Seite 6 von 13

Re: Ostwind

Verfasst: Mo 3. Okt 2016, 10:34
von Anne-Mette
Der Termin für die Hochzeit steht fest.
Sie soll schon bald sein; denn schließlich soll Mechthild mit ihrem wachsenden Bauch in ein schönes Hochzeitskleid passen.
Hein hat Überstunden gemacht. Das Geld hat er sich "auf die Hand" auszahlen lassen; das ist seine Hochzeitskasse.
Es ist vorteilhaft, sich mit dem Chef gut zu stellen. Ganz von allein hat er Hein angeboten, die Maschinenhalle für den Polterabend benutzen zu dürfen. Auch die Getränke werden über die Firma bei Möller bestellt; dann sind sie günstiger.
Es fügt sich alles schön zusammen — aber es schließt sich auch ein Kreis um ihn, vom dem er noch nicht weißt, wie einengend der sein wird!
Er ist schon gespannt, wie Hedwig in dem Hochzeitskleid aussehen wird. Gut: jemand aus der Flensburger Verwandtschaft ist Schneiderin und wird aus "gesparten" Stoffen ein schönes Kleid zaubern.

Hedwig stellt das Auto wieder ab. Erst will sie Willi das "Ausleihen" erklären, einen Moment überlegt sie auch, sich die Schrotflinte mitzunehmen, mit der sie im Winter zu schießen gelernt hat und den jungen Arzt damit zum Teufel zu jagen.
Aber sie fühlt schon: Ullis Windel ist mehr als nass und gibt die Feuchtigkeit an die Hose ab. Das Kind quengelt und ist sicher froh, wenn sie endlich nach Hause gehen.
Als sie das Zelt sieht, das immer noch vor dem Haus steht, muss sie gleich wieder daran denken, was sie in den letzten Stunden durchlitten hat.
Und Ulli? Sie werden dem Kind doch wohl nichts angetan haben?

Magda ist inzwischen einigermaßen wach, guckt schuldbewusst.
Sie greift nach Ulli.
Hedwig zögert einen Moment. Soll sie das Kind ihrer Mutter in die Arme legen nach dem, was gerade geschehen ist?
Ulli lächelt, als er sie sieht, streckt sogar die Ärmchen nach ihr aus.
Da fällt es Hedwig leichter, ihr das Kind in die Arme zu geben; denn sie hat noch etwas vor.
Mit einem Messer geht sie hinaus.
Ihre Mutter vermutet Schlimmes, hat einen panischen Gesichtsausdruck.
"Kind, mach Dich nicht unglücklich!"
Hedwig steht vor dem Zelt.
Sie könnte einfach die Heringe und Erdnägel herausziehen; aber sie will ein Zeichen setzen. Sämtliche Schnüre, die das Zelt halten, schneidet sie mit dem Messer durch.
Das Zelt sinkt zusammen, ist nur noch ein trauriger Haufen - sicherlich ein deutliches Zeichen, dass der junge Arzt hier nicht mehr geduldet wird.
Hedwig ist zu müde, um mit ihrer Mutter zu reden.
Der Professor ist auch noch nicht da. So lange ist er noch nie bei seiner Arbeit geblieben.
Das ist Hedwig nun egal. Sie isst noch etwas und fällt müde ins Bett.
Wirre Träume.
Zur Hochzeit von Hein und Mechthild sitzen sie in der Kirche. Sie und Ulli haben keinen Platz bei der Festgemeinde, müssen auf einem Notsitz neben der Orgel sitzen.
Alles sind im Sonntagsstaat, aber sie hat ihre Fischerhose an, von der die Schuppen bei jeder Bewegung hinab auf den Boden rieseln.
Das Brautpaar steht vorn.
Gerade stellt der Pastor die entscheidende Frage, da meldet sich Magda, die in der ersten Reihe sitzt und sagt: "Aber ich will doch Hein heiraten!"
Die Festgemeinde schreit entsetzt auf!
Der Pastor umfasst sein großes Akkordeon, das er bisher nur am Lederriemen mit der linken Hand hält und greift beherzt in die Tasten, um die Situation zu retten.
Er spielt "Wir lagen vor Madagaskar"¦".
Die ole Hex steht auf und tanzt dazu.
Als der Pastor an die Stelle kommt "und täglich ging uns einer über Bord", rennt Hein davon, ganz egal, wer ihn heiraten möchte oder. Er sieht aus wie ein fliehendes Tier; mit flackernden Augen sucht er einen Fluchtweg, kommt aber nur bis zu Tür. Die ist verschlossen.
Er klopft gegen das massive Holz, immer lauter, immer verzweifelter — bis seine Hände bluten.
Vom Klopfen wacht Hedwig auf.
Es hat an ihre Tür geklopft, obwohl es ganz frühe Morgenstunde ist.

Re: Ostwind

Verfasst: Mo 3. Okt 2016, 11:11
von Joe95
ui... das wird aber heftig...

Re: Ostwind

Verfasst: Sa 8. Okt 2016, 17:56
von Anne-Mette
Plötzlich steht der Professor in Hedwigs Zimmer.
Er ist so wütend und erregt, dass er kaum zu beruhigen ist. Er spricht von einem Attentat, spricht von seinem Auto, das nicht da ist und davon, dass er umgehend abreisen werde.
Hedwig versteht überhaupt nicht, was er meint.
Plötzlich sitzt der Professor auf ihrer Bettkante. Er ist durchgeschwitzt und nass und riecht "gebraucht".
Magda kommt, hat sich in ihren Morgenmantel geworfen.
Der Professor sinkt in sich zusammen, schluchzt fast.
Magda redet beruhigend auf ihn ein.
Er soll erzählen — von Anfang an.
"Der Tag begann ganz schön". Er redet sehr zögerlich. Magda bewegt ihre Hände, als wolle sie ihm Anschwung geben.
"Ich bekam eine gute Nachricht", setzte er fort, "das Projekt ist gesichert.
Es wird tatsächlich eine Kaserne zu einem Kindererholungsheim umgebaut. Morgen"¦",
entsetzt schaut er auf sein Uhr, "ich meine natürlich heute, kommt eine junge Lehrerin, die in die weitere Planung einbezogen wird".
Er blickt wieder auf seine Uhr, "die muss ich auch noch abholen und unterbringen. Da ich in ein paar Tagen abreisen muss, könnte sie dann mein Zimmer übernehmen, wenn sie einverstanden ist.
So muss ich nur etwas für sie für die Tage bis zu meiner Abreise finden".
Hedwig und Magda können sich immer noch keinen Reim darauf machen, was dem Professor widerfahren ist.
Sie müssen ihn aufmuntern. Magda setzt einen Kaffee auf und bittet ihn: "nun erzählen Sie mal weiter!"
Der junge Arzt hat das Auto des Professors ausgeliehen.
Er hatte eine wichtige Angelegenheit in der Nordseeklinik zu erledigen.
"Mehr hat er nicht gesagt!
Ich war wohl zu gutmütig, habe ich mich von ihm an den Weststrand zur Kaserne fahren lassen und ihm eingeschärft, dass ich spätestens um 19 Uhr abgeholt werden wollte".
"19 Uhr", Hedwig muss erst einmal im Kopf umrechnen; bei ihnen fängt die Uhrzeit nach zwölf wieder bei eins an.
Der junge Arzt ist nicht gekommen, nicht um 7 — auch nicht um 20 Uhr, allerdings auch nicht um neun oder zehn.
Erst hat der Professor liegengebliebene Arbeit erledigt; schließlich muss er die Insel bald für mehrere Wochen verlassen und die Lehrerin soll alles in bester Ordnung vorfinden.
Nach zehn ist der Professor sehr ärgerlich geworden. Ab 23 Uhr hat er laut geschimpft — und sich eine halbe Stunde später zu Fuß auf den Weg gemacht.
Es war bewölkt und ziemlich dunkel.
So ist der Professor fast in den Froschteich gefallen, konnte sich gerade noch an einem Bäumchen festhalten, das am Ufer stand. Nass ist er trotzdem geworden.
Mühsam fand er den Weg zur Betonstraße.
Von seinem Auto war auch dort nichts zu sehen und von dem jungen Arzt auch nicht.
Andere Autos, die ihn hätten mitnehmen können, sind nicht vorbeigekommen.
So musste er den ganzen Weg zu Fuß laufen. Immerhin konnte er sich am Lauf der Betonstraße orientieren.
Im Norddorf ging die Orientierung ein wenig verloren.
Er musste etwas suchen und erreichte schließlich doch die Gastwirtschaft mit der großen Wiese, auf der immer das Ringreiten abgehalten wird.
Dort war noch Licht und drinnen Stimmen zu hören.
Der Professor hat sich einen Grog bestellt und wollte fragen, ob ihn jemand fahren könnte.
Die Leute reagierten abweisend und taten so, als hätte sie seine Bitte nicht gehört.
Das lag bestimmt an seinen schmutzigen und nassen Sachen.
Ein paar Leute sind gegangen, noch bevor sie ihr Bier ausgetrunken hatten.
Das hat den Professor gewundert.
"Feierabend", hat der Wirt ihm zugerufen. Da war der Grog kaum ausgetrunken.
Der Wirt hielt seine Hand hin. Das sollte wohl "zahlen Sie bitte" heißen.
Ein paar Leute saßen immer noch an der Theke. Bei denen war wohl noch nicht "Feierabend".
Der Professor schnappte nur ein paar Worte ihrer "Unterhaltung" auf.
Er wunderte sich über "Buschemann" und "Fenstergucker", machte sich aber keinen Reim daraus. Er war zu müde zum Denken, so etwas kann sogar einem echten Professor passieren!
Da er lange nichts gegessen hatte, hat ihn der Grog ganz schön mitgenommen; er machte sich leicht schwankend auf den Weg.
So ganz klar war es ihm nicht, wie er auf die Chaussee zum Süddorf kommen sollte.
Das Mondlicht ließ ihn nur so ungefähr die Richtung erahnen.
Er kürzte ab, überquerte ein paar Grundstücke.
Zäune gab es nicht; aber den Hosenboden riss er sich an einer Rosenhecke auf.
Auf einmal wurde es noch dunkler — und es roch muffig.
Er sah nichts mehr.
"Wir haben ihn, wir haben den Fenstergucker", riefen ein paar Männerstimmen.
Sie schlugen auf ihn ein und schubsten ihn hin und her; fast fühlte er sich wie der arme Kerl in dem Märchen mit dem "Knüppel aus dem Sack" — nur, dass er niemandem etwas zuleide getan hatte.
Noch mehr Stimmen.
Wieder das Wort: "Fenstergucker".
"Den will ich sehen!"
Jemand befreite ihn vom Kartoffelsack, den sie ihm über den Kopf gezogen hatten.
"Seid ihr verrückt? Das ist bestimmt kein Fenstergucker, das ist ein echter Professor, der wohnt schon ein paar Wochen im Süddorf im Haus am Watt, dem habe ich neulich sein Auto vollgetankt!"
Der Professor erinnert sich: ja, das könnte der freundliche Tankwart gewesen sein.
Gemurmel unter den Männern. "Ich war"™s nicht", ist häufiger zu hören, einer sagt, "ich wollte nur mal gucken" — und einer sagt doch tatsächlich: "ich bin nur mitgelaufen!"
Wie oft hat man das schon in den letzten Jahren gehört?
Der Tankwart hat ihn mit dem Lieferwagen der Tankstelle zu seinem Quartier gefahren.
"Ein anständiger Mann", schließt der Professor seinen Bericht, "der hat um Entschuldigung gebeten, obwohl er sich überhaupt nichts zu Schulden hat kommen lassen!"

Der Professor ist erstaunt, dass sein Auto nicht vor dem Haus steht. Erst hat er gedacht, dass der junge Arzt ihn nur vergessen hat. Als er das zusammengesunkene Zelt sieht, ist er jedoch davon überzeugt, dass es einen anderen Grund dafür gibt, dass er die Verabredung nicht eingehalten hat.
Der Kaffee ist fertig.
Den können sie gut gebrauchen.
Hedwig fasst ihre Erlebnisse ganz kurz zusammen.
Als sie erwähnt, dass ihre Mutter betrunken und Ulli nicht mehr da war, zuckt Magda zusammen.
Es tut ihr leid.
Der Professor ist so müde, dass er fast auf der Bettkante einschläft.
Nein, das will Hedwig nicht; in oder auf ihrem Bett soll kein Mann einschlafen!
"Nun gehen sie mal ein paar Stunden sich ausruhen — und dann suchen wir nachher ihr Auto. Wenn wir es nicht finden, dann holen wir die Lehrerin mit Willis Auto ab!"
Der Professor wirkt erleichtert.
"Und wenn sie für ein paar Tage damit vorlieb nehmen möchte, dann darf sie hier bei mir in der Kammer schlafen, hier stehen doch zwei Betten".

Re: Ostwind

Verfasst: Mo 10. Okt 2016, 14:51
von Anne-Mette
Hedwig muss mit Willi reden.
Irgendwie will sie wieder gutmachen, was dem Professor widerfahren ist, obwohl sie doch nichts dafür kann. Sie muss das Auto noch einmal ausleihen, um das Auto des Professors zu suchen — und die Lehrerin vom Bahnhof abholen.
Kein Problem; Willi braucht das Auto nicht, sie muss nicht lange fragen und erklären.
Er hat es aufgegeben, Hedwig an den Führerschein zu erinnern; aber er hat schon eine Idee, die allerdings noch nicht ganz ausgereift ist.
Hedwig fährt den Professor zuerst zur Nordseeklinik. Sie hoffen, dass der VW noch auf dem Parkplatz steht. Leider ist das nicht der Fall.
"Der junge Arzt wird sich doch wohl nichts angetan haben?"
Die Worte des Professors machen Hedwig Gewissensbisse.
Hätte sie gestern Abend vielleicht doch anders reagieren sollen, womöglich die Polizei holen?
"Oder der Lump ist abgehauen!" Der Professor wählt nun deutliche Worte.
Hedwig überlegt einen Moment.
"Wir müssen doch sowieso zum Bahnhof, um die Lehrerin abzuholen. Vielleicht finden wir das Auto dort?"
Direkt am Bahnhof ist vom VW nichts zu sehen. Das wäre auch zu schön gewesen.
Langsam fährt Hedwig die umliegenden Straßen ab.
Da!
Das kann doch nicht wahr sein; in der Kjerstraße, nicht weit vom Bahnhof - vor der Kohlenhandlung steht der Käfer.
Ein Blick durch die Seitenscheibe zeigt: der Schlüssel steckt!
Der Professor geht nach hinten und legt seine Hand auf die Motorhaube. Sie ist noch etwas warm.
Lange steht der Wagen noch nicht hier.
Der junge Arzt muss noch in der Nähe sein.
Sie fragen in der Kohlenhandlung nach.
Nein, hier ist in den letzten Minuten keiner hereingekommen.
Die Kontorfrau meint, sie hätte einen jungen Mann mit einem großen Bündel Gepäck gesehen, der es sehr eilig gehabt hat.
"Der wollte bestimmt den Hamburger Zug erreichen".
Sie wendet sich ab und füllt weiter Lieferscheine aus.
Der Professor fragt, wann die Abfahrt des Hamburger Zuges gewesen ist, aber die Kontorfrau hat ihr Interesse an der Angelegenheit verloren und blickt kaum von den Lieferscheinen auf. Sie sagt nur: "wäre ich Bahner, würde ich Fahrkarten verkaufen und nicht Kohlen. Dann könnte ich Ihnen auch sagen, wann der Zug nach Hamburg fährt oder gefahren ist. So kann ich Ihnen nur sagen, wie teuer ein Zentner Kohlen ist!"
Nein, das wollen sie wirklich nicht wissen.
Wenn der junge Arzt es so eilig gehabt hat, werden sie wohl zu spät kommen.
Trotzdem machen sie sich auf den Weg zum Bahnhof.
Der Professor studiert die Fahrpläne. Tatsächlich: der Zug ist schon eine Viertelstunde unterwegs.
Pech gehabt.
Die Lehrerin soll erst in einer Stunde kommen.
Sie gehen hinüber zu Pieten und bestellen sich ein Kännchen Kaffee.
Die Kneipe ist schon voll und verraucht, obwohl es mitten am Vormittag ist.
Kaffee ist trotzdem ein wenig verlangtes Getränk, sodass der verschwitzte Kellner überrascht guckt, weil sie kein Bier bestellen.
Der Zug kommt pünktlich.
Hedwig greift sich nach einer kurzen Begrüßung gleich den schweren Koffer der Lehrerin.
Ein voll beladener Gepäckwagen wird vorbeigeschoben. "Hotel Stadt Hamburg" steht auf der Mütze des Bediensteten.
Hedwig ärgert sich, dass sie kein Auto direkt vor dem Bahnhof abgestellt haben.
Der Professor hakt sich bei der jungen Frau unter. Die scheinen sich gut zu kennen; denn ganz unbeschwert gehen sie vor Hedwig her, die große Mühe mit dem unhandlichen Koffer hat.
Adelheid heißt die junge Frau.
Sie hat ein rot-weiß- gestreiftes Sommerkleid an.
Ihr ganzer Körper schwingt. Ob sie will oder nicht — Hedwig wird magisch angezogen von dieser etwas fülligen Person, deren Bewegungsmuster sie zu hypnotisieren scheint.
Endlich haben sie die beiden Autos erreicht.
"Dankeschön!"
Adelheid gibt ihr zwanzig Pfennige, als wäre sie ein junger Bursche, der sich durch das Koffertragen etwas hinzuverdienen muss.
Dem Professor ist es etwas peinlich, aber er sagt nichts.
Den Koffer wuchten sie auf den Rücksitz des VW. Dann fahren sie los.
Eine weitere Absprache haben sie nicht getroffen. Ob sie gleich ins Quartier fahren?
Hedwig geht noch einmal in die Kohlenhandlung.
Nein — sie will nicht nach den Abfahrtzeiten der Züge fragen, es geht ihr Holz und Späne zum Räuchern.
Der Chef ist nicht da; der müsste eigentlich Bescheid wissen.
Die Kontorfrau weiß es nicht, scheint sich aber zu erinnern, dass schon einmal jemand so etwas gekauft hat.
Eine Viertelstunde wartet Hedwig, doch dann fällt ihr mit Entsetzen ein: der junge Arzt hat ein großes Bündel transportiert. Der wird doch hoffentlich nicht Ulli entführt haben?
Sie verabschiedet sich.
"Na, so wichtig kann es wohl nicht gewesen sein mit den Sachen zum Räuchern, wenn Sie nicht einmal warten können, bis der Chef kommt", ruft die Kontorfrau etwas schnippisch, aber da ist Hedwig schon draußen.
Sie biegt in ihrer Hektik falsch ab. Mist — nun muss sie die halbe Friedrichstraße hinauffahren.
In den Straßen-Cafés sitzen schon viele Sommergäste.
Da ist doch — ja, kaum zu übersehen: im Café O. sitzen der Professor und die junge Lehrerin.
Sie hat doch tatsächlich ihr Kleid hochrutschen lassen, sodass viel von ihren gebräunten Beinen zu sehen ist. Na, die hat Mut!
Hedwig kann kaum ihren Blick abwenden, fährt fast auf den DKW auf, der plötzlich gestoppt wird, weil jemand aussteigt.
Erst will sie hupen, aber sie denkt daran, dass sie damit auf sich aufmerksam macht.
Der Professor soll nicht denken, dass sie ihm nachspioniert.
Außerdem hat sie Wichtigeres zu tun.
Endlich setzt sich der DKW wieder in Bewegung und auch sie kann ihre Fahrt fortsetzen.
Sie denkt an die Beine von Adelheid; schön sind sie, etwas füllig — und mit sanftem Schwung.
Mit der Hand streift sie über ihre Hose und fühlt ihre Beine. Wie dünn die doch dagegen sind!

Sie fährt gleich hinunter zum Haus. Das Auto kann sie später noch zurückbringen.
Erst muss sie Ulli in die Arme schließen.
Das Zelt ist fort. Der junge Arzt war wohl vorhin hier und hat seine Sachen mitgenommen.
Er muss beobachtet haben, dass sie und der Professor mit Willis Auto weggefahren sind.
Sie öffnet die Haustür.
Niemand ist zu sehen oder zu hören.
Magda ist nicht in der Küche und auch nicht auf dem Wäscheplatz vor dem Haus.
Von Ulli ist auch nichts zu sehen.
Hedwig ruft.
Keine Antwort.
Der Kinderwagen ist nicht da.
Hedwig ist erleichtert; dann ist Magda mit Ulli unterwegs.
Als sie endlich die quietschenden Räder hört, ist sie erleichtert.

Re: Ostwind

Verfasst: Di 11. Okt 2016, 23:00
von Bianca D.
Hedwig ist erleichtert;
Moin,

na hoffentlich dürfen auch wir Leser das sein! Dit arme Kind,wenn dit in die falschen Hände gekommen iss,hab da so ein ganz komisches Gefühl....

LG Bianca

Re: Ostwind

Verfasst: Mi 12. Okt 2016, 23:25
von Anne-Mette
Ulli ist vergnügt, hat durch den gestrigen Tag wohl keinen Schaden genommen.
"Ich mache Ulli eine neue Windel!"
Hedwig hat kaum ein "Moin" für ihre Mutter übrig, will nur nicht zugeben, dass sie nachschauen muss, ob das Kind unversehrt ist.
Sie ist froh; alles sieht so aus wie immer.
Der Professor kommt mit der Lehrerin.
Sie müssen noch besprechen, wie sie es mit dem Schlafplatz machen; denn das Zimmer braucht er selbst noch für ein paar Tage. Er hat wohl unterwegs schon mit ihr darüber gesprochen; denn sie plaudert munter und schaut dabei Hedwig an:
"Ich würde mich freuen, wenn ich bei Dir im Gästebett schlafen kann. Das geht bestimmt für ein paar Nächte. Wir werden uns schon vertragen. Viel kann doch nicht passieren, wenn zwei Frauen in einem Zimmer schlafen!"
Sie muss kichern, guckt spitzbübisch.
Hedwig findet sie etwas albern. Was soll schon passieren, wenn zwei Frauen in einem Zimmer schlafen?
Gemeinsam schieben sie Ullis Bettchen zu Magda in die Kammer.
Hoffentlich kümmert sie sich aufrichtig um das Kind; denn so etwas wie gestern darf nicht mehr vorkommen. Sie muss sich auf ihre Mutter verlassen können.
Schließlich will Hedwig noch einmal mit Willi los und endlich einen großen Makrelenfang an Land bringen.
Er kommt kurz vorbei und fragt, ob sie noch die weißen Federn hat, mit denen sie die Haken der Angel versehen können.
Ja, die hat sie natürlich noch, hat sie gehütet wie einen Schatz.
Aber wenn die Schwärme sich von den Fanggründen fernhalten, nützen auch die besten und geheimsten Tricks nichts. Wenn die Makrelen "richtig da sind", dann beißen sie auch auf die bloßen Haken.
Willi grummelt; denn sie müssen endlich mal wieder ein paar Mark verdienen.
So ist er froh, dass Hedwig am nächsten Tag noch einmal mitkommen will.
Aber nun geht sie erst einmal ins Watt; denn es ist gerade Ebbe.
Das hat auch Adelheid bemerkt. Sie ist enttäuscht: "das ist ja gar keine richtige Insel — mit Wasser und so — ich möchte so gerne baden bei der Hitze!"
"Da warte mal ab!"
Hedwig muss lachen.
Baden — Adelheid ist wohl doch nicht zur Arbeit hier, sondern als Badegast!
Immerhin hat sie ihren Koffer selbst in die Kammer geschleppt und auf das Bett gelegt.
Hedwig hat nur einen kurzen Blick darauf geworfen. Der Deckel ist inzwischen aufgeklappt.
Hat die Frau viele Sachen mit!
Der Professor und Adelheid setzen sich in den Schatten, den die Weiden spenden.
"Arbeitsbesprechung" hat der Professor gesagt, aber in Hedwigs Augen sieht es nicht nach Arbeit aus, eher nach Albernheiten.
Aber was soll es Hedwig kümmern; sie hat zu tun.
Karl ist wieder nicht gekommen; so muss sie den schweren Wagen mit den Netzen selbst schieben.
Wo der Kerl wohl steckt?
Hat er es nicht mehr nötig, sich bei ihr zu verdingen?
"Wenn man vom Teufel spricht"¦".
Karl ist plötzlich oben auf der Düne zu sehen.
Er winkt.
Gummistiefel hat er an; dann will er auch arbeiten.
Sie schaffen Hand in Hand; sie sind auch nach einer längeren Pause, in der sie sich nicht gesehen haben, ein eingespieltes Team.
Jeder Handgriff sitzt.
Hedwig will es ihm aber nicht zu leicht machen, lobt ihn nicht, sondern sagt: "Du hättest Dich ruhig mal melden können!"
Das hätte er, aber es ist nicht seine Art. Außerdem: Karl hatte zu tun.
Er hat bei Hein gearbeitet, damit das Haus fertig wird, bevor seine Frau kommt.
Hedwig lässt es dabei bewenden.
Sie machen gute Beute.
Es würde sich sogar lohnen, den Räucherofen anzuheizen.
Otto ist immer unverschämter geworden; der von ihm verlangte Anteil ist mit der Zeit größer und größer geworden.
Es wird Zeit, dass Hedwig endlich ihren eigenen Räucherofen hat; aber noch ist der nicht ganz fertig.
Sie hat zwar schon alle Teile zusammen, aber ist noch nicht dazu gekommen, alles zusammenzubauen. Bisher stehen nur Fundament und Mauern.

Die meisten Aale kommen in ein Holzfass; dort können sie ein paar Tage bleiben.
Einige nimmt Karl mit — und Hedwig zweigt ein paar ab, die ihre Mutter bestimmt gerne braten wird.
Die Flut kommt.
Gemeinsam schieben sie den schweren Wagen durch das langsam auflaufende Wasser und dann den Sandweg hinauf.
Sie verabschieden sich.
An der Pumpe draußen vor dem Haus macht Hedwig sich sauber; das ist immer noch die beste Methode, wenn man direkt aus dem Watt kommt.
Sie schwitzt. So heiß wie heute ist es selten.
Adelheid staunt über die Fische — und hüpft auf einmal wie ein kleines Kind über den Rasen.
"Das Wasser kommt, lasst uns baden!"
"Das ist nichts für mich!" Der Professor zieht sich Pfeife rauchend in sein Zimmer zurück.
Hedwig war zuletzt als Kind Schwimmen. Da hat sie ihre Unterhose als Badehose genommen.
Was soll sie nun machen?
Adelheid geht kurz im Haus.
Als sie wieder ins Freie tritt, hat sie einen Knallbunten Badeanzug unter ihrem Bademantel an.
So einen hat Hedwig in der Stadt gesehen. Neben dem Fotografen, bei dem sie ihre Passbilder hat machen lassen, befindet sich ein Laden mit Badebedarf: Badehosen, Schwimmreifen und Bälle, Badeanzüge, Sonnenschutzöl — alles, was ein Kurgast so braucht.
Adelheid füllt ihren Badeanzug gut aus.
Das überrascht Hedwig nicht.
Ihre Rundungen werden durch Rüschen und Stoffkräuselungen noch betont.
"Kommst Du nicht mit?"
"Nein, ich mag nicht, außerdem habe ich keinen Badeanzug!"
Hedwig hat einen guten Grund gefunden, sich dem verordneten Badevergnügen zu verweigern.
"Macht nichts, ich habe zwei und kann Dir einen Badeanzug leihen!"
Adelheid ist kaum zu bremsen, "komm, probiere ihn doch mal an!"
Sie zieht sie hinein ins Haus und schiebt sie förmlich in die Kammer.
Die Sachen aus dem Koffer hat sie fast im ganzen Raum verteilt.
Sie muss ein wenig suchen; dann hält sie einen blauen Badeanzug in der Hand: "mir ist er fast zu klein, Dir wird er bestimmt passen!"
Sie bleibt doch tatsächlich stehen, um beim Anprobieren zuzugucken!
Hedwig will zumindest etwas guten Willen zeigen und nimmt den Badeanzug mit und geht in den Toilettenraum, wo sie sich umkleiden möchte.
Sie ist noch nicht ganz in das blaue Ungeheuer hineingestiegen, da wird die Tür aufgerissen.
"Na, wie sieht es aus?"
Hedwig ist empört: "Siehst Du doch, der passt nicht!"
Der Badeanzug sieht etwas traurig aus; denn Hedwig kann ihn nicht ausfüllen. Er wirft Falten.
Ja, wenn sie noch ihre Milchbrüste hätte"¦

"Stell Dich nicht so an!"
Adelheid will sie aufmuntern, "wenn wir im Wasser sind, dann sieht keiner, ob der Badeanzug richtig passt oder nicht!"
Ja, da hat sie wohl Recht.
"Außerdem reicht bei Dir bestimmt eine Badehose!"
Erst als sie dann Satz beendet hat, merkt sie, wie unpassend, vielleicht sogar verletzend diese Äußerung ist.
Hedwig lässt sich aber nichts anmerken.

Re: Ostwind

Verfasst: Fr 14. Okt 2016, 10:41
von Ulrike-Marisa
Moin Anne-Mette,

...da macht lesen Spaß und regt die Fantasie an; weiter so...

Beste Grüße, Ulrike-Marisa

Re: Ostwind

Verfasst: Sa 15. Okt 2016, 20:23
von Anne-Mette
Auf einmal rennt sie los — schlecht sitzender Badeanzug hin oder her.
Sie hat die Hände auf das Oberteil gelegt. Ihr geht es natürlich nicht um das Halten schwingender Körperteile, sondern eher um das Verbergen des oben nicht ausgefüllten Badeanzuges.
Adelheid hat sich auch in Bewegung gesetzt, folgt ihr die wenigen Meter hinunter zum Stand, läuft mit schweren Schritten.
Hedwig hat das Gefühl, die Erde bebt, als würde mindestens ein Pferd hinter ihr herlaufen.
Das Wasser ist warm. Kein Wunder: der Wattboden konnte sich die ganzen Stunden aufheizen.
Adelheid ruft etwas. Sie ist Hedwig nicht genau gefolgt, sondern ein paar Meter neben der Spur.
Dort liegen kleine Steine und die Reste von Muscheln, die dort mal abgeladen wurden.
Nun hat sie Hedwig erreicht.
Sie sind schon ein gutes Stück draußen, aber das Wasser geht ihnen immer noch nur bis zum Bauch. Sie gehen weiter; Hedwig watet voran; denn sie kennt sich aus. An manchen Stellen kann man tief einsinken.
Adelheid wirft sich in die Fluten und schwimmt auf Hedwig zu.
Hedwig muss erst einmal überlegen, wie es mit dem Schwimmbewegungen geht; so lange war sie nicht zum Schwimmen im Wasser.
Sie überlegt zu lange.
Adelheid hat sie schon erwischt und hält sich an ihr fest.
Sie steht wieder auf und fragt: "ist es hier immer so flach?"
"ja, ein Stück weiter können wir aber noch hinausgehen!"
Der Badeanzug hat sich an Adelheids Körper förmlich festgesaugt. Hedwig kann jede Einzelheit sehen, die sich oberhalb der Wasseroberfläche befindet.
Die steil aufgerichteten Brustwarzen stehen deutlich hervor. Hedwig kann kaum ihren Blick davon abwenden.
Sie spürt ein Kribbeln zwischen den Beinen.
Das will sie schnell aus ihren Gedanken wischen und wirft sich ins Wasser.
Irgendwie stimmt ihre Koordination nicht ganz. Sie macht eine falsche Bewegung und landet mit dem Kopf mehr unter als über Wasser. Gerade als sie den ersten richtigen Schwimmzug machen will, packt Adelheid sie und zieht sie hoch.
"Was, kannst Du nicht schwimmen?"
"Doch, natürlich, ich war aber gerade abgelenkt".
Adelheid drückt sie an sich. Hedwig spürt jede Rundung. Das Kribbeln wird stärker.
Plonk, plonk, plonk — wie, dass der Muschelkutter gerade einläuft. Sie sehen beide hin, können jede Einzelheit am nahen Hafen erkennen.
Der Fischer gibt "voll zurück", um den eisernen Kutter abzubremsen.
Leerlauf.
Ganz gemächlich wirft er die vorbereiteten Leinen über die Poller.

Adelheid fasst sich in den Badeanzug.
Der Stoff löst sich von ihrer Haut; es schmatzt dabei sogar ein wenig. Nun sitzt er erst einmal lockerer.
Sie wirft sich wieder ins Wasser.
Hedwig macht es ihr nach. Nun erwischt sie den richtigen Bewegungsablauf, erst noch ein wenig hektisch, dann wird sie ruhiger und ist beruhigt: sie kann es noch!
Sie ist sogar schneller als Adelheid und übernimmt die Führung.
Den zwanziger Jollenkreuzer möchte sie gerne erreichen. Manchmal lässt der Bäcker, der das Boot an einem Mooring liegen hat, einen Fender an der Bordwand hängen, weil er vorher am Hafen gewesen ist und seine Familie dort abgesetzt hat.
Sie haben Glück; es ist auch heute so.
Trotzdem ist es ein schweres Stück Arbeit, an Bord zu gelangen.
Hedwig, die zuerst oben ist, muss Adelheid helfen.
"Dürfen wir hier so einfach auf das Boot klettern?"
Adelheid ist sich unsicher, aber Hedwig beruhigt sie: "der Bäcker ist nachmittags am Ausliefern mit seinem Fahrrad, der taucht nur am Wochenende hier auf. Außerdem haben wir ja nicht bei Ebbe Abdrücke von unseren Schlickfüßen auf dem hellen Deck hinterlassen.
Sie denkt an Ohrfeigen, die sie mal von einem Bootseigner bekommen hat. Dabei war sie es nicht allein, die an Bord der Barkasse geklettert war.
Aber sie wurde erwischt, als die anderen Kinder schon längst wieder gegangen waren.
Adelheid lässt wieder Luft in ihren Badeanzug.
Auch unten klebt er, aber sie findet einen Weg an den Oberschenkeln vorbei und kann auch hier für Ordnung sorgen.
Sie sonnen sich eine ganze Weile. Jede hängt ihren Gedanken nach.
"Gehen wir?"
"Gehen ist gut, das Boot liegt fast im Priel, hier werden wir nicht mehr gehen können!"
Hedwig lacht.
"Ich meine natürlich: schwimmen wir?"
Vorsichtig lassen sie sich mit Hilfe der Leine des Fenders ins Wasser.
Es ist immer noch sehr warm.
Sie schwimmen zurück ans Ufer.
"Habt ihr eine Dusche?"
Nein, eine Dusche haben sie nicht, aber Hedwig kann das Waschbecken im Toilettenraum empfehlen — oder die Pumpe draußen.
Adelheid will es mit der Pumpe versuchen.
Sie behalten die Badeanzüge an, füllen immer wieder einen Eimer mit kaltem Brunnenwasser und übergießen sich gegenseitig.
Sie haben Spaß und albern herum wie Kinder.
Magda hat das Treiben natürlich mitbekommen. Sie hat Ulli auf dem Arm und schaut den beiden jungen Frauen zu.
"Schamlos; es ist, als wäre die dralle Deern nackt!", zischt sie.
Dem Treiben will sie ein Ende bereiten.
Mit "Ulli braucht eine neue Windel" holt sie Hedwig ins Hier und Jetzt zurück.
Gerade eben war sie noch Kind.
Auch ein Blick zurück auf Adelheid mit ihrem Badeanzug sagt ihr, dass sie längst kein Kind mehr ist.
"Ich komme!"
In der Kammer trocknet sie sich ab und zieht eine kurze Sommerhose an und ein Unterhemd; mehr wäre einfach zu warm.
Magda guckt immer noch missbilligend, als sie ihr Ulli in den Arm gibt.
Sie verabschiedet sich: "ich muss noch ne Stunde zu Hein, bin nachher zurück.
Adelheid hat sich inzwischen ein Sommerkleid angezogen. Was die alles hat!
Sie muss mit dem Professor über die Arbeit in den nächsten Tagen sprechen.
Hedwig spielt mit Ulli, füttert ihr Kind — und macht es bettfertig.
Ob Magda kommt?
Sie wird doch wohl hoffentlich nicht über Nacht bei Hein bleiben.
Ulli schläft längst; da kommt Magda.
Sie sagt nicht viel, will gleich ins Bett.
Adelheid hat die Besprechung mit dem Professor beendet.
Auch sie macht einen müden Eindruck.
Oder täuscht Hedwig sich da?
Sie hatte eigentlich gehofft, dass sie noch ein wenig Zeit haben, sich zu unterhalten, freut sich langsam über die Zimmergenossin. Warum hatte sie nur solche Vorbehalte, sie ist doch ganz nett — und irgendwie fremd, ganz anders als sie selbst.
Hedwig gehen die Bilder vom Nachmittag nicht aus dem Kopf.
Sie muss Adelheids Rundungen und an den eng sitzenden Badeanzug denken und ist ganz erschrocken darüber, dass sie wieder dieses Kribbeln zwischen den Beinen spürt.
"Schluss jetzt", sagt sie zu sich selbst, "sie wird sich wohl kaum nachts im Badeanzug zeigen!"
Hedwig liegt schon im Bett, als Adelheid kommt.
Es ist fast dunkel.
Hedwig verlässt sich auf die Geräusche, die sie hört, ist merkwürdig angespannt, aber erlebt alles, was Adelheid macht.
Erst wird der schwere Koffer vom Bett gehoben und auf den Boden gesetzt.
Dann hört Hedwig, wie sie das Kleid überstreift.
Die kurz quietschenden Bettfedern geben die Rückmeldung, dass Adelheid im Bett angekommen ist.
Auch sie scheint kein Nachthemd angezogen zu haben bei der Hitze.
Sie haben das Fenster offen gelassen.
Ein später, sanfter Ostwind schleicht um das Haus.
Ob er hört, wenn die beiden Frauen sich leise unterhalten?
"Schläfst Du schon?" die Eröffnungsworte sind noch ziemlich banal; dann wird es eine lange und intensive Unterhaltung, so viel wollen sie voneinander wissen.
Es ist anstrengend; denn sie flüstern, wollen die anderen im Haus nicht aufwecken.
Viel zu lang sind sie wach. Hedwig schläft erst ein, als es schon langsam hell wird.
Sie hat ihre Hand in ihrer Unterhose und zieht sie schnell heraus, als jemand ans Fenster klopft.
"Hedwig, wo bleibst Du, das Wasser läuft weg!"
Es ist Willi, der sich extra vom Hafen auf den Weg gemacht hat, um sie zu holen.
Blitzschnell zieht Hedwig sich an.
Sie wirft einen Blick auf Adelheid.
Die Decke ist ihr heruntergerutscht und sie zeigt sich in ihrer ganzen Pracht.
Einen Moment denkt Hedwig, die Decke hochzuziehen und sie dabei zu berühren, aber dann siegt ihr Pflichtgefühl.
Sie muss rennen, um Willi einzuholen.
Er ist ein wenig knurrig, sind sie doch spät dran.
Als sie endlich die Tonnen zufassen und damit tieferes Wasser unterm Kiel haben, entspannen sich seine Gesichtszüge.
Er will Hedwigs Meinung hören, wo sie heute nach den Makrelen suchen sollen.
Hedwig schlägt vor, erst einmal zum Elbe-Esbjerg-Weg zu fahren und dann "langsam nach Süden zu gammeln".
Willi lacht in sich hinein, es freut ihn, dass sie schon viele seiner Redewendungen übernommen hat.
Hedwig verzieht sich auf"™s Vordeck und hat immer wieder das Fernglas vor den Augen. Unermüdlich sucht sie die in gleißendes Licht getauchte Wasserfläche ab, obwohl ihr schon die Augen wehtun.
Von Möwen kann sie keine Spur entdecken.
Nahe der Küste haben sie ein paar Angler in einem kleinen Motorboot gesehen.
Als sie hinüberrufen, werden drüben zwei Finger in die Luft gehalten.
Zwei Makrelen — nicht viel.
Sie erreichen die Tonne, drehen nach Backbord ab.
Hedwig drosselt den Motor.
Willi ist kein Freund von "auf gut Glück die Angel auswerfen", aber was soll man tun, wenn sich keine Möwen zeigen?
Hedwig nimmt die von ihr vorbereitete Angel mit den hellen Federn an den Haken.
Es dauert nicht lange — und der erste Fisch beißt.
Ihr Jagdfieber erwacht; aber es dauert lange, bis wieder zwei Makrelen an die Angel gehen.
Willi steht noch unschlüssig daneben.
"Wenn es nicht Schlag auf Schlag geht, fange ich gar nicht erst an", grummelt er.
Hedwig hat mehr Geduld.
Willi drängelt: "zieh die Angel ein, wir versuchen es weiter südlich!"
Aber auch da haben sie kein Glück.
Nachmittags geben sie es auf. Durch das Landtief geht es zurück.
Willi zählt dreißig Fische, als er mit dem Ausnehmen fertig ist.
Das hat sich nicht gelohnt.
Heiß ist es.
Immer wieder hält er die Fischkiste außenbords, um die Makrelen mit Meerwasser zu kühlen.
Das könnten sie mit einem großen Fang nicht machen!
Es wird immer diesiger.
Die Hitze drückt.
"Das gibt noch Gewitter heute!"
Da muss Willi keinen Wetterbericht befragen.
Er ist müde, obwohl sie sich nicht groß anstrengen mussten.
Hedwig steuert — und er packt sich in die Koje.
"Du weißt Bescheid?"
Ja, Hedwig weiß Bescheid.
Sie gibt ein wenig mehr Gas; es ist, als hätte sie Sehnsucht nach Adelheid.
Auch an Ulli denkt sie.
Wenn es Gewitter gibt, will sie bei ihm zuhause sein.
Willi hat gleich gemerkt, dass sie die Drehzahl etwas erhöht hat, lässt sich noch einmal am Niedergang blicken und ruft: "mach nicht zu schnell; die Flut schiebt uns ganz von allein!"
Hedwig senkt die Drehzahl wieder ein wenig — kaum bemerkbar.

Sie teilen sich die Fische.
"Lohnt kaum die Pfanne schmutzig zu machen!"
Willi ist unzufrieden.
Hedwig auch.
Ob sie es morgen noch einmal versuchen sollen?
Wenn das Wetter mitspielt.
Aufgeregt läuft Hedwig nach Hause.
Enttäuschung: Adelheid ist mit dem Professor unterwegs.
Magda spielt mit Ulli.
Sie guckt ein wenig verächtlich: "mehr habt ihr nicht gefangen, oder habt ihr schon den ganzen Fang verkauft?"
Es hilft nichts: auch heute hat sich die Tour nicht gelohnt, das muss Hedwig zugeben.
"Dann hättest Du auch hier bleiben und Dich selbst um Dein Kind kümmern können!"
Magda ist wohl auf"™s Streiten aus.
Wie soll man das wissen, ob man etwas fängt oder nicht? Immerhin haben sie es versucht!
Letztes Jahr hatten sie Glück, haben gut verdient.
Davon hat auch Magda profitiert.
Hedwig ist zu müde, um sich mit ihr zu streiten.
Sie sieht den Badeanzug, der zum Trocknen auf der Leine hängt, aber alleine hat sie keine Lust, ein Bad zu nehmen.
So belässt sie es bei einer Eimerdusche an der Außenpumpe.
Sie spielt gerade mit Ulli, da hört sie die typischen Geräusche des Autos: sie kommen!
"Nähmaschine" fällt ihr immer ein, wenn sie den VW hört.

Auch Adelheid ist vollkommen müde von der Hitze.
Ihr steckt die "kurze Nacht" auch noch in den Knochen.
"Ob es noch ein Gewitter gibt?"
Der Professor würde sich über eine Abkühlung freuen.
Ulli ist heute unzufrieden und weint viel.
Er hat sicherlich wieder mit den Zähnen zu tun.
Hedwig ist froh, als er endlich schläft.
Sie ist ein wenig ungeduldig gewesen mit ihm, ist doch ihre ganze Energie darauf ausgerichtet, dass sie endlich mit Adelheid wieder allein in der Kammer ist.
Die Zeit bis dahin muss sie irgendwie überbrücken.
Sie hat Mühe, sich unbeteiligt zu geben, hat Adelheid auch nur ganz neutral, fast abweisend begrüßt.
Sie ist fast erschrocken: Der Professor möchte mit ihnen "ein Gläschen Wein trinken".
Er will sich bedanken für die Zeit im Haus.
Nur noch wenige Tage hat er zu tun; dann geht es erst einmal zurück ins Institut.
Im Herbst will er wiederkommen.
Viel zu lange sitzen sie draußen.
Hedwig kann ihre Ungeduld kaum verbergen.
In der Ferne kündigt sich tatsächlich ein Gewitter an.
Blitze zeigen immer wieder die Küstenlinie und die Kirche, die zwischen den Dörfern steht.
Als ein Windhauch die Kerze ausbläst, die in einem Glas steht, verabschiedet sich Magda: "das ist für mich das Signal, ins Bett zu gehen. Wir sehen uns morgen!"
Alle stehen auf und gehen.
Hedwig wirft einen Blick auf alles, das nass werden könnte und nicht nass werden sollte.
Die Decke, auf der Ulli immer spielt, wenn er draußen ist, entdeckt sie auf dem Wäscheplatz und nimmt sie mit ins Haus.
Sie verschließt die Tür.

Adelheid liegt schon in ihrem Bett.
Hedwig kann nicht erkennen, ob sie schon schläft.
"Wie war"™s?"
Die Frage zeigt: sie ist noch wach.
Hedwig erzählt von ihrem Misserfolg.
Adelheid erzählt auch von ihrem Tag, beschreibt ihre Pläne und die Arbeit für den Professor.
Die Unterhaltung plätschert so dahin. Hedwig ist müde geworden, ist fast am Einschlafen.
Da fragt Adelheid nach dem Kind und wer der Vater ist.
Hedwig muss sich aufraffen, um eine Antwort zu geben.
Sie erzählt von Aalen und von der Höhle und von dem Fischerjungen.
Adelheid muss lachen. So etwas hat sie noch nie gehört.
Das Gewitter ist näher gekommen.
Der Wind draußen ist stärker geworden.
Blitze tauchen die Kammer immer wieder in helles Licht.
Es wird immer schwieriger, sich flüsternd zu unterhalten.
Sie dürfen nicht zu laut reden; denn wenn Donnergrollen und die Geräusche vom Wind nachlassen, dann würden der Professor und Magda alles hören.
"Morgen stellen wir die Betten etwas weiter zusammen", schlägt Adelheid vor.
Hedwig kann nur zustimmen.
Nach einer Weile setzt Adelheid nach: "darf ich heute zu Dir ins Bett kommen? Dann können wir besser miteinander reden und wir müssen uns nicht so anstrengen.
Außerdem muss ich zugeben: ich habe etwas Angst vor Gewitter!"
Sie wartet keine Antwort ab.
Auf einmal legt sie neben ihr.

Re: Ostwind

Verfasst: Mo 17. Okt 2016, 15:40
von Anne-Mette
Ihre Decke hat sie mitgebracht; aber das ist unnötig. Es ist noch so heiß!
Die fast regelmäßig auftauchenden Blitze zeigen im hellen Lich, wie unterschiedlich die beiden Frauen sind.
"Bist du dünn!"
Adelheid streicht sanft mit ihrer Hand über Hedwigs Bein und kommt auf dem Oberschenkel zur Ruhe. Da verharrt sie einem Moment.
Hedwig verkrampft sich erst; gleichzeitig steigt ganz leise eine nie gekannte Spannung in ihr auf.
Ob die Hand noch einmal kommt?
Ja, Adelheid unternimmt mit ihrer Hand einen weiteren Ausflug über den Frauenkörper.
Sie beginnt an der Wade führt sie ganz vorsichtig immer weiter nach oben.
Hedwigs Oberschenkel sind dünn; aber Adelheid spürt die Kraft, die sie, wenn es darauf ankommt, entwickeln können.
Ihre Finger wandern über Hedwigs Bauch, wenn man von Bauch überhaupt sprechen kann.
Dieses Mal machen sie Rast zwischen den kleinen Brüsten.
"Kaum zu glauben, dass Du schon ein Kind hast", denkt sie laut, "Du siehst an einigen Stellen selbst noch wie ein Kind aus".
Hedwig muss lachen; sie ist doch kein Kind mehr!
Adelheid will sich das noch einmal erklären lassen, wie es mit dem Fischerjungen gewesen ist.
Hedwig will eigentlich nicht noch einmal darüber reden.
Lieber würde sie die Hand noch einmal spüren.
Erst will Adelheid zeigen, dass sie Lehrerin ist und Hedwig "richtig" erklären, wie es mit Mann und Frau ist, die ein Kind bekommen, aber dann besinnt sie sich eines Besseren.
"Der Gedanke mit dem Aal und der Höhle ist nicht so ganz schlecht", sagt sie, "allerdings habe ich noch nie so eine Bezeichnung dafür gehört".
Sie schmunzelt bei dem Gedanken, ein Aal könnte sich auf den Weg zwischen ihre Beine machen, aber schiebt ihn schnell wieder beiseite.
"Wichtig ist, wenn ein Mann mit seinem "was auch immer" in Deine Höhle kommt, kann er Dich befruchten - und schon bist Du schwanger".
"Schwanger?"
"Ja, man kann auch "guter Hoffnung" sagen oder "die Frau bekommt ein Kind".
Sie will ihr noch etwas über fruchtbare und unfruchtbare Tage sagen, aber das erscheint ihr dann doch ein wenig viel.
Stattdessen nimmt sie ihre Hand und streichelt die Innenseite von Hedwigs Oberschenkeln.
Hedwig zittert.
Unwillkürlich öffnet sie die Oberschenkel etwas.
Adelheid fasst das als Aufforderung an. Ihr Mittelfinger streicht vorsichtig durch das feuchte, einladende Tal.
Dabei macht sie sanfte Bewegungen wie ein Fisch, der sich mit sanften Flossenbewegungen in der Schwebe hält, um blitzschnell zuschlagen zu können, wenn sich Beute zeigt.
Hedwig zittert noch mehr.
Adelheid hat Zeit.
Sie spürt; ihre "Beute" hat sie längst gefunden.
Es scheint Hedwig zu gefallen; sie atmet schwer.
Adelheid ist erstaunt, wie "anders" Hedwig sich anfühlt. Gedanklich stellt sie Vergleiche an.
Sie konzentriert sich aber ganz auf sie, übt mit ihrem Finger an einigen Stellen sanften Druck aus und wartet darauf, welche Reaktion sich zeigt.
Sie will keinesfalls kaputtmachen, was sie gerade entdeckt hat.
Nie hätte sie gedacht, dass sie hier eine Frau"¦
Adelheid erhöht den Druck mit ihrem Finger. Sie hat wohl die richtige Stelle gefunden?
Hedwig kann es kaum noch aushalten, möchte eigentlich schreien — so erregt ist sie.
Es kommt ihr vor, als würde sie auf einen Berg steigen"¦
"¦ und steigen.
Eine Schwelle noch überwinden — dann kann sie den Blick vom Gipfel genießen.
Sie dreht ihren Kopf wild hin und her — schließlich beißt sie in ihr Kissen, um nicht das ganze Haus aufzuwecken.
Eine Weile ist sie auf dem Gipfel, scheint dort zu schweben und kann kaum fassen, was eben passiert ist.
"Schlaf nun", Adelheid hat sich über sie gebeugt, hat gerade hautnah miterlebt, wie gewaltig das Erlebte für Hedwig gewesen ist.
Sie will es nicht beschädigen.
Sie gibt Hedwig einen sanften Kuss.
Ermattet schlafen beide Frauen ein.

Als Hedwig morgens aufwacht, weil Ulli weint, ist Adelheid im anderen Bett.
Hedwig muss nachdenken: hat sie nur geträumt?

Re: Ostwind

Verfasst: Mi 19. Okt 2016, 18:11
von Anne-Mette
Beim Frühstück ist sie unsicher und nervös; sie verschüttet sogar den Kaffee.
Was wird Adelheid denken — und was ist wirklich passiert?
Steht ihr auf der Stirn geschrieben, was in der letzten Nacht geschehen ist?
Magda hat so komisch gefragt: "na, eine gute Nacht gehabt?"
Das macht sie sonst nie. Was für ein Schnack; "eine gute Nacht gehabt?"
So ist Hedwig froh, dass Willi kommt, aber er bringt schlechte Nachrichten.
Er hat kein Zeichen auf der Stirn, aber Sorgenfalten.
Was ist passiert?
In einer Gewitterböe hat sich der Kutter losgerissen.
Nun steckt er mit dem Heck in der Lahnung fest.
Die Schraube ist blockiert und die Ruderaufhängung vermutlich beschädigt.
Hedwig wird gebraucht mit ihrem stabilen Ruderboot, soll den Anker ausbringen — und dann wollen sie den Kutter bei Hochwasser von der Lahnung ziehen.
Sie holt sich ihre Arbeitssachen, ist erleichtert, etwas tun zu können; dann muss sie jedenfalls nicht an die letzte Nacht denken.
Im "Leerlauf" würde sie es bis zum Abend nicht aushalten.
Sie hat überhaupt nicht bemerkt, dass Adelheid ihr gefolgt ist, als sie im Netzschuppen nach den starken Leinen sucht, die sie mitnehmen will.
So ist sie ganz erschrocken, als sie jemand von hinten umfasst und ihr schließlich einen Kuss auf den Mund drückt.
"Adelheid, hast Du mich erschreckt!"
Auch wenn ihr noch viele Fragen und viele Worte auf der Seele liegen — Hedwig muss los.
Adelheid ist nicht enttäuscht; auch sie muss sich um ihre Arbeit kümmern.
"Wir sehen uns heute Abend!"
Ganz bestimmt, aber das kann viel bedeuten.
Hedwig und Willi sitzen in Hedwigs Boot.
Mit regelmäßigen und ruhigen Ruderschlägen arbeiten sie sich gegen die Flut voran.
Da liegt der Kutter.
Das Heck sitzt immer noch sehr hoch "auf Schiet", während der Bug tief eintaucht.
Allein mit Muskelkraft werden sie das Schiff nicht vom Hindernis ziehen. So gut war die Idee mit dem Anker wohl doch nicht.
Hedwig schlägt vor, alle stabilen Leinen doppelt und dreifach zu nehmen und den Bauern zu fragen, ob er seinen Trecker davorspannt. Die Leinen, die sie haben, müssten bis ans Ufer reichen.
Willi zweifelt.
Ein langes Stahlseil müsste es eigentlich sein, das sie verwenden.
Die Leinen dehnen sich zu stark — und werden vielleicht sogar reißen.
Wo bekommen wir nun ein langes Stahlseil her?
Willi hat einen Kumpel, der macht bei den Segelfliegern mit.
Es wird nicht gerne gesehen, wenn das Ersatz-Seil, das in der Windenbude liegt, für andere Zwecke benutzt wird, aber für ein paar Stunden können sie es wohl ausleihen, da ist Willi sich sicher.
Erst bringen sie den Anker in Richtung Land aus und Willi baut mit einer Art Flaschenzug eine Spannung auf, damit der Anker sich festzieht und den Kutter hält, denn der soll nicht noch weiter auf die Lahnung getrieben werden.
"Sie zu!", Hedwig ist so einen Befehlston eigentlich nicht gewöhnt, aber Willi hat Recht. Sie muss sich beeilen, an Land rudern — und dann soll sie mit dem Auto das Stahlseil holen.
"Schönen Gruß von Willi" ist die Ausleihgenehmigung.
Hedwig ist auch heute froh, dass sie heil an der Polizeistation vorbeikommt.
Den Bauern muss sie nicht lang suchen, der kommt ihr kurz vor seinem Hof, der an der Chaussee liegt mit seinem Trecker entgegen.
Es braucht keine große Überredungskunst — und schon wendet er seinen Bullen, wie er das blaue Ungetüm immer nennt und gibt ihm die Sporen.
Das sieht Hedwig im Rückspiegel. Schwarze Wolken entweichen dem Auspuffrohr.

Das Stahlseil ist tatsächlich so lang, dass sie es doppelt nehmen können.
Hedwig fährt zum Kutter. Dort führt sie es mit Willi durch die Ankerklüsen an beiden Seiten.
Um den stabilen, eisernen Poller haben sie das Seil drei Mal herumgeführt; sie haben ein gutes Gefühl.
"Sieh zu!"
"Ja, ich gehe ja schon!"
"Du sollst nicht gehen, Du sollst rudern!"
Hedwig hat selbst gesehen, dass die Flut den höchsten Punkt fast erreicht hat.
Sie springt in ihr Ruderboot.
Der hölzerne Boden zittert von der Misshandlung durch ihre groben Stiefel.
Hastig rudert sie mit dem Ende des Stahlseiles an Land.
Mit einem mächtig gewaltigen Schäkel machen sie beide Ende an dem vorderen Schleppauge des Treckers fest. Der Bauer will wieder rückwärts ziehen; dann vermeidet et das Hochsteigen der vorderen Räder, wie es bei Vorwärtsfahrt manchmal vorkommt, wenn die Last zu groß ist.
"Hau ab!"
Wild fuchtelt der Bauer mit den Händen.
Hedwig soll nicht in der Nähe sein, falls das Seil reißt.
Es spannt sich, es macht Musik — und zirpende Laute, aber es reißt nicht.
Gut, dass sie es doppelt nehmen konnten.
Dann lässt auf einmal die Spannung nach.
Der Kutter ist frei. Er macht Nickbewegungen wie eine Ente, als wollte er sagen: "ich kann schwimmen!"
Willi muss sich beeilen, den Anker wieder einzuholen; aber der steckt fest.
Hedwig ist noch einmal gefragt, muss ihm mit ihrem Ruderboot assistieren.
Endlich schaffen sie es.
Willi will sich erst bei Niedrigwasser den Schaden besehen. Die Maschine hat er nicht angeworfen.
Vielleicht ist die Schraube immer noch blockiert.
Der Trecker zieht sie möglichst weit zum Strand.
Dort kann der Kutter trockenfallen, ohne dass er Schaden nimmt.
Als Hedwig das Stahlseil gesäubert und wieder abgeliefert hat, wird ihr bewusst, dass es schon fast Abend ist.
Sie haben einen ganzen Tag verloren — und am nächsten können sie auch noch nicht mit dem Kutter los.

Sie haben zwar einen Tag verloren — aber Hedwig gewinnt einen schönen Abend mit Ulli.
Sie muss das Kind müde spielen; denn es hat nachmittags lange geschlafen.
Der Professor und Adelheid sind noch nicht da.
Hedwig ertappt sich dabei, dass sie ihre Ohren spitzt und sie darauf hofft, dass die Nähmaschine bald zu hören ist.
Aber das vergnügte Spielen mit Ulli ist ein wunderbarer Zeitvertreib.

Re: Ostwind

Verfasst: Do 20. Okt 2016, 16:11
von Anne-Mette
Willi kann es nicht lassen.
Schon am Abend besieht er sich im Schein einer Lampe den Schaden.
Er kann es kaum abwarten.
So oft hat er schon die Flut herbeigesehen — und nun ist sein größter Wunsch: es möge Niedrigwasser sein.
Es sieht nicht gut aus.
Die Schraube ist verbogen und ein Flügel ist fast abgerissen.
Das untere Gegenlager der Ruderaufhängung kann er selbst wieder "ins Lot" bringen; aber die Schraube ruft nach einem Fachmann.
Er hat gehört, in Glückstadt an der Elbe soll es einen Betrieb geben.
Das wird sicherlich teuer und es wird ein paar Tage dauern, bis die Schraube repariert ist und wieder montiert werden kann.
Dabei ist er ganz dringend auf ein paar Mark angewiesen.
Die Makrelen, die sie noch längst nicht gefangen haben, hat er dummerweise schon zweifach verkauft.
Es hilft nichts; er muss Hedwig fragen, ob sie nicht irgendwie ins Geschäft kommen. Er hat auch schon eine Idee.

Ulli ist früh eingeschlafen. Kein Wunder, schließlich hat Hedwig die ganze Zeit mit ihm rumgetobt. Er macht so lustige Bewegungen, um sich vorwärts zu bewegen. Krabbeln kann man es nicht nennen, "so ähnlich wie eine Robbe", würde Hedwig beschreiben, wenn sie es erklären sollte.

Endlich ist die "Nähmaschine" zu hören; denn Adelheid und der Professor kommen.
Sie haben lange gearbeitet und waren dann noch zum Essen in Gasthof direkt am Fähranleger.
Spät ist es geworden.
Hedwig freut sich schon auf die "Flüsterstunde" mit ihrer Zimmergenossin.
Allerdings versucht sie ihre Freude und ihre leichte Eifersucht zu verbergen und tut, als hätte sie gerade ganz wichtige Arbeiten zu erledigen. Es reicht knapp für eine Begrüßung.
Nun bekommt sie auch tatsächlich noch wichtige Aufgaben aufgetragen.
Willi ist gekommen, obwohl es so spät ist, dass Magda auffällig auf die Uhr schaut.
Aber Hedwig, die das bemerkt hat, sagt sich: "Freunde dürfen IMMER kommen!"
Willi macht ihr einen Vorschlag.
Er möchte ein paar Tage mit ihr ins Watt und sich am Fangen und Räuchern der Aale beteiligen.
Dann will er mit einem Karren an den Weststrand fahren und möglichst viel Ware unter die Leute bringen.
"Meinst Du, das klappt?"
Hedwig ist sich nicht ganz sicher, "was sollen die Leute mit Räucherfisch am Strand?"
Aber grundsätzlich ist sie einverstanden.
Allerdings will sie auch Karl nicht ausbooten.
Sie müssen es so gestalten, dass drei Menschen damit klarkommen und auch noch etwas verdienen.
"Aber erst einmal solltest Du Dich um die Kutterschraube kümmern und mir bei den Restarbeiten am Räucherofen helfen; denn das Räuchern bei Otto ist zu teuer!"
Sie geht in die Kammer und kommt mit ihrer Geldbörse zurück.
"Für die Schienen im Räucherofen, Material für die Spieße, und für den Versand der Schraube!"
Fünfzig Mark gibt sie ihm — ein halbes Vermögen.
Das sollte reichen.
Als Willi sich dankbar verabschiedet, haben, der Professor und Adelheid sich schon zurückgezogen.
Hedwig macht sich frisch und sagt ihrer Mutter "gute Nacht".
"Angenehmen Schlaf" wünscht diese. Dabei betont sie das Wort Schlaf.
Sie drückt sich jeden Tag merkwürdiger aus.
"Hoffentlich wird sie nicht mit jedem Tag wunderlicher", denkt Hedwig im Stillen.
Adelheid scheint schon zu schlafen.
Hedwig ist ein wenig enttäuscht. Ganz still zieht sie sich in ihr Bett zurück und zieht die Bettdecke ganz nach oben. Obwohl es sich nach dem Gewitter abgekühlt hat, hat sie auf das Nachthemd verzichtet und auf die Unterhose.
Sie legt ihre Hand auf die Spitze des Dreiecks, das von ihren Oberschenkeln gebildet wird.
Dann nimmt sie ihren Mittelfinger in den Mund, um ihn zu befeuchten.
Sie will ihn ein klein wenig auf Adelheids Spuren wandern lassen. Es müsste ihr doch möglich sein, sich auch diese guten Gefühle zu verschaffen.
"Kommst Du zu mir?"
Mitten in der Bewegung hält sie an.
Sie errötet; wie gut, dass das niemand sehen kann!
"Ja, Moment, ich muss mir erst das Nachthemd anziehen!"
"Nein, das musst Du nicht!"
Hedwig möchte die Rollen tauschen, möchte Adelheid etwas Gutes tun.
Sie lässt sie einen Moment gewähren, führt sogar ihren Finger und zeigt ihr, wo sie es mag.
Doch dann entzieht sie sich, rutscht immer weiter zum Fußende des Bettes.
Schließlich richtet sie sich halb auf, versenkt ihren Kopf zwischen Hedwigs Oberschenkeln.
Das ist wahre Magie.
Was macht die Frau mit ihr?
Ihr ist es erst peinlich. Ist sie sauber genug?
Nie hat sie sich vorstellen können, dass es so etwas gibt, was Adelheid da mit ihr macht.
Sie scheint sich gut auszukennen.
Bald hat sie Hedwig so weit, dass sie wie von Sinnen ist.
Als Adelheid ihr die Hand auf den Mund legt, fällt ihr ein: "es stimmt, ich habe geschrien!"
Es klopft an die Tür. "Alles in Ordnung da drinnen?" Magda ruft.
"Ja, ich habe nur schlecht geträumt!"
Eine bessere Notlüge fällt Hedwig nicht ein.
Magdas schlurfende Schritte sind draußen zu hören.
Sie zieht sich zurück.
Auf einmal kann Hedwig es nicht mehr aushalten. Tränen schießen aus den Augen und laufen die Wangen herunter.
"Was ist los, hat es Dir nicht gefallen?"
Adelheid ist erschrocken.
Hat sie etwas falsch gemacht?
Hat sie mit Hedwig etwas getan, was sie nicht hätte tun sollen?
"Nein, das darfst Du nicht denken. Etwas Schöneres habe ich noch nie erlebt. Ich bin nur traurig, weil ich nicht weiß, wie ich Dir so Gutes tun kann".
Das hat Zeit, viel Zeit.
Adelheid ist müde nach der Anstrengung. Außerdem hat das Rufen von Magda bei ihr jegliche Lust verfliegen lassen.
Auch Hedwig soll sich ausruhen, wartet doch viel Arbeit auf sie.
Sie kuscheln sich aneinander und schlafen bis zum frühen Morgen.
Wie eng doch das Bett ist und wie dicht nebeneinander liegt.
Immer wieder ist eine Hand dort, wo sie mehr durch zufällige Bewegungen hingeraten ist.
Hedwig ist erstaunt, dass Adelheid unter den schweren Brüsten schwitzt. Sie muss sogar leise lachen und denkt daran, dass das bei ihn nur während der Schwangerschaft vorgekommen ist.
"Was hast Du?" fragt Adelheid.
"Nichts, schlaf weiter, ich habe nur an etwas gedacht".
Wie zufällig fühlt sie, ob es auch bei der zweiten Brust so ist.
Es ist.

Willi ist früh auf den Beinen.
Trotzdem hat er bis mittags zu tun.
"Die hat sich vielleicht gewehrt — das blöde Luder!"
So erzählt er es später.
Da ist die Schraube schon gut verpackt auf dem Weg.
"Per Express" hat er am Bahnschalter verlangt.
Wie gut, dass der Muschelfischer die Adresse der Firma noch hatte.
Auf dem Rückweg hat Willi Winkelschienen und Material für die Spieße besorgt. Stolz präsentiert er die besorgten Sachen.
Auch wenn es mit der Schraube eine schwierige und langwierige Arbeit war, so gehen ihnen die Restarbeiten am Räucherofen um so besser und schneller von der Hand.
Leider müssen sie die schwere Eisentür noch einmal ausbauen, weil noch eine Öffnung für das Thermometer gebohrt werden muss.
Das kann Willi nur in seiner Werkstatt machen.
Hedwig hat inzwischen die Schienen auf Länge geschnitten, die die Spieß halten sollen.
"Das schafft ihr nie", muss sie sich anhören, als Otto kommt, um zu gucken, was bei ihnen vor sich geht.
"Du wirst schon sehen!"
Willi kommt mit der Eisernen Tür zurück.
Die muss genau eingepasst werden, "das ist etwas függelünsch", meint Willi.
Sie können eigentlich gut einen dritten Mann gebrauchen, aber Otto will sich nicht die Hände schietig machen. "So ein Spinner, der hat doch sogar an Jubeltagen Trauerränder an den Fingern!"
Hedwig kann sich kaum beruhigen und passt einen Moment nicht auf.
"Au!"
Sie hat sich heftig die Finger geklemmt, weil die Tür aus der Halterung gerutscht ist.
So wird das nichts.
Sie sind froh, dass Karl kommt.
Willi und Hedwig heben die schwere Tür und Karl dirigiert sie in die Halterungen.
Endlich: "geschafft!"
Willi steckt Sicherungs-Splinte durch vorgefertigten Bohrungen der Bolzenenden.
"Da rutscht nichts mehr raus".
Karl ist ganz zufrieden, wenn sie die Arbeit für einige Zeit auf drei Schultern verteilen.
Hein hat ihn wieder gebeten, am Haus zu helfen und für den letzten Schliff zu sorgen.

Re: Ostwind

Verfasst: So 23. Okt 2016, 19:25
von Anne-Mette
Ostwind
Willi ist unruhig, hat er doch noch nichts aus Glückstadt gehört. Vielleicht sollte er zum Kaufmann gehen und von dort aus anrufen?
Heute wäre der ideale Tag, um hinauszufahren, um Makrelen zu fangen.
Die anderen Boote werden bestimmt große Mengen anlanden; da ist er sich fast sicher.
Er plagt sich mit den Aalen, die das erste Mal im gerade fertig gewordenen Ofen geräuchert werden.
"Für"™s erste Mal ganz gut!"
Sie stehen mit einer Flasche Bier in der Hand vor dem Ofen und probieren den ersten Gang.
Selbst Otto ist gekommen, sicherlich angelockt durch den Rauch, den der Ostwind als Marktschreier durch den Ort treibt: "Es gibt Räucherfisch bei Hedwig!"
Immer mehr Dorfbewohner tauchen auf, bekommen einen noch warmen Aal in die eine Hand und eine Flasche Bier in die andere. Das scheint ihnen gut zu gefallen; denn sie äußern sich lobend.
"Nein, Nachschlag gibt es nicht"; denn Willi und Hedwig müssen auch an das Geschäft denken. Schließlich fällt der Kutter weiterhin aus.
Langsam verziehen sich die Kritiker, die im Großen und Ganzen zufrieden sind.
Nun sind die größeren Aale dran. Mit denen will Willi morgen zum Weststrand.
Den Netzwagen, den sie sonst immer mit ins Watt nehmen, will er sich ausleihen.
Begeistert ist Hedwig davon nicht, muss doch alles, was jetzt gerade auf dem Wagen ist, im Netzschuppen verstaut werden.
Zwei Tage später werden sie den Wagen wieder brauchen.
Willi verspricht, ihn rechtzeitig zurückzubringen — und bis jetzt hat er jedes Versprechen gehalten.
"Dat is' 'n Gedicht", der zweite Räuchergang gelingt noch besser.
Wie aus 'm Laden", fällt Willi dazu ein.
Als sie die dritte Portion Aale räuchern, hat Hedwig fast das Gefühl, sie hätten den Ofen zu klein gebaut.
Aber nun ist es erst einmal so wie es ist.
Karl nimmt ein paar Aale mit, Hedwig versorgt sich, ihre Mutter und die beiden Gäste — und Willi nimmt den ganzen Rest mit, den er in Holzkisten auf dem Wagen zu seinem Haus schiebt.
"Viel Glück" wünscht Hedwig ihm.
Sie denkt dabei auch an sich selbst; das investierte Geld möchte sie möglichst bald zurück in ihre Geldbörse stecken — und sie wäre froh, wenn es sich vermehrt.
"Abendflut tut Abkühlung gut!"
Adelheid will Hedwig wieder ins Wasser locken. Sie sagt zu, hat sie doch das Gefühl, auch ein wenig geräuchert zu sein. So kann sie nicht ins Bett!
Die beiden Frauen toben ausgelassen im warmen Wasser.
Adelheid hat sich gemerkt, wo die spitzen Steine sind; dieses Mal hält sie sich genau in Hedwigs "Fahrwasser".
Sie ist übermütig geworden, überholt sie, nachdem das Stück mit den Steinen überstanden ist - und geht fast hinaus bis zum Priel.
Die kurzen Wellen schlagen schon über ihrem Kopf zusammen.
Auf einmal schreit sie und Hedwig setzt sich in Bewegung, ihr zu helfen.
Sie wird hoffentlich nicht auf ein verrostetes Ofenrohr getreten sein?
Nein, sie ist in die Tentakeln einer Feuerqualle geraten und schreit vor Schmerzen.
Hedwig bringt sie an Land.

Der Professor fährt eilig los und besorgt beim Dorfarzt eine Salbe. Die soll ihr Linderung verschaffen.
Hedwig cremt sie ein. Erst da bemerkt sie, dass sie selbst vor Kälte zittert.
Sie hat den schlecht sitzenden und nassen Badeanzug immer noch an.
Als Adelheid etwas ruhiger wird, kann Hedwig endlich trockene Sachen anziehen.
Trotz der Salbe schläft Adelheid unruhig; auch Hedwig wacht wie gerädert auf.
Wie schön waren dagegen die letzten beiden Nächte!
Willi macht sich am späten Vormittag mit den Aalen auf den Weg.
Das Geschäft läuft schleppend, aber er kann einige Fische verkaufen. Noch wertvoller und nicht mit Geld zu bezahlen ist das, was er von den Badegästen hört.
"Was soll ich tagsüber hier mit Räucherfisch, kommen Sie doch lieber nachmittags, wenn alle den Strand verlassen", hört er ebenso wie "nee — ich mag keinen Fisch, aber wenn sie 'n Bier hätten oder ne Brause"¦".
Willi ist nett zu den Leuten, auch wenn er nicht so viel verkauft.
Dankbar merkt er sich alles, was die Leute ihm sagen.
Morgen wird er besser aufgestellt sein.
Etliche Münzen klimpern in seiner Geldbörse — und Scheine verstecken sich im hinteren Fach.
Auf dem Rückweg hält Willi beim Kaufmann an, besorgt drei Kisten Bier, eine Kiste Brause, etliche Tüten Bonbons und Butterkekse.
Der Kaufmann wundert sich: "habt ihr was zu feiern?"
Nein, das haben sie noch nicht.
Der Kaufman wird gleich bezahlt.
Für Hedwig bleibt nicht viel Geld übrig und sie guckt ein wenig enttäuscht.
"Morgen gibt es mehr!"
Willi ist überzeugt und Hedwig entlässt ihn mit einem "hoffen wir 's!"

Willi kann noch nicht Feierabend machen.
Aus einer Platte und zwei Seitenwänden baut er eine Art doppelten Boden für den Wagen.
Dort hinein kommen die Getränke und Süßigkeiten.
Müde sinkt er ins Bett.
Er kann den Morgen kaum abwarten und liegt die halbe Nacht wach.
Tatsächlich: auch heute ist wieder Badewetter.
Willi wählt einen Strandzugang, an dem kein Wächter steht.
Es wird nicht gern gesehen, aber er schiebt den Karren über einen etwas abseits liegenden Trampelpfad durch die Dünen.
Das Schild "Dünenschutz ist Inselschutz" hat er wohl gesehen, aber denkt: "ich bin doch vorsichtig."
"Mutti, der Seemann ist wieder da!"
Einige Leute und besonders die Kinder erkennen ihn gleich wieder.
So war es wohl eine gute Idee, dass er trotz der Hitze seinen Elbsegler aufgesetzt hat. Er ist als Einheimischer zu erkennen, hat nicht so eine lächerliche nachgemachte Kapitänsmütze auf wie der Berliner, der auf ihn zukommt und schon von weitem ruft: "woll"™n wir doch mal kieken, watt der Käpt"™n mitgebracht hat!"
Einen besseren Marktschreier hätte Willi auch nicht abgeben können.
Bald ist sein Wagen von lauter Badegästen umringt, die ihn über seine Waren befragen.
Der Berliner ist enttäuscht, als er wieder nur Räucherfisch sieht, aber als Willi grinsend eine Bierflasche aus dem doppelten Boden zieht, pfeift er anerkennend durch die Zähne.
"Sach ma' bloß, det jibt auch noch 'ne Brause für Mutti?"
Es gibt.
Willi macht guten Absatz. Der Einfachheit halber nimmt er einfach den doppelten Preis von dem, was er selbst bezahlt hat. Nur wenige Gäste maulen: "ist das aber teuer!"
Sie scheuen aber den langen Weg zum Kaufmann, der günstiger ist.
Nachmittags ist Willi ausverkauft.
Er hält wieder beim Dorfladen an und kauft die doppelte Menge.
Der Kaufmann staunt und als Willi die Geldbörse zückt, fragt er: "Anschreiben oder Perzente?"
Willi entscheidet sich für "Anschreiben".
Zu gerne hätte der Kaufmann gewusst, für was und wen Willi solche Mengen braucht, aber der lässt sich nicht in die Karten gucken. Niemand soll ihm das Geschäft vermasseln.
So kann er Hedwig bezahlen und noch Material für einen eigenen Wagen kaufen.
Wie gut, dass er schon das Fahrgestell mit ziemlich großen Rädern hat.
Das ist ihm irgendwann mal "zugelaufen" und wurde in der "vielleicht-kann-das-mal-einer-brauchen-Ecke" abgestellt.
Wie Recht er damit hatte.
Sein Sohn muss ihm beim Zusammenbauen der Teile helfen. Sie arbeiten die halbe Nacht.
Willi hat sich alles genau ausgedacht und konstruiert.
Die Ladefläche des Wagens kann er von einem Untergestell lösen und auf die Ladefläche des Transporters schieben. Die Räder haben einen enormen Umfang, sodass sich für die Ladefläche genau die richtige Höhe ergibt.
"Einmannbedienung — wie genital", lobt Willi sich selbst.
"Genial", verbessert ihn sein Sohn, "das ist Dein Meisterstück!"
"Klogschieter", weist Willi ihn zurecht.

Re: Ostwind

Verfasst: Sa 5. Nov 2016, 19:49
von Anne-Mette
Mechthild ist tatsächlich gekommen.
Hein wird in seiner Freude etwas gebremst; denn sie hat ihre Eltern und ihre Brüder schon mitgebracht.
Den verdutzten Hein machen sie fast sprachlos: "Wo wir doch sowieso zur Hochzeit eingeladen sind, können wir doch gleich ein paar Tage Urlaub auf der Insel machen."
So hatte er sich das eigentlich nicht vorgestellt, aber er rafft sich zu einem schlichten "Willkommen!" auf.
Sie müssen alle Schlafgelegenheit nutzen, sogar das neue Klappsofa.
Es wird knapp mit Bettzeug; aber da kann Magda sicherlich helfen.
Die Schadenfreude ist in ihren Augen zu lesen: "Du kannst gerne hier bei uns schlafen, wenn Dein "Schloss" mit lauter Gästen überfüllt ist!"
Hein winkt nur müde ab; er hat den Kopf voll mit der langen Liste an Besorgungen, die er noch zu erledigen hat.
"Hast Du die Ringe schon abgeholt?"
Hein verneint Magdas Frage, "das mache ich morgen. Ich habe mir frei genommen, damit ich alles vorbereiten kann!"
Schnell ist Hein wieder weg. Das Bettzeug wirft er in die Fahrerkabine des Firmenlasters.
Halt, er will Hedwig noch etwas fragen. Es könnte doch sein, dass sie zum Polterabend etwas von ihrem Räucherfisch beisteuern möchte.
Ja, sie ist nicht abgeneigt. Fast ist es ein Abschiedsgeschenk; denn sie ist froh, dass sie ihn los sind und er bald mit seiner Mechthild verheiratet ist.
Sie muss an die dunklen und erschreckenden Momente zurückdenken, die sie erlebt hat, als er noch bei ihnen wohnte. Er ist ihr immer noch ein wenig unheimlich.
Was mag in ihm vorgehen? Hat er wirklich mit Magda"¦? Sie will den Gedanken nicht zu Ende denken. Fast möchte sie über ihn richten und ihre Gedanken fechten einen kleinen Streit aus.
"Nein", sie ist sich sicher, "das mit ihr und Adelheid ist eine ganz andere Sache!"
Sie muss auch an den Fischerjungen denken; aber der Gedanke blitzt nur ganz kurz auf, dann schiebt sie ihn beiseite. Er hat ihr zwar ein wunderbares Kind geschenkt, aber Gefühle hat sie für ihn nicht mehr.
Kann sie überhaupt "nicht mehr" sagen?
Sie denkt lieber an Adelheid; da wird ihr ganz warm und "gemütlich". Wenn sie nur an ihre beiden Nächte denkt, würde sie am liebsten alles stehen und liegen lassen und sofort zu ihr gehen.
Dabei liebt sie ihre Arbeit über alles.
"Alles in Ordnung?"
Hein hat wohl bemerkt, dass sie "ganz weit weg ist".
"Ja, alles in Ordnung, wir bringen etwas mit!"
Hein zögert einen Moment, will noch etwas fragen, aber Hedwig möchte ihn loswerden, fühlt sich gestört bei ihrer Arbeit — und in ihren Tagträumen.
"Ich muss dann mal wieder nach den Netzen sehen!"
Die Maschinenhalle ist geschmückt.
Bunte Fähnchen und Girlanden haben die Frauen aus dem Büro zusammen mit dem Hausmeister aufgehängt.
Eine große Tafel ist aufgebaut.
"Was man auch Schalbrettern und stabilen Böcken doch so alles machen kann!"
Tischdecken geben der Tischplatte aus rauem, ungehobeltem Holz einen fast vornehmen Charakter.
Stühle haben sie aus der ganzen Nachbarschaft zusammengetragen. Da mischen sich alle Wohnzimmereinrichtungen des Dorfes.
Ein Buffet wird aufgebaut — und eine Suppe soll es geben um Mitternacht.
Mit Teilen einer Straßenabsperrung haben sie eine Ecke für die Musiker abgeteilt.
Jemand hat auf eine Pappe geschrieben: "hier spielt die Musik!"
Dazu sind ein paar Noten aufgemalt.
Hein hofft, dass die Musik besser ist als das Schild.
Die Ringe sind fertig.
Als Hein fertig ist mit seinen Besorgungen, hat er sich wohl ein Bier verdient und er kehrt ein bei Pieten, wo schon wieder eine Menge los ist.
Er setzt sich an einen kleinen Tisch, aber bald ist er von Männern umringt, die ihm auf die Schulter klopfen und ihm gratulieren. Sie haben natürlich einen Hintergedanken: er soll mit ihnen anstoßen und bezahlen. Er lässt sich nicht lumpen und hofft, dass die guten Wünsche ehrlich gemeint sind; dann wären sie ein gutes Omen für die Hochzeit.
Gut, dass er reichlich Geld eingesteckt hat; denn die Leute haben Durst. Darauf ist mehr Verlass als auf ihre Arbeitskraft. Manche kennt Hein von den Baustellen.
Endlich kann er sich loseisen.
Ein Maurer, der früher einmal bei ihnen in der Firma gearbeitet hat, folgt ihm bis an die Tür.
Er nimmt ihn in den Arm.
Hein ist es peinlich; aber der Mann ist so betrunken, dass er sich kaum auf den Beinen halten kann.
Er schwankt und versucht immer wieder, Hein zu fixieren und ihm in die Augen zu schauen.
Die Sprache will nicht so recht aus ihm heraus, aber endlich lallt er mehr als dass er spricht: "das finde ich sooo gut, dass Du jetzt nicht mehr zu Magda ins Bett gehen musst. Du warst doch ein armer Stackel, aber nun hast Du ne richtige Frau!"
Hein ist schlagartig wieder völlig nüchtern.
Es bedarf nur eines kleinen Stoßes — und der Mann löst sich endlich von ihm.
Der Stuhl am Stammtisch ist frei; dort fällt er mehr als dass er sich setzt und ihm wird gleich schmerzlich bewusst, wie hart die hölzerne Sitzfläche ist.
"Man wird doch wohl mal noch gratulieren dürfen!" Richtig empört brabbelt er eine Weile vor sich hin.
"So ein Dösbaddel!"
Hein bereut, dass er bei Pieten eingekehrt ist.
Draußen weht der frische Wind ihm die schlechten Gedanken aus dem Kopf und er rückt schnell wieder seine kleine Welt gerade.

Re: Ostwind

Verfasst: Di 15. Nov 2016, 11:29
von Anne-Mette
Hedwig ist bei der Nachbarin und soll ihr Kleid aufgehübscht bekommen das sie schon zur Konfirmation getragen hat. "Hedwig, was bist Du dünn, da müssen wir nicht viel machen!" Maria guckt nachdenklich.
"Nun stell Dich doch mal ordentlich wie ein Mädel hin!"
Hedwig ist ratlos: "wie steht man ordentlich wie ein Mädell?"
Darauf weiß sie keine Antwort. Sie könnte sagen, wie man ordentlich bei Windstärke 7 bis 8 an Deck von Willis Kutter steht, aber wie Mädels stehen — darüber hat sie sich nie Gedanken gemacht.
Die Nachbarin fasst Hedwigs Hand und dreht sie im Kreis, als würden sie gemeinsam ein Tänzchen wagen.
"Der Stoff fällt noch ganz gut", sagt Marie schließlich, "ich werde mir etwas einfallen lassen, dass es etwas neuer und schöner aussieht, schließlich kennen es die Leute schon von Deiner Konfirmation!"
Sie schaut noch einmal skeptisch: "viel hast Du nicht da oben, soll ich da etwas Polsterung hineinlegen und vernähen?"
"Polsterung — wozu?" Hedwig ist froh, dass sie "da oben" wieder normal geworden ist. Die Zeit, in der sie sich als Milchkuh fühlte, wünscht sie sich nicht zurück.
"Meinetwegen", sagt sie trotzdem; denn sie hat noch die Warnung ihrer Mutter im Ohr: "Nun stell Dich nicht so an! Du gehst zu Marie und lässt Dir das Kleid aufarbeiten, wir wollen uns nicht blamieren vor der Verwandtschaft aus Flensburg!"

Hedwig ist froh, als sie schließlich wieder bis zu den Knien im Wattboden versinkt. Das ist ihre Welt!
Sie hat einige Reusen und Rohre in der Nähe einer Süßwasserquelle ausgelegt. Die Ausbeute lässt ihr Herz jubeln. Da hat sie den richtigen Riecher gehabt. Erst wollte sie nicht recht glauben, dass es dort eine Quelle gibt, aber nun ist sie froh über die Entdeckung.
Willi hat sich noch nicht blicken lassen.
Dabei könnte sie gerade jetzt Hilfe gebrauchen, will sie doch Vorbereitungen für die Hochzeit treffen. Auch wenn sie ihren Onkel nicht so recht mag und er ihr unheimlich ist, so ist für sie ein Versprechen kein leeres Wort.
Sie arbeitet präzise wie ein Uhrwerk; ein Schritt nach dem anderen.
So schafft sie die Arbeit auch ganz allein.
Ein gutes Gefühl!
Willi ist ein halber Kaufmann geworden. Bei gutem Wetter ist er fast jeden Tag am Strand und verkauft. Fast wünscht Hedwig sich mal wieder schlechtes Wetter, dann hätte er bestimmt für sie Zeit.

Schon am Abend kommt Marias Sohn mit dem Kleid.
Hedwig gibt ihm fünfzig Pfennig Botenlohn. Er strahlt über das ganze Gesicht. Sicher wird er das Geld bei nächster Gelegenheit im Dorfladen ausgeben.
Achtlos legt Hedwig das Kleid beiseite.
Adelheid und der Professor sind gekommen.
"Zeig doch mal!" Adelheid hat den "Stoffhaufen" gleich entdeckt.
Sie nimmt das Kleid in die eine Hand und greift mit der anderen nach Hedwig.
Sie zieht sie ins Zimmer.
Lustlos steht Hedwig vor ihr.
"Dich muss man betüdeln wie ein Kind!"
Sogar den Pullover muss sie ihr ausziehen.
Hedwig schämt sich, als sie so halbnackt vor ihr steht.
Sie hat ihr olles und verwaschenes Unterzeug an; aber das ist so schön warm und weich.
Adelheid zieht ihr das Kleid über den Kopf. "Nun mach doch mal mit, sonst geht es noch kaputt".
"Und wenn schon!"
Hedwig ist trotzig.
Adelheid zieht das Kleid noch ein wenig in Form — und ist zufrieden: "ist doch nicht schlecht!"
Sie schaut sie an — von oben bis unten.
"Jetzt noch ein wenig Frisur — und die Stoppelbeine rasieren, dann siehst Du aus wie die Prinzessin von Watthausen!"
Adelheid lacht; es macht ihr sichtlich Spaß.
Hedwig zuckt zusammen.
Rasieren, sie ist doch kein Mann!
Adelheid greift sich eines ihrer eigenen Kleider und streift es über.
"Meinst Du, ich kann so gehen? Wir sind auch eingeladen!"
"Natürlich kannst Du so gehen, Du wirst Schwarm aller Männer sein!"
"Ach, das will ich doch überhaupt nicht, habe nur Augen für Dich!"
Verliebte Blicke treffen sich.
Sie wird schnell wieder ernst, drückt Hedwig einen Rasierer in die Hand, einen Pinsel und Seife in einer Tube.
Hedwig ist ratlos: "und nun?"
"Hast Du etwas noch nie?`" Adelheid kann es kaum glauben.
Sie gehen zusammen in das kleine Bad.
"Warmes Wasser wäre besser!"
Adelheid scheint sich auszukennen.
Sie traut sich aber nicht, in die Küche zu gehen und heißes Wasser zu holen.
Magda hat eben schon missbilligend geguckt.
So ganz einfach ist es nicht, aber Adelheid gibt sich alle Mühe. Sie ist froh, dass Hedwig nicht so eine starke Behaarung hat. "Die Klinge war auch schon einmal schärfer", schimpft sie leise.
"Was, Du machst das öfter?" Hedwig kann es nicht fassen. Wozu soll das gut sein?
"Ja", entgegnet Adelheid, "sonst macht man doch die Strümpfe kaputt!"
Strümpfe?
Für Hedwig sind Socken Strümpfe. Sie hat nicht darüber nachgedacht, dass es diese fast durchsichtigen Frauenstrümpfe gibt.
"Solche Strümpfe habe ich nicht, da hätten wir uns doch das Rasieren gleich sparen können!"
Sie ist sich sicher, dass sie nun einen Trumpf ausgespielt hat, doch es kommt noch schlimmer:
"Wir fahren morgen in die Stadt und kaufen Dir Strümpfe und schöne Unterwäsche!"
Adelheid nimmt die Bekleidungsfrage in die Hand.
Am nächsten Morgen finden sie sich tatsächlich beim Damenausstatter ein, obwohl Hedwig überhaupt keine Lust hat, die Zeit mit solchen unnötigen Handlungen zu vergeuden.
Sie haben Mühe, in Hedwigs Größe etwas zu finden, aber verlassen den Laden doch mit den Sachen, die Mechthild für gut befunden hat.
Sie wollte ihr sogar zu einem BH überreden.
Von der Frage "wozu?" hat sie sich nicht aufhalten lassen, aber die Verkäuferin musste bedauern: "nein, es tut mir leid, aber (sie wird rot) für so kleine Größen haben wir nichts!"
Magda guckt ein wenig säuerlich, als Adelheid stolz die Neuerwerbungen zeigt.
"Was das wieder gekostet hat", kann sie sich nicht verkneifen.
"Nun kümmert ihr euch um Ulli, ich will auch noch zu Maria, will ja schließlich nicht in der Schürze zur Hochzeit gehen!"
Adelheid und Hedwig freuen sich und albern mit Ulli herum.
Magda guckt noch einmal kurz zurück, bevor sie die Türe schließt.
"Wie die Kinder!"

Re: Ostwind

Verfasst: So 20. Nov 2016, 18:09
von Anne-Mette
Die Festgemeinde sitzt in der schön geschmückten Maschinenhalle.
Standesamt und Trauung in der Kirche haben sie überstanden. Viele Männer haben den oberen Knopf ihres Hemdes schon wieder geöffnet und den Schlipskragen gelockert.
Nun beginnt der gemütliche Teil!
Hedwig findet es nicht ganz so gemütlich. Sie mag sich kaum bewegen in ihrem Kleid.
Es ist so ungewohnt.
Die Strümpfe rascheln, wenn sich ihre Oberschenkel berühren. Ganz oft hat sie schon nachgesehen, ob sie noch heil sind.
"Pass auf die Strümpfe auf, die gehen schnell kaputt!"
Adelheids Worte klingen noch in ihrem Ohr.

Hein hat sogar eine kleine Rede gehalten; wer hätte das gedacht!
Die Flensburger sitzen mit Magda beim Brautpaar; Hedwig, Adelheid, der Professor und Willi mit Frau sitzen fast am anderen Ende des Tisches.
Ulli ist bei einer älteren Nachbarin, ist gut versorgt.
Großen Anklang findet das Buffet mit der Fischplatte, die Hedwig wunderbar zubereitet und gestiftet hat. "Du solltest das beruflich machen", hört Hedwig oft an diesem Abend.
"Eigentlich ist es mein Beruf", denkt sie.
Nachdem die Flensburger auch noch eine kurze Ansprache gehalten haben, beginnt die kleine Kapelle zu spielen.
Erst trauen sich die jungen Männer nicht, weil Adelheid doch eine Fremde ist, aber dann wird sie so oft zum Tanz aufgefordert, dass sie kaum wieder zu ihrem Platz kommt.
Auch Hedwig wird gefragt, obwohl sie den Ruf hat, etwas kratzbürstig zu sein.
Sie wird ihrem Ruf gerecht.
"Jetzt nicht", ist ihre freundlichste Absage.
Willi tanzt auch nicht gern. So ist er froh, dass seine Frau häufiger von Manni aufgefordert wird. Der ist Leiter vom Chor, in dem seine Frau und einige andere aus dem Dorf singen.
Hedwig und Willi haben etwas zu besprechen.
Die Schraube für den Kutter ist endlich gekommen.
Willi hat aber kaum Lust, sie zu montieren. In der kurzen Zeit ist er zu sehr Kaufmann geworden. Die Tage am Strand haben ihn regelrecht verdorben.
Er hat ein Strahlen im Gesicht, wenn er vom Strand spricht.
Bis nach Abessinien, bis zum Nacktbadestrand ist er gekommen mit seinem Karren voller Waren.
"Du, da habe ich Frauen gesehen"¦".
Hedwig redet ihm ins Gewissen — und die nackten Frauen interessieren sie nicht die Bohne: "der Sommer ist bald vorbei, es wird nicht ewig so weiter gehen mit dem Handel am Strand. Der Kutter muss wieder in Ordnung gebracht werden!"
Heute will Willi nichts davon hören, lieber Pläne schmieden; denn die Bowle hat sich als Zündstoff für seine Gedanken und Ideen erwiesen.
"Wir sollten mehrere Karren haben und an allen Stränden verkaufen!"
Gut, dass die Kapelle einen Tusch spielt und der Kapellmeister laut "Polonäse" ruft. So wird Willi erst einmal aus seinen Höhenflügen gerissen.
Es bleibt niemand sitzen. Widerwillig erheben sich auch Hedwig und Willi.
Spaß macht es ihnen nicht; das ist ihnen deutlich anzusehen.
Die Reihen teilen sich vor der großen, benzinbetriebenen Mischmaschine, machen einen großen Bogen — und kommen dann irgendwie wieder zusammen.
Das "irgendwie" bedeutet, dass Hedwig auf einmal Adelheid an der Hand hat.
Ihre Eifersucht, die im Laufe des Abends ganz sachte und ungewollt herangeschlichen kam, ist verflogen und einem heftigen Begehren gewichen.
Zum Abschluss der Polonäse wird ein Walzer getanzt.
"Ich kann überhaupt nicht tanzen", hat Hedwig gerade noch geflüstert, da liegt sie schon in Adelheids Armen und bewegt sich fast wie von selbst im richtigen Takt. Es ist, als wären ihre Füße ferngesteuert wie bei einer Marionette.
Der Tanz ist noch nicht beendet und Hedwig träumt davon, der könnte ewig weitergehen, da wird Adelheid abgeklatscht und wirbelt nun mit Lars vom Kaufmann über das "Parkett".
Hedwig steht einen Moment ratlos, dann geht sie zurück zu ihrem Platz.
Willi ist schon da, hat sich ein Glas Bowle mitgebracht.
Hedwig schlägt ihm vor: "morgen wird das Wetter nicht besonders gut werden, ich bin rechtzeitig am Strand. Lass uns endlich den Kutter wieder flott machen, es kann schließlich sein, dass wir doch noch ein paar Makrelen erwischen".
"Da wird wohl nichts draus werden", ist Willi überzeugt. Er hat von den anderen Fischern gehört: "es ist ein ganz schlechtes Makrelenjahr".
Kaum einer hat einen nennenswerten Fang gemacht.
"Trotzdem!" Hedwig lässt nicht locker, wird richtig grimmig.
Das liegt wohl auch mit daran, dass jetzt nicht sie in Adelheids Armen liegt, sondern Lars.
Der ist ganz schön frech, hat seine Hand unter den Träger des Kleides geschoben, um die nackte Hand zu spüren.
Adelheid sagt ihm etwas; da zieht er die Hand schnell wieder heraus.
Hedwig hat noch nicht viel mit den Flensburgern gesprochen.
Als sich ein ehemaliger Arbeitskollege zu Willi setzt, will sie einen Vorstoß machen und den Platz wechseln; denn auch beim Brautpaar ist ein Platz frei geworden.
"Ich hoffe, wir bekommen nicht so ein Kind". Die Worte waren kaum mehr als geflüstert, aber Hedwig hat sie doch gehört — und auch den Nachsatz: "die spielen jedenfalls niemals nicht zusammen, das lasse ich nicht zu!"
Hein hat zuerst gesehen, dass Hedwig sich nähert, sagt übertrieben laut: "da kommt sie ja — unsere Räuchermeisterin!"
Mechthild erschrickt und errötet, hofft, dass Hedwig nichts gehört hat.
Doch sie hat gehört.
Sie kann sich nicht zum Brautpaar setzen; das hält sie nicht aus.
Sie geht wortlos an ihnen vorbei, als wären sie Luft. Dabei würde sie Mechthild so gerne etwas entgegenschreien.
Sie tritt durch das halboffene Hallentor ins Freie.
Das tut ihr gut.
Draußen schlagen sich ein paar Lehrjungs.
Hedwig kümmert es nicht.
Sie geht die Dorfstraße hinunter zum Hafen.
Es ist halbe Tide.
Der Mond spiegelt sich im Wasser.
Der Kutter liegt traurig wie ein Wal halb auf dem Strand, wirkt wie ein Fremdkörper, den das milde Mondlicht dort hingemalt hat.
"Der muss ins Wasser", denkt Hedwig.
Wie nah der Mond ist. Hedwig stellt sich vor, sie könnte dort sein und auf die Erde hinunterblicken.

"Was machst Du hier ganz allein?"
Unbemerkt hat sich Adelheid genähert, hat gesehen und gespürt, dass sie gebraucht wird.
Hedwig muss weinen, als sie erzählt, was sie gehört hat.
Adelheid tröstet sie. Das tut gut.
Sie gehen zurück zur Festgemeinde.
Lange will Hedwig nicht bleiben; bei diesen Leuten hat sie nichts zu suchen. Sie will nur Willi noch einmal einschärfen, dass er sich unbedingt am nächsten Morgen am Kutter einzufinden hat.
Er nickt und sagt "ja, ja".
"Sonst hole ich Dich!" Hedwig unterstreicht, dass sie es ernst meint.
"Du bist schlimmer als meine Frau", schimpft Willi, aber klopft ihr gleich darauf freundschaftlich auf die Schulter.
"War nicht so gemeint. Ich komme!"
Hedwig geht, ohne sich zu verabschieden.
Adelheid ist immer noch auf der Tanzfläche, hat wohl so manchem Burschen ein Tänzchen versprochen.
Hedwig wirft das schöne Kleid und die Unterwäsche achtlos auf den Stuhl.
Solche Sachen braucht sie nicht.
Morgen wird sie wieder ihre blaue Hose anhaben und die graue Unterwäsche.
Sie ist gerade eingeschlafen, da kommt Adelheid.
Die macht sich keine Mühe, das eigene Bett zu finden, sondern kommt gleich zu ihr.
"Bei jedem Tanz habe ich nur an Dich gedacht", flüstert sie ihr ins Ohr.