Re: Wie ist eigentlich euer Frauenbild?
Verfasst: Mo 11. Apr 2016, 23:01
Guten Abend Katrin,
es hat etwas länger gedauert, da ich ein paar Tage 'in Familie' unterwegs war; aber jetzt. Erstmal Danke für deine gute Meinung zur Diskussion.
Die Haarlänge, die Stimme, die Vorlieben für bestimmte Getränke, Sportarten oder Freizeitvergnügen, das Armband und zur Not auch noch das Schild an der Toilettentür, sind einerseits natürlich persönliche Ausdrucksmöglichkeiten, anderseits aber immer auch Kriterien für die Auswahl der 'Kiste' durch andere Menschen. Einer Kiste, die kaum mal rundum richtig passt, deswegen eigentlich immer irgendwie Ärger macht, und die, vor allem anderen, bis heute keine hinreichende Definition enthält, um endgültig, von allen und in jeder Situation als Mitglied_in dieser Kiste erkannt und anerkannt zu werden. Spätestens bei der Frage nach der eventuellen Grundlage für all das Drama, der Frage nach der jeweiligen 'Funktion' innerhalb eines Fortpflanzungsprojektes, ist die Stereotypenkonstruktion am Ende ihrer Wirkmacht. Und das nicht nur trans*-Menschen betreffend: Auch für in- und extern gleich bestimmte Menschen kann an diesem Punkt ein abruptes Ende, auch der wohlwollendsten, Sortierung entstehen. Genauso, wie auch eine ganz andere, quasi gegensätzliche, 'Sortierung' entstehen kann; eine Sortierung, die definitiv nicht auf selbständige Fortpflanzung abzielt, aber trotzdem seit Jahr und Tag für Ehe und Adoptionsrecht streitet. Geschlecht also eine verbindliche Kategorie der Fortpflanzung? Auch nicht wirklich, nichtmal das.
Ich glaube, vermute, dass es viel mit einer Art von Beharrungsvermögen bzw. Beharrungswillen zu tun hat, wenn Konstrukte wichtig sind und bleiben, denen zumindest Teile ihrer Fundamente schon abhanden gekommen sind. Das war bei der Frage nach dem zentralen Gestirn so (wobei sich auch die damals neue, fundamentale Annahme später als falsch erwiesen hat), das war bei der Zuordnung von Wertigkeiten zu Hautfarben so (und ist es dort z.T. noch), das wird bei der Separation durch Nationalstaaten noch sehr lange so sein und beim Erhalt von Geschlecht als Grundlage für Zuweisungen auch.
Bis auf weiteres werden wir alle mit uns und den anderen umgehen müssen, irgendwie, möglichst gut. Mein Vorschlag dazu ist, dass wir uns selbst so benennen, wie es für uns jeweils richtig ist, dass wir uns Zuweisungen jedweder Art und der Fortschreibung und Anerkenntnis 'verbindlicher' Stereotype aber enthalten. Denn eigentlich (denke ich) müssten unsere Erfahrungen mit uns selbst uns, viel eher als andere, dazu befähigen, das Problem von Zuweisungen auf der Basis von Stereotypen oder Körperlichkeiten zu erkennen.
Im Grunde sind wir einer Meinung; nur glaube ich, dass Geschlecht eine Kategorie mit noch erheblicher, aber letztendlich eben doch begrenzter Lebensdauer ist
Hab es gut
Marielle
es hat etwas länger gedauert, da ich ein paar Tage 'in Familie' unterwegs war; aber jetzt. Erstmal Danke für deine gute Meinung zur Diskussion.
Die Frage nach möglichen Ursachen, nach dem 'Warum' ist sicherlich spannend, aber nicht das, was mich eigentlich umtreibt. Ich bin weder Psycholg_in noch Soziolog_in und auch kein_e Neurolog_in. Ich kann also nur meine eigenen Erfahrungen mit den Beiträgen der Fachleute abgleichen, ohne selbst wissenschaftlich etwas beitragen zu können. Mir geht es eher um den Umgang mit den 'Gegebenheiten', von denen man (ich) jeweils nicht weiss, ob sie wirklich zum 'Warum' gehören oder (nur) die Diskursbeiträge der Anderen sind. So oder so: Auch wenn man nicht weiss warum etwas ist wie es ist, muss man damit ja trotzdem umgehen, irgendwie.Katrin70 hat geschrieben:.... dass ich nach so vielen Jahren immer noch Ursachensuche betreibe
Tja.... das habe ich mich auch oft gefragt und tue es noch. Ich weiss es nicht. Offensichtlich hat es aber etwas mit der gesellschaftlichen Übereinkunft zu tun, nach der Menschen nach bestimmten Kriterien in eine von zwei Kisten sortiert werden; Mann, Frau. Diese Übereinkunft besteht aus den genannten Stereotypen, die bei den Menschen hier einerseits zu einer irgendwie unpassenden, äusseren Zuweisung geführt haben, anderseits aber eben auch hilfreich sind, um in die andere Kiste sortiert zu werden (oder zu zeigen, dass man in keine der beiden Kisten passt; je nach dem, was man will). Letztlich führt sich ein stereotypentsprechendes Verhalten m.E. allerdings zum Teil selbst ad absurdum, weil es ja wieder nur auf die Wirkung von Verhaltens- und Aussehensmustern baut, die einen Menschen aber ganz offensichtlich nicht ausreichend genau beschreiben. Auch wenn es nur bunte Armbänder wären, die als Unterscheidungsstereotyp dienen.Nun kann man sagen: Wenn die Stereotype alle nur konstruiert sind, warum sind sie denn für manche von uns dann so wichtig im Sinne eines Ausdrucks als "Frau mit Kleid" und nicht einfach als "Mensch mit Kleid" ? Das ist tatsächlich eine harte Nuss.
Die Haarlänge, die Stimme, die Vorlieben für bestimmte Getränke, Sportarten oder Freizeitvergnügen, das Armband und zur Not auch noch das Schild an der Toilettentür, sind einerseits natürlich persönliche Ausdrucksmöglichkeiten, anderseits aber immer auch Kriterien für die Auswahl der 'Kiste' durch andere Menschen. Einer Kiste, die kaum mal rundum richtig passt, deswegen eigentlich immer irgendwie Ärger macht, und die, vor allem anderen, bis heute keine hinreichende Definition enthält, um endgültig, von allen und in jeder Situation als Mitglied_in dieser Kiste erkannt und anerkannt zu werden. Spätestens bei der Frage nach der eventuellen Grundlage für all das Drama, der Frage nach der jeweiligen 'Funktion' innerhalb eines Fortpflanzungsprojektes, ist die Stereotypenkonstruktion am Ende ihrer Wirkmacht. Und das nicht nur trans*-Menschen betreffend: Auch für in- und extern gleich bestimmte Menschen kann an diesem Punkt ein abruptes Ende, auch der wohlwollendsten, Sortierung entstehen. Genauso, wie auch eine ganz andere, quasi gegensätzliche, 'Sortierung' entstehen kann; eine Sortierung, die definitiv nicht auf selbständige Fortpflanzung abzielt, aber trotzdem seit Jahr und Tag für Ehe und Adoptionsrecht streitet. Geschlecht also eine verbindliche Kategorie der Fortpflanzung? Auch nicht wirklich, nichtmal das.
Ich glaube, vermute, dass es viel mit einer Art von Beharrungsvermögen bzw. Beharrungswillen zu tun hat, wenn Konstrukte wichtig sind und bleiben, denen zumindest Teile ihrer Fundamente schon abhanden gekommen sind. Das war bei der Frage nach dem zentralen Gestirn so (wobei sich auch die damals neue, fundamentale Annahme später als falsch erwiesen hat), das war bei der Zuordnung von Wertigkeiten zu Hautfarben so (und ist es dort z.T. noch), das wird bei der Separation durch Nationalstaaten noch sehr lange so sein und beim Erhalt von Geschlecht als Grundlage für Zuweisungen auch.
Bis auf weiteres werden wir alle mit uns und den anderen umgehen müssen, irgendwie, möglichst gut. Mein Vorschlag dazu ist, dass wir uns selbst so benennen, wie es für uns jeweils richtig ist, dass wir uns Zuweisungen jedweder Art und der Fortschreibung und Anerkenntnis 'verbindlicher' Stereotype aber enthalten. Denn eigentlich (denke ich) müssten unsere Erfahrungen mit uns selbst uns, viel eher als andere, dazu befähigen, das Problem von Zuweisungen auf der Basis von Stereotypen oder Körperlichkeiten zu erkennen.
Im Grunde sind wir einer Meinung; nur glaube ich, dass Geschlecht eine Kategorie mit noch erheblicher, aber letztendlich eben doch begrenzter Lebensdauer ist
Hab es gut
Marielle