeries Welt

Verfasst: Do 23. Dez 2021, 14:19
von Valerie Bellegarde
Kapitel 8: Sie ist wieder im Spiel.

Wir haben in den bisherigen Kapiteln erfahren: Valerie ist älter geworden und hat sich ihr neues leben inzwischen eingerichtet. Dass es ein Leben ganz ohne Männer und ohne Sex ist, hat indes niemand behauptet. Dass allerdings nach den sieben Jahren ihres Zusammenlebens mit Thierry Elouard, die für Valerie sieben sehr intensive Jahre waren, hier, in ihrem Sexleben aber erstmal so etwas wie eine Pause eintritt, wird niemanden verwundern.

Was auch nachvollziehbar ist: Sie ist jetzt Anfang vierzig, trägt ein paar überflüssige Pfunde mit sich herum (eigentlich sind es mehrere Kilos, auf die sie wahrlich verzichten könnte) und sie kämpft um ihre Linie, aber ihr Interesse an Männern hat sie keineswegs verloren. Sie ist immer noch eine attraktive Frau und tut viel, damit das auch so bleibt.

Deshalb verbringt sie jetzt eigentlich sogar mehr Zeit als früher mit dem Styling des eigenen Bodys, mit Körper- und Hautpflege, sie macht auch ein wenig Sport, wenn sie mag, aber vor allem verbringt sie viel Zeit vor dem Spiegel mit dem was die Engländer "make up" nennen und die Franzosen "maquillage". In ihrem Alter nichts Besonderes, eigentlich ein "Muss".

Sollte also bei ein paar Lesern / Leserinnen bisher der Eindruck entstanden sein, Valerie käme mit ihrer neuen Welt ohne Ehemann nicht zurecht, sie lebe so dahin, planlos und ziellos in den Tag hinein, habe im Übrigen nichts im Kopf außer ihre diversen Aushilfsjobs, ihr Auto, ihre Klamotten, ihre Schuhe und vielleicht so ganz am Rande noch ihre Katze, so täuscht sich dieser. In Valeries Welt ist Platz für vieles anderes, zum Beispiel interessiert sie sich immer noch sehr stark für die schönen Dinge im Leben.

Die mittelmeerische Küste im Süden Frankreichs war immer voll mit kreativen Menschen, die als Maler, Bildhauer oder allgemein als Künstler dort gearbeitet haben. Schon Vincent Van Gogh, als er damals in Arles war, lobte das helle Licht dieser südlichen Sommertage und es stimmt ja auch, die Sonne steht dort einfach höher am Himmel.

Die Gegend um Narbonne ist eigentlich nichts, was man ein kulturelles Zentrum nennen kann, aber das Meer und die südliche Landschaft haben viele Maler hierher an die Küste gezogen, ein paar echte kulturelle hotspots gibt es dort auch, und Kunstausstellungen gibt es sogar zweimal, dreimal im Jahr, nicht nur mit etablierten Malern, nein, auch der Nachwuchs wird gefördert und wird durch Ausstellungen unterstützt.

Denis Jardinier, ein in der Region etablierter Maler stellte in der Poudrière in Narbonne aus, einem historischen Pulverturm, der jetzt als Kulturzentrum genutzt wird. Valerie entdeckte die Annonce im Internet, und die Bilder von Denis, von denen sie meinte, ein paar schon vorher gesehen zu haben, schienen ihr gleich seltsam vertraut. Er malte gegenständlich, viele Landschaften, die alten Dörfer und Plätze der Umgebung, die Menschen auf den Marktplätzen, die alten Häuser, Männer beim Pétanque-Spiel unter alten schattigen Platanen. Dabei war sein Stil keineswegs naiv, sondern im Gegenteil eher frech und karikaturenhaft, sie mochte diese Bilder auf den ersten Blick und beschloss, sich die Ausstellung einmal genau anzusehen.

Sie erwischte noch eine Karte für die Vernissage, die an einem frühen Freitagabend angesagt war. Der Saal der Poudrière war gut gefüllt, zwei Menschen vom Kulturamt der Stadt hielten ihre Ansprachen, die wie stets ganz witzig waren und zum Glück auch kurz, so dass die Gäste nicht zu lange stehen mussten, Valerie hatte zu diesem besonderen Anlass wie die meisten Damen natürlich ihre schicksten high Heels angezogen, das ist doch normal. Beim späteren smalltalk kam sie mit dem Künstler kurz ins Gespäch.

Monsieur Jardinier war ein großgewachsener schlanker Lockenkopf, zwar grauhaarig, aber mit lustigen Augen, er war ihr sofort sympathisch. Und er war etwa in ihrem Alter. Irgendwie kam es Valerie so vor, als habe sie den Maler schon mal irgendwo gesehen.

"Excusez monsieur"¦mais je pense on s"™a vu déja une fois mais je ne peux pas dire òu c"™était"¦" sagte sie.
(Ich kenne sie irgendwoher aber ich weiß nicht mehr genau woher)

Keine besonders geschickte Anmache, aber es war die genaue Wahrheit. Er stutzte, schaute ihr dann in die Augen, dachte kurz nach und antwortete:
"Oui c"™est bien possible, madame"¦ c"™était probablement au Somail, où j"™ai eu un atélier auprès du canal" (gut möglich, wahrscheinlich waren Sie mal in meinem Atelier in Somail, dort am Kanal")

Und Valerie fiel es wie Schuppen von den Augen. Klar, sie kannte sein Atelier in Somail, dort am Kanal, ein kleiner romantischer Marktflecken am Canal du Midi, ein paar Künstler hatten sich dort angesiedelt um dort zu malen und ihre Bilder gleich dort an die Touristen zu verkaufen.

"Mais appelez-moi Denis, justement Denis. s"™il-vous-plait"
(Aber sagen Sie doch bitte nur Denis zu mir)

Setzte er noch hinzu, und wieder dachte sie, dass er wirklich lustige Augen hatte, und irgendwie auch eine sympathische Art.



Kapitel 9 folgt dann wie üblich etwa in einer Woche

Lieben Weihnachtsgruß,
Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Do 23. Dez 2021, 16:50
von Valerie Bellegarde
Hallo alle,

Weil bald Weihnachten ist, gibt's auch ein Geschenk. Das neue Kapitel 9 geht schon heute Abend online.

Frohes Fest, Valerie

Re: Valeries Welt

Verfasst: Do 23. Dez 2021, 19:28
von Valerie Bellegarde
Kapitel 9: Smalltalk im Pulverturm

Mit ihrer spontanen Schätzung seines Alters war sie gar nicht mal schlecht gelegen. Schlau und findig, wie sie war, hatte sie nochmals in den Programmunterlagen nachgeschaut und dort diese Angaben gefunden: Denis Jardinier, peintre, nationalité francaise, né Grenoble mars 1960"¦ (Denis Jardinier, Maler, Franzose, geb. im März 1960 in Grenoble)"¦ dann folgten noch ein paar Daten zu seinen bisherigen Ausstellungen.

Aha, dachte sie bei sich. Er ist also noch keine fünfzig, der Lockenkopf, und aus Grenoble kommt er, also aus den Bergen. Interessanter Mann. Aber einer mit einer Vorgeschichte. Bestimmt schon mal verheiratet gewesen, oder? Sie blickte nochmals zu ihm rüber. Nein, schwul schien er ihr nicht zu sein, das wäre ihr aufgefallen. Was ihn wohl hierher an die Mittelmeer-Küste verschlagen hat?

Mit ganz kleinen Schritten schlenderte sie langsam an den ausgestellten Werken vorbei und blieb ab und zu stehen, um das eine oder andere Bild noch genauer zu betrachten, aber im Hintergrund kreisten ihre Gedanken unaufhörlich um die Person des Malers. Jardinier heißt er, also Gärtner. Und ja, sie erinnerte sich an sein kleines Atelier in "Le Somail", sie kam gelegentlich dort vorbei, beim Spazierengehen. Nochmals schaute sie hinüber zu ihm, und wie zufällig trafen sich ihre Blicke. Ein Flash? Nein, kein Flash, nur ein Zufall. Wie man halt so kuckt"¦

Er lächelte, hob leicht seine Hand, mit der er ein Glas hielt, und grüßte zu ihr herüber.

"Wollen Sie vielleicht noch etwas trinken mit uns?"

Sie wollte eigentlich schon, wehrte aber spontan ab, wie es sich gehört, nickte und lächelte nach einer kleinen Pause dann aber trotzdem, und so ergab es sich, dass Valerie bald mitten in einem Fachgespräch mit drei, vier Männern steckte, die sich allesamt als Maler oder Kunst-Sachverständige herausstellten.

Denis male immer noch gegenständlich, sagte einer, der sich als Kultur-Redakteur der lokalen Zeitung zu erkennen gab.

"Ja, aber warum sagst du das?" fragte Denis zurück.

"Ich frage mich schon, warum du die Objekte nicht stärker abstrahierst, ich meine"¦ich finde es etwas"¦ naiv, heute noch dermaßen gegenständlich zu malen? Einfach abzumalen, wie die Dinge sind?"

"Entschuldige, muss ich abstrakt malen, damit du es als modern empfindest? Nein, mein Lieber! Ich empfinde unsere Stadt hier und unsere Dörfer und unsere Natur hier in unserer Region einfach als schön, und genauso male ich sie auch hier auf diese Leinwand."

Denis zeigt auf das Bild vor ihm an der Wand, eine Ansicht der Kanalbrücken von Narbonne, Platanen, Blumen, alles spiegelte sich im Wasser des Kanals.

Die Debatte ging eine Zeitlang hin und her, aber nur Valerie schien ihn verstanden zu haben oder das zu akzeptieren, was der Maler gesagt hatte. Hoppla, da ist ja noch so einer der so denkt wie ich. Die Schönheit und den Wert der Natur zeigen. Dafür braucht es ganz spezielle Menschen; Maler eben, Künstler, aber solche mit besonderen Augen. Einfache, ungebildete Menschen sind dazu nicht in der Lage, weil ihnen die Erziehung dafür und der Sinn fehlt und auch die Worte oder die Ausdrucksmittel. Aber die Gebildeten können das meistens genauso wenig, weil sie immer alles analysieren und zerteilen und bewerten müssen, ob es zu den jeweils gängigen Modeströmungen passt. Was aus dem Raster fällt, gilt denen als weniger Wert, oder unschön.

Sie nahm ihn beiseite, zog ihn aus der Gruppe heraus. Ihr war da so ein spontaner Gedanke gekommen. Typisch Valerie eben, irgendwie war es ihr gekommen, überlegt hatte sie es nicht.

"Hätten Sie vielleicht Interesse, eventuell demnächst einmal bei uns im Chateau Seriège auszustellen?"

Keine Ahnung, warum sie ihn das fragte. Jeder weiß: Hoppla da wohnt sie doch gar nicht mehr. Sie wusste es selbst wohl nicht richtig, weshalb sie die Frage in den Raum stellte. Vielleicht, weil es ein so schöner Gedanke war. Diese schönen Naturbilder in einem so schönen Gebäude ausgestellt. Aber eigentlich war es anders. Sie war nur einfach so aus ihr herausgerutscht, diese Frage. Vielleicht, weil sie den Maler mochte, weil er ihr einfach sympathisch war, oder vielleicht auch, weil sie seine Bilder so toll fand.

"Bei uns im Chateau Seriège"

Die Frage stand im Raum. Dabei hatte sie keine Idee, ob das überhaupt möglich war, ob Thierry ihre Idee überhaupt akzeptieren würde oder sie sofort ablehnen und sie zur Türe hinauswerfen, möglich war es ja, bei Gott, bei allem, was geschehen war. Je länger sie darüber nachdachte, desto seltsamer schien ihr der eigene spontane Gedanke. Aber, die Frage stand ja nun einmal im Raum, auch die Umstehenden hatten es gehört.

Fortsetzung in einer Woche, wie üblich zum nächsten WE.

Lieben Gruß, Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Mi 29. Dez 2021, 10:51
von Valerie Bellegarde
Kapitel 10: Freunde helfen aus der Verwirrung.

Was für einen Quatsch hatte sie da bloß wieder erzählt. Als sie nach Ende der Vernissage wieder allein in ihrem Auto saß, konnte sie einen Moment lang nichts mehr denken. Nur noch dasitzen und vor sich hinstarren, der Kopf ganz leer.

"Mein Gott"¦ spinnst du jetzt eigentlich vollkommen?" fragte sie sich selbst.

"Du bist doch keine Schlossherrin mehr. Du kannst doch keinen Maler auf ein Schloss einladen, das dir nie gehört hat, bist du jetzt eigentlich völlig irre geworden?"

Irre? Meschugge? Nicht mehr bei Sinnen?

Heftige Selbstvorwürfe schossen durch ihren Kopf. Nein, natürlich würde sie niemals ihren Ex darum bitten, über solch eine Kunstausstellung in Seriège auch nur nachzudenken. Obwohl es rein technisch gesehen, natürlich sehr einfach möglich wäre, denn das Schloss hatte im Erdgeschoß zwei repräsentative Empfangsräume, die groß genug für eine Bilderausstellung wären, und außerdem wunderbar für diese Sache geeignet. Aber nein, nein, nein, wiederholte sie bei sich. niemals würde sie Thierry dazu ansprechen. Idiotin, die sie war.

Die Fantasie musste mit ihr durchgegangen sein, oder Wunschdenken, oder vielleicht auch die reine Idiotie. Valerie war richtig böse auf sich, wusste keine Lösung und fand in der kommenden Nacht überhaupt keinen Schlaf.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, ging es ihr aber bereits viel besser. Sie duschte lange und ausgiebig, rubbelte sich mit einem großen Frotteetuch trocken und als sie aus dem Bad kam, wusste sie eine Lösung, sie würde mit Jan sprechen. Jan war einer ihrer neueren Freunde aus der Zeit nach Thierry, wie sie es sich bei sich selbst nannte, Jan war ebenfalls aus der Künstlerszene, und er würde ihr bestimmt aus ihrem Dilemma helfen können.

Die alte Wäsche lag noch auf dem Stuhl neben ihrem Bett. Sie griff sich ein neues Höschen aus der Wäscheschublade dann noch einen neuen BH, der zuoberst lag, hielt dann aber inne, schaute das kleine Teil an und überlegte kurz, um es dann in die Schublade zurückzulegen nein, für Jan würde sie etwas anderes anziehen. Etwas Besseres. Erst kürzlich hatte sie diesen neuen BH der Marke "gorge rouge" gekauft. Zu Deutsch "Rotkehlchen", ganz klein, hinten das Rückenband mit einem einzigen Häkchen, das Ganze aus schwarzem Synthetikmaterial mit einer kleinen Spitzenapplikation oben an den Körbchen. Aber vor allem passte er ihr wie angegossen und brachte ihren kleinen Busen gut zur Geltung. Man bemerkte kaum die kleinen Silikonkissen, die sie noch unten reinlegte. Sie prüfte ihr Profil von der Seite her: Perfekt!

Seit sie keine Implantate mehr trägt, greift sie ab und zu ganz gerne wieder zu den alten Hilfsmitteln wie Silikonkissen, meistens nimmt sie die die Kleinen, aber ab und zu bei besonderen Anlässen auch die großen Brüste. Wer bisher gut mitgelesen hat, weiß, dass ihr die implantierten Silikonbrüste, die sie vorher mehrere Jahre lang getragen hatte, aus Sicherheitsgründen von den Ärzten wieder entfernt worden waren. Äußerlich zwar recht gut vernarbt, aber mit den bekannten negativen Folgen für ihre Ehe mit Herrn Elouard.

Das war nun alles Vergangenheit.
Nun ist es allerdings so, dass Valerie inzwischen wieder allerhand körpereigenes Fett unter der Haut trägt, was eine Folge des natürlichen Alterungsvorgangs des Körpers ist, aber auch das Resultat ihrer häufigen Restaurantbesuche in den letzten Jahren. An den Hüften und Armen mochte sie das überhaupt nicht, aber an ihren Brüsten machte sich dieses Fett sehr positiv bemerkbar wurde gerne gesehen. Wie schon mehrfach angemerkt, sie trägt heute 100er BHs, deutsche Größen, in Frankreich sagt man 115 dazu.

Noch in BH und Höschen, griff Valerie zum Telefon und wählte Jans Nummer. Sie wollte diese Sache jetzt loswerden.
Er war glücklicherweise schon wach und kapierte sofort, in welches Dilemma sie sich reingeritten hatte. Nein, natürlich konnte sie ihren Ex jetzt nicht um einen Gefallen bitten.

Aber warum eigentlich Schloss Seriège? Es gäbe doch noch genügend andere Plätze, wo man ausstellen könne. Und ja, den Denis kenne er auch ganz gut, wie man sich halt kennt unter Kollegen, und vielleicht könnte man gemeinsam etwas organisieren? Er, Jan mit Denis zusammen? Wäre das keine Idee? Ob sie vielleicht deshalb mal vorbeikommen wolle bei ihm?

Man einigte sich auf einen Termin gleich am späteren Vormittag desselben Tages, und für Valerie schien die Welt plötzlich wieder in Ordnung. Sie suchte ein nettes Kleid heraus, schlüpfte in helle, halterlose Nylons, und verbrachte heute Morgen ein wenig länger vor ihrem Schminkspiegel als sonst. Ein heller Lippenstift, die Konturen der Augenbrauen ein wenig nachgezogen, und ach ja, die Fingernägel müsste sie sich auch noch richten. Sie entschied sich für einen Nagellack in Koralle, passend zum Rot ihrer Lippen.

Das war"™s für heute. Fortsetzung in einer Woche wie gewohnt.

L.G. Valerie

Re: Valeries Welt

Verfasst: Mi 29. Dez 2021, 11:08
von Valerie Bellegarde
ach ja, ich vergaß euch noch Glück zu Wünschen, für das kommende neue Jahr.
Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Di 4. Jan 2022, 14:56
von Valerie Bellegarde
Hallo,
Valeries Welt wollte ich nicht für mich schreiben, sondern für euch. Deshalb sind eure Kommentare, Anmerkungen, Gedanken und Ideen immer willkommen und werden von mir gerne gelesen, also... nur zu !

Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Mi 5. Jan 2022, 20:22
von Maria T
Hallo Valerie,
Du schreibst nicht nur für dich selbst.
Bei mir war es die letzte Zeit etwas eng.

LG Maria

Re: Valeries Welt

Verfasst: Do 6. Jan 2022, 12:04
von Valerie Bellegarde
Kapitel 11: Das Gefühl, dass einem irgendwas fehlt...

Der Besuch bei Jan verlief anders, als sie gedacht hatte. Sie parkte ihren kleinen weißen Peugeot direkt vor seiner Haustüre, schwang die Beine aus dem Auto und bemerkt dabei, dass sie sich irgendwo eine Laufmache eingefangen hatte. Aber das blieb nicht die einzige Überraschung. Beim Läuten an der Hausklingel ertönte von innen sofort kräftiges Hundegebell, und als sich die Türe öffnete wurde sie beinahe umgerannt von einem zottigen Monster, das sich nachher als Leo, Jans Haushund herausstellte, eine Labrador-Sennenhund-Mischung.

Die dritte Überraschung war: Jan war nicht allein, sondern noch ein anderer Mann saß am Tisch, er strahlte sie an, hatte einen grauen Lockenkopf und lustige Falten um die Augen: Denis, der Maler.

"Huhh"¦ was für ein Empfang" prustete Valerie lachend und holte tief Luft, nachdem sie den großen Hund erst mal von sich abgeschüttelt hatte.
"Dein Hund hat mir die Strümpfe zerrissen" sagte sie dann noch zu Jan, lüftete etwas den Rock, zeigte viel Bein und die weiter nach oben verlaufende Laufmasche. Was zwar eine Lüge war, denn für das Malheur mit den Nylons war nicht Jans Hund, sondern allein sie selbst verantwortlich. Dennoch hatte sie gleich die Gelegenheit, die beiden Männer auf ihre Beine hinzuweisen, beim Schopf gepackt. Und ihre Beine waren ja bekanntlicherweise nicht allzu schlecht und durchaus Wert, um angeschaut zu werden. Solche schrägen Ideen hatte sie gelegentlich schon, und wenn die Idee gut war, setzte sie diese auch spontan und sofort in die Wirklichkeit um, ohne zu zögern.

Nach dem turbulenten Entrée setzte man sich dann an den großen Esstisch und besprach bei einem Glas Rotwein die Sache mit der Kunstausstellung. Der Hund hatte sich unter den Tisch gelegt und fiel bald in Schlaf. Valeries Idee, die Gemälde der beinen Künstler irgendwo auszustellen, wurde von allen gelobt und diskutiert und hin- und hergewendet. Denis war derjenige, der gute Beziehungen zur Szene hatte und dem dann die Idee kam, wenn schon nicht in Seriège, dann anderswo in der Nachbarschaft auszustellen, und zwar beide Maler, er selbst zusammen mit Jan. Es gebe da wohl einen kunstsinnigen Bürgermeister in St. Chinian, einem Ort in der weiteren Nachbarschaft, der wohl auch über einen entsprechenden Saal verfügte.

Valerie war erleichtert, die Sache mit dem Schloss Seriège schien vom Tisch, und sie würde ihren Ex nicht mehr mit ihrem "Projekt" behelligen müssen. Sie hasste es, jemanden um einen Gefallen bitten zu müssen, und wenn es sich um ihren Ex handelte, dann kam so eine Bitte schon überhaupt nicht infrage, nein, niemals würde sie Thierry je um einen Gefallen bitten, no way.

Aus dem ersten Glas Rotwein wurden zwei, und als auch dieses fast ausgetrunken war und die Debatte um die Kunst allmählich verflachte, fühlte sie sich ganz easy, alle Anspannung schien von ihr abgefallen. Unter dem Tisch schnarchte der große Hund, er hatte sich irgendwie auf ihren Fuß gelegt, sie spürte die Wärme seines Körpers, und diese Wärme tat ihr sehr gut. Wie ein Blick aus Jans großem Wohnzimmerfenster zeigte, begann es draußen auch zu dunkeln, die Straßenlaterne vor dem Haus gab angenehmes gelbes Licht.

Denis und Jan hatten sich einem anderen Thema zugewandt, das Valerie nicht richtig interessierte, deshalb schwieg sie, aber schaute zu den beiden Männern hin, ohne dem Gespräch zuzuhören. Genauer gesagt, schaute sie ziemlich lange und intensiv zu Denis hinüber, der links von ihr vor dem Fenster saß und dessen Kopf eine interessante Profil-Line gegen das helle Fenster zeichnete. Ihr Blick folgte der Linie, die Stirn, Nase und Kinn des Mannes bildeten. Und wieder ließ sie ihre Gedanken schweifen, er bemerkte ihren Blick nicht. Sie nahm noch einen Schluck von dem Rotwein.
Mit einem Mal trat ihr die eigene Lebenssituation deutlich vor Augen: Hier saß sie, Valerie Bellegarde, eine Frau mit Vergangenheit aber ohne Partner, und bald würde sie fünfundvierzig Jahre alt sein, eine alte Schachtel sozusagen.

Fortsetzung in einer Woche,

Lieben Gruß, Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Do 6. Jan 2022, 19:50
von Valerie Bellegarde
Hallo,
den letzten Satz im vorigen Kapitel möchte ich nochmals korrigieren:

Hier saß sie, Valerie Bellegarde, eine Frau mit besonderen Eigenschaften. Aber auch eine Frau mit Vergangenheit und zur Zeit ganz ohne Partner, und bald würde sie fünfundvierzig Jahre alt sein, eine "alte Schachtel" sozusagen. :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Fr 7. Jan 2022, 18:59
von Valerie Bellegarde
Maria T hat geschrieben: Mi 5. Jan 2022, 20:22
Bei mir war es die letzte Zeit etwas eng.

LG Maria
Hallo Maria,
ich hoffe, dir geht es gut?
P.S. Nachträglich noch meine Glückwünsche für das neue Jahr !

Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Sa 8. Jan 2022, 09:06
von Maria T
Hallo Valerie,
alles gut, war halt Weihnachten, mein Geburtstag und der übliche Stress zwischen den Jahren.

Gruß Maria

Re: Valeries Welt

Verfasst: Sa 8. Jan 2022, 19:23
von Valerie Bellegarde
Kapitel 12 Kleine Abenteuer

Gegen sechs Uhr war die zweite Flasche leer und die Stimmung gelöst. Denis schaute auf seine Uhr: "Il est presque dix-huit heures, c"™est le temps pour mon bus" (es ist fast sechs, Zeit für meinen Bus) und erhob sich.

Valerie reagierte wieder mal spontan. "Tiens, tu n"™es pas venu avec ta voiture?" (Nanu? du bist nicht mit deinem Auto da?)

Denis schüttelte den Kopf. Nein, sein Auto sei in der Werkstatt, er würde ein Stück laufen bis zur Bushaltestelle und dann den Bus nach Hause nehmen, ist ja auch viel gesünder, sich jetzt noch ein wenig zu bewegen, oder?

Sie widersprach, denn kannte die Strecke zur Bushaltestelle und beharrte: "Ecoute, c"˜est trop loin d"˜ici, je vais t"™emmener avec ma voiture, j"˜ai garé justement devant la porte" (hör"˜ mal, die Haltestelle ist doch viel zu weit von hier um zu laufen, also, ich nehm"˜ dich mit dem Auto mit, das habe ich doch direkt vor der Tür geparkt").

Er willigte ein, und sie bemerkte, eigentlich freute er sich über das Angebot oder auch auf etwas anderes, was da vielleicht an diesem Abend noch kommen würde...

Als sie schließlich beide im Auto saßen, wurde es doch ziemlich eng, er war eben doch recht groß für so ein kleines Frauenauto und musste den Kopf einziehen beim Einsteigen. Als sie wie gewohnt zügig durch die paar Querstraßen der Innenstadt fuhren in Richtung auf die Ausfallstraße, ergab sich von allein die eine oder andere Berührung mit dem Arm oder der Schulter, ihr war das überhaupt nicht unangenehm.

Sie erreichten die Haltestelle, der Bus war schon abgefahren, Valerie nahm es als glückliche Fügung.

Was war zu tun? Überhaupt Keine Frage für Valerie.

Sie würde ihn heimbringen, was sonst?

Wie weit es noch sei bis zu seiner Wohnung?

"Une petite quart d"˜heure" (einen knappe Viertelstunde) antwortete er und machte noch einen halbherzigen Versuch, sie von ihrer Absicht abzubringen. Ob er nicht doch ein Taxi nehmen sollte? Sie wußte gleich, seine Worte waren nicht ehrlich, nur vordergründig, reines Getue, um den moralischen Schein zu wahren..

Taxi? Blödsinn, sagte sie mit Bestimmtheit, wer weiß wie lange du warten musst, bis das Taxi dich hier auf der einsamen Landstraße findet, und solange stehst du hier in der Dunkelheit herum und wartest eventuell sogar umsonst? Nein, nein, ich fahr dich jetzt nach Hause.

Hat sie jetzt die Situation ausgenutzt? War das unfair? Oder machen sowas nur Männer, wenn sie eine Frau rumkriegen wollen? Ich bin nicht sicher. Jedenfalls wusste Valerie ab diesem Augenblick genau, was sie wollte und wie der Abend weiter verlaufen würde, wenn es nach ihr ginge. Wie lange war das jetzt her, dass sie keinen Sex mehr mit einem Mann hatte? Lange genug, dachte sie.

Sie hielt nochmals kurz an einer Tankstelle um Zigaretten zu kaufen. Sicher eine schlechte Angewohnheit, aber das war der Trennung von Thierry geschuldet, seither rauchte sie wieder, gelegentlich. Als sie zurückkam und sich wieder hinter das Steuer setzte, schob sich der Saum ihres Kleids eine Handbreit über das Knie nach oben, der ganze Verlauf der Laufmasche wurde sichtbar, es störte sie überhaupt nicht, der Saum ihrer Nylons wurde sichtbar, er sah es, aber sie ließ ihn schauen.

Man schwieg, aber beiden war klar, was der Abend weiter bringen würde, man war schließlich erwachsen. Er verstand ihre Geste und folgte ihrer Einladung bereitwillig, legte seine linke Hand auf ihren Oberschenkel, befühlte den Clip darunter, fuhr dann mit dem Zeigefinger ihren Strapsgürtel entlang nach oben.

Das mit der Viertelstunde Fahrzeit war richtig gewesen, sie stoppte vor seinem Haus, ringsum genügend Parkplätze, sie stieg zusammen mit ihm aus. Beide umarmten sich, wie man es in Frankreich eben macht, bisous auf die Wange links, bisous auf die Wange rechts, aber dann sagte er:

"Tu viens chez moi pour un petit café?", sie hatte schon auf die Frage seinerseits gewartet, ja natürlich, antwortete sie, ein kleiner Kaffee geht doch immer. Und was da immer sonst noch sein würde, das ginge ebenfalls. Aber eigentlich war ihr klar, sie würde heute Abend Sex haben, und zwar mit diesem Mann, und übrigens hatte sie das schon länger gewusst, genau genommen seit dieser Vernissage damals in der Poudrière in Narbonne wollte sie diesen Mann haben.

Man nahm den Aufzug, sein Atelier war im vierten Stock, und während die alte Kabine ruckelnd von Stockwerk zu Stockwerk fuhr, lagen sie sich eng in den Armen, und sie spürte die Wärme seines Körpers.

Fortsetzung in einer Woche, hiermit versprochen. Kommentare und Anregungen der Leser werden gerne zur Kenntnis genommen.

Lieben Gruß, Valerie. :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: So 9. Jan 2022, 11:30
von Valerie Bellegarde
Kommentare und Anregungen werden gerne zur Kenntnis genommen.
Valerie

Re: Valeries Welt

Verfasst: So 9. Jan 2022, 13:42
von Maria T
Hallo Valerie,
Gut das du weiter schreibst 😁 auch wenn nicht mehr so viele Kommentare kommen.
Ich bin immer noch gern am lesen.
Die Zeit vergeht, wir werden alle nicht jünger.
Schön das die Figur Valerie sich nicht aufgegeben hat und nach vorn blickt. Es geht ja irgendwie immer weiter, so auch in der Liebe. Vielleicht ist es nur ein Abenteuer auf dem Weg zur neuen Beziehung. Was ich einerseits hoffe, damit die Geschichte noch lange geht. Andererseits vielleicht findet sie ja auch den richtigen Menschen an ihre Seite.
Schönes Rest Wochenende noch und hoffentlich nicht ganz so viel Schnee wie hier gerade.

LG Maria

Re: Valeries Welt

Verfasst: So 9. Jan 2022, 18:44
von Valerie Bellegarde
Maria T hat geschrieben: So 9. Jan 2022, 13:42 Hallo Valerie,
Die Zeit vergeht, wir werden alle nicht jünger.
Schön das die Figur Valerie sich nicht aufgegeben hat und nach vorn blickt. Es geht ja irgendwie immer weiter, so auch in der Liebe. Vielleicht ist es nur ein Abenteuer auf dem Weg zur neuen Beziehung.
LG Maria
Liebe Maria,
Valeries momentane Situation ist schwierig. Die Trennung von Thierry hat sie sehr mitgenommen. Vor allem deshalb, weil er allein die Trennung wünschte und forcierte, nicht sie. Auch seine großzügige Schenkung von Bauland war da nur eine Art von Ablasshandel. Viel schwerer wiegen seine Andeutungen, sie sei nicht genug Frau für einen Mann wie ihn, oder nur eine halbe Frau, eine Transe. Er sprach es zwar nicht aus, aber sie weiß, er hat es so gemeint. Dieses Wissen drückt sie jetzt gewissermaßen in ein tiefes mentales Loch.

Sie ist also verletzt, und weiß nicht, wie sie da rauskommen soll.

Sie sucht deshalb auch keine neue Liebe, nein was sie jetzt sucht oder braucht, ist Sex, Ablenkung, Abenteuer, sie will nochmals Gas geben, sie hat noch Lust auf Neues. Ihre früheren Implantate hat sie sich ja entfernen lassen, wahrscheinlich eine Art Kurzschluß, eine Art von Über-Rekation auf hysterische Presseberichte, Angst vor Krebs. Da ist sie jetzt drüber weg, und nach Thierrys Abgang hat sie sogar schon wieder daran gedacht, sich erneut Silikonkissen implantieren zu lassen, diesmal aber mindestens eine D-Größe.

Mal sehen, wie es weitergeht.

Beste Grüße nach Bayern, Valerie :()b