Hallo Svenja,
obgleich es bei mir nie um Crossdressen, sondern von der ersten Minute an gleich um
Transidentität (wenn schon Schublade, dann passt diese möglicherweise noch am besten) ging, kommt mir vieles von dem, was du schreibst, sehr bekannt vor. Nur bin ich schon etwas weiter und meine Frau und ich stehen unmittelbar vor der Trennung, nachdem die gesamte Familie - salopp ausgedrückt - über den Jordan gegangen ist, weil ich nach deren Ansicht nicht leben darf, wie ich bin.
Dass ich seit über einem halben Jahr nur noch als äußere Frau im Alltag und Beruf (vorher war es ausschließlich in der Freizeit) unterwegs bin und dabei auf keinerlei Probleme (abgesehen von den falschen Papieren) stoße, interessiert in der Familie niemanden. Sie erklären alle anderen und mich kurzerhand für
total verrückt und das war's. So einfach kann die Welt solcher Menschen sein ...
sbsr hat geschrieben: So 1. Apr 2018, 23:30
Außerdem hat sie alles, wirklich alles was momentan bei uns nicht so läuft, wie sie das gerne hätte, darauf zurück geführt, dass ich kein richtiger Mann bin. Bis hin, dass ich ihr nie Komplimente mache, ich sie also scheinbar nur als Alibi geheiratet habe. Auch darauf war ich vorbereitet, wusste eine Antwort, aber sie hat sich selbst alles schlecht geredet.
Das kann ich in der Tat unterschreiben! Irgendwie scheint diese Unlogik bei Partnerinnen, die mit CD,TV, TG ... konfrontiert werden, fest verdrahtet zu sein.
Es tut wirklich sehr, sehr weh, wenn einfach alles nachträglich in den Dreck gezogen wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich dabei um das Kennenlernen, Urlaub, gemeinsame Projekte, Kindererziehung oder den neun Monate währenden erfolgreichen (!!) Versuch, meine Transidentität im Familienleben zu integrieren, handelt.
Ich kann dich "trösten", dass wenigstens ev. Vorwürfe wegen deines jahrelangen Versteckspiels nachvollziehbar sind. Denn hättest du das nicht getan, würdest du höchstwahrscheinlich
trotzdem damit konfrontiert: Ich höre die gleichen Vorwürfe, obwohl ich nie was versteckt habe, weil ich gar nichts von meiner wahren Identität wusste und bzgl. Damenkleidung eine Art Schranke im Kopf hatte. Ich hätte die Frau in mir arglisitg verschwiegen (obwohl seit Kleinkindalter traumatisch verdrängt gem. Psychologen) und sogar das Umkippen meines Hormonhaushalts absichtlich gesteuert (HET begann ich erst danach). Mit so etwas könnte ich in einer "Langzeit-Zaubershow" auftreten.
Nur so viel dazu, mit welchen "Argumenten" derart verletzte und enttäuschte Partnerinnen um sich werfen.
Dafür könnte ich sogar noch eine Art Verständnis haben, weil ich nicht wüsste, inwieweit mein Verstand noch funktionieren würde, falls ich bei ihr mit Trans* überrascht worden wäre. Doch als Nächstes kommt das lapidare
Verbot, so zu leben, wie man ist. Und da endet dann bei mir jegliches Verständnis. Erst recht, wenn diese aberwitzige Forderung auch ganz selbstverständlich von den "lieben Verwandten" aufgestellt wird, als gäbe es nichts Natürlicheres, einem Menschen sein Recht auf Selbstbestimmung abzusprechen.
sbsr hat geschrieben: So 1. Apr 2018, 23:30
Trotzdem muss ich meine Sachen weiterhin verstecken, muss mich trotzdem im Auto Schminken und umziehen, weil sie absolut nichts davon wissen will. Es wird nicht einfacher, sondern nur noch schwieriger, weil ab sofort die ganze Woche vorher und das ganze Wochenende nach einem Stammtischbesuch ein Spießrutenlauf werden wird.
Nö, musst du nicht. Ich behaupte ganz kess das Gegenteil. Ehrlichkeit und Vertrauen sind wichtige Eckpfeiler in jeder Beziehung. Beides hast du durch dein Coming Out bewiesen. Wenn das Ergebnis der Ehrlichkeit deiner Partnerin nicht passt, ist das in erster Linie ihr Problem. Schon hier beginnt der Machtkampf, das Kräftemessen, inwieweit du bereit bist, dich ihren Anordnungen zu fügen. Wie du dich dabei fühlst, weiter zu verheimlichen und unehrlich zu sein, dich obendrein selbst zu verleugnen, spielt - wie so oft in solchen Fällen - keine Rolle.
Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, wie sehr es die Partnerin nervt, ständig mit der "neuen" Frau konfrontiert zu sein, sei es nun der bloße Anblick der Person, die Schubladen voller Kosmetik und Schminkzeug im Bad, die zurechtgelegten Sachen (besonders BH und Rock) für den nächsten Arbeitstag usw.
Es mag zynisch klingen, aber falls wie bei mir die Trennung bevorsteht, dann können diese Dinge das Vorhaben sehr motivieren und beschleunigen. Denn gerade dann, wenn die Frau keinerlei Eigentum an der Ehewohnung hat, droht das Vorhaben Auszug ein wenig zu schleifen. Bei einem gemeinsamen Hausbau (wie bei euch?) mag das freilich anders aussehen und du solltest dich schon jetzt gründlich mit dem Scheidungsrecht in Bezug auf Nutzungsvergütung, Wohnungszuweisung und Kinder beschäftigen, insoweit ihr verheiratet seid ...
sbsr hat geschrieben: So 1. Apr 2018, 23:30
Ihre Angst, es bleibt nicht bei nur Damenkleidung tragen, und die Angst ich werde erkannt und wir müssen von hier weg ziehen, weil sich das ganze Dorf über uns lustig macht, diese beiden Ängste sind so stark, dass ich nicht dagegen ankam.
Das "Fremdschämen" ist ein sehr komplexes Thema, das im Forum schon anderswo ausführlich diskutiert wurde.
Trauriger Fakt bei der Sache ist, dass es deiner Partnerin, die dich immerhin liebt (?), ausschließlich wichtig ist, dass andere - namentlich die gar gottesfürchtige, allwissende Dorfbevölkerung mit ihren stinkenden Leichen im Keller - zufrieden gestellt werden, egal, wie es dir dabei geht. Dass man als Familie, die sich liebt, auch zusammenstehen und schwierige Situationen gemeinsam lösen kann, wird noch nicht mal als Option gesehen!
Werden vielleicht irgendwann deine Überreste von den Gleisen gekratzt, kommt die abgedroschene, von scheinheiligem Kopfschütteln begleitete Frage:
"Wie konnte das nur passieren?"
sbsr hat geschrieben: So 1. Apr 2018, 23:30
Am liebsten würde ich alles in die Tonne werfen und sagen, sieh her, Du bist mir wichtiger als die Klamotten. Aber dann gehe ich kaputt, zu viel hat die Frau in mir begonnen zu leben. So weit hätte es nie kommen dürfen.
Dieses Mal scheint es ganz anders zu sein als mit Latex und Gummi - oder?
Damit dürfte das Vorhaben
Mülltonne nicht in Betracht kommen. Du kannst dich schließlich schlecht selbst hineinwerfen.
Meine Frau beschäftigte sich anfangs sehr intensiv mit dem Thema Transidentität, las im Internet, sah Reportagen und sprach mit ihren engsten Freundinnen. Es gab eine Zeit, in der sie zugab, dass solche Menschen tatsächlich keine Wahl haben, dass sie sich diese Sache keinesfalls ausgesucht hätten und schlichtweg ihr Überleben davon abhing. Aber all das ist Vergangenheit. Sie blockt jede Info ab. Wenn die Freundinnen damals meinten, "was denn nun so schlimm daran wäre", kotzt es sie nur noch maßlos an. Jede halbwegs neutrale oder gar fürsprechende Information wird komplett ignoriert.
Ich schreibe das nur, um dir die minimalen Erfolgsaussichten darzustellen, falls du vorhaben solltest, deine Partnerin umfangreicher an das Thema Trans* heranzuführen. Aber so wie du es schilderst, wird sie es sich vermutlich ebenso verbitten, wie überhaupt künftig jemals mit deiner "Sache" konfrontiert zu werden.
Die Entscheidung musst du selbst und nicht deine Partnerin treffen.
Insoweit hatte ich Glück, denn mich hat
es quasi überrollt, ohne die Chance, jemals in der Lage gewesen zu sein, eine Wahl zu haben. Der (Über-)Lebenswille hatte sich innerhalb kürzester Zeit durchgesetzt.
LG
Semele
