Alyssa hat geschrieben: Mi 13. Okt 2021, 13:15
Aber Sprache ist historisch, Kultur. Das erkennt jeder ohne tiefere Kenntnisse dazu. Mir kommt es so vor als wenn man nicht besseres zu tun hat als unsere Kultur auf den Kopf zu stellen.
Hallo, Alyssa.
Ich muss dir da unbedingt zustimmen:
Sprache ist historisch. Aber was heißt das eigentlich?
Jede Generation eignet sich in einem mühsamen Lernprozess eine Sprache an. Wenn wir etwas von dem, was wir da gelernt haben, wieder aufgeben sollen, leisten wir hartnäckig Widerstand. Verständlicherweise. Die Sprache, so wie wir sie gelernt haben, fühlt sich einfach richtig an. Das Neue dagegen falsch.
Wenn Leute sich wirklich große Mühe gegeben haben, ihre Sprache richtig zu lernen, sind Veränderungen für sie immer dasselbe: Verfall und Niedergang. Auch das kann man verstehen. Denn die Veränderungen SIND tatsächlich ein Niedergang der Hochkultur, in der wir jeweils aufgewachsen sind. Die schönen Regeln, das ganze wunderbare Gebilde der Sprache — da kommen irgendwelche jungen Leute mit irgendwelchen Modewörtern, mit Anglizissssmen und Internetkauderwelsch: Wie soll man das ernst nehmen?
Der konservative Standpunkt ist nachvollziehbar. Aber auch immer ein bisschen lächerlich. Die Klagen über Sprachverfall hast du in jeder Generation. In jeder. Das kannst du jahrhundertelang zurückverfolgen. Ein wenig mehr Reflexion über diese Haltung, ein wenig mehr Bewusstsein für die
Historizität von Sprache wäre hilfreich.
Sprache ist viel stärker im Wandel begriffen, als uns das bewusst ist. Unser Zeithorizont reicht nicht allzu weit. Evolution merken wir auch nicht, wir wissen nur, dass sie stattfindet.
Und vielleicht wäre zur Abwechslung auch mal eine andere Haltung möglich? Wir haben es hier mit Sprachevolution in Echtzeit zu tun. Das ist eigentlich eine spannende Sache, bei der man auch an sich selbst Beobachtungen machen kann. Beispiel. Vor einiger Zeit (14.02.21) brachte der Spiegel einen seiner Artikel zur
Kritik an Gender-Sprache, in dem u. a. die "abenteuerliche Kreation"
Gästin erwähnt wurde. Du rollst jetzt sicher mit den Augen? Für mich (Babyboomer-Jahrgang) hört sich dieser Neologismus auch ziemlich schräg an. Mein intuitives Urteil war klar: Wer von
Gästinnen redet, beherrscht die deutsche Sprache nicht. Aber seltsam. Ab und zu begegnet mir das Wort neuerdings bei Webtalks, in Rundschreiben, und ich merke: Es gibt Leute, die benutzen es einfach. Denen ist schnuppe, dass es für mich befremdlich klingt. Und diese Leute sind im Schnitt deutlich jünger als ich. Die
Gästin hat ganz gute Chancen, in ein paar Jahrzehnten ganz selbstverständlich dazuzugehören. Es kommt auf die nächsten Generationen an, auf die jungen Leute. Sprachwandel eben. Die Dudenredaktion hat jedenfalls schon mal reagiert und die
Gästin aufgenommen.
Klar, der Duden ist auch nicht mehr, was er mal war.
Dagegen ist die Sprachevolution genau das, was sie schon immer war. Und sie findet einfach statt, ob die Mehrheit der Leute, auf die du dich so gern beziehst, das nun will oder nicht.
Noa