Joo hat geschrieben: Di 21. Jul 2026, 12:33
Jaddy hat geschrieben: Mo 20. Jul 2026, 21:37Vielleicht möchtest du hier noch mal auf Projektion deines eigenen Kopfkinos prüfen und wie du darauf kommst, dass "weggenommen" statt (freiwillig) weggegeben wird. [...] Lass mal alle deine persönlichen Emotionen da raus und nimm an, dass andere - eine Leihmutter - das völlig anders empfindet.
Ich denke schon, dass „weggenommen“ der richtige Begriff ist. Denn im Falle der bezahlten Leihmutterschaft wird ja ein Mensch ohne Mitspracherecht zur Sache degradiert und zur Handelsware mit vertraglich verbrieftem Eigentumsvorbehalt für den Käufer gemacht. Ein meiner Meinung nach völlig absurdes Konstrukt, was zu Recht hier in der Bundesrepublik nicht erlaubt ist. Um es deutlich zu sagen, ich rede hier von der bezahlten Leihmutterschaft. Ob man hier überhaupt in allen Fällen von Freiwilligkeit reden kann, möchte ich mal dahingestellt lassen.
Du nimmst hier vor allem die Perspektive des Kindes an, wenn ich das recht verstehe. Ich möchte aber zuerst noch mal auf den Unterschied zwischen "weggenommen" und "weggegeben" eingehen. Das eine ist passiv - jemandem wird von etwas genommen -, das andere ist vom Sinn her selbstbestimmter Akt. Natürlich gibt es erhebliche Grauzonen von Selbstbestimmtheit aufgrund systemimmanenter Zwänge aka Kapitalismus usw. So wie bei jeder Art entlohnter Tätigkeit. (Auch hier wieder bitte mal genau untersuchen, welche Emotionen und Projektionen das eigenen Nachdenken unbewusst einfärben)
Mir ist aber wichtig, dass Leihmütter nicht pauschal als fremdbestimmt gerahmt werden, sondern zB durchaus rational ihre Situation und Möglichkeiten einschätzen und die für sich optimale Lösung wählen. Gleichzeitig sollten wir nicht pauschal ausschliessen, dass sich Rücktrittsrecht zu jedem Zeitpunkt, Mitsprache- und Kontaktrecht, spätere Kontaktaufnahme usw durchaus gesetzlich regeln liessen. Wenn denn die Leihmütter das überhaupt wollen. Kurz: Mir scheint deine Perspektive nicht die ganze Bandbreite an Möglichkeiten für die Leihmütter und die Kinder zu berücksichtigen. Es ist nachvollziehbar, dass das ganze Thema dadurch extrem negativ aussieht.
Ich möchte die Situation auch durchdenkend vergleichen mit der üblichen Empfehlung von Anti-Abtreibungs-Gruppen, wo Schwangere das Kind austragen und dann zur (anonymen) Adoption freigeben sollen. Ebenfalls ein Kind, ebenfalls bereits vor der Geburt zur Adoption fremdbestimmt, auch unter dem Einfluss von Dritten, und das sogar mit einem ungewissen Ausgang, sprich: Ob und welche Eltern sich finden werden. Sollte dies also verboten werden, weil das Kind später unter seinem Adoptivstatus leiden könnte? Wodurch genau wird dieses Leid verursacht? (Hint: vor allem durch jene Menschen in seinem Umfeld, die "Weggabe" und Adoption als negatives Schicksal framen)
Ändern wir dieses Szenario ein wenig ab. Zum Beispiel wenn eine "pro-life" Agentur als Vermittlung auftritt, die adoptionswillige Elter(n) bereits vorgeburtlich mit den (ungewollt) Schwangeren in Kontakt bringt. Die zukünftige(n) Elter(n) (oder die Agentur) bezahlen die Kosten während der Schwangerschaft und Geburt, um die ungewollt(!) Schwangere zu entlasten. Das ganze wird vertraglich geregelt, so dass die Adoptiv-Elter(n) nicht einfach abspringen können. Umgekehrt lässt der Vertrag die Option offen, dass die Schwangere ohne Nachteile und Kosten das Kind behalten kann, oder später Kontakt aufnehmen (das Kind auch).
In wiefern unterscheidet sich dieses Modell von einer Leihmutterschaft, wo die Person gewollt schwanger wird? Wer nimmt wem etwas weg, wer gibt selbstbestimmt etwas ab, wie steht es um die Freiwilligkeit? Und um auf das Kind zurückzukommen: Wo ist hier der prinzipielle Unterschied?
Du schreibst "Die Zeit der Schwangerschaft und Geburt mit Arbeit gleich zu setzen, halte ich schon für sehr verwegen. ... Werkvertrag, obwohl es um Menschen geht, um Gefühle, um Empathie, um einen nicht statischen Entwicklungsprozess bei der Mutter, dessen Ende offen ist". Ja, das ist eine emotionale Perspektive. Es ist aber keineswegs die einzige. Nicht jede potenziell Schwangere teilt dieses Bild.
Ich möchte neben dem möglichen Bild selbstbestimmte, eher rationale Leihmütter ("weil ich's kann") auch das von Frauen stellen, die einfach gerne schwanger sind und Kinder in die Welt bringen ("weil ich's will"). Nicht für sich, sondern gerne für andere. Insbesondere wenn jene keine eigenen bekommen können. Wie gesagt: Ich kenne eine solche Frau persönlich und finde ihre Freude und Leidenschaft beeindruckend, glaubhaft und nachvollziehbar, auch wenn das überhaupt nicht meins wäre, selbst wenn ich schwanger werden könnte.
Joo hat geschrieben: Di 21. Jul 2026, 12:33Und was ist das für eine Arbeit – eine Frauenarbeit! Kein Mann kann sie erledigen. Ein ähnliches Anforderungsprofiel finde ich nur in der weiblichen Prostitution. Da wird auch immer viel von Freiwilligkeit geredet. Ob das stimmt oder nicht kann man aber, sobald Geld im Spiel ist, nicht mehr wirklich sagen.
Gute Analogie. Zwei Punkte dabei. Zum einen ist nicht jede Tätigkeit, die nur von Frauen erledigt werden kann automatisch sexistische Ausbeutung oder Unterdrückung. Die Überspitzung wäre ja, Frauen zu ihrem eigenen Schutz generell alle Tätigkeiten zu verbieten, die nur sie ausüben können. Das hiesse, ihnen in bester Absicht ihre speziellen Auswege innerhalb der kapitlalistischen Gesellschaftsordnung zu nehmen - statt die Lebensverhältnisse so zu gestalten, dass gerade die Zwangslagen vermieden werden, die Frauen nur diese Optionen lassen. Fände ich ziemlich scheinheilig, weil gleichzeitig der bekannte gender pay gap vor allem dadurch entsteht, dass Frauen weniger befördert und wenig gut bezahlt werden, und häufig eben nur "Frauenjobs" bekommen.
Punkt zwei: Doch, das lässt sich auch bei Geld im Spiel ziemlich klar sagen. Aber nur im Einzelfall, nicht pauschal. Ich hab da wieder den Vorteil, dass ich Leute wie Undine ([
1], [
2]) seit mehr als zwanzig Jahren privat kenne. Ganz fantastischer Mensch, Mensa-Mitglied, brillianter Geist. Im Job unglaublich kreativ, wandlungsfähig, kundenorientiert und empathisch. Nein, ich war nie Kundy

Ihr Business, ein ausschliesslich von Frauen betriebenes Domina-Studio, wurde durch die Prostitutions-Gesetze dann verunmöglicht. Nun sind alle ehemaligen Beschäftigten inkl Hauspersonal wieder einzeln tätig. In meinem Umfeld sind durch sie vielleicht überproportional Sexarbeiterinen und sicher überproportional viele "bürgerliche", mit Ausbildungen in diversen Berufen, anderen Jobs davor, danach oder währenddessen. Also ja: selection bias meinerseits.
Ich möchte damit aber auch bei dieser Analogie darauf hinweisen, dass nicht die Tätigkeit an sich das Problem ist, sondern wie damit und mit den Beteiligten umgegangen wird. Ihnen wird quasi keine Möglichkeit einer legalen, geschützten Tätigkeit gelassen. Sie können den Job aufgeben oder in die Semi-Legalität. Es werden nicht die Probleme und Auswüchse bekämpft, sondern die Beschäftigten. Alles mit vorgeblich besten Absichten, aber letztlich nur aufgrund von Projektionen und mangelndem praktischen Wissen.