Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Verfasst: Di 22. Mär 2016, 17:28
Hinten am Fischstand entdeckte ich Elli, aber sie hatte uns noch nicht gesehen.
"Fast ein Freundes- und Familientreffen", dachte ich und wollte zu ihr hinübergehen und nicht über den ganzen Platz rufen. Schließlich sollte sie mir noch berichten, ob sie in Dänemark gewesen war.
Pfeifentabak hatte sie jedenfalls nicht mitgebracht und mir in den Briefkasten gesteckt.
Antje hatte meinen Blick und den Ansatz einer Bewegung wohl bemerkt und hielt mich zurück:
""¦ wir wollten doch"¦".
Ja, stimmt, wir wollten kochen, aber ein paar Minuten wären doch wohl noch Zeit gewesen.
Jan sah etwas unentschlossen aus und hätte sich bestimmt gefreut, wenn wir ihn zum Essen eingeladen hätten. Ich hatte ja auch noch etwas "gut zu machen".
Doch bevor ich etwas sagten konnte, meinte Antje: "ja, dann noch schönes Wochenende, wir sehen uns bestimmt mal wieder in den nächsten Tagen!"
Jan sah etwas bedröppelt drein, aber wünschte uns etwas säuerlich "dann noch viel Spaß". Die von Antje ausgesprochene Ausladung hätte ich eigentlich wieder rückgängig machen sollen. Fast schämte ich mich für meine fehlende Reaktion, als wir auf dem Rückweg waren, aber die Aussicht auf einen schönen Nachmittag und Abend allein mit Antje milderten mein ungutes Gefühl etwas.
Ja, wir hatten Spaß!
Nach dem Kochen und Essen waren wir in der Stadt unterwegs. Ich zeigte Antje einige Sehenswürdigkeiten und die Plätze, die ich besonders mochte.
Wir fuhren zum Teufelsberg, den wir erklommen.
Sie staunte über den Blick über die Stadt, über die "Marsgebäude" (sie meine die Abhöranlagen der Amerikaner) und über die Drachenflieger, die sich mutig vom Berg hinabstürzten, um dann den Aufwind zu nutzen oder ganz sanft der Landung entgegenzugleiten.
"Berlin gefällt mir", rief sie aus, "hier ist gar nicht überall Stadt!"
Als wir uns an einem Sonntag auf den weiten Weg nach Lübars machten, staunte sie noch mehr: "das ist ja wie auf dem Lande, guck mal, ein richtiger Bauernhof!"
"Hast Du schon mal verkehrte Bauernhöfe gesehen?" fragte ich im Stillen. Sie machten wohl gerade Pause; denn die Schubkarre wartete
auf neue Ladung.
Im Bett waren wir immer noch unersättlich.
Leider gab es auch damals nicht nur Wochenenden; Rio Reiser hatte sich noch nicht als "König von Deutschland" für andere Lösungen stark machen können.
Ich musste wieder zur Schule — und Antje wollte sich um eine Wohnung und um eine Arbeitsstelle bemühen. So waren wir beide tagsüber unterwegs. Wenn wir uns abends in der Wohnung trafen, waren wir froh, uns zu sehen.
Schwieriger war es, wenn ich länger Schule hatte. Die letzten Referate der Praktikanten liefen — und es gab Arbeitsgruppen, die die Klassenfahrt vorbereiten sollten. So passierte es manchmal, dass ich wesentlich später zurückkam als Antje.
Sie saß dann meistens übelgelaunt am Küchentisch und "der Abend war gelaufen".
Einmal war es besonders spät geworden; denn wir hatten die Themen "Waldbrand in der Lüneburger Heide" und "Demo gegen das Atomkraftwerk Brokdorf" auf den Tagesordnungen.
Weil ich in der Foto-AG war, musste ich mich am Thema des großen Brandes beteiligen — und um Atomkraft und eine geplante große Demo ging es der ganzen Klasse.
Statt KLASSE hätte ich auch KOLLEKTIV sagen können; es entstand immer mehr ein "Gemeinschaftsgeist"; wohl im Vorgriff auf die Klassenfahrt, wie ich vermutete. Individualität war noch weniger gefragt als vorher und die Gemeinschaft mischte sich sogar in "persönliche Belange" ein. So fanden viele mein Zusammensein mit Antje als "den alten Verhältnissen folgend" und dass ich die "zu überwindende unterdrückende Mann-Frau-Beziehung" dadurch länger aufrecht erhielt, anstatt mich emanzipatorischen Bezeihungen zu widmen.
Auch eine Mitschülerin bekam "ihr Fett weg", die schon lange mit ihrem Freund zusammen war, sogar schon vor dem Ausbildungsbeginn an unserer Schule.
Ihr wurde gesagt, sie wäre zu inaktiv, wäre noch nie zur Frauengruppe mitgekommen, sie solle sich endlich mal von ihrem Freund lossagen und frei sein.
"Wisst ihr was? Antje ist erst ein paar Tage zu Besuch", sagte ich in einer Rechtfertigungs-Diskussion, die von einem aus der WG angezettelt wurde.
Er ging nicht näher darauf ein, sondern erinnerte mich daran, dass auch immer noch eine Entscheidung FÜR oder GEGEN die Wohngemeinschaft anstand, wie er sich ausdrückte. Mit "ich denke, Karin ist noch nicht ausgezogen", nahm ich ihm ein wenig den Wind aus den Segeln.
Wie freute ich mich auf die AG "Kinderladenpädagogik"; denn in der waren von jeder Klasse nur ein paar MitschülerInnen. Es ging recht locker zu — und an manchen Tagen veranstalteten wir lustige Rollenspiele und spielten einen Elternabend durch. Es ging darum, den Eltern die pädagogischen Ziele des Kinderladens zu vermitteln. Aber auch ganz alltägliche Informationen wurden den "Eltern" nahegebracht. So mussten wir einen Vater darauf aufmerksam machen, dass er noch nichts in die Solidaritätskasse gezahlt hatte.
Nach der AG ging ich noch mit einigen Leuten aus der Nachbarklasse ein Bier trinken.
In der Studentenkneipe ging einer herum und verkaufte Eintrittskarten für "Die Scherben". Ich staunte, "Ton — Steine — Scherben in der Neuen Welt Hasenheide" stand auf der Eintrittskarte.
Da konnte ich von meiner Wohnung aus fast zu Fuß hinlaufen. Ich nahm zwei Karten, um Antje zu überraschen.
Als ich sehr spät — und etwas beschwingt — in die Wohnung zurückkam, war Antje nicht da.
Sie kam zwei Stunden später und schaute sauer drein: "Immer kommst Du so spät".
"Guck mal", ich hielt ihr die Karten hin, "die Scherben spielen in der Hasenheide und ich habe Karten für uns ergattern können".
Sie schien wenig begeistert, "kenn ich nicht!"
"Was, Du kennst nicht einmal 'macht kaputt, was euch kaputt macht?' Na, dann wird es Zeit".
"Außerdem brauchte ich noch Bescheinigungen aus der Klinik", maulte sie herum, "dann kann ich vielleicht im Bezirksamt Tiergarten anfangen!"
"Das klingt doch gut, dann rufe an und lass Dir die Bescheinigungen schicken", riet ich ihr.
"Ja, aber ich möchte lieber hinfahren und sie abholen, kommst Du mit?"
Viel Lust hatte ich nicht, aber ich erklärte mich bereit. Eine Mitschülerin aus meiner Klasse hatte mir schon häufiger ihren Käfer angeboten, falls ich mal ein Auto brauchte. Das Angebot wollte ich nutzen.
Antje war wieder etwas besänftigt und schien sich auch auf das Konzert zu freuen.
"Eine Arbeit hat sie nun in Aussicht", dachte ich, ""¦ und eine Wohnung?"
Ich fragte aber nicht; denn ich wollte mir die gerade zurückeroberten Sympathien nicht gleich wieder verspielen.
Das Konzert gefiel ihr nur so "mittelprächtig". Es war wohl nicht so ganz ihre Musikrichtung. Sie wunderte sich auch darüber, dass Leute aus dem Publikum die Bühne enterten und mit der Gruppe eine Diskussion über politische Inhalte und über "für oder wider SPD" führen wollten. Erst nach längerer Zeit ging das Konzert weiter.
Auch trafen wir Leute von meiner Schule, aber sie hatte kein Interesse an einer Unterhaltung.
Sie ließ sich deutlich anmerken, dass sie meine MitschülerInnen nicht mochte und so lehnten wir ohne weitere Erklärung ab, als jemand fragte: "Kommt ihr noch mit auf ein Bier nachher?"
Unsere kleine Reise bedeutete ein wenig Auflockerung für uns beide — jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich äußerte: "hier fahre ich dann bald schon wieder lang, wenn es auf die Klassenfahrt geht!"
Ich hatte mir wirklich nichts dabei gedacht.
"Ach ja, Du verreist bald mit Deiner Kommune!" Sie musste nichts mehr sagen — ihr Gesichtsausdruck sagte alles. Sie war sauer!
Der Rest der Fahr verlief schweigend.
Sie taute erst auf, als wir die Klinik erreicht hatten.
Da sie einige Jahre dort gearbeitet hatte, stellte man uns im gegenüberliegenden Schwesternheim ein "Besucherzimmer" zur Verfügung, so mussten wir nicht gleich zurückfahren.
Die Bescheinigungen bekam sie gleich ausgehändigt. Das schien ihre Laune erheblich zu verbessern.
Es wurde ein richtig netter Abend, den wir erst mit ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen verbrachten und dann mit uns.
Wir waren uns ganz zugetan, fast wie am ersten Abend.
"Sie ist eigentlich doch ganz nett", dachte ich mir, kurz bevor ich einschlief, "sie kommt nur nicht immer dazu!".
Am nächsten Morgen lief mir die Psychologin über den Weg, als ich in der Kantine eine Zeitung holen wollte. Sie zog mich gleich in ihr Büro. Sicherlich hätte ich Antje etwas sagen müssen; denn sie wartete noch in unserem Zimmer.
Die Psychologin fragte mich lachend, was "meine Sinuskurve" machen würde, "unten oder oben?"
"Ich glaube nicht, dass an Ihrer Theorie etwas dran ist", sagte ich zu ihr, "die Kurve ist hoch oben und ich spüre überhaupt keinen Grund, warum sich das ändern sollte!"
"Hast Du denn nicht"¦",
Ich fiel ihr ins Wort, denn ich antwortete schnell, viel zu schnell; dabei wollte ich nicht unhöflich sein: "Nur selten habe ich Frauensachen angezogen, aber meistens nur aus rein technischen Notwendigkeiten!"
Sie guckte fragend, "technische Notwendigkeiten??? Und Deine Gefühle und Gedanken?"
"Nein, wirklich nur rein technisch, wie so eine Art Verkleidung", log ich, doch dann setzte ich zögernd fort, leicht errötend: "einmal, ich hatte so ein Penthouse-Heft"¦".
"Selbstbefriedigung ist ganz normal!" gab sie zur Antwort.
"Nein, das ist es nicht!"
Ich beschrieb ihr die Situation genauer. Schließlich verstand sie, dass es nicht um Selbstbefriedigung ging und wie ich es meinte.
"Nächste Woche kommt der zweite Fragebogen — und wegen der BH-Frage werde ich mich mal umhören".
Sie lächelte aufmunternd, "Wirst Du zum Jahrestreffen kommen?"
Ich wollte es mir überlegen.
""¦ und eine medizinische Untersuchung?"
"Mal sehen!"
Ich verabschiedete mich.
Lange hatte unser Gespräch nicht gedauert.
Trotzdem empfing mich Antje mit einem Gesichtsausdruck, zu dem mir nur "wenn Blicke töten könnten" einfiel. "Nun würde ich meine Sinuskurve doch etwas anders beurteilen", dachte ich und musste über meinen Gedanken schmunzeln.
"Was, Du lachst noch? Das ist das Allerletzte! Wo warst Du?"
Ich erzählte ihr, dass ich auf dem Weg zur Kantine die Psychologin getroffen hatte und dass sich ein kurzes Gespräch entwickelt hätte.
"Kurzes Gespräch?! Du hängst ewig mit der Psychotante rum und lässt mich hier warten.
Was willst Du überhaupt von der, die hat doch selber 'n Rad ab!"
Darauf gab ich keine Antwort, sondern nahm unsere Tasche und sagte: "komm, lass uns fahren. Gibst Du die Schlüssel ab?"
"Fast ein Freundes- und Familientreffen", dachte ich und wollte zu ihr hinübergehen und nicht über den ganzen Platz rufen. Schließlich sollte sie mir noch berichten, ob sie in Dänemark gewesen war.
Pfeifentabak hatte sie jedenfalls nicht mitgebracht und mir in den Briefkasten gesteckt.
Antje hatte meinen Blick und den Ansatz einer Bewegung wohl bemerkt und hielt mich zurück:
""¦ wir wollten doch"¦".
Ja, stimmt, wir wollten kochen, aber ein paar Minuten wären doch wohl noch Zeit gewesen.
Jan sah etwas unentschlossen aus und hätte sich bestimmt gefreut, wenn wir ihn zum Essen eingeladen hätten. Ich hatte ja auch noch etwas "gut zu machen".
Doch bevor ich etwas sagten konnte, meinte Antje: "ja, dann noch schönes Wochenende, wir sehen uns bestimmt mal wieder in den nächsten Tagen!"
Jan sah etwas bedröppelt drein, aber wünschte uns etwas säuerlich "dann noch viel Spaß". Die von Antje ausgesprochene Ausladung hätte ich eigentlich wieder rückgängig machen sollen. Fast schämte ich mich für meine fehlende Reaktion, als wir auf dem Rückweg waren, aber die Aussicht auf einen schönen Nachmittag und Abend allein mit Antje milderten mein ungutes Gefühl etwas.
Ja, wir hatten Spaß!
Nach dem Kochen und Essen waren wir in der Stadt unterwegs. Ich zeigte Antje einige Sehenswürdigkeiten und die Plätze, die ich besonders mochte.
Wir fuhren zum Teufelsberg, den wir erklommen.
Sie staunte über den Blick über die Stadt, über die "Marsgebäude" (sie meine die Abhöranlagen der Amerikaner) und über die Drachenflieger, die sich mutig vom Berg hinabstürzten, um dann den Aufwind zu nutzen oder ganz sanft der Landung entgegenzugleiten.
"Berlin gefällt mir", rief sie aus, "hier ist gar nicht überall Stadt!"
Als wir uns an einem Sonntag auf den weiten Weg nach Lübars machten, staunte sie noch mehr: "das ist ja wie auf dem Lande, guck mal, ein richtiger Bauernhof!"
"Hast Du schon mal verkehrte Bauernhöfe gesehen?" fragte ich im Stillen. Sie machten wohl gerade Pause; denn die Schubkarre wartete
auf neue Ladung.
Im Bett waren wir immer noch unersättlich.
Leider gab es auch damals nicht nur Wochenenden; Rio Reiser hatte sich noch nicht als "König von Deutschland" für andere Lösungen stark machen können.
Ich musste wieder zur Schule — und Antje wollte sich um eine Wohnung und um eine Arbeitsstelle bemühen. So waren wir beide tagsüber unterwegs. Wenn wir uns abends in der Wohnung trafen, waren wir froh, uns zu sehen.
Schwieriger war es, wenn ich länger Schule hatte. Die letzten Referate der Praktikanten liefen — und es gab Arbeitsgruppen, die die Klassenfahrt vorbereiten sollten. So passierte es manchmal, dass ich wesentlich später zurückkam als Antje.
Sie saß dann meistens übelgelaunt am Küchentisch und "der Abend war gelaufen".
Einmal war es besonders spät geworden; denn wir hatten die Themen "Waldbrand in der Lüneburger Heide" und "Demo gegen das Atomkraftwerk Brokdorf" auf den Tagesordnungen.
Weil ich in der Foto-AG war, musste ich mich am Thema des großen Brandes beteiligen — und um Atomkraft und eine geplante große Demo ging es der ganzen Klasse.
Statt KLASSE hätte ich auch KOLLEKTIV sagen können; es entstand immer mehr ein "Gemeinschaftsgeist"; wohl im Vorgriff auf die Klassenfahrt, wie ich vermutete. Individualität war noch weniger gefragt als vorher und die Gemeinschaft mischte sich sogar in "persönliche Belange" ein. So fanden viele mein Zusammensein mit Antje als "den alten Verhältnissen folgend" und dass ich die "zu überwindende unterdrückende Mann-Frau-Beziehung" dadurch länger aufrecht erhielt, anstatt mich emanzipatorischen Bezeihungen zu widmen.
Auch eine Mitschülerin bekam "ihr Fett weg", die schon lange mit ihrem Freund zusammen war, sogar schon vor dem Ausbildungsbeginn an unserer Schule.
Ihr wurde gesagt, sie wäre zu inaktiv, wäre noch nie zur Frauengruppe mitgekommen, sie solle sich endlich mal von ihrem Freund lossagen und frei sein.
"Wisst ihr was? Antje ist erst ein paar Tage zu Besuch", sagte ich in einer Rechtfertigungs-Diskussion, die von einem aus der WG angezettelt wurde.
Er ging nicht näher darauf ein, sondern erinnerte mich daran, dass auch immer noch eine Entscheidung FÜR oder GEGEN die Wohngemeinschaft anstand, wie er sich ausdrückte. Mit "ich denke, Karin ist noch nicht ausgezogen", nahm ich ihm ein wenig den Wind aus den Segeln.
Wie freute ich mich auf die AG "Kinderladenpädagogik"; denn in der waren von jeder Klasse nur ein paar MitschülerInnen. Es ging recht locker zu — und an manchen Tagen veranstalteten wir lustige Rollenspiele und spielten einen Elternabend durch. Es ging darum, den Eltern die pädagogischen Ziele des Kinderladens zu vermitteln. Aber auch ganz alltägliche Informationen wurden den "Eltern" nahegebracht. So mussten wir einen Vater darauf aufmerksam machen, dass er noch nichts in die Solidaritätskasse gezahlt hatte.
Nach der AG ging ich noch mit einigen Leuten aus der Nachbarklasse ein Bier trinken.
In der Studentenkneipe ging einer herum und verkaufte Eintrittskarten für "Die Scherben". Ich staunte, "Ton — Steine — Scherben in der Neuen Welt Hasenheide" stand auf der Eintrittskarte.
Da konnte ich von meiner Wohnung aus fast zu Fuß hinlaufen. Ich nahm zwei Karten, um Antje zu überraschen.
Als ich sehr spät — und etwas beschwingt — in die Wohnung zurückkam, war Antje nicht da.
Sie kam zwei Stunden später und schaute sauer drein: "Immer kommst Du so spät".
"Guck mal", ich hielt ihr die Karten hin, "die Scherben spielen in der Hasenheide und ich habe Karten für uns ergattern können".
Sie schien wenig begeistert, "kenn ich nicht!"
"Was, Du kennst nicht einmal 'macht kaputt, was euch kaputt macht?' Na, dann wird es Zeit".
"Außerdem brauchte ich noch Bescheinigungen aus der Klinik", maulte sie herum, "dann kann ich vielleicht im Bezirksamt Tiergarten anfangen!"
"Das klingt doch gut, dann rufe an und lass Dir die Bescheinigungen schicken", riet ich ihr.
"Ja, aber ich möchte lieber hinfahren und sie abholen, kommst Du mit?"
Viel Lust hatte ich nicht, aber ich erklärte mich bereit. Eine Mitschülerin aus meiner Klasse hatte mir schon häufiger ihren Käfer angeboten, falls ich mal ein Auto brauchte. Das Angebot wollte ich nutzen.
Antje war wieder etwas besänftigt und schien sich auch auf das Konzert zu freuen.
"Eine Arbeit hat sie nun in Aussicht", dachte ich, ""¦ und eine Wohnung?"
Ich fragte aber nicht; denn ich wollte mir die gerade zurückeroberten Sympathien nicht gleich wieder verspielen.
Das Konzert gefiel ihr nur so "mittelprächtig". Es war wohl nicht so ganz ihre Musikrichtung. Sie wunderte sich auch darüber, dass Leute aus dem Publikum die Bühne enterten und mit der Gruppe eine Diskussion über politische Inhalte und über "für oder wider SPD" führen wollten. Erst nach längerer Zeit ging das Konzert weiter.
Auch trafen wir Leute von meiner Schule, aber sie hatte kein Interesse an einer Unterhaltung.
Sie ließ sich deutlich anmerken, dass sie meine MitschülerInnen nicht mochte und so lehnten wir ohne weitere Erklärung ab, als jemand fragte: "Kommt ihr noch mit auf ein Bier nachher?"
Unsere kleine Reise bedeutete ein wenig Auflockerung für uns beide — jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich äußerte: "hier fahre ich dann bald schon wieder lang, wenn es auf die Klassenfahrt geht!"
Ich hatte mir wirklich nichts dabei gedacht.
"Ach ja, Du verreist bald mit Deiner Kommune!" Sie musste nichts mehr sagen — ihr Gesichtsausdruck sagte alles. Sie war sauer!
Der Rest der Fahr verlief schweigend.
Sie taute erst auf, als wir die Klinik erreicht hatten.
Da sie einige Jahre dort gearbeitet hatte, stellte man uns im gegenüberliegenden Schwesternheim ein "Besucherzimmer" zur Verfügung, so mussten wir nicht gleich zurückfahren.
Die Bescheinigungen bekam sie gleich ausgehändigt. Das schien ihre Laune erheblich zu verbessern.
Es wurde ein richtig netter Abend, den wir erst mit ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen verbrachten und dann mit uns.
Wir waren uns ganz zugetan, fast wie am ersten Abend.
"Sie ist eigentlich doch ganz nett", dachte ich mir, kurz bevor ich einschlief, "sie kommt nur nicht immer dazu!".
Am nächsten Morgen lief mir die Psychologin über den Weg, als ich in der Kantine eine Zeitung holen wollte. Sie zog mich gleich in ihr Büro. Sicherlich hätte ich Antje etwas sagen müssen; denn sie wartete noch in unserem Zimmer.
Die Psychologin fragte mich lachend, was "meine Sinuskurve" machen würde, "unten oder oben?"
"Ich glaube nicht, dass an Ihrer Theorie etwas dran ist", sagte ich zu ihr, "die Kurve ist hoch oben und ich spüre überhaupt keinen Grund, warum sich das ändern sollte!"
"Hast Du denn nicht"¦",
Ich fiel ihr ins Wort, denn ich antwortete schnell, viel zu schnell; dabei wollte ich nicht unhöflich sein: "Nur selten habe ich Frauensachen angezogen, aber meistens nur aus rein technischen Notwendigkeiten!"
Sie guckte fragend, "technische Notwendigkeiten??? Und Deine Gefühle und Gedanken?"
"Nein, wirklich nur rein technisch, wie so eine Art Verkleidung", log ich, doch dann setzte ich zögernd fort, leicht errötend: "einmal, ich hatte so ein Penthouse-Heft"¦".
"Selbstbefriedigung ist ganz normal!" gab sie zur Antwort.
"Nein, das ist es nicht!"
Ich beschrieb ihr die Situation genauer. Schließlich verstand sie, dass es nicht um Selbstbefriedigung ging und wie ich es meinte.
"Nächste Woche kommt der zweite Fragebogen — und wegen der BH-Frage werde ich mich mal umhören".
Sie lächelte aufmunternd, "Wirst Du zum Jahrestreffen kommen?"
Ich wollte es mir überlegen.
""¦ und eine medizinische Untersuchung?"
"Mal sehen!"
Ich verabschiedete mich.
Lange hatte unser Gespräch nicht gedauert.
Trotzdem empfing mich Antje mit einem Gesichtsausdruck, zu dem mir nur "wenn Blicke töten könnten" einfiel. "Nun würde ich meine Sinuskurve doch etwas anders beurteilen", dachte ich und musste über meinen Gedanken schmunzeln.
"Was, Du lachst noch? Das ist das Allerletzte! Wo warst Du?"
Ich erzählte ihr, dass ich auf dem Weg zur Kantine die Psychologin getroffen hatte und dass sich ein kurzes Gespräch entwickelt hätte.
"Kurzes Gespräch?! Du hängst ewig mit der Psychotante rum und lässt mich hier warten.
Was willst Du überhaupt von der, die hat doch selber 'n Rad ab!"
Darauf gab ich keine Antwort, sondern nahm unsere Tasche und sagte: "komm, lass uns fahren. Gibst Du die Schlüssel ab?"