Re: TS „ berufliche Outing Strategie?
Verfasst: Sa 17. Jan 2015, 04:38
Es wurde jetzt schon ein paar mal das Spannungsfeld der Beratung angesprochen. Da ich mich gerade intensiver damit beschäftige, möchte ich darauf noch etwas eingehen.
Beratung findet für mich, gerade in unserem Metier, in mehreren Phasen statt.
Die ersten Kontakte kommen meist im Rahmen der Selbstfindung zustande. Die Menschen sind verwirrt, durcheinander, die Gedanken fahren immer schneller Karussell und recht bald wissen sie nicht mehr, wo vorne und hinten ist. In dieser Situation gehe ich, man würde es wohl Klienten zentriert nennen, völlig wertfrei auf die Menschen zu. Mein Ziel ist es zunächst einmal zu helfen, die Gedanken zu sortieren und die damit verbundenen Emotionen zu ergründen und in den Griff zu bekommen. Ab einem gewissen Punkt wird es für die Klienten immer schwerer, sich selbst zu reflektieren. Dabei sollte dann eben eine völlig wertfreie und primär fragende Beratung unterstützen und helfen. Es gibt dabei keine Zielvorgaben, keine Wertung und schon gar keine Beeinflussung. Das Ziel muss es zunächst sein, die Person zu stabilisieren und nach Möglichkeit einen klaren Blick darauf zu entwickeln, was der oder die genauen Auslöser des Problems sind. Das kann eine, wie auch immer abweichende Geschlechtsidentität sein - oder auch etwas ganz anders. Im Falle der abweichende Geschlechtsidentität ist dann gemeinsam genauer zu untersuchen, was es genauer sein könnte, um daraus ein Bild des Idealzustandes zu entwickeln. Auch dies geschieht noch völlig wertfrei, denn das selbst Erkennen ist noch etwas, das sich zunächst nur im eigenen Kopf des Klienten abspielt. Die Lösung des Problems kommt vom Klienten selbst und nicht vom Berater.
In der zweiten Phase wird es etwas wertender - und zwar nicht der Person und Persönlichkeit selbst, doch es muss das Umfeld ausgeleuchtet werden und dann gemeinsam überlegt werden, was und wie realistisch wirklich umgesetzt werden kann und was unabdingbar umgesetzt werden muss. Jede_r hat Punkte, die müssen auf jeden Fall und unbedingt umgesetzt werden und andere, die eher den Charakter von "nice to have", also "wäre schön wenn's geht" haben. Dies ist eine klar wertende Analyse, die man aber machen sollte. Dieser Teil ist eine gemeinsame Erörterung und Diskussion, das Aufzeigen möglicher Schwachstellen, gemeinsames Beratschlagen über Konsequenzen und Lösungsmöglichkeiten und auch das Abwägen von Risiken. Die schlussendliche Entscheidung trifft aber in jedem Fall natürlich der_die Klient_in! Ich werde mich hüten, irgendwelche Vorgaben zu machen oder Erwartungen zu äußern! Das muss jede_r für sich selbst entscheiden und darin auch völlig frei sein. Doch ich sehe es auch als Pflicht der Beratung an, über aus Erfahrung bekannte Risiken aufzuklären. Nicht um abzuschrecken, zu lenken oder gar etwas auszureden. Es geht nur darum, Risiken und Gefahren schlicht nicht wider besseren Wissens zu verschweigen.
Ist denn das Ziel klarer und der Anfang eines Weges gefunden, kommt der zunächst einfache und technische Teil der Beratung - die Tipps zu Ärzten, wer, wie, wo was, Tipps zum Umgang mit Krankenkassen und MDK, Umgang mit Ämtern, Behörden und Gutachtern, wie komme ich an neue Versichertenkarten, Bankkarten etc. etc. Das ist alles wieder vergleichsweise einfach, bis es dann zu den ersten Problemen oder sogar Krisen kommt - weil eben etwas nicht so klappt wie erwartet, weil es doch hier und da Ablehnung gibt, weil die Familie nicht mitspielt, der_die Partner_in sich trennen will, Freunde ausbleiben, das Mobbing im Betrieb beginnt oder einfach nur der MDK zickt oder der_die Therapeut_in doof ist.
Menschen, die dies dann unvorbereitet trifft, fallen möglicherweise aus allen Wolken. Aber Menschen, die um die Gefahren vorher wussten schlucken kurz, reiben sich die Augen, man bedauert gemeinsam den Verlust oder redet sich den Ärger über Ämter, Gutachter oder MDK von der Seele, aber rappelt sich dann wieder auf. Die Berater_in gehört dann hier zu dem Auffangnetz von dem ich sprach, um die Klienten in diesen Situationen mit aufzufangen und den Fall abzumildern. Verständnisvolles Zuhören ist bereits eine große Hilfe, denn viele haben sonst, außer ihrem Therapeuten, oft niemanden, mit dem sie gerade darüber reden können. Auch hier würde ich ganz sicher dann nicht sagen "Ätsch, hatte ich Dir doch vorher gesagt!".
Mein Beratungsziel ist es eindeutig, dass der_die Klient_in im Mittelpunkt steht. Nicht ich, meine Geschichte oder mein Weg und auch nicht andere vorgefertigte Wege. Sondern einzig und allein, wie kann der_die Kleint_in möglichst gut aus der Problemsituation gebracht werden, was sind die besten Möglichkeiten und Optionen, welche Ziele sind realistisch und wie erreichbar und für welche sollte man vielleicht gemeinsam lieber Alternativen suchen. Ich kann nur Türen zeigen, vielleicht auch noch helfen einige davon zu öffnen. Doch die Tür auswählen und hindurch gehen, muss jede_r selbst.
Die ewigen Streitereien in unseren Communities finde ich in diesem Sinne oft unglaublich schlimm. Wann bin ich "echte" TS? Wenn ich dies und jenes tue, dies aber nicht, gehöre ich dann noch dazu? Zu was gehöre ich überhaupt? Schlimm... das ist alles nicht der Punkt, aber der Ausgangspunkt von viel Lied. Es gibt leider eine Menge Gruppenzwänge und Anfeindungen "Wenn Du keine GaOp hattest, bist Du auch keine Frau/Mann!". Für mich ist das völliger Käse. Es geht nicht darum, ob man sich erfolgreich einem Gruppendiktat unterworfen hat, sondern darum, dass man mit sich selbst in Einklang, Würde und glücklich leben kann. Dazu gehört dann alles, was man ganz alleine für sich als wichtig und richtig empfindet - vielleicht abzüglich der Dinge, die leider aus externen Zwängen heraus praktisch nicht realisierbar sind. Aber es sind Entscheidungen, die jede_r für sich treffen muss, binär, nicht-binär, mit OP und ohne OP, mit VÄ/PÄ oder ohne, das ist alles nicht meine Sache, für einen Klienten zu entscheiden oder darauf hin zu wirken. Diese Entscheidungen muss der_die Klientin aus sich selbst heraus treffen. Alles andere wäre einfach falsch.
Liebe Grüße
nicole
Beratung findet für mich, gerade in unserem Metier, in mehreren Phasen statt.
Die ersten Kontakte kommen meist im Rahmen der Selbstfindung zustande. Die Menschen sind verwirrt, durcheinander, die Gedanken fahren immer schneller Karussell und recht bald wissen sie nicht mehr, wo vorne und hinten ist. In dieser Situation gehe ich, man würde es wohl Klienten zentriert nennen, völlig wertfrei auf die Menschen zu. Mein Ziel ist es zunächst einmal zu helfen, die Gedanken zu sortieren und die damit verbundenen Emotionen zu ergründen und in den Griff zu bekommen. Ab einem gewissen Punkt wird es für die Klienten immer schwerer, sich selbst zu reflektieren. Dabei sollte dann eben eine völlig wertfreie und primär fragende Beratung unterstützen und helfen. Es gibt dabei keine Zielvorgaben, keine Wertung und schon gar keine Beeinflussung. Das Ziel muss es zunächst sein, die Person zu stabilisieren und nach Möglichkeit einen klaren Blick darauf zu entwickeln, was der oder die genauen Auslöser des Problems sind. Das kann eine, wie auch immer abweichende Geschlechtsidentität sein - oder auch etwas ganz anders. Im Falle der abweichende Geschlechtsidentität ist dann gemeinsam genauer zu untersuchen, was es genauer sein könnte, um daraus ein Bild des Idealzustandes zu entwickeln. Auch dies geschieht noch völlig wertfrei, denn das selbst Erkennen ist noch etwas, das sich zunächst nur im eigenen Kopf des Klienten abspielt. Die Lösung des Problems kommt vom Klienten selbst und nicht vom Berater.
In der zweiten Phase wird es etwas wertender - und zwar nicht der Person und Persönlichkeit selbst, doch es muss das Umfeld ausgeleuchtet werden und dann gemeinsam überlegt werden, was und wie realistisch wirklich umgesetzt werden kann und was unabdingbar umgesetzt werden muss. Jede_r hat Punkte, die müssen auf jeden Fall und unbedingt umgesetzt werden und andere, die eher den Charakter von "nice to have", also "wäre schön wenn's geht" haben. Dies ist eine klar wertende Analyse, die man aber machen sollte. Dieser Teil ist eine gemeinsame Erörterung und Diskussion, das Aufzeigen möglicher Schwachstellen, gemeinsames Beratschlagen über Konsequenzen und Lösungsmöglichkeiten und auch das Abwägen von Risiken. Die schlussendliche Entscheidung trifft aber in jedem Fall natürlich der_die Klient_in! Ich werde mich hüten, irgendwelche Vorgaben zu machen oder Erwartungen zu äußern! Das muss jede_r für sich selbst entscheiden und darin auch völlig frei sein. Doch ich sehe es auch als Pflicht der Beratung an, über aus Erfahrung bekannte Risiken aufzuklären. Nicht um abzuschrecken, zu lenken oder gar etwas auszureden. Es geht nur darum, Risiken und Gefahren schlicht nicht wider besseren Wissens zu verschweigen.
Ist denn das Ziel klarer und der Anfang eines Weges gefunden, kommt der zunächst einfache und technische Teil der Beratung - die Tipps zu Ärzten, wer, wie, wo was, Tipps zum Umgang mit Krankenkassen und MDK, Umgang mit Ämtern, Behörden und Gutachtern, wie komme ich an neue Versichertenkarten, Bankkarten etc. etc. Das ist alles wieder vergleichsweise einfach, bis es dann zu den ersten Problemen oder sogar Krisen kommt - weil eben etwas nicht so klappt wie erwartet, weil es doch hier und da Ablehnung gibt, weil die Familie nicht mitspielt, der_die Partner_in sich trennen will, Freunde ausbleiben, das Mobbing im Betrieb beginnt oder einfach nur der MDK zickt oder der_die Therapeut_in doof ist.
Menschen, die dies dann unvorbereitet trifft, fallen möglicherweise aus allen Wolken. Aber Menschen, die um die Gefahren vorher wussten schlucken kurz, reiben sich die Augen, man bedauert gemeinsam den Verlust oder redet sich den Ärger über Ämter, Gutachter oder MDK von der Seele, aber rappelt sich dann wieder auf. Die Berater_in gehört dann hier zu dem Auffangnetz von dem ich sprach, um die Klienten in diesen Situationen mit aufzufangen und den Fall abzumildern. Verständnisvolles Zuhören ist bereits eine große Hilfe, denn viele haben sonst, außer ihrem Therapeuten, oft niemanden, mit dem sie gerade darüber reden können. Auch hier würde ich ganz sicher dann nicht sagen "Ätsch, hatte ich Dir doch vorher gesagt!".
Mein Beratungsziel ist es eindeutig, dass der_die Klient_in im Mittelpunkt steht. Nicht ich, meine Geschichte oder mein Weg und auch nicht andere vorgefertigte Wege. Sondern einzig und allein, wie kann der_die Kleint_in möglichst gut aus der Problemsituation gebracht werden, was sind die besten Möglichkeiten und Optionen, welche Ziele sind realistisch und wie erreichbar und für welche sollte man vielleicht gemeinsam lieber Alternativen suchen. Ich kann nur Türen zeigen, vielleicht auch noch helfen einige davon zu öffnen. Doch die Tür auswählen und hindurch gehen, muss jede_r selbst.
Die ewigen Streitereien in unseren Communities finde ich in diesem Sinne oft unglaublich schlimm. Wann bin ich "echte" TS? Wenn ich dies und jenes tue, dies aber nicht, gehöre ich dann noch dazu? Zu was gehöre ich überhaupt? Schlimm... das ist alles nicht der Punkt, aber der Ausgangspunkt von viel Lied. Es gibt leider eine Menge Gruppenzwänge und Anfeindungen "Wenn Du keine GaOp hattest, bist Du auch keine Frau/Mann!". Für mich ist das völliger Käse. Es geht nicht darum, ob man sich erfolgreich einem Gruppendiktat unterworfen hat, sondern darum, dass man mit sich selbst in Einklang, Würde und glücklich leben kann. Dazu gehört dann alles, was man ganz alleine für sich als wichtig und richtig empfindet - vielleicht abzüglich der Dinge, die leider aus externen Zwängen heraus praktisch nicht realisierbar sind. Aber es sind Entscheidungen, die jede_r für sich treffen muss, binär, nicht-binär, mit OP und ohne OP, mit VÄ/PÄ oder ohne, das ist alles nicht meine Sache, für einen Klienten zu entscheiden oder darauf hin zu wirken. Diese Entscheidungen muss der_die Klientin aus sich selbst heraus treffen. Alles andere wäre einfach falsch.
Liebe Grüße
nicole